Hilft Bildung gegen
Arbeitslosigkeit?
Sozialer Aufstieg durch Bildung - und das Aufkommen des akademischen Prekariats - am Ende des Mittelalters.
Politische Institutionen des tertiären Bildungssystems der Schweiz
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[1 Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der
gesellschaftlichen Urteilskraft. suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 658.
Frankfurt a.M. 1987
2 Sylvia Ruschin: Chancengleichheit in der Wissensgesellschaft.
Biologisch-anthropologische Grundlagen eines bildungspolitischen Ziels.
Marburger Beiträge zur Sozialwissenschaftlichen Forschung. LIT-Verlag.
München. 2004]
Das Gebiet soziale Mobilität durch Bildung ist gerade in Bearbeitung. Es scheint äusserst aktuell, da praktisch alle Bücher darüber in der Universitätsbibliothek ausgeliehen sind. Die erste Idee, den Beitrag auf Bourdieu beschränken zu können, erwies sich als falsch, da
- Bourdieu zwar das Problem des Habitus umfassend philosophisch beschrieben hat, die Zahlen aber nie statistisch bearbeitet hat.
- muss neben Bourdieu dazu unbedingt R.D. Putnam und ev. weitere berücksichtigt werden und
- eigentlich erst mal die Theorie der sozialen Netzwerke generell, denn auch hier sind uns eigentlich die Historiker voraus, die seit längerem die Bedeutung der sozialen Netzwerke höher einschätzen als die der Herkunft oder der Bildung. Seit längerem heisst hier forschungsmässig seit mindestens 40 Jahren, historisch entstand die hervorragende Bedeutung von Netzwerken bereits im Spätmittelalter ... Auch hier gilt offenbar, dass nichts so neu ist, wie es in den Zeitungen präsentiert wird.
- die Ergebnisse der letzten Jahre betr. PISA, die ja unsere verschiedenen Nationalen Bildungssysteme in Tiefe und Breite durchleuchten ... wenn auch mit dem falschen Ziel, diese - und damit die Schüler, und damit die Menschen generell - zu normieren.)
| Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er
ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht. Immanuel Kant: Ueber Pädagogik |
Der Grund dafür liegt darin, dass die Zuordnung zu höheren Schulen auf Grund der Beurteilung in der Grundschule (und weiteren Stufen) erfolgt: Wer schulischen Erfolg hat, muss auch intelligenter (oder vieeel fleissiger) sein. Je höher der Bildungsabschluss, desto höher die Intelligenz - oder die investierte Lernarbeit. Herrnstein drückte das bereits 1973 so aus: (Herrnstein-Syllogismus)
- Wenn unterschiedliche geistige Begabungen vererbt werden, und
- wenn Erfolg eben diese Begabungen zur Voraussetzung hat, und
- wenn Einkommen und Prestige vom Erfolg abhängen -
- dann hängt der soziale Status bis zu einem gewissen Grad von ererbten Unterschieden zwischen den Menschen ab.
Theoretisch, als Gebot der Gerechtigkeit, sollte jeder Mensch das gleiche Recht haben, seine soziale Position in der Gesellschaft durch Leistung zu erwerben. Da individuelle Leistungsfähigkeit vor allem im Hinblick auf wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verstanden wurde, fungierte das Leistungsprinzip indirekt auch als Legitimationsgrundlage faktisch sozialer Ungleichheit: Oekonomische und soziale Unterschiede zwischen den Menschen galten und gelten in liberalen Kreisen als gerecht, da und solange sie auf unterschiedlichen Leistungsfähigkeiten und tatsächlichen Leistungen zurückzuführen waren. In sozial orientierten Kreisen jedoch pflegte man bisher die Ideologie der Bildungsgerechtigkeit oder zumindest der Chancengerechtigkeit, die eben gescheitert ist. Während dem man sich früher fragte, ob der Schwerpunkt eher auf die Förderung hoch Begabter - oder die Unterstützung schwach Begabter zu legen sei, sind letztere heute aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Vermutlich werden sie erst wieder auftauchen, wenn sie reihenweise Autos anzünden, wie in den Vororten von Paris.
Die Ideologie der Leistungsgesellschaft lautet:
Der Zugang zu Belohnung (Reichtum, Wohlstand, Ansehen, Macht ...) erfolgt durch Leistung, nicht durch das Glück der Geburt, oder durch List - was allerdings bereits dem gegenwärtigen Zustand der Wirtschaft völlig widerspricht.
Der Bildungsboom der 70er versprach, und brachte einigen, den Aufstieg durch Bildung ... allerdings in einer florierenden und expandierenden Gesellschaft. Die Maturaquote wurde zum Indikator der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft ... was statistisch betrachtet totaler Unsinn ist. (s. Arbeitslosigkeit korreliert (oft) positiv mit maximalen Maturaquoten, d.h. sie ist die Peitsche des Bildungszwangs - dieser aber nicht die Lösung des Problems (regionaler bis nationaler) struktureller Ungleichgewichte zwischen Arbeitsmarkt und Kapitalmarkt, also der Zer-Störung der Volkswirtschaft durch primär kurzfristig und/oder global orientierte Marktwirtschaft).
Auf die Art der Begabung wird auf Grund von Schulleistungen (Noten) geschlossen. Nur beste Leistungen zeigen die Fähigkeit zum abstrakten, d.h. durch Theorien geleiteten Denken und Lernen. Begabungen, die sich nicht durch Noten innerhalb des bestehenden Schulangebots äussern, werden nicht erkannt und nicht gefördert! Die Formel: Jeder nach seiner Leistungsfähigkeit und seinen Neigungen - war und ist all-so gar nicht anwendbar in unserem Schulsystem.
Die Ideologie, die hinter den heutigen Bildungsanstrengungen steckt, die man zudem besser Schulungsanstrengungen nennen sollte, ist die des Strebers mit kleinbürgerlichem Habitus:
Der kleinbürgerliche Habitus ist diese Linie der gesellschaftlichen (individuellen oder kollektiven) Laufbahn, verinnerlicht zum Hang, durch den Aufstieg zu seiner Verfolgung und Vollendung strebt: als eine Art nisus perseverandi, wie Leibniz sagte, in dem die bereits durchschrittene Laufbahn weiterlebt in Form eines auf Zukunft gerichteten Strebens, grenzt der Habitus die "vernünftigen" Ambitionen ab und damit den Preis, der für die Verwirklichung dieses realistischen Ehrgeizes zu zahlen ist.
Diese Ideologie verlangt, trotz Flexibilität und absoluter Unterordnung eines jeden unter den Markt, einen lückenlosen und geradlinigen Lebenslauf, mit zunehmender Ausbildung, Erfahrung, Verantwortung, Untergebenen, Lohn etc. Der Lebenslauf ist der Beweis, den jeder erbringen muss, der sich um eine Stelle bewirbt, dass er sich stets und erfolgreich bemüht hat den Anforderungen der grossen Maschine gerecht zu werden und stets in der Lage war, sich den wechselnden Bedürfnissen nicht bloss anzupassen, sondern daraus sogar Profit zu schlagen.
Die Entwicklung der letzten 30 Jahre, insbesondere aber seit 1990, machte obige Ideologie zum Absurdum. Bildung hilft kaum mehr, autodidaktische Bildung ist sogar schädlich, und sogar Universitätsdiplome gewähren meist oft nur noch Zugang zu "Praktika", in denen die Absolventen weiter belehrt und getestet werden, getestet allerdings primär auf Solidarität mit dem Betrieb, Unterwürfigkeit, Passfähigkeit. Der Ruf nach lebenslangem Lernen macht alle zu ewigen Studenten. Man sollte also die Unruhen in Frankreich nicht bloss als reaktionären Ruf einiger gut bemittelter Studenten abtun, denn die aktuelle Situation hat echtes Revolutionspotential:
... warum dieser Generationenkonflikt also nicht selten in einen heftigen Konflikt um die Fundamente der sozialen Ordnung überhaupt ausartet: Radikaler, aber auch unbestimmter als politischer Protest in seiner herkömmlichen Gestalt, stellt diese entzauberte, ernüchterte Stimmung, die an jene der ersten Generation der Romantiker gemahnt, tatsächlich einen Angriff auf die fundamentalen Dogmen der kleinbürgerlichen Ordnung dar, auf "Karriere", "gutsituierte Verhältnisse", "Aufstieg", "Vorwärtskommen".
1 Die Entwertung der Bildung - unter anderem auch durch Hausfrauisierung
Universitätsdiplome verschaffen immer weniger einen auch nur halbwegs sicheren Zugang zu einem Job. Sie haben sogar eine tiefere Rendite als die von Fachhochschulen, die ja nur ein relativ begrenztes theoretisches Verständnis und kaum je universelles Verständnis für irgend welche Probleme vermitteln können. Aber das ist nicht alles. Die freie Verfügbarkeit von Hochschuldiplomanden zu äusserst mässigen Preisen und bei höchster Willigkeit (man kann und will es sich als Hochschulabsolvent ja nicht leisten, mit den übrigen Arbeitslosen die selben nutzlosen Kurse zu besuchen, die Bildungsschwache wieder in das Erwerbsleben eingleisen sollen ...) führt auch zu einer Verschärfung der Situation bei den Bildungsschwachen, denen sogar die Jobs weggenommen werden, für die ihre Fähigkeiten eigentlich ausreichen:
Ohne ins Paradoxe zu verfallen, lässt sich behaupten, dass gerade diejenigen Hauptleidtragenden der Entwertung der Schulabschlüsse sind, die den Arbeitsmarkt ohne Abschluss betreten. Tatsächlich geht ja mit der Entwertung der Bildungsprädikate eine sich verstärkende Monopolisierung durch die Inhaber von Bildungsprädikaten auch solcher Stellen einher, die bis dahin für Leute ohne entsprechende Prädikate offenstanden. [S. 225]
Treibende Faktoren bei der Entwertung von Jobs sind die Frauen. Frauen klagen zwar dauernd, dass sie schlechter bezahlt werden als Männer - Frauen nehmen aber Arbeiten an, für die kein Mann zu haben ist, sind also eigentlich selbst schuld - loben sich aber dann dennoch ihrer "Flexibilität und Anpassungsfähigkeit" - wo eigentlich Widerstand geboten wäre. Das Problem nennt sich Hausfrauisierung. Sobald ein Job von Hausfrauen ausgeführt werden kann, die über Unterstützung durch einen Ehemann verfügt, also mit Leichtigkeit für Gratisarbeiten eingesetzt werden kann, gehen Löhne und Renommé einer Tätigkeit den Bach runter:
Die Wahrheit einer Klasse oder Klassenfraktion drückt sich mithin in ihrer geschlechts- oder alterspezifischen Verteilung aus sowie - und vielleicht noch entschiedener, da es sich dabei um Zukunft handelt - in der zeitlichen Entwicklung dieser Verteilung: die niedrigsten Positionen zeichnen sich durch einen erheblichen - und wachsenden - Anteil von Ausländern und/oder Frauen (angelernte und ungelernte Arbeiter) sowie ausländische Frauen aus (Putzfrauen); es ist daher auch kein Zufall, dass die Dienstleistungs- und Pflegeberufe - im medizinisch-sozialen Bereich, im älteren Dienstleistungsgewerbe wie Friseur oder einem moderneren wie Schönheitspflege, vor allem aber auch im häuslichen Dienstleistungssektor, der die beiden Dimensionen der herkömmlichen Bestimmungen der Aufgaben der Frau zusammenfasst: Dienst und Haus - praktisch den Frauen vorbehalten sind. Ebenso wenig verwundert, dass die in ihrem Altersaufbau ältesten Klassen oder Klassenfraktionen - Landwirte, Industrie. und Handelsunternehmer - zugleich sozial absteigende Klassen sind, und der aus ihren Kreisen stammende Nachwuchs in seiner überwiegenden Mehrheit nur durch Umstellung auf expandierende Berufe dem kollektiven Abstieg zu entgehen vermag. Auch im wachsenden Anteil von Frauen lässt sich auf die Zukunft eines Berufszweiges schliessen, zumal auf dessen absolute oder relative Abwertung, Folge sowohl von veränderten Arbeitsvorgängen und gewandelter Arbeitsorganisation (z.B. bei den Büroangestellten mit der Zunahme mechanisch-repetitiver Tätigkeiten, gemeinhin den Frauen übertragen), als auch eines Wandels in der relativen Sozialposition (der Fall der Schul- und Hochschullehrer, deren Stellung durch umfassende Verlagerungen im Gefolge de angestiegenen Stellenzahl wesentlich tangiert wurde). [S. 186]
Die Berufe werden also (auch) dadurch abgewertet, weil Frauen tiefere Löhne und schlechtere Arbeitsbedingungen akzeptieren ... um sich hinterher kollektiv zu beklagen, dass sie zu schlechteren Bedingungen arbeiten. Und obwohl der Anteil an Frauen in den Hochschulen heute überproportional hoch ist, fehlen diese, trotz starker Förderungsanstrengungen, in Zukunftsgerichteten Berufen wie Informatik, Biotechnologie, Nanoscience etc., also fast allem was mit Technologie zu tun hat. Und dies, obwohl heute niema(n)nd einer Frau die Fähigkeit absprechen würde, dieses Wissen verstehen zu können und auf diesen Gebieten tätig zu sein.
Wie Experten die Entwertung von Titeln umgehen, wäre bei der "Elite" zu lernen:
Der Hysteresis-Effekt ist um so ausgeprägter, je grösser der Abstand zum Schulsystem und je geringer oder abstrakter die Information über den Markt der Bildungstitel ist. Eine der kostbarsten Mitgiften des ererbten kulturellen Kapitals besteht in der praktischen oder theoretischen Erkenntnis der Fluktuationsbewegungen dieses Marktes, besteht im Anlage-Sinn, mittels dessen sich Kapital auf dem Arbeitsmarkt am profitabelsten verwerten lässt, weil man eben das Gespür dafür hat, wann die abgewerteten Schulzweige oder Karrieren beizeiten aufzugeben sind, um sich Zukunftsträchtigerem zuzuwenden, statt sich weiter an schulische Werte zu klammern, die in ihren Profitchancen doch nur einer früheren Marktlage entsprechen. [S. 238-9]
Tatsächlich bestimmt sich der einem Bildungstitel objektiv wie subjektiv zugemessene Wert aus seinem umfassenden sozialen Gebrauch. Deshalb vermag die im direkten Bekanntenkreis - bei Verwandten, den Nachbarn, den Mitschülern, Studien- und Arbeitskollegen - herrschende Einschätzung der Titel in massgeblicher Weise zur Verschleierung der Abwertungsfolgen beitragen. [S. 239]
Allerdings zeigt sich hier, dass Frauen eben doch gerade in den Branchen eigentlich stark sind, in denen sich auch die von Deklassierung bedrohten Sprösslingen der Oberschicht gerne tummeln:
Kunstgewerbler und Kunsthändler, Geschäftsführer von Kleider<Boutiquen>, Besitzer von Trödelläden und Second-hand-Shops, Händler fernöstlicher Kleidung und Schmuckgegenstände, Schallplatten- und Antiquitätenhändler, Innenausstatter, Designer, Photographen, ja selbst Besitzer oder Pächter modischer "Bistros", provençalische "Töpfer" und avantgardistische Buchhändler: für alle diese Verkäufer kultureller Güter und Dienstleistungen, bemüht, den Schwebezustand zwischen Musse und Arbeit, Militantismus und Dilettantismus, Charakteristikum der studentischen Situation, über das Studium hinaus zu verlängern (generation p), stellen derartige ganz nach Wunsch zwieschlächtige Tätigkeiten, wo der Erfolgt nicht minder vom nuanciert lockeren Auftreten des Verkäufers und der Aufmachung seiner Erzeugnisse abhängt wie von der Art und Qualität seiner Waren, ein Mittel dar, höchste Vorteile aus einem spezifischen kulturellen Kapital zu schlagen, worin weniger Sachverstand ausschlaggebend ist als vielmehr Vertrautheit mit der Kultur der herrschenden Klasse und Beherrschung der Zeichen und Embleme distinguierten Auftretens und Geschmacks. Dank dieser Merkmale war dieser neuartige, auf hoher kultureller Investition begründete Typus von Handwerk und Gewerbe, der das direkt von der Familie vermittelte kulturelle Erbe nutzbringend anzulegen erlaubt, wie geschaffen als Refugium für den vorzeitig von der Schule eliminierten Nachwuchs der herrschenden Klasse. [S. 237]
Beide Handlungskomplexe - die individuellen Aufholstrategien, durch die Eigner eines sozialen Kapitals an ererbten Beziehungen fehlende Titel wettmachen oder Titel maximal verwerten können, indem sie sich noch schwach bürokratisierten Sektoren des sozialen Raumes zuwenden (wo soziales Verhalten stärker zählt als schulisch beglaubigte "Kompetenzen") wie die kollektiv erhobenen Forderungen nach Verwertung der Titel, genauer nach Erhalt des auf einem früheren Stand der Dinge zugesicherten Aequivalents derselben - tragen gemeinsam wesentlich zur Schaffung einer grossen Zahl halb-bürgerlicher Stellungen bei, die, im Zuge der Entwicklung neuer Positionen entstanden, tatsächlich so beschaffen sind, dass sie sowohl den titellosen Erben die Deklassierung ersparen als auch den "Emporkömmlingen" einen annähernden Ersatz für die abgewerteten Titel sichern. [S. 249]
2. Selektion geschieht primär über soziale Herkunft, kulturelles Wissen und den IQ
Dass Bildung, d.h. präziser, die dadurch erworbenen Titel, Schulabschlüsse, Bildungspatente nicht bloss Zugang gewähren, sondern auch andern, die solche Titel nicht vorlegen können, eben Zugang versperren, wird nicht gerne erwähnt. Bildungstitel produzieren keine Arbeitsplätze, sondern bloss Statuszuweisung auf der positiven - Stigmatisierung auf der negativen Seite. Bildungsaristokratie auf der einen - Bildungsplebejer (wozu auch die Autodidakten gezählt werden) auf der andern Seite.
Dieser Effekt vollzieht sich in allen Phasen des schulischen Werdegangs (Kursus) durch die vom Schulsystem beförderte Manipulation der Hoffnungen und Ansprüche, oder wenn man will, des Selbstbildes und der Selbsteinschätzung der Schüler; diese werden derart auf entweder renommierte und die legitime Praxis ausschliessende Positionen verwiesen: Das in der soziologischen Literatur als Allokation bekannte Phänomen, die Zuweisung auf eine Abteilung, eine Disziplin, eine Ausbildungsstätte (mehr oder weniger renommierte Grande école oder Universität) vollzieht sich wesentlich durch Vermittlung des gesellschaftlichen Images der fraglichen Position sowie der darin objektiv eingeschriebenen Zukunft, wozu in erster Linie die Akkumulation von Bildung und ein bestimmtes Bild von kultureller Vollkommenheit gehört. [S. 52]
Diese Tatsache ist Bildungsschwächeren nicht so klar ... wird von den Profiteuren aber auf ihre höhere geistige Leistungsfähigkeit zurückgeführt, also auf ihre Intelligenz ... womit wir wieder gleich weit wären, denn Intelligenz ist normal verteilt, d.h. ungerecht, denn niemand kann dafür verantwortlich gemacht werden, aber diejenigen am schwächern Ende bezahlen dafür, einfach weil sie dort sind:
Das Bewusstsein von den Auswirkungen des gesellschaftlichen Milieus ist besonders schwach bei den Handwerkern und Kleinhändlern, den Landwirten und den Arbeitern, während die Cadres supérieurs diese Auswirkungen zwar kennen, aber zugleich auf die Intelligenz setzen. [s. 607]
Dieses Problem ist seit längerem bekannt, wird von Pädagogen wortreich umschifft mit Aussagen wie: Die Schule habe Begabungen zu fördern und zu schaffen ("Begaben" durch Bereitstellen von Lernanreizen) ... aber es hat die Bildungsreformen der letzten 30 Jahre unwirksam gemacht. Der IQ ist aber nicht das einzige Problem, das über eine ungleiche Verteilung von Bildungszertifikaten zu sozialen Unterschieden und damit auch einer gewissen Ungerechtigkeit führt. Der zweite, noch entscheidendere Faktor, an dem viele selbst mit hohem IQ scheitern (ähum ..) wäre das kulturelle Wissen, das hilft den Zugang zur herrschenden Schicht zu schaffen.
Das Grauen des Bourgeois (und besonders des sozial absteigenden) gegenüber jedwedem "Schulmässigem" findet eine seiner Ursachen sicher darin, dass der schulische Markt nichtsdestotrotz ungefähres Wissen und die verschwommenen Institutionen abwertet, welche der vertraute Umgang mit Kultur hervorbringt Verständlicher wird damit auch die Denunziation schulischer Routine, die den meisten Innovationen der neuen Kulturvermittler zugrunde liegt (Animateure, Erzieher, etc.), wenn man berücksichtigt, dass das etablierte Kleinbürgertum zwar über ein nicht unbeträchtliches Bildungskapital, aber nur über ein eher schwaches kulturelles Erbe verfügt, wohingegen beim neuen Kleinbürgertum (mit den Künstlern als Grenzfall) die Situation genau umgekehrt ist. Mag der Volksschullehrer aus Paris oder selbst aus der Provinz dem Kleinunternehmer, Provinzarzt oder Pariser Antiquitätenhändler bie Prüfungen, wo abfragbares Wissen verlangt wird, voraus sein; er dürfte ihnen dagegen überall dort als zutiefst unterlegen vorkommen, wo es auf Selbstsicherheit oder Fingerspitzengefühl, ja selbst noch auf den Wissenslücken kaschierenden Bluff ankommt statt auf Vorsicht, Diskretion und Einsicht in die Grenzen des eigenen Wissens, wie sie die Schule vermittelt: Man kann Buffet und Dubuffet verwechseln und gleichwohl in der Lage sein, seine Ignoranz unter den Gemeinplätzen lebender Sentenzen oder unter jenem beredten Schweigen zu tarnen, das sich in einer Bewegung des Mundwinkels, in Kopfschütteln oder einer stimmungsvollen Pose mitteilt; ... Vorausgesetzt nur, man besitzt die entsprechenden distinktiven Merkmale: Statur, Haltung, angenehmes Äusseres, Auftreten, Diktion und Aussprache, Umgangsform und Lebensart, ohne die alles Schulwissen zumindest auf diesen Märkten wenig oder gar nichts gilt. [S. 159]
... und natürlich die soziale Herkunft:
Allgemein gilt, dass die "Cadres" um so grössere Chancen haben, auf Führungspositionen aufzurücken, statt Produktions-, Fabrikations- oder Wartungsaufgaben zu übernehmen, eine je höhere soziale Herkunft sie nachweisen können. Ein von uns durchgeführte Sekundäranalyse der INSEE-Erhebungen über berufliche Mobilität aus dem Jahre 1964 zeigt, dass 41.7% der Söhne von Freiberuflichen, 38.9% der Söhne von Lehrern höherer Schulen und Hochschulen, die als Ingenieure, gehobene oder mittlere Führungskräfte und Techniker im Unternehmen tätig sind, Verwaltungs- oder allgemeine Führungsaufgaben bekleiden, gegenüber 25.7% insgesamt. Dagegen sind 47.9% der Söhne von angelernten Arbeitern, 43.8% der Söhne von Vorarbeitern, 41.1% der Söhne von Technikern in der Produktion, Fabrikation oder Wartung beschäftigt - gegen 29.7% insgesamt. [S. 227]
2.2. Selektion durch Aussehen
Kapitalismus basiert darauf, dass Einkommen nicht (vollständig) für Konsum verwendet, sondern gespart und reinvestiert wird. Die hohe Tugend des Sparens wird allerdings zum Witz, wo bei den einen das Einkommen kaum zum Überleben reicht, bei den andern das Einkommen vor allem durch die Selbstvermehrung des Kapitals erzielt wird, und dazu in Massen, die einen konsumtiven Verbrauch wahrlich zur Parforceleistung machen würde:
Der bescheidene Geschmack, der Verlangen und Lust des Augenblicks künftigen Wünschen und Befriedigungen zu opfern vermag, steht im Gegensatz zum spontanen Materialismus der unteren Klassen, die sich schlicht weigern, das Benthamsche Buchhalterwesen der Vergnügen und Mühen, der Gewinne und Kosten (beispielsweise für Gesundheit und Schönheit) mitzumachen.
... ist daran zu erinnern, dass die jeweilige Geneigtheit zur Unterordnung gegenwärtiger Wünsche unter zukünftige Befriedigungen davon abhängt, wie "vernünftig" dieses Opfer ist, d.h. von den jeweiligen Chancen, auf jeden Fall in der Zukunft mehr Befriedigung zu erhalten als was gegenwärtig geopfert wurde. [S. 296]
Aus dieser Logik heraus wird verständlich, warum Frauen aus den unteren Klassen, deren Zugangschancen zu Berufen generell, besonders aber solchen, wo in Fragen der Körperkosmetik am nachdrücklichsten auf Einhaltung der herrschenden Norm gepocht wird, in einem eklatanten Missverhältnis zu denjenigen der Frauen höherer Klassen stehen, sich auch weniger als diese des "Marktwertes" der Schönheit bewusst sind und daher auch geringere Neigung zeigen, übermässig viel Zeit, Mühen, Entbehrungen und nicht zuletzt Geld in die Korrektur ihres physischen Aussehens zu investieren. [S. 328]
Die Frauen aus kleinbürgerlichem Milieu, deren Interesse für Märkte, auf denen physische Merkmale als Kapitaleinsatz fungieren können, stark genug ist, dem herrschenden Körperbild bedingungslosen Tribut zu zollen, ohne doch - zumal in ihren eigenen Augen (und sicherlich auch objektiv) - über ein ausreichendes eigenes körperliches Kapital zu verfügen, aus dem sich grösstmöglicher Profit schlagen liesse, sind damit, einmal mehr, in eine höchst prekäre und spannungsreiche Lage versetzt. [S. 329]
So nimmt der Anteil der Frauen, die sich hinsichtlich ihrer Schönheit unterhalb des Durchschnitts einstufen, oder die meinen, älter auszusehen als sie wirklich sind, mit steigendem Sozialstatus merklich ab; ebenso geben Frauen ihren diversen Körperteilen tendenziell um so bessere Noten, je höher ihre soziale Stellung ist - und dies, obwohl parallel dazu auch die Ansprüche wachsen dürften. [S. 329]
3. Distinktion bei den einen - Anpassungsdruck und Konformismus bei den andern
Während dem also der Kleinbürger wie der Intellektuelle (dem es um Kultur der Kultur wegen geht), beide eher schwach mit monetären Ressourcen (Pinke) versorgt, , auch die Kultur nach den ökonomischen Prinzip organisiert haben möchte, zieht die Oberschicht hier gleich einen Graben:
Barbarei ist, nach der Funktion von Kultur zu fragen; Barbarei ist die Unterstellung, dass Kultur nicht an sich schon von Interesse sei noch das Interesse an Kultur eine Natureigenschaft - übrigens ungleich verteilt, um gewissermassen die Barbaren von den Auserwählten zu scheiden -, sondern ein blosses gesellschaftliches Artefakt, eine besondere und besonders verbindliche Form von Fetischismus; Barbarei ist endlich, nach dem Interessanten an solchen Aktivitäten zu fragen, die man "interesselos" nennt, weil kein eigenes Interesse (kein sinnliches Vergnügen etwa) bieten, und derart die Frage nach dem Interesse am Interesselosen aufzuwerfen. [S. 395]
Gerade der Umgang mit Kultur, ja bereits die Definition dessen, was Kultur sei, zeigt deutlich, dass kulturelle Bildung nicht eigentlich Wissensbestände vermitteln - sondern trennen, diskriminieren will, unterscheiden zwischen Natur und Kultiviertheit, die eben künstlich ist:
Die Natur, gegen die sich hier Kultur konstituiert, stellt nichts anderes dar als alles, was "Pöbel", "populär", "vulgär" und "gewöhnlich" ist. Folglich muss, wer "hochkommen" will, seinen Zutritt zur Sphäre alles dessen, was den Menschen als wahren Menschen auszeichnet, mit einem wahrhaften Wandel seiner Natur bezahlen.
Früher war den Massen der Zugang zur Kunst verwehrt, Musik, Malerei, ja selbst Bücher waren ausschliesslich den Reichen vorbehaltene Vergnügen. Man konnte davon ausgehen, dass die Armen, der "Vulgäre", sich gleichermassen daran ergötzen würden, wäre ihnen nur erst die Möglichkeit zu solchem Genuss gegeben. Heute jedoch, wo jeder lesen, Museen besuchen, ernste Musik zumindest im Radio hören kann, ist das Urteil der Massen darüber zu einer Realität geworden - aber auch sinnfällig, dass grosse Kunst kein unmittelbar sinnliches Vergnügen ist.
Die Kämpfe, bei denen es um das geht, was innerhalb der sozialen Welt zu Glauben, Kredit und Misskredit, zu Wahrnehmung und Wertung, Erkennen und Anerkennen gehört - Name, Ruf, Prestige, Ehre, Ruhm, Autorität-, um das, was symbolische zu verbindlicher Macht werden lässt, betreffen stets nur die bereits "Distinguierten" und die "Aspiranten" auf Distinktion.
Diese künstliche Kultiviertheit lässt man sich was kosten, denn das ist das sicherste Mittel, diejenigen mit weniger Ressourcen auszugrenzen:
Wenn der Geschmack der ersteren nicht immer so weit reicht wie ihre Mittel, so reichen die Mittel der zweiten fast nie so weit wie ihr Geschmack, und dieser Abstand zwischen ökonomischem und kulturellem Kapital verurteilt sie zu einem asketischen Ästhetizismus, (einer tristeren Variante des Lebensstils der Künstler), der von dem "profitiert", was er hat, Antikes durch "Rustikales" kompensiert, persische Teppiche durch rumänische, den Landsitz der Familie durch die restaurierte Scheune, den Besitz von Gemälden durch den von Lithographien (oder Reproduktionen): Alles uneingestandene Surrogate - wie der Schaumwein und Talmi der tatsächlichen Armen-, mit denen der Mangel dem Besitz Tribut zollt. [S. 449]
Das einfache Volk, das populäre Publikum, schätzt Geschichten mit happy end, , einfache Situationen und Charaktere, in denen es sich selbst wieder findet (Lindenstrasse etc.) - oder seine Vorurteile gegenüber "den Mächtigen" nähren kann (also Intrigen wie in Dallas, Denver und dergleichen Schrott)
Bei den Reichen hat Kulturkonsum aber eher den Charakter von Luxus. Indem man zeigt, dass man Überflüssiges (und meist nur mässig Unterhaltsames, aber Zeit Konsumierendes, sich leisten kann, setzt man sich vom Pöbel ab, der nur Geld hat für Produkte, die ihm direkt nützlich erscheinen. Während dem "Angeben" bei der Oberklasse natürlich verpönt ist, da vulgär, muss man doch Repräsentieren, also seinen Erfolg - und seine Kreditwürdigkeit - zur Schau stellen:
Während dem Intellektuelle das Maximum an kultureller Leistung zu den geringsten ökonomischen Kosten suchen, in Theatervorstellungen gehen um zu sehen, nicht um gesehen zu werden, liegt die Sache bei der herrschenden Fraktion ganz anders: für sie ist der "Theaterabend" sowohl Anlass zu aufwendigen Ausgaben wie zur Demonstration dieser Ausgaben. Sie "machen Toilette" (was Zeit und Geld kostet), kaufen die teuersten Plätze in den teuersten Häusern (derselben Logik folgend, nach der sie auch in anderen Konsumbereichen "nur vom Besten" kaufen) und soupieren nach der Vorstellung. Ihr Theater wählen sie nach denselben Grundsätzen wie ihre "Boutique", die auch alle Kennzeichen von "Qualität" zu tragen und vor "bösen Überraschungen" und "geschmacklichen Entgleisungen" zu bewahren hat. [S. 420-21]
Noch deutlicher wird dies beim Konsum von Kulturprodukten, die wirklich Wissen vermitteln (na ja ... sollten), der Presse. Währen dem es sich hier die "Arrivierten" leisten können, sich mit der Lektüre des Blick (Schweizer Analog zur deutschen Bildzeitung) zu begnügen, allenfalls zu wissen, wer in der Neuen Zürcher Zeitung welche Meinung zum neusten Theaterstück vertritt, sind es eher die bildungsbeflissenen Klassen, die wirklich nach Informationen und Wissen suchen, wobei sich diese natürlich ebenfalls über die entsprechende Lektüre zu gewissen Gruppen assoziieren:
Auf der einen Seite stehen die ökonomisch relativ vermögenden Fraktionen, Handwerker und kleine Händler, bzw. Industrielle und Grosskaufleute, die wenig und dann vor allem Massenpresse lesen; auf der anderen Seite die an kulturellem Kapital (relativ) reichen Fraktionen, Angestellte, mittlere Führungskräfte, Volksschullehrer respektive Angehörige freier Berufe, Diplomingenieure, höhere Führungskräfte und Lehrer höherer Schulen und Hochschulen, die viel lesen, gleichermassen Wochenzeitschriften wie überregionale und darunter vornehmlich die "renommierten" Tageszeitungen. [S. 703-4]
Hier wird nun sofort verständlich, warum Bourdieu sich ab und zu derart erfrecht, gegen die Kulturindustrie zu lästern, denn ihr Hauptzweck ist nicht die Förderung der Kultur, sondern die Vertiefung und Legitimierung sozialer Unterschiede:
Diese Oekonomie will hinaus auf eine Gesellschaft, welche die Menschen an ihrer Konsumfähigkeit, ihrem Lebensstandard und - stil ebenso misst wie an ihrer Produktivität. Sie findet ihre entschiedenen Wortführer in der neuen Bourgeoisie er Verkäufer symbolischer Güter und Dienstleistungen, unter den Chefs und Cadres von Tourismusunternehmen, Presse, Film, Mode, Werbung, Innenaustattung und Wohnungsbaugesellschaften. Mit ihren versteckt dekretierenden Ratschlägen und der Lebenskunst, die sie selbst exemplarisch vorleben, dienen die neuen taste-makers eine nur aus Konsumieren, Ausgeben und Geniessen bestehende Moral an. Ihre Befehle, sie sie in die Form von Ratschlägen oder Warnungen kleiden, halten vornehmlich die Frauen, diese bevorzugten Konsumenten und Opfer des Konsums, in Furcht, nicht auf der Höhe der zahllosen Konsumentenpflichten zu sein, die ein "freier" Lebensstil mit sich bringt, und flössen ihnen das Gefühl ein, nicht die dafür unerlässlichen Mittel zu besitzen - ein neues Gefühl moralischer Unvollkommenheit. [S. 489]
Die Sammelsucht - Grundlage jeder bedeutenden Akkumulation von Bildung - tritt überdeutlich im perversen Hang der Jazz- und Filmfans zutage, die, was der kultivierte Genuss per definitionem impliziert, bis an die Grenze, also bis zum Absurden treiben, wenn sie den Konsum des Werkes durch den des Begleitwissens ersetzen, und darüber hinaus in der Erwerbgier aller unermüdlichen Sammler gesellschaftlich bedeutungslosen Wissens. [S. 517]
Die Negation des niederen, groben, vulgären, wohlfeilen, sklavischen, mit einem Wort: natürlichen Genusses (2, 3), diese Negation, in der sich das Heilige der Kultur verdichtet, beinhaltet zugleich die Affirmation der Ueberlegenheit derjenigen, die sich sublimierte, raffinierte, interesselose, zweckfreie, dinstinguierte, dem Profanen auf ewig untersagte Vergnügen zu verschaffen wissen. Dies der Grund, warum Kunst und Kunstkonsum sich - ganz unabhängig vom Willen und Wissen der Beteiligten - so glänzend eignen zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion der Legitimierung sozialer Unterschiede. [S. 27]
Das macht die 80er Unruhen in Zürich im Nachhinein vielleicht am besten verständlich. Allerdings hat sich, trotz roter Fabrik, der Unterschied zwischen hoher Kultur und Volkskultur seither nicht aufgelöst, genau so wenig wie die Trennung zwischen Arm und Reich. Im Gegenteil. Die Mittel der Distinktion werden immer ausgefeilter:
Aus der bisherigen Darstellung ergibt sich, dass ebenso viele Räume für Präferenzen bestehen wie Gegenstandsbereiche stilistischer Möglichkeiten. Ob Getränke (verschiedene Mineralwasser, Weine, Aperitivs) oder Autos, Zeitungen, Wochenzeitschriften, Ferienorte und Ferienformen, Hauseinrichtungen und Gartengestaltung, ganz zu schweigen von politischen Programmen: jedem dieser Bereiche sind jene distinktiven Merkmale beigegeben, mit deren Hilfe die grundlegenden gesellschaftlichen Unterschiede fast ebenso vollständig zum Ausdruck gebracht werden können wie durch die äusserst komplexen und verfeinerten Ausdruckssysteme, die von den legitimen Künsten bereitgestellt werden. [S. 355]
Nebst abstrakter Kunst ist hierfür vor allem die Musik geeignet:
Die Musik ist die reine Kunst schlechthin - sie sagt nichts aus, und sie hat nichts zu sagen. In diesem letztendlichen Fehlen einer wirklichen Ausdrucksfunktion liegt ihr Gegensatz zum Theater, das noch in seinen am stärksten gereinigten Versionen Träger einer sozialen Botschaft bleibt, und nur auf der Grundlage einer unmittelbaren, tiefverwurzelten Übereinstimmung mit den Werten und Erwartungen des Publikums "ankommt". [S. 42]
Aber auch der Sport, was übrigens bereits vor langem Veblen & Sombart festgestellt haben. Welcher Manager traut sich heute noch Zigarren zu rauchen, reichlich und gut zu essen, und zuzugeben, dass er auf Sport sch... Richtig, (fast) keiner. Sportlichkeit gehört längst zum guten Ton, zum neoaristokratischen Begriff von guter Erziehung.
Energie, Mut, Willenskraft, Führungstugenden also (von Armee- wie Unternehmensführung - das war zu jener Zeit in etwa dasselbe) und vornehmlich wohl (Privat-)Initiative, self-help getauft, Unternehmensgeist - sämtlich mit Sport in Verbindung stehenden Tugenden. Erziehung gegenüber Unterricht, den Charakter gegenüber der Intelligenz, den Sport gegenüber der Bildung aufwerten, heisst innerhalb der Welt der Schule eine Hierarchie geltend machen, die sich auf die eigentliche Schulhierarchie, worin jeweils dem zweiten Gegensatzglied Vorrang eingeräumt wird, nicht zurückführen lässt. [S. 162]
Sportlicher Austausch gewinnt hier das Aussehen eines höchst gesitteten gesellschaftlichen Verkehrs, aus dem jedes physische wie verbale Gewaltmoment, jeder anomische Gebrauch des Körpers (Schreie, fahrige und unkontrollierte Bewegungen etc.), vor allem aber jede Art direkten Kontakts zwischen den Gegnern verbannt bleibt. [S. 345]
So kommen als "distinguierte" Sportarten heute vor allem in Frage: Yachtsport, Tennis, Springreiten, Ski, Tourenski als edlere Variante, an separaten und eigens dafür vorgesehenen Orten (Privatclubs), zu Zeiten je nach Wahl, allein oder mit ausgewählten Partnern ... oder allenfalls das Absolvieren eines MBAs.
Diese Sportarten begünstigen die Distinktion auch dadurch, dass sie zum Teil teure Ausrüstung bedingen (oder zumindest zulassen). Wir haben hier die Parallele zum modernen Krieg, den uns die USA im Irak vorgeführt haben: Die Kommandos werden von weit weg gegeben, die Ausführung von Maschinen und anderem technischem Gerät übernommen, und der (relative) Gewinner ist der mit der besten Ausrüstung.
Die Distinktion, aber auch die 3 Stufen der Herrschaft des Starken Mannes, die heute noch vielen autoritätsgläubigen rechten Gesellen als ideale Gesellschaftsstruktur vorschwebt, findet sich bereits bei Iwan dem Schrecklichen (dem Strengen eigentlich) im 15. Jahrhundert:
3.1 Der "Idealzustand" der Gesellschaft: Oberschicht distinguiert - Unterschicht angepasst, assimiliert und streng konformistisch
* Die, welche für "distinguiert", für "besonders" gelten, besitzen das Privileg, sich um ihr Anderssein keine Gedanken und keine Sorgen machen zu brauchen. ... Da wo der Kleinbürger oder der unlängst erst in die Ränge der Bourgeoisie aufgerückte "Parvenu" übertreibt, zeichnet sich die "Distinktion" des echten Bourgeois durch betonte Diskretion, Schlichtheit und understatement aus, durch Verschmähung alles "Uebertriebenen", "Angeberischen", "Prätentiösen", das gerade durch seine Distinktionsabsicht sich dequalifiziert als eine der verabscheuungswürdigsten Formen des "Vulgären" und damit als Gegenteil schlechthin von "natürlicher" Eleganz und Distinktion: der Eleganz ohne Streben nach Eleganz und der Distinktion ohne Absicht zur Distinktion. [S. 388]
Hier würd' ich zu Bourdieus Satz gerne einen Nebensatz beifügen, der den ganzen Bildungsschischigaga entlarvt: Wissen ohne Streben nach Wissen. Das einzig wirklich interessante Wissen für die Elite ist, wie sich ihr Kapital vermehren lässt ... und meist interessiert sie nicht mal das, sondern sie übergeben den Job den Managern, den (mehr oder minder) getreuen Vasallen des Kapitals. Wenn die heutige Geldelite Wissen und Kultur noch fördern, dann nur Wissen, dass sich verkaufen lässt, Kultur, die sich als Wertanlage eignet ... oder eben zur Distinktion beiträgt. Die Elite ist längst postmodern ... sogar wenn sie konservativ ist. Im letzteren Fall überlässt sie einfach die "avantgardistische" Unsicherheit des postmodernen Lebens denen, die eigentlich weder die Mittel noch die Lust haben, sich mit dem Lebensstil rumzuschlagen. Denn, während dem es für die postmodern-flexiblen Herrschaften relativ wurscht ist was wahr und was falsch ist, Hauptsache, es rentiert, hängt die Mittelschicht noch immer an den alten Normen:
Die Kleinbürger machen aus der Bildung eine Frage von wahr und falsch, eine Frage auf Leben oder Tod, und ahnen nicht im geringsten, welche unverantwortliche Selbstsicherheit, Selbstsicherheit, unverschämte Lässigkeit, ja versteckte Unaufrichtigkeit hinter jeder Seite eines "inspirierten" philosophischen, künstlerischen oder literarischen Essais steckt. [S. 518]
Da aber eben die Oberschicht herrscht und die Mittelschicht sich längst daran gewohnt hat, die Befehle von oben zu befolgen, also auch als richtig zu betrachten, suchen sie immer noch nach der "richtigen" (= karriereversprechenden) Orientierung, durch Beobachtung der Elite und Imitation derselben:
Die Dispositionen des Kleinbürgertums, die sich in seiner Beziehung zur Kultur offenbaren - im Konformismus, der sich an Autoritäten und Verhaltensmuster klammert und sich ans Bewährte und als wertvoll beglaubigte hält (Klassiker und literarische Preisträger z.B.), und in seiner Beziehung zur Sprache einer Tendenz zur Überkorrektheit und Rigorismus folgt, die lieber zu weit geht als nicht weit genug und Jagd macht auf (sprachliche wie übrigens auch moralische) Unkorrektheiten und Fehler, bei sich selbst ebenso wie bei anderen-: diese Dispositionen manifestieren sich ebenfalls auf moralischem Gebiet als fast unersättlicher Hunger nach Verhaltensmassstäben und -techniken, mit deren Hilfe die gesamte Lebensführung einer strengen Disziplin unterworfen werden und Grundsätze und Vorschriften zur allseitigen Selbstbeherrschung führen sollen, und auch auf politischem Gebiet als respektvoller Konformismus oder vorsichtiger Reformismus, der das ästhetische Revoluzzertum schier zur Verzweiflung bringt. [S. 519]
Hier finden wir eine Ausdehnung des Autoritarismus, der traditionellerweise bei den untersten Schichten zu Hause war und jeden selbständig Denkenden durch das andauernde: Man muss sich halt anpassen ...glatt in den Wahnsinn treiben kann:
Die Ritualisierung der Praktiken und Äusserungen, die bis zu ihrer Stereotypisierung fortschreiten kann, ist teilweise de sehr strengen Anwendung des Konformitätsprinzips zuzuschreiben; ein älterer Mann, der zu Besuch kommt, darf ein Gläschen nicht abschlagen, eine ältere Frau, die zu kurze Kleider trägt, wird streng, ja grausam (durch alle möglichen Schimpfnamen, Spott hinter ihrem Rücken usw.) bestraft werden. Während die grossen Differenzen zwischen den Klassen kaum wahrgenommen und jedenfalls voll akzeptiert werden ("das ist ein Sonderling", "der ist nicht so wie wir"), weil sie in natürlichen Unterschieden begründet scheinen (die Frau des Arztes "ist geschaffen dafür, elegante Kleider zu tragen), lässt man nicht die geringste Abweichung, die mindeste Extravaganz bei Angehörigen (oder Abkömmlingen) der unteren Klassen durchgehen, weil die Differenz hier nur dem Wunsch entspringen kann, anders zu sein, sich der Zugehörigkeit zur Gruppe zu entziehen oder diese zu leugnen. [S. 597]
Dieser Konformismus schützt die Gesellschaft vor Brüchen, allerdings oft vor Brüchen, die besser endlich wahr genommen und "behandelt" würden.
Das sehr üble Fazit, das sich aus diesen Zusammenhängen ergibt lautet:
Fackelträger der Macht sind nicht die Mächtigen selbst,
sondern ihre
Lakaien und Nach(kl)äffer,
die Kleinbürger.
Die Unterwerfung der Massen unter das Urteil einer selbsternannten Elite von (Pseudo-)Kulturschaffenden steht mit der Anforderung einer multikulturellen Gesellschaft diametral im Widerspruch. Dass dieser Widerspruch, wie derjenige zwischen der "verlorenen Generation" und der, die das traditionell kleinbürgerliche Karrieredenken begründet hat, nicht zu mehr Krawallen führt, liegt vermutlich nicht an zu wenig, sondern an zu viel Anpassung an die moderne Form der Klassengesellschaft:
Ueber Geschmack streitet man nicht - nicht weil jeder Geschmack natürlich wäre, sonder weil jeder sich in der Natur begründet wähnt - was er, als Habitus, ja auch gewissermassen ist -, mit der Konsequenz, den anderen Geschmack dem Skandalon der Gegen-Natur zu überantworten, ihn als abartig zu verwerfen. Vermutlich stellt die Aversion gegen andere unterschiedliche Lebensstile eine der stärksten Klassenschranken dar. [S. 105-6]
Zweitens zeigt der Satz eine Tatsache, derer man sich viel zu wenig bewusst macht, die aber einiges erklärt: Die, welche für "distinguiert", für "besonders" gelten, besitzen das Privileg, sich um ihr Anderssein keine Gedanken und keine Sorgen machen zu brauchen. Die andern offenbar schon ... denn die werden zu Aussenseitern erklärt, belächelt, abgeschoben, isoliert. Die Macht und das Recht die Gesellschaft zu verändern, indem man andere Vorbilder setzt, wird dadurch ebenfalls auf die Reichen konzentriert. Ein Modell dessen Erfolg sich am "besten" anhand der SVP zeigt - obwohl das Modell ganz klar auf "Dinstinktion" (= Diskrimination) setzt, also nur wenigen an der Spitze zu gute kommt..
Martin Herzog, Basel, 17.2.06