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Martin Herzog

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Programmierter Unterricht versus selbstgesteuertes Lernen

Die Hauptelemente des Lernens:

                     

Fachliche Inhalte: Für die meisten "Technokraten" (sprich Ingenieure) besteht Lernen und Lehren häufig nur aus diesem einen Punkt, der Vermittlung von Sachwissen. Sachwissen lässt sich allerdings nur erfolgreich vermitteln, wenn ausreichend Vorkenntnisse in verschiedensten Bereichen vorhanden sind, wenn Interesse vorhanden ist und wenn sich die neuen Inhalte erfolgreich mit dem bestehenden Wissen verbinden lassen. Gedächtnis ist hier nur ein Punkt, der oft weit überschätzt wird.

Didaktik weist den kürzesten, angenehmsten und aparsamten Weg zur Realisation von Lernzielen. Wichtigste Elemente:

 

Soziale Beziehungen: Emotionen sind wichtig, denn sie bewerten und lenken die Aufmerksamkeit und spenden Energie für das Lernvorhaben. Eine Unterrichtsform die sich auf sachliche Inhalte, bestenfalls didaktisch gut präsentiert, verpasst den wichtigsten Punk erfolgreicher Wissensvermittlung: Die Individualisierung, das Eingehen auf die persönlichen Lernvoraussetzungen sowie den Dialog, über Lerninhalte und deren soziale Wertung.

Noch wichtiger ist vielleicht die Motivation zum Lernen. Diese ist zwar ein Grundproblem der Didaktik, basiert dort aber auf der sozialen Beziehung Lehrer - Schüler. Während ältere Semester gerne argumentieren: Man muss halt einfach ..., was nicht mehr als eine reaktive Antwort auf einen Druck von aussen ist, der auch hinter dem lebenslänglichen Lernen steckt, ist wirklich erfolgreiches Lernen eigentlich nur möglich aus eigenem Antrieb (= Motivation). Nur diese stellt ausreichend Energie zur Verfügung, sich mit den folgenden Schwierigkeiten auseinanderzusetzen, Lösungen zu suchen, sich gewisse Wissensbestandteile einzuprägen und einzuüben, sowie Versuche zu unternehmen, die neuen Kenntnisse auch anzuwenden - was gerade im EDV-Bereich zu massiven Frustrationen, also beträchtlichem Verschleiss an Nerven und Zeit, führen kann.

Die wichtigsten methodischen Prinzipien einer Didaktik sind:

Da jeder Mensch auf Lernangebote anders anspricht und sich selbständig (= autonom - zur Verzweiflung der Lehrer) entscheidet, wie er was annimmt, hat alles von aussen kommende nur Angebotscharakter. Die Planung des Lernens ist also äusserst schwierig. Eine perfekte Planung der Lernvorgänge, also eine perfekte Didaktik, würde weitreichende Kenntnisse erfordern, nicht nur über den Sachbereich, sondern insbesondere über die Denkstrukturen beim Lernenden und zu erwartende Schwierigkeiten. Diese Kenntnisse entstehen aber erst während des Lernprozesses, der so auf einer Schritt-für-Schritt-Planung basiert, welche das ausgefeilteste Computerprogramm nicht liefern kann. Deswegen wird sogar beim Vermitteln von Computerkenntnissen (EDV-Schulung), wo das Medium gleichzeitig als Anschauungs- und Übungsobjekt dienen kann, ein Mix zwischen instruieren und entdecken lassen gewählt, die so genannte Sandwichstruktur:

Die Graphik links zeigt das aufwändigste Problem bei Lernprozessen, die Umstrukturierung der eigenen Gehirnstrukturen - zumindest beim strukturempfindlichen Lernen wirksam – im Vergleich zum strukturblinden Lernen (Büffeln, Drill). Es wird hier deutlich, dass Lernen nicht nur bedeutet, sich irgend welche Fakten einzuprägen, sondern dass Lernen, so quasi "nebenbei", die eigene Denkweise auch verändert. Da letzteres um so unerwünschter ist, je beharrlicher Personen und Institutionen ihre eigene Denkweise als die einzig richtige propagieren, besteht hier auch die grösste Lernbremse, kollektiv wie individuell.

Dass Lernen, DER Baustein kognitiver Tätigkeit, wirklich so, also strukturalistisch funktioniert, hat die psychologische Entwicklungsforschung, insbesondere die von Piaget, längst gezeigt. Aufbauend auf einfachen Elementen werden immer komplexere Strukturen erzeugt - alte, bei Widersprüchen, ab oder umgebaut. Das ist es, was den zwischenmenschlichen Dialog über komplexere Probleme so schwierig macht. Dinge die man persönlich für absolut wahr und unumstösslich gehalten hat, können aus einer anderen Perspektive oft recht absurd aussehen. Zuhören reicht also nicht für einen gelingenden Dialog, man muss auch mitarbeiten, neue Strukturen bauen, in die sich zwei Perspektiven (beim Zwiegespräch, entsprechend mehr in Gruppen) ohne strukturelle und funktionelle Störungen einbauen lassen. Dies zeigt auch, wie Populismus, der bei Massen kritiklos ankommende Monolog, funktioniert: Man nehme nur die von der breiten Masse bekannten und weitgehend als "wahr" akzeptierten Versatzstücke um seine Absichten auf banalste Weise zu "begründen". Dazu wird meist nicht mal argumentiert in der Form weil a) so ist, muss b) so sein, sondern bloss festgestellt: Wir brauchen ...! Populismus umgeht also den mühsamen lernenden Dialog, kann also per se auch zu nichts Neuem führen.

Ein didaktischer Planungsprozess besteht aus folgenden Elemente:

  1. Bestimmung der genauen Kenntnisse und Fertigkeiten
  2. Bestimmung der Aktivitäten, Materialien, Quellen und Hilfsmittel zum Lernen
  3. Bestimmen des Lernortes
  4. Festlegen eines Terminplanes oder kurzfristiger Lernziele
  5. Bestimmen der Lernzeit
  6. Festlegen der Schrittfolge
  7. Abschätzen des Programmniveaus
  8. Beseitigen von Hindernissen und Ineffizienzen
  9. Erwerben oder anderweitiges Beschaffen von Hilfsmitteln und Unterlagen
  10. Vorbereiten eines Raumes und anderer materieller Voraussetzungen.
  11. Zeit zum Lernen finden und Steigerung der Motivation bzw. Behandeln von Motivationshemmungen.

Die vier folgenden Vorgehensweisen erfordern und ermöglichen unterschiedliche Strategien zur Lösung anfallender Probleme:

[s.: Ch. Gerbig, I. Gerbig-Calcagni: Moderne Didaktik für EDV-Schulungen. Belitz Weiterbildung. Weinheim & Basel. 1998.]

Formelles versus informelles Lernen

formelles Lernen ist vorwiegend: informelles Lernen ist vorwiegend:

fremdgesteuert

kognitiv

berufsorientiert

Pflicht, vorbereitend

Routine

Belehrung

spezial

selbstgesteuert

emotional, aktional

interessenorientiert

freiwillig, anregend

Erlebnis

Erfahrung

global

Der programmierte Unterricht

Die Form des Lehrvortrags:

In einer Doppelstunde sagt ein Lehrer zwischen 5000 und 9000 Wörter und versucht damit ein halbes Dutzend Kerngedanken zu vermitteln. Der Rest sind Erläuterungen, Beispiele, Veranschaulichungen, Floskeln, weitergesponnene Gedanken und sicher auch manches Überflüssige. [s. www.ni.schule.de/%7Epohl/lernen/kurs/lern-0.htm].

Mitschreiben, also die Erstellung eines Textes, ist hier wichtig, auch wenn das Endprodukt des Schreibens wenig Bedeutung hat. Der Vorgang der Strukturierung beim Schreiben, unterstützen mit Erinnerungsspuren, Verbindung mit eigenem Wissensbestand, ermöglicht erst eigentlich das Lernen. Das Vorgehen bei Notizen:

  1. Wichtige Punkte, neue Begriffe in Stichworten
  2. Wichtige Begriffe hervorheben, Zusammenhänge sichtbar machen
  3. Ergänzen, Berichtigen, Kerngedanken zusammenfassen

Die vorführende Unterrichtsform

Während der Lehrvortrag, oder besser die Lehrpräsentation, recht eigentlich DAS Feld für Lernen am Internet zu sein scheint, darf ihr Einsatz, obwohl eindrücklich, beim vorführenden Unterricht nicht überschätzt werden, denn das Internet verhält sich zur Realität präzise so wie die CNN-Berichterstattung am Fernsehen zum reellen Krieg: Nichts als Show.

Programmorientierung (Word, Frontpage whatsoever)  – hat folgende Nachteile:

Aufgabenorientierung führt zu besser strukturierten Lernprozessen und vor allem auch zu besserer Motivation. Vorzugehen ist immer: von einfach zu komplex und vom Was zum Wie (vom deklarativen Wissen zum prozessoralen, zu Deusch: Vom Reden zum Handeln)

Vorteile des Weblernens:

Das Internet ist also in erster Linie dort als Mittel geeignet, wo es gleichzeitig das Ziel des Lernens ist, also bei Training von Computerprogrammen, Multimediaschulungen, Bild- und Ton-bearbeitung, etc.

Ein weiteres grosses Feld dürfte sich beim entdeckenden Lernen auftun.

Sein positiver Einsatz für dialektisches Lernen zeichnet sich zwar ab, steckt aber noch in den Kinderschuhen. s Synthese

[Literatur: Holzkamp, Klaus: Lernen. Subjektwissenschaftliche Grundlegungen. Frankfurt/New York: Campus 1995.]

McLean's Maxim:

There is only two problems with people. One is that they don't think. The other is that they do.

Wer fragt ist ein Narr für fünf Minuten; wer nicht fragt, bleibt es ein für allemal.

chinesisches Sprichwort

Nachteile:

Mit einer strengen, aber doch auch variierten Folge immer wiederkehrender Schritte (Information – Frage – Antwort – Kontrolle der Antwort – ggf. weitere Hilfen) kann der Lehrgang dem Lerngang des Individuums zwar auch im Internet weitgehend angepasst werden,  die Lerner-Komputer Kommunikation im Vergleich zur sozialen Kommunikation ist aber extrem reduziert und daher weit unterlegen. Kommunikative Prozesse reduzieren sich im Dialog mit dem Komputer auf prägnante und möglichst eindeutige Dialogschritte, unmittelbare sinnliche Erfahrungen werden zurückgedrängt, verantwortete Handlungen nicht gefordert. Vor diesem Hintergrund ist selbst eine ritualisierte soziale Kommunikation mit dem desinteressiertesten Lehrer einer mit allen technischen Raffinessen entwickelten Courseware überlegen. Ansonsten ist der Computer im äussersten Fall in der Lage, schematisierte Aspekte einer sozialen Kommunikation zu simulieren. Er kann zwar geistige, aber keine soziale Kommunikation stiften.  

Alle programmierten Schulungsmodelle leiden allerdings daran, dass sie dem Lernwilligen als Individuum ein fertiges Lehrmaterial in Form einer Informations- oder Wissensbasis bieten, die der einzelne Lernende durcharbeitet. Sie bleiben im Grunde technologisch und multimedial aufgerüstete Bücher oder sie digitalisieren den Lehrer /Meister. Die Herausforderung von Wissensarbeit im Kontext wissensbasierter Organisationen (knowledge management) liegt nun aber darin, die Expertise vieler oder gar aller Organisationsmitglieder zu dokumentieren, zu vergemeinschaften, zu nutzen und diese Expertise vor allem einer kontinuierlichen Revision zu öffnen. Für diesen Zweck sind Computersimulationsmodelle bei weitem zu aufwendig und digitale Lernprogramme zu trivial.  … Sie setzen voraus, dass das relevante Wissen feststeht, sich einigermassen kanonisieren lässt und als Transfer vom Experten zum Lernenden Sinn macht. [Helmut Willke: Systemisches Wissensmanagement. 2. Aufl. Lucius & Lucius, Stuttgart 2001. S. 118]

Auch sokratisches Fragen ist nur beschränkt möglich im Internet, (sog. Tutorsysteme), da es diesen unmöglich ist, auf unvorhergesehene Fragen oder Probleme Antworten zu geben, auch wenn diese für einen Lehrer mit einem Satz zu beantworten wären.

Unterrichtstechnologische Ansätze zum Einsatz von programmierten Unterweisungen – also geschlossenen Medien – sind aus den erörterten didaktischen, lernpsychologischen sowie kommunikationstheoretischen Gründen abzulehnen.  

Informelles Lernen

Kritik von Paul Feyerabend in Über Erkenntnis, 1992: Ich habe nicht viel Achtung vor Leuten, die entweder Führer sein wollen oder die Bildung von Schulen zulassen, die „Führer“ produzieren. Ich glaube ganz im Gegenteil, dass viele der so genannten „Erzieher“ der Menschheit bloss machthungrige Verbrecher waren, die aus Unzufriedenheit mit ihrer eigenen Armseligkeit über andere Gemüter herrschen wollten und alles daransetzten, um die Zahl ihrer Schüler, lies Sklaven, zu vergrössern.

Wer lehrt herrscht und bestimmt darüber, was stimmt und was nicht, was richtig ist und was falsch, was geht und was nicht. LehrerInnen sind HerrIn. über Wahrheit und Lüge, Relevanz und Irrelevanz, Sinn und Unsinn. Wenig wundert's also, dass informelles Lernen, wie andere antiautoritäre Lernsysteme, erst in den späten 60ern (68er) entstanden, als nicht bloss nach Selbst-Verantwortung gerufen wurde, wenn es um die Reduktion der Ausgaben für Arbeitslose ging, sondern als diese Selbstverantwortung noch mit Selbst-Verwaltung und Selbst-Bestimmung verbunden war.

Informelles Lernen fordert einen demokratischen, nicht-direktiven, personenzentrierten, emanzipatorischen, sozialintegrativen Unterricht. Es setzt Prozesserfahrung ins Zentrum, Selbstständigkeit, Vertrauen, Kritikfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und undogmatisches Denken.

Hier sollen zwei Formen kurz präsentiert werden, das auf Neugierde und Interesse basierende entdeckende Lernen, sowie die eher auf Unterhaltung und Entspannung basierende Erlebnispädagogik. (Selbstgesteuerten Lernen)

Forschendes/entdeckendes Lernen

Gewonnen wird höherwertige Information durch: Selektion, Komparation, Koordination, Integration, Reduktion, Hierarchiebildung und Abstraktion. Diese Elemente gehören auch zu jedem Forschungsprozess. Das entdeckende Lernen zieht einerseits seinen grossen Vorteil daraus, dass es auf Neugierde und nicht auf der grassierenden Unterhaltungssucht basiert. Zum zweiten aus dem allseits bekannten AHA-Erlebnis. Dieses ist ein lustbetontes, während des Denkverlaufs sich einstellendes Erlebnis, das auftritt, wenn Undurchsichtiges plötzlich logische und verständliche Zusammenhänge zeigt. Dieser Effekt führt zu hohen Motivationsschüben beim entdeckenden Lernen. In diesem informellen Bereich hat das Internet doch noch beträchtliche Chancen.

Das Vorgehen beim entdeckenden Lernen:

[Aepkers, M & Liebig, S: Entdeckendes, forschendes, genetisches Lernen. Basiswissen Pädagogik. Unterrichtskonzepte und –techniken. Band 4. Schneider Verlag Hohengehren. 2002. S. 14)]

Entdeckendes Lernen kann seine Wirkung dadurch noch mehr verbessern, dass es unterschiedliche Stufen der Erfahrung anspricht (s. Graph), die symbolische, über Sprache; die theoretische, über die Analyse von Filmen und Fernsehreportagen; direkten Kontakt mit Ausstellungsstücken, auf Exkursionen oder bei Experimenten, sowie direkte Erfahrungen beim Bau eigener Modelle.

[Neber, H (Hrsg.): Entdeckendes Lernen. Beltz. Weinheim, Basel. 1981]

Erlebnisorientierte Pädagogik

Erlebnisorientierte Pädagogik, auch als EDU-TAINMENT bezeichnet, verbindet Unterhaltung, Lernen und Konsum.

Ausgezeichnete Beispiele dazu liefern viele Themenparks, insbesondere das Technorama in Winterthur. Erlebnisorientierte Pädagogik basiert hier auf der Erkenntnis, dass Besucher Spass suchen und nicht Belehrung.  Sie ist die moderne Antwort der Pädagogen auf die Frage, wie sich die Aufmerksamkeit des Homo zapiens erwecken lässt und wie, während er/sie seine kostbare und rare Zeit opfert, möglichst stressfrei wichtige und nachhaltige Lernerfolge erzielt werden können. Oft ist das Ziel zwar eher selbst bezogen, man will etwas über sich selbst erfahren; oft ist dabei aber auch der soziale Austausch in der Gruppe äusserst wichtig (> Interaktionspädagogik).

Erlebnispädagogik bietet Lerninhalte nicht nur unterhaltsamer an als andere Lehrformen, sie nutzt auch die effizienteste Form für Wissensvermittlung - die eigene Erfahrung. Einsetzbar ist sie für eine ganze Spanne von Lernaktivitäten, vom Selbstlernen (s.o: Erlebnis des Entdeckens z.B.), über Animationen bis zur direkten Einwirkung auf Personen in Unterricht und Workshops.

Eine eher kritische Evaluation der Möglichkeiten von Erlebnispädagogik für die Förderung der Nachhaltigkeit finden Sie unter.

Kulturwandel durch Unterhaltung?

Die EVENTualisierung der Nachhaltigkeit

 

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, WEBDESIGN für Wissensanbieter, Rheinfelden, 27.03.03