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Weiterbildung in der Schweiz

 Im April 2000 gaben 39 % der in der Schweiz wohnhaften Personen im Alter zwischen 20 und 74 Jahren an, sie hätten innerhalb der letzten zwölf Monate vor der Befragung an Weiterbildungsveranstaltungen teilgenommen.

Unabhängig von der ursprünglichen Ausbildung erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme an Weiterbildungskursen nach dem ersten Besuch einer solchen Veranstaltung markant.
Dieser jährliche Anteil war über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg relativ konstant. Die meisten Personen nehmen aus beruflichen Gründen an Weiterbildungsveranstaltungen teil. Zu erwähnen ist dabei, das neun von zehn Personen, die Kurse besucht haben, berufstätig sind. Die Teilnahme an Weiterbildungskursen nimmt bis zum Erreichen des Rentenalters nur geringfügig ab. Ferner zeigt die Untersuchung, dass Personen mit hohem Bildungsniveau in sämtlichen Bereichen des Wissenserwerbs übervertreten sind, und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um autodidaktische oder um institutionalisierte Lernmethoden handelt. Im Vergleich zu Personen, die keinen nachobligatorischen Bildungsgang absolviert haben, nehmen sie drei mal häufiger an Weiterbildungskursen und sogar fünf mal häufiger an beruflichen Weiterbildungsveranstaltungen teil.

2003 betrug der Anteil von Informatik, Sprachen, Kaderkursen, ind. Produktion und Finanzen, also meist berufsbezogener Weiterbildung, 49%.

Passende Weiterbildungsangebote finden Sie unter KARRIERE GUIDE & http://www.w-a-b.ch/ Börse für Weiterbildung.

Selbständige Weiterbildung

Rule of the Great:

When someone you greatly admire and respect appears to be thinking deep thoughts, they are probably thinking about lunch.

3.2 Millionen Personen (64% der Bevölkerung, 71% der Männer und 58% der Frauen) benützen 1999 individuelle Lernformen zur selbständigen Weiterbildung. Zwischen 1996 und 1999 stieg die Verwendung vergleichbarer individueller Lernformen um einen Viertel von 40% auf 52% - während Kursbesuche auf gleichem Niveau blieben. Von 1996 bis 1999 hat die Bedeutung individuellen Lernens mit PC und Fachliteratur für beide Geschlechter beträchtlich und gleich stark zugenommen (+16%), der anfängliche Unterschied blieb allerdings erhalten: Der Anteil der Männer welche diese Möglichkeit nutzen ist gegenüber den Frauen um einen Viertel höher. Das Studium von Fachliteratur und der Besuch von Vorträgen ist am stärksten vom Bildungsniveau abhängig. In der deutschen Schweiz setzen 71% individuelle Lernformen ein, in den lateinischsprachigen Regionen 48%.

Als individuelle Lernformen wurden von Schweizer Bürgern 1999 mit abnehmender Intensität genutzt:

  1. Kopieren (47%)

  2. Fachliteratur (43%)

  3. Vorträge (32%)

  4. Instruktion am Arbeitsplatz (25%)

  5. PC-Programme (18%)

  6. andere Medien (10%)

 

Kursteilnahme

nach: Weiterbildung in der Schweiz 2001. Auswertung der schweizerischen Arbeitskräfteerhebungen 1996-2000. Rolf Lischer. BfS.

Die Fähigkeit einer Person, sich immer wieder neu anzupassen und aktiv auf die sich verändernden Umstände reagieren zu können, wir zu einer der zentralen Kompetenzen in der heutigen Zeit.1.9 Millionen Personen, also 39% der erwachsenen Wohnbevölkerung, nahmen 2000 an Kursen teil. 2.7 Millionen Kurse wurden in der Schweiz 1999 besucht, 71% der Teilnehmer besuchen nur einen Kurs, 20% zwei. Im Durchschnitt werden pro Kurs 61 Stunden aufgewandt, von der Hälfte der Teilnehmer allerdings weniger als 40 Stunden. Die Anzahl kurzer Kurse (< 16 h) nimmt laufend zu, diejenige längerer Kurse eher ab.

Statistik der schweizerischen Erwachsenenbildung (gratis bei www.alice.ch )

Die Erhebung von 2001 umfasst die meisten der grösseren Weiterbildungs-Anbieter.

Belegungen, Kurs- und Teilnehmerstunden

Jahr

Belegung Kursstunden Teilnehmerstunden
97

99

01

890'000

780'000

850'000

1'820'000

1'650'000

1'910'000

22'510'000

23'730'000

18'400'000

 

SPRACHSCHULEN Migros Bénédict Berlitz Akad
Teilnehmer/Jahr 144'000    7'000    4'000    3'000
Lehrkräfte     2'800       300        265         80
Umsatz in Mio Fr.          60         12 -           3
Preis/h in Fr.

10 - 14

12 - 30

19.50 - 39

13.50 - 26

Filialen 50  7  9  3

Nach den Erhebungen des Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung (SVEB) von 2001 decken die zwei grössten Anbieter öffentlicher Veranstaltungen 2/3 des gesamten Angebotes ab: Migros Clubschule 54%, Verband der schw. Volkshochschulen 11.4%. 20 der 64 angegliederten Organisation repräsentieren bereits 95% des gesamten Kursangebots von 18.5 Millionen Stunden, die übrigen 44 Anbieter, mit renommierten Firmen wie AKAD, SANU, Pestalozzianum etc.) müssen sich mit den restlichen 5% (= 950'000 Stunden) begnügen.

AKAD, MINERVA, das Lernstudio, Limania,, Rischik, WISS Wirtschaftsinformatikerschulen und Swiss International School sind heute in der Kalaidos-Gruppe (endlich mal eine Website, die sich in Sachen grässlichem Design mit Brainworker messen kann .... dummerweise aber auch inhaltlich nicht viel her gibt), dem grössten privaten Bildungskonzern der Schweiz (nach der Migros Clubschule), zusammengeschlossen. Dieser betreibt auch die erste private Fachhochschule der Schweiz (AKAD Hochschule für Berufstätige und PHW: Private Hochschule für Wirtschaft), einen Lehrmittelverlag und ein Institut zur Schulung von Schulern. Die Gruppe hat heute (Nov. 2005) 16'000 Schüler und Studierende, beschäftigt 1800 pädagogische und 310 administrative Mitarbeiter. Mit 500 Informatiklehrlingen ist Kalaidos der grösste Ausbildner in dieser Branche.

Top-Themen der Weiterbildung (in ziemlicher Übereinstimmung mit Deutschland, s. Weiterbildung_D):

  1. Mitarbeiterführung

  2. Teambildung und Führung

  3. Verkauf/Marketing

  4. Organisationsentwicklung +

  5. Coaching

  6. Zeitmanagement

  7. ....

  8. neue Medien/IT, wichtig, aber etwas abgeschlagen

  9. ...

Kosten und Wert der Aus- und Weiterbildung gehorchen nun auch dem Gesetz von Angebot und Nachfrage

 

Lehrstellenangebot im Informatik-Bereich
Firma 2008 2007 offene Stellen im Konzern
ABB
Bàloise
Credit Suisse
EDS
HP
IBM
Microsoft
Migros
Post
SBB
SNB
Sunrise
Swisscom

Swiss Life
Swiss Re
UBS
ZKB
Zurich
ca 17
0
15
3
1
16
2
6
8
5
1
5
45
4
4
20
12
3
17
2
15
3
3
13
2
6
8
5
5
5
15
4
4
20
12
3
15
3
ca. 200
9
10
18
-
20
16
40
-
15
80
75
-
ca. 50
-
60

Infos zum Weiterbildungsmarkt werden heute kommerziell erhoben und (darum eben nicht gratis) zur Verfügung gestellt von Edusys:

 

Wie unzuverlässig in dem Bereich mediales, politisches und gewerbliches Geschrei ist, zeigt sich am besten anhand der Informatiker. Welch ein Geschrei vor 6 Jahren. Der Niedergang der Schweiz wurde heraufbeschworen wegen unzureichender Bestände an Informatikern. RAV (Regionale Arbeitsvermittlungen), die staatliche Bildungspolitik, die Schulen, alle wurden lauthals dafür verdammt, nicht ausreichend Informatiker zu schulen. Seit 2005, dem Jahr wo diejenigen die 2000-2001 in die Ausbildung eingestiegen sind auf den Markt kamen - die billigere Weiterbildung nochmals boomte und sich die Qualifizierten mit ihrem Diplom beim Arbeitsamt melden konnten - befindet sich die Ausbildung im freien Fall. Die Nachfrage nach berufsbegleitender Weiterbildung im Informatiksektor fiel auf 50-25%.20'963. In zwei bis drei Jahren wird wieder ein Mangel erwartet, d.h. man müsste rasch einsteigen!

Zur Zeit bestehen 56'000 Vollzeitstellen (63'000 Anstellungen) mit einem Durchschnittslohn von 91'000, dem zweithöchsten aller Berufsfelder.

2008 bauen allerdings die Nationalbank, Bâloise und HP Ausbildungsplätze ab, und nur Swisscom und IBM auf. Waren es 1993 (also vor Beginn des Millenniumsruns) noch 1993 welche diese Ausbildung antraten, so sind es 2006 noch 1591, 2007 eher noch ein paar weniger. Starteten 2001 782 Mittelschüler ein Informatikstudium, sind es fünf Jahre später noch 300. Bei etwa 5% Verlust durch Pensionierung oder anderweitige Abgänge pro Jahr müsste etwa bloss die UBS 200 Lehrlinge ausbilden. Sie stellt aber nur 15 Lehrplätze zur Verfügung. Man spart, holt sich lieber ausgebildetes Personal in der EU oder Indien ... Sozialschmarotzer ... wo waren die doch noch? Ach ja, bei den Sozialämtern natürlich ....

 

2005 gefragte Weiterbildungen Zuwachs in % Ausbildungskosten 2005 für berufsbegleitenden Diplomabschluss Fr.
Telekommunikation
Personalmanagement
Finanz- und Rechnungswesen
Management/Unternehmensführung
Marketing/Verkauf
Informatik

Allfinanz
Organisation
Technik
Recht
Verwaltung/NonProfit
Gesundheit/Soziales
Ökologie/Umwelt
62.7
45
28.1
20.5
  9.1
  5.5

-  3.3
-  6.1
-19.5
-32.7
-33.9
-44.4
-62.7
Telekommunikation
Management/ Unternehmens-führung
...
Assistenz/ Sekretariat/ Kaufmännisches

 



Ökologie/ Umwelt

19'255

 

...
 

  6'260

 



 5'600

Bildungsangebot und Bildungspreise folgen heute offensichtlich den selben Schweinezyklen wie andere Güter und Dienstleistungen. Für Berufswahl und Karriereplanung kein gutes Omen. Wie soll da irgend jemand "Eigenverantwortung" übernehmen für die Berufswahl, wenn der Beruf schneller nichts mehr wert ist, als es braucht, ihn zu erlernen? Noch übler das negative Vorzeichen der Entwicklung bei Ökologie, Umwelt, Gesundheit und Soziales. Die Preise für entsprechende Ausbildungen entsprechen präzise der Nachfrage. Womit der Wert der Bildung nun endlich auch den Marktgesetzen mit ihren schwankenden Unwägbarkeiten unterworfen ist.

Zahlen aus: Marco Dick (Edusys): Gefragt sind Diplomabschlüsse. HandelsZeitung Nr. 4. 25. Jan. 2006. S. 32

CS Economic Research sieht folgende Branchen als erfolgreichste für die nächsten Jahre:

  1. Finanzdienstleister: getrieben durch Altersvorsorge, China. Schweizer Spezialisten sind zwar manchmal im Ausland gehasst - aber dennoch gefragt.

  2. Chemie und Pharma: Profitiert vom "Gesundheitsbewusstsein", der Überalterung (- und der immer noch ungebremsten Subventionierung durch die Krankenkassen ...)

  3. Kunststoffindustrie:

  4. Unternehmensdienstleistungen:

  5. Telekom/Informatik: Auf Grund des zyklischen Verhaltens der Studenten, das durch eben solches Verhalten der Arbeitgeber gefördert wird, rechnet man hier bereits wieder mit einer Verknappung, da die gegenwärtig in der Ausbildung befindlichen den Bedarf nicht decken. Ein weiteres Problem der Branche ist das von Schweizer Firmen immer stärker geforderte Amerikanische Modell der Ausbildung, oder besser Schulung: Die Konzentration auf genau das Programm und Produkt und Problem, das die Firma eben gerade hat. Man nannte das früher dotteli-System. Also bildet Cisco Cisco Spezialisten aus, Microsoft Microsoft Spezialisten, Oracle Oracle Spezialisten etc. Weh dem Betrieb, der mehr als 1 System verwendet ...

  6. Medizin und Sozialwissenschaften: getrieben durch Überalterung. Verschwiegenes Problem: Wer soll das bezahlen ...?

  7. Maschinenindustrie, Elektrotechnik, Elektronik: Die Schweiz ist hier international immer noch sehr stark, konzentriert sich allerdings auf Forschung und Entwicklung, eher als auf Produktion.


 

.

Betrieblich unterstützte Weiterbildung

Die berufliche Weiterbildung ist in der Schweiz mehrheitlich (2/3) Sache nicht-schulischer Institutionen. Private Schulen erteilen die Hälfte betrieblich gestützter Sprachkurse, während öffentliche Schulen und andere Institutionen haben einen Schwerpunkt bei der branchentypischen Weiterbildung.

35% (1.24 Millionen, 58 Millionen Stunden) der Erwerbstätigen besuchen einen beruflichen Weiterbildungskurs, 80% davon (970'000 Personen) werden dabei vom Betrieb unterstützt. Jeder dritte erwerbstätige Mann und jede vierte erwerbstätige Frau erhalten Unterstützung vom Betrieb. In 45% der Fälle werden die Kurse durch den Betrieb selbst veranstaltet. Bei KMUs planen allerdings auch 2006 50% keinerlei Weiterbildung. 32% decken die Kosten von Weiterbildungsmassnahmen ihrer Mitarbeiter voll, 40% teilweise und 28% gar nicht.

Mitarbeiter mit tertiärer Ausbildung werden häufiger unterstützt, Personen die weniger als 80% arbeiten deutlich seltener, höher gestellte häufiger. - Unabhängig vom Ausbildungsniveau werden Führungskräfte am stärksten unterstützt. Da AkademikerInnen häufig Teilzeit angestellt werden sie weniger unterstützt als die praxisnaher Ausgebildeten. Teilzeitarbeit wird zudem bei Männern negativer bewertet.

Das selbe Bild zeigt sich nach dem Lohnniveau.  Von dem Fünftels der Angestellten mit dem höchsten Einkommen werden 45% unterstützt, vom Fünftel mit dem tiefsten Einkommen nur noch 13% - ganz nach dem Motto: Wer hat, dem wird gegeben. Diejenigen mit hohen Einkommen, die meist bereits über eine gute Ausbildung verfügen und sich Kurse auch selbst leisten könnten, erhalten Unterstützung; diejenigen mit geringer Ausbildung und geringem Lohn, erhalten auch geringe Unterstützung:

Grossbetriebe unterstützen doppelt so häufig wie Kleinbetriebe. Branchen mit hohem Qualifikationsniveau häufiger. Das schlechte Weiterbildungsklima der Kleinbetriebe schlägt sogar für die sonst Privilegierten durch. 

Informatik und Sprachkurse waren 1999 die wichtigsten Bildungsthemen. bei Männer die sich aus beruflichen Gründen weiterbilden.

Fast ein Drittel der Bevölkerung wünschte sich eigentlich Kurse zu besuchen, ist aber verhindert. Die Hälfte davon nimmt allerdings bereits an einem oder mehreren Kursen teil.

Wirkung der Ausbildung:

In keinem einzigen Land können die beruflichen Weiterbildungskurse aus gesellschaftlicher Sicht eine kompensatorische Wirkung entfalten. Wohl mag es da und dort schlechter gebildeten Individuen gelingen, mit dem Besuch beruflicher Weiterbildungskurse, Bildungslücken auszubügeln. Als soziale Gruppe gelingt es ihnen aber nirgends, den Bildungsvorteil der andern einzuholen.

Weiterbildung in der Schweiz 2001. Auswertung der schweizerischen Arbeitskräfteerhebungen 1996-2000. Rolf Lischer. BfS.

Aus dem Blickwinkel der gesamten Gesellschaft hat die Weiterbildung keine ausgleichende Wirkung. Neues Wissen erwerben sich die ohnehin schon besser Gebildeten in einem viel grösseren Masse als diejenigen, die über einen mageren Schulsack verfügen. Andererseits sind sie auch einem höheren Druck ausgesetzt, ihr Wissen à jour zu halten. Erwerbstätige mit Hochschulabschluss besuchen 3 x so häufig (52%) einen beruflichen Kurs als Personen ohne Bildungsabschluss nach der obligatorischen Schulzeit. (16%). Erwerbstätige und Erwerbslose besuchen zweimal häufiger Weiterbildungskurse als Personen, die nicht im Erwerbsleben stehen. Fünf Sechstel aller Personen mit einer tertiären Grundausbildung (86%) setzen individuelle Lernformen ein, während es von den Personen ohne nachobligatorische Ausbildung nur ein guter Drittel ist. Besonders hoch sind die Unterschiede bei der Verwendung von Fachliteratur und dem Besuch von Vorträgen.

Mit einer Teilnahmedisparität von über 4 gehört die Schweiz in die hintere Hälfte. Diese letzten Länder werden nicht umhinkommen, ihre Weiterbildungspolitik gerade auch auf weniger gebildete Menschen auszurichten, wenn sie denn zur lernenden Gesellschaft werden wollen. [BfS: Weiterbildung in der Schweiz S. 96]

Daten zur Graphik von www.oecd.org/els/education/eag2002 - Präsentation he www.brainworker.ch

 
Erweitern wir obige Graphik um die Abschlussquoten tertiärer Ausbildung (Hochschul- und FH-Diplome) und stellen wir einen Vergleich an mit der jeweiligen Arbeitslosenquote (vergleiche Bildung und Arbeitslosigkeit), so zeigt sich genau das Gegenteil der Situation in der Schweiz, wo praktisch in allen Kantonen hohe Abschlussquoten verbunden  sind mit höheren Arbeitslosenzahlen. Im internationalen Vergleich sind höhere Arbeitslosenzahlen (hier aus graphischen Gründen verzehnfacht, also in Promille) eindeutig verbunden mit tieferen Bildungsquoten. Allerdings! - und das ist äusserst wichtig für weitere Bildungsdiskussionen! - eine bessere wirtschaftliche Ausgangssituation wird nicht durch Spitzenausbildung für Spitzenleute alleine geschaffen, sondern durch ein wohltemperiertes Bildungssystem in dem auch die obligatorische Schulausbildung und das sekundäre Bildungssystem top sind. Dies lässt sich sehr leicht zeigen anhand der Kette, die Innovationen auslösen:: Genies erfinden geniales, dann brauchen sie intelligente Leute, die ihre Idee verstehen, weiter entwickeln und praxistauglich machen. Um die geniale Entwicklung unters Volk zu bringen (zu verkaufen) braucht es qualifizierte Verkäufer, die etwas verstehen von dem was sie anbieten (hier hapert's immer bereits stark in der Realität). Für die Anwendung braucht es ebenfalls gut trainiertes Personal, das möglichst souverän mit den neuen Hilfsmitteln (speziell zur Zeit IT, Internet) umgehen und es für den Betrieb effizient einsetzen kann (hier hapert's noch mehr. Die meisten Nutzer setzen vielleicht knapp 5% ein der Möglichkeiten, welche weit verbreitete und günstige Software wie Word, Excel etc. bieten. Dazu braucht es dann noch gut geschultes Personal, das diese Erfindungen entstören oder reparieren kann.

Hier zeigt sich deutlich die Schwäche der Schweiz. Während sie zwar eigentlich nicht in der Liga der besttrainierten Nationen mitspielt was den Anteil an Tertiärausbildung betrifft, so verfügt sie über ein ausgezeichnetes Berufsbildungssystem (upper sec), ist aber extrem schwach in der Förderung der Normalschulabgänger. Als Gegenpol können wir hier England besehen, das auch bei diesen höchste Raten in Weiterbildungsanstrengungen erzielt. Warum wohl? Wie wohl? Zum grossen Teil dürfte es daran liegen, dass Professoren aus GB keine Hemmungen haben, ihre Wissenschaft allgemein verständlich zu präsentieren. Woher sonst stammen all die ersten handlichen und praktischen Führer durch die Naturwissenschaften, Geschichte, Kultur, Physik etc.? Hier gilt es George Bernard Shaws Rat auch hierzulande mehr Geltung zu verschaffen:

Hohe Bildung kann man dadurch beweisen,

daß man die kompliziertesten Dinge auf einfache Art zu erläutern versteht.

Daten zur Graphik von www.oecd.org/els/education/eag2002 - Präsentation he www.brainworker.ch

Martin Herzog, Rheinfelden, 23.02.03

Ergänzung:

OECD Employment Outlook 2003 [pdf, 3mb] - eine umfangreiche Studie (342 S.) zur Entwicklung der Arbeitswelt.

Die neuste Präsentation von OECD macht deutlich, dass die Schweiz sich auf Lorbeeren ausruht. Die betrieblich finanzierte Weiterbildung ist nicht bloss ein bisschen unterdurchschnittlich, sondern hinkt in Sachen Beteiligung wie Umfang enorm hinten nach. Falls demnächst, im Zeichen steigender Arbeitslosigkeit, wieder Töne zu hören sind, wie: Unsere Arbeiter sind zu dumm, dann dürfen sie dieses Argument ruhig umkehren, denn mit 27% liegt der Anteil bildungswilliger Angestellter höher als der Anteil an Firmen, die bereits sind, in die Bildung ihres Personals zu investieren.


Die Schweizer Betriebe liegen bei der Unterstützung der Weiterbildung ihres Personals so ziemlich am untersten Ende der industrialisierten Länder. Sogar die klassisch neoliberalen wie England, Niederlande und die USA sehen die Notwendigkeit wie die eigenen Vorteile einer gut geschulten Belegschaft besser ein als die Schweizer. Am tiefsten, um nicht zu sagen bei 0, liegt die Weiterbildung in den Branchen Land- und Forstwirtschaft, Bergbau-Steine-Erden sowie Gastgewerbe.

Dies dürfte in erster Linie daran liegen, dass Renditen und Löhne hier derart minimal sind, dass einfach nichts mehr übrig bleibt für Investitionen. Diese Branchen leben seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, vom Kapital. Was allerdings den Zusammenhang Bildung <> Arbeitslosigkeit betrifft, so finden sich kaum Branchen mit tieferer Arbeitslosigkeit als die Land und Forstwirtschaft, ganz einfach weil die Leute über eine ungeheure Flexibilität und Zähigkeit verfügen. Sie sind es gewohnt unter jeder Wetterbedingung zu arbeiten und können verschiedenste technische Geräte und schwierigsten Bedingungen handhaben. Lohnmässig ist diese Flexibilität allerdings nur wenig rentabel. Viele dieser Leute, wie auch Bauern und Gastronomen, überleben nur dank extremer Selbstausbeutung. Als hardest working poor geben sie sich immer noch der Illusion hin, dass mehr und härtere Arbeit auch mehr Lohn bringt.

Links:

Ergänzungen vom 30.4.05

Wer ist dümmer geworden? Arbeiter und Lehrlinge - oder die Chefs?

Die Frage ist natürlich ein bisschen fies, denn effektiv sind alle eigentlich intelligenter (nicht unbedingt klüger) geworden, dank des Flynn-Effekts. Aber mit der steigenden Komplexität unserer Gesellschaft steigt das darin vorhandene und notwendige Wissen. Die Sache liegt also umgekehrt. Zudem kostet Lernen, also klüger werden, einige Anstrengungen, meist auch Geld. Also versucht sich (fast) jeder davor zu drücken. Die Arbeitgeber vor den Kosten der Lehrstellen, die Betriebe vor den Kosten der betriebsinternen Ausbildung, der Einzelne zumindest vor der Übernahme von Kosten für nicht selbst gewählte Ausbildung.

Von der Seite des Wissens ist keine Lösung zu erwarten. Das Wissen verdoppelt sich zur Zeit so alle 2 Jahre. Die Lösung muss also über Auswahl und Synthese erfolgen.

Die Erwartungen der Wirtschaft, Schüler, Lehrlinge, Mitarbeiter am Markt direkt kaufen zu können, die gleich das für den Betrieb notwendige Wissen mitbringen, ist Unsinn. In den Betrieben, in allen Betrieben, ist eine derartige Menge an Wissen vorhanden, das meist sehr spezifisch ist, und über das meist nur noch der Betriebsprogrammierer einen Überblick hat. Würde man vom Konzept ausgehen, dass Bildung Lehrlinge und Personal ab der Stange zur Verfügung stellen muss, die direkt in den Betrieb integrierbar sind ohne Zusatzausbildung, so wäre die Menge des zu vermittelnden Wissens fast unendlich - und unendlich der überflüssige, nutzlose Ballast an Wissen, das nie zur Anwendung kommen kann.

Wenn also Chefs kritisieren, die Mitarbeiter seien zu dumm, so liegt das weder an der Schule und auch nicht allein an den Mitarbeitern, sondern vermutlich an der fehlenden Weiterbildung im Betrieb. Bessere betriebsinterne Weiterbildung wäre auch aus weiteren Gründen empfehlenswert, denn zur Wissensvermittlung eignen sich nicht Diktatoren, sondern dazu braucht es Didaktoren. Alleine diese Erkenntnis könnte manches Betriebsklima substantiell verbessern.

Wenn Chefs kritisieren, die Lehrlinge sind zu dumm, dann sollten sie sich vielleicht mal eines Wörterbuches bedienen. Lehrling = Auszubildender. Wäre er ein Wissender, könnte er ja auf die Lehre verzichten. Es geht hier eigentlich bloss um die Lernfähigkeit, und die dürfte abhängen von eigenem Interesse, Verständlichkeit, positive Lerneffekte, Anwendbarkeit der Kurse etc.

Was die grassierenden Ländervergleichenden Tests wie Pisa und ALL betrifft, so muss man sich klar machen, dass die Resultate von Intelligenztests von der jeweiligen Kultur abhängig sind: Intelligenztests erfassen abstraktes Erkenntnisvermögen, die rasche Auffassungsgabe. In einer ländlichen Kultur ist eine abstrakte Intelligenz von wenig Nutzen - in unserer unentbehrlich, folglich wird sie trainiert. Die Überinterpretationen von länderübergreifenden Intelligenztests belegen regelmässig eigentlich nur eine Tatsache: Dass die Interpretatoren weder von Intelligenz noch von Statistik die geringste Ahnung haben.

Wir leben in einem Zeitalter des Wissens, des fast unendlichen Wissens, des gewaltig zunehmenden Wissens - und wir müssen darauf achten, nicht von Bergen an überflüssigem Scheinwissen zugemüllt zu werden. Lebenslanges Lernen in ehren - aber das Wichtige vom Überflüssigen oder gar Schädlichen zu unterscheiden, also das Denken, dürfte vielleicht noch wichtiger sein als das Lernen, also die Aneignung von noch mehr Wissen. Hier fehlt dem heutigen Bildungsunwesen ganz eindeutig die Philosophie. Diese, der es eigentlich um Weisheit und nicht um Wissen geht) beschritt die letzten 2500 Jahre einen harten Weg, vom Wissen, dass wir nichts wissen, bis zur Postmoderne und Systemtheorie, also dem Wissen, dass wir eigentlich nicht (oder nur selten und temporär gültig) wissen können.

In Anbetracht dieser Tatsache, ist es eigentlich eine Frechheit, Menschen auf Grund von "Wissen" zu klassieren,

schicksalsbestimmend zu klassieren in:

Wissende mit guten Jobs und hohen Löhnen.
(Das gilt allerdings nur für die mit orthodoxem, rechtem, anerkanntem Wissen - nicht für die Freidenker)

Nichtwissende, die als Hilfsarbeiter oder Arbeitslose enden.

Am deutlichsten sieht man das Problem anhand der Informatik. Wurde gegen Millenniumsende ein Riesengeschrei gemacht, von wegen zu wenig Informatikern, nahm die Anzahl der Informatikstudenten der ETH von ca. 150 bis auf 350 zu, so endete ein grosser Teil der Absolventen bereits ein oder zwei Jahre später in der Arbeitslosigkeit und das Interesse an dem Studium fiel wieder auf den alten Wert zurück. Die Wirtschaft verlangt hier hoch ausgebildete Spezialisten, die listenweise Programmiersprachen, Hard- und Softwarekonzepte beherrschen - die oft schon veraltet sind. Die hochgradig spezialisierten praktischen Anforderungen verlangen nach "trained monkeys" (Angela Barandun in Informatik: Nur Spezialisten gefragt. Tagesanzeiger, 7. Nov. 2005. S. 23)), die kaum in der Lage sind, ihr Wissen auf neue Probleme und Systeme zu übertragen, deren Wissen also sehr rasch an Wert verliert. Zur Zeit findet die Schweizer Industrie solche Spezialisten in Deutschland.

Dieses Problem lässt sich durch permanente Weiterbildung, lebenslanges Lernen, lösen. Denkste. Denn da kommt dann bald das Problem der Überqualifikation hinzu. Die meisten Arbeitslosen werden dabei grinsen, und klar stellen, dass sie absolut bereit sind, auch Arbeit anzunehmen, die ihren Qualifikationen nicht entsprechen. Die meisten Arbeitgeber werden ebenfalls grinsen, da sie praktisch nie Leute finden, die ihren "Anforderungen" entsprechen. Woher dieses Dilemma?

Das Problem ist das Selektionsraster, das innerhalb der Firma von den Personalverantwortlichen  in Zusammenarbeit mit ehem. Stelleinhabern, Leitern und Chefs ausgearbeitet wird. Darin wird präzise definiert, was/wen man sucht und zwar nach Ausbildung, Erfahrung, Führungserfahrung, Branchenerfahrung, Sozialkompetenz, Alter, Lohnanspruch, etc.etc. (s. Ablaufschema Personalselektion, das immer öfter beamtenmässig durchgehakt wird, auch in privaten Firmen).

Je detaillierter die Liste, nein, nicht desto höher die Erfolgsrate bei der Personalselektion, aber desto höher die Ausschlussrate. Beim Bildungstätärätätä, in das auch die Wirtschaft gerne einstimmt, wird die Lösung des Problems Arbeitslosigkeit  durch bessere Bildung erwartet. Unterschlagen wird dabei, dass Bildung bei der Anstellung nur noch eine relativ geringe Rolle spielt, also nur noch einer unter vielen Faktoren des Rasters ist. Wer etwa eine ausgezeichnete Bildung (Betriebswirtschaft ETH z.B) hat, aber in der falschen Branche tätig war (Forstwirtschaft z.B.), hat kaum eine Chance, sein Wissen in einer anderen Branche entsprechend einsetzen zu können und muss damit rechnen, sogar von der Arbeitsvermittlung Stellen angeboten zu erhalten wie Möbelpacker, Hilfspacker, Wachmann etc., wie wenn es nicht ausreichend bildungsschwache gäbe, für die solche Jobs eh die einzige Chance darstellt. Wenn es also aus der Wirtschaft tönt, die Bewerber erfüllen unsere Anforderungen immer weniger, so oft ganz einfach aus dem Grund, weil die Anforderungen auf der Seite der Personalselektion immer absurder werden - aber auf der andern Seite, der Seite der vorhandenen Betriebsmitarbeiter , eine Abwehr gegen eben diese gesuchten Übermenschen vorhanden ist, weil:

  1. Der Bewerber besser ausbildet ist als der zukünftige Chef, also auf Grund von Ausbildung und Erfahrung der Chef dessen sein könnte, der ihn einstellt.

    1. Der Vorgesetzte Angst hat, eine derart qualifizierte Person könnte an seinem Stuhl sägen

  2. Das Besserwisser-Syndrom den Betrieb echt behindern und zu Unruhe führen kann

  3. Bei Hochqualifizierten in Jobs mit relativ tiefen Anforderungen ein Motivationsmangel zu erwarten ist

    1. ... der dazu führt, dass der/die Angestellte den Betrieb bei der nächsten Gelegenheit wieder verlässt

[nach: Marc Thurner: Suche nach Arbeit: Über Qualifikationen stolpern. Tagesanzeiger ALPHA. 5./6.Nov. 2005, S. 3]
 

Martin Herzog, Basel, 9.11.05