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Martin Herzog

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Betreffend. INGENIEURE s. auch:

Die Ingenieure, ihre Ausbildung und ihr Arbeitsmarkt

Nach: www.ingch.ch  - Ingenieure für die Schweiz von morgen (Rütter und Partner) & Memorandum des Ingenieursdialogs: Zukunftssicherung des Ingenieurswesens in Deutschland. Berlin, Mai 2001 www.bundesingenieurkammer.de/user_files/010511ingmemo.pdf 

Wenn wir den Aufbruch ins 21. Jahrhundert meistern wollen, brauchen wir mehr denn je ein technik- und wissenschaftsfreundliches Klima in unserer Gesellschaft.

[Roman Herzog]

Den Ingenieurswissenschaften kommt hierbei eine Schlüsselstellung zu, weil sie zwischen den (naturwissenschaftlichen) Grundlagen und der (praxistauglichen) Anwendung angesiedelt sind.

In der Vergangenheit sind Probleme häufig alleine anhand ihrer technischen Komplexität bewertet und verstanden worden, statt im grösseren Zusammenhang zwischen Mensch, Maschine, Technik, Kultur und Umwelt. Auch wenn die Ingenieure nicht selbst über den Einsatz ihrer Produkte entscheiden, so beinflusst ihr Handeln und Unterlassen die Gesellschaft doch in erheblichem Masse.

Ingenieuren hilft keine Ansammlung von Wissen. Sie müssen Wissen zur Lösung von Problemen effizient einsetzen können und dabei unterschiedliche Geschäftsprozesse, Produkteanbieter, Betriebs- und Branchenkulturen effizient vereinen können

Die excellente Ingenieursausbildung in Deutschland und der Schweiz geniesst Weltruf. Ingenieure und Ingenieurinnen haben mit ihren Arbeitsleistungen zu einem wesentlichen Teil zum wirtschaftlichen Wachstum und zum technischen Fortschritt beigetragen.

Während von 1993 bis 95 die Studienzahlen drastisch sanken, steigen sie seit 98 wieder an. Während allerdings Diplome generell um 16% zunahmen, waren die Zunahme bei den technischen Wissenschaften nur 2%, also unterdurchschnittlich. Da die Maturitätsquote seit 1992 von 15% auf 19% stieg und 1994 die Berufsmaturitäten eingeführt wurden, besteht ein gutes Rekrutierungspotential.

Anforderungen: Das Wissen des Ingenieurs umfasst nebst: solidem, anwendungsfähigem mathematisch-naturwissenschaftlich-technischem Grundlagenwissen auch Betriebswirtschaft und unternehmerische Fähigkeiten.

Der Ingenieur muss Zusammenhänge erkennen können, zur Arbeit in interdisziplinären Arbeitsgruppen fähig sein und Projekte leiten können. Die zu spezielle Ausbildung und fehlende Breite erschwert dies oft und führt dazu, dass Ingenieure, was Karriere und Lohn betrifft, weit hinter den Betriebswirten und Kaufleuten anstehen müssen, die ihre Produkte verkaufen. Der Ingenieur war lange Zeit der technische Experte, dessen akademische Qualifikation ihn zu Anweisung und Kontrolle anderer berechtigte und dessen Tätigkeiten kaum zu kontrollieren waren. Markt- und kundennahe Funktionen spielten bei dieser Aufgabenstellung kaum eine Rolle. Trotz (oder wegen?) langem und schwierigem Studium hat die Vermittlung von Team-, Führungs- und Kommunikationsfähigkeit bislang keinen festen Platz in der Ingenieursausbildung gefunden. Es dominieren rezeptive Lernformen, d.h. präzise Aufgabenstellungen sind nach vorgegebenen Methoden abzuarbeiten. Der harte Ausleseprozess anhand von mathematisch, naturwissenschaftlich-theoretischen Fachkenntnissen in der ersten Studienhälfte und die praxisferne Vermittlung von abstraktem Grundlagenwissen lassen für selbstorganisierte, kreative Lern- und kollektive Arbeitsprozesse kaum Luft.

Auch höchste Spezialisierung ist nicht immer von Vorteil, denn anders als Grossunternehmen mit ausgeprägter interner Arbeitsteilung benötigen kleinere und mittlere Unternehmen, die zur Zeit den dringendsten Ingenieurbedarf aufweisen, Allround-Techniker, die auf sich gestellt, ohne lange Einarbeitung verschiedene Rollen und Funktionen eines Ingenieurs im Betrieb übernehmen und problemorientiert arbeiten können.

Einsatzgebiete der Ingenieure

In Deutschland ist jeder fünfte Hochschulabschluss ein Ingenieursdiplom, in GB jeder siebte, in den USA jeder vierzehnte. Mit 1 Million Beschäftigen (2/3 in Anstellungsverhältnis) handelt es sich um die grösste Akademikergruppe in Deutschland.

In der Schweiz studieren zur Zeit rund 8000 von 84'000  Studenten ein technisches Fach auf universitärem Niveau, und die Hälfte der 20% Absolveten der Fachhochschulen

In der Schweiz nahm der Anteil der technischen Ingenieure an akademischenDiplomen von 12% 1990 auf  10% heute ab, und wird in den nächsten 7 Jahren um einen weiteren Prozentpunkt nachlassen - es sei denn, man beziehe wie INGCH die Entwicklung der Informatik hier mit ein.

Einen starken Anstieg verzeichneten in den letztenJahren vor allem die Wirtschaftswissenschaften (+ 32% gegenüber 1992), die Sozial- und Geisteswissenschaften (+22%), die Naturwissenschaften (+ 18) - währende die technischen Wissenschaften nur unterdurchschnittlich, um 7%, zugenommen haben.

Medizin und Pharmazie verzeichneten sogar einen Rückgang um 11%! http://www.statistik.admin.ch/stat_ch/ber15/prev_et/princip_res_d.htm
Gemäss einem Szenario des Bundesamtes für Statistik (BFS) wird die Zahl der Studierenden an den universitären Hochschulen (UH) der Schweiz bis 2010 auf 113'000 zunehmen (2001: 99'600). Auch in den Bereichen der Fachhochschulen (FH) im Zuständigkeitsbereich des Bundes wird die Anzahl Studierender auf dem Niveau Diplomstudium zunehmen und 2010 insgesamt 26'000 Personen erreichen (2001: 19'300).
Die Anzahl erteilter Abschlüsse in der Informatik, sei das nach einer Lehre oder nach einem Studium auf Tertiärstufe, dürfte 2010 ungefähr 6000 Einheiten erreichen (Jahr 2000: 2150).
 

 

Probleme

Das Batelle Institut prognostizierte 1975, dass 1990 jeder dritte Ingenieur und Naturwissenschafter keine seiner Ausbildung entsprechende Tätigkeit finden werde - während die Fachverbände für den Ingenieursberuf mit seiner hohen Arbeitsplatzsicherheit, guten Verdienst- und Aufstiegschancen warb und sich besorgt zeigte, dass stagnierende oder sogar rückläufig Absolventenzahlen zu verstärkten Rekrutierungsproblemen führen könnten. Die dissidente Meinung des AIN damals: Es herrscht weder Mangel noch stimmt es mit der Bezahlung. Es sitzt der graduierte Ingenieur gesellschaftlich in der Klemme, da er weder dem erlauchten Kreis der Akademiker noch dem Stand des Facharbeiters oder Meisters zugerechnet wird.

Die Arbeitslosenquote beträgt in Deutschland unter den Ingenieuren 5% (50'000), ist also halb so hoch wie der Durchschnitt. Bei den älteren ab 45 ist allerdings bis zu ein Drittel arbeitslos!

Auf der andern Seite die Gefahr, dass die Nachfrage nicht mehr gedeckt werden kann und Ingenieursmangel zur Innovationsbremse wird. "Angesichts der Unwägbarkeiten des Arbeitsmarktes reichen - wie auch eine Studie der TA-Akademie Baden-Wüttemberg zeit - Arbeitsmarktargumente allein nicht aus, um zu einem Studium zu motivieren. Anstrengungen nötig, um bei den Jugendlichen nebst naturw./techn. Unterricht auch das Interesse für die Beschäftigung mit der Technik in der Freizeit geweckt wird. www.elektrotechnik.de/arbeitsmarkt/berufswelt/artikel/02007a.htm 

Zur Zeit ist die Ingenieursknappheit in Deutschland reell geworden, trotz 4.5 Millionen Arbeitsloser. Von Universitäten und Hochschulen kommen zur Zeit nur 40'000 pro Jahr, obwohl 50'000 gebraucht würden und mit Steigerung der Nachfrage gerechnet wird. Das Problem ist, dass die Produktionsunternehmen an billige Standorte gehen, also im Norden oder Osten, die Ingenieure aber aus Baiern oder Baden-Württemberg eben absolut keine Lust haben, dorthin umzuziehen ... um für tiefe Löhne zu arbeiten. Also droht man vorsorglich mit einer Verlagerung nach Indien und China. Hier wird ein weiteres Problem des Standortwettbewerbs klar: Er macht ganz offensichtlich die Bürger zu Abhängigen, wie vor hundert Jahren die Gärtner und Kotsassen an ihre Grundherren gebunden waren, so heute die Arbeiter (incl. Ingenieure) and das vagabundierende Kapital.

 

Weiterbildung (s. www.think-ing.de) :

Die Erstausbildung prägt zwar nach wie vor den Berufseinstieg, sie reicht aber immer weniger für die Sicherung der beruflichen Laufbahn bis zum Altersruhestand. Die neuen Komptenzanforderungen liegen häufig jenseits der Lehrinhalte der herkömmlichen Ingenieursausbildung; Arbeitszusammenhänge einer globalisierten Wirtschaft verändern und internationalisieren das Berufsbild des Ingenieurs: Kommunikations- und Teamfähigkeit, Konfliktlösung, Entscheidungsfähigkeit, Führungsfähigkeit, Projektmanagement, ausgeprägte Diensteistungsorientierung, Sprach- und Kulturkenntnis.

 

Die gegenwärtige Entwicklung der Ingenieursausbildung an universitären und Fach-Hochschulen

Nebst der Informatik (deren Nachwuchs zu einem ungünstigen Zeitpunkt in den Markt kommt), werden an den UH vor allem die Fachbereiche Kommunikationssysteme, Microtechnik, Elektroingenieurwesen, Betriebs- und Produktionswissenschaften und Chemieingenieurwesen steigende Absolventenzahlen aufweisen für 2002-2005.

Am stärksten unter Druck geraten sind die Bauingenieure, deren Zahl von 1992 bis 2001 an den UH von 190 auf 122, bei den FH von 266 auf 199 gesunken ist. Eine ähnliche Entwicklung, z.T. noch verherender, ist bei den Elektroingenieuren zu beobachten, deren Ausbildung sich offensichtlich sehr stark an die FH verlagert hat.

Wird Informatik jedoch integriert, und Land- und Forstwirtschaft ausgeschlossen (s. http://www.ingch.ch/ - sehr gute Uebersicht), so ergibt sich eine überdurchschnittliche Zunahme um 24%. Steigende Zahlen vor allem in Informatik, Chemieingenieurwesen, Mikrotechnik und Kommunikationssysteme. Fallende bei Elektro- und Bauingenieuren, Kulturtechnik/Vermessung.

An den Fachhochschulen entfällt ein grosser Teil der Abschlüsse auf Informatik, Elektroingenieur- und Maschineningenieurwesen. Die Absolventenzahlen sind hier doppelt so hoch wie bei den universitären Hochschulen, was allerdings bei weitem kein optimales Verhältnis darstellt. Wurde für Deutschland ein idealen Verhältnisses von 1:4 (UH/FH) formuliert, das heute bereits bei 1:2.3 liegt, so startet die Schweiz bereits dort.

Steigende Absolventenzahlen zeigen sich für  Telekommunikation, Automobil-, Holz- und Systemtechnik ab, sinkende bei Bauingenieurwesen, Vermessung/Kulturtechnik, Biotechnologie und Drucktechnik.

Da es sich um technische Berufe handelt, sind die Frauenanteile meist sehr gering, nahmen aber an den UH (universitäten Hochschulen) seit 1992 von 16% auf 24% zu, an den FH von 6% auf 10%

Der generelle Trend weg vom Ingenieursstudium wurde und wird nur durch die Informatik aufgehoben, sofern man diese zu den Ingenieurswissenschaften zählen will. Diese erziehlte alleine in den letzten vier Jahren eine Verdoppelung bei den UH, eine Verdreifachung bei den FH.

Die grössten Ausländeranteile (Attraktivität für ausl. Studenten) wies 2001 die Fachrichtungen Systemtechnik (14%), Holztechnik (12%), Bauingenieurwesen, Architektur/Planung und Vermessungswesen auf.

Auffällig ist vielleicht auch der geringe Bedarf an Biotechnologen. In Anbetracht der Absicht der ETH,  viel Ruhm und Ehre auf dem Gebiet zu erhaschen, scheint die Wirkung dieses Zukunftssektors auf den Arbeitsmarkt  doch eher mässig.

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Rheinfelden, 23.02.03