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Max Weber: Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland.

Der Versuch, politisch eine gerechte Landverteilung zu ermöglichen

[1892. Im Auftrag der Kommission für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. (Hrsg. Baier, Lepsius, Mommsen, Schluchter, Winckelmann. Abtlg. 1: Schriften und Reden. Band 3. 2. Halbband. Martin Riesebrodt (Hrsg.). J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen. 1984. 1064 S.]

& Max Sering: Die innere Kolonisation im östlichen Deutschland. Schriften des Vereins für Socialpolitik. Bd. LVI. Duncker & Humblot. Leipzig. 1893

Weber hat Jurisprudenz studiert, bewegte sich aber bereits bei seiner Dissertation: Die römische Agrargeschichte in ihrer Bedeutung für das Staats- und Privatrecht. [Ferdinand Enke. Stuttgart. 1891] vom Rechtlichen eher zum Historisch-Wirtschaftlichen. Er interpretiert in der Folge die wirtschaftlich-soziale Situation in Ostelbien auf Grund seiner Kenntnis der römischen Landwirtschaft um einiges kritischer als es ein historisch unbedarfter Beobachter tun würde. Wird heute noch mit den gegensätzlichen Begriffspaaren Diktatur/Sklaverei auf der einen, Demokratie/Freiheit auf der andern Seite argumentiert, erkannte Weber bereits vor 100 Jahren, dass sich Abhängigkeit weitaus günstiger durch Proletarisierung schaffen lässt als durch Sklavenhaltung ... was übrigens bereits den Römern klar war:

Definitionen alter landwirtschaftlicher Fachausdrücke betr. Anstellungsverhältnisse:
  • Kossäten, Häusler: Angehörige einer unterbäuerischen Schicht in Brandenburg und Mecklenburg, vergleichbar mit den Köttern, Kätnern und Kotsassen in NW-Deutschland, den Gärtnern im sächsisch-schlesischen Raum und den Seldnern in Schwaben. Diese Höfe lagen meist eingeklemmt zwischen grösseren, oder gar ausserhalb der Fluren, also am Rande des Dorfgebietes. Die Grösse von  ca. 1 ha reichte auch damals meist nicht aus, den Lebensunterhalt zu decken und verlangten Zuerwerb durch handwerkliche Arbeit oder im Tagesdienst der Bauern- und Herrenhöfe. Lange Zeit wurde diese Diskriminierung damit begründet, dass es sich um Slaven handle, die den Dörfern als Hintersässen dienten. Heute wird diese Schicht präziser als Hufner bezeichnet. Aber auch die einheimischen Kossäten wurden mit einiger Absicht nur mit unzureichend Land versehen, denn die sollen auf dem Land des "Lehensgebers" arbeiten und nicht bloss auf dem eigenen.
  • Freistellenbesitzer: Mit 2-3 ha konnten diese von ihrem Hof "prekär" leben, waren also relativ frei, sich anderweitig zu verdingen oder bescheiden frei zu bleiben.
  • Instbauer (Hoftagelöhner, Dreschgärtner, ....): 15 ha

Allein die ausschliessliche Verwendung von Sklaven hatte selbst bei einer auf Sklavenarbeit wesentlich gegründeten Betriebsweise wesentliche Nachteile. Varro rät deshalb, an ungesunden Stellen freie Arbeiter zu verwenden, da deren etwaige Erkrankung und Tod den Herren nicht zur Last falle. ... Soviel Sklaven halten zu müssen, wie in der Erntezeit erforderlich waren, bedeutete eine monatelange Fütterung unbeschäftigter Arbeitskräfte.

Columella empfiehlt ferner, die Sklaven grundsätzlich bis zur totalen Erschöpfung arbeiten zu lassen, da sie alsdann nachher nur noch an den Schlaf und nicht an andere Dinge denken.

Der römische Prekarist war wohl kein Pächter in unserem Sinn, sondern ein ländlicher Arbeiter, der vom Gutsherrn jederzeit kündbar mit einer Parzelle belehnt war.

 S. 236 ff

Dieses Proletariat wurde sogar dazu angehalten, den eigenen Sklavennachwuchs zu garantieren, indem man Frauen die Kinder gebaren Vergünstigung gewährte (Arbeitsfreiheit), ihnen ev. sogar Freilassung versprach.

Obwohl bereits die Römer in der ihnen bekannten Welt "globalen" Handel betrieben, basiert die antike Wirtschaftsgeschichte, bis hin zum Merkantilismus, auf der Autarkie des Oikos. Man wollte nie die Kontrolle über "das Haus" verlieren. Dennoch wurden bereits damals die selben Ansätze genutzt die uns heute noch Probleme (Arbeitslosigkeit, Verlagerung der Kosten für saisonale Arbeitslosigkeit auf den Staat, d.h. die Gemeinschaft) schaffen, vor allem die Auslagerung von Wirtschaftsprozessen (outsourcing), ja ganzen Betriebsteilen (Restrukturierung). So wurde bereits zur Römerzeit die Wein- und Ölernte gerne an Geschäftsleute vergeben, die diese dann mit billigen, kurzfristig aufgebotenen Arbeitskräften erledigten.  Die "Arbeit auf Abruf" gab es also bereits zur Römerzeit - als billigen Ersatz für Sklaverei.

Webers erste grosse Arbeit, die sein Denken und seine Arbeit stark geprägt hat, befasst sich mit der Lage der Landarbeiter in Ostelbien, das damals intensiv vom Deutschen Reich "kolonisiert" wurde. Das als "Ostelbien" bezeichnete Gebiet umfasst die 6 Provinzen: Ost- und Westpreussen, Pommern, Posen, Schlesien, Brandenburg - also alles Landschaften die nach dem 2. Weltkrieg zu Ostdeutschland oder Polen kamen. Die Ostmark war bereits damals das Armenhaus Deutschlands, lange vor dem kommunistischen Experiment.  Die wirtschaftliche Probleme des späteren Ostdeutschlands (und Polens), und vermutlich die Begründung, warum man sich auf dieses Experiment überhaupt einliess,  reichen also weit ins 19. JH zurück. Um zu verstehen, wer oder was hier "kolonisiert" wurde, müssen wir uns erst mal die Geschichte Polens ansehen, an das ja weite Teile Ostelbiens nach dem1. und insbesondere 2. Weltkrieg wieder zurückfielen.

 Im10--11. JH n.CHr. erstreckte sich Polen bis an die Nordsee (Pommern), und über die Oder-Neisse-Linie (+ Schlesien). Es hatte in der Folgezeit nicht nur die Tatarenzüge im Osten abzuwehren, sondern wurde im Norden bald durch Eroberungen (Pruzzen, später Ostpreussen, inkl. Estland, Lettland, Litauen) des Deutschen Ordens (bis 1410, Schlacht von Tannenberg), später der Deutschen Hanse, welche die Ostsee bis nach Nowgorod beherrschte, bedrängt, ja in die Zange genommen.  Eine von Südwest (Guben, Grossen, Posen ..) nach Nordost (Kulm, Graudenz, Marienwerder) laufende Kette von Städtegründungen, trieb einen Keil durch das nördliche Polen und einen weiteren entlang seiner südlichen Gemarkung.

Dennoch umfasst Polen Ende des 15. JH. wieder die Städte Zips Breslau, Danzig bis Königsberg, stösst im Südosten, in der Moldau, direkt auf die Grossmacht der Türken und gerät im Nordosten in Disput mit der wachsended Macht Russlands. 1512 gehören Mähren, Schlesien, die Lausitz, Brandenburg und Pommern zum Deutschen Reich. Während Böhmen und Mähren an den Reichsteil Österreich fallen, verbleiben Vorder- und Hinterpommer, wie Ost- und Westpreussen, nach wie vor beim Deutschen Reich.

1. Landloses Proletariat - Industrie absorbiert alle Arbeitskräfte

1895 bis 1890 verlor die Region 873'000 Einwohner durch Auswanderung in die Städte wie in die USA. Webers Untersuchung Ostelbiens schliesst Berlin und die Hansestädte aus, denn sozial drängender sind die Probleme auf dem Lande. Obwohl die Löhne in der Nähe der Gruben und Fabriken um ca. 75% höher sind als in rein landwirtschaftlichen Distrikten, grassiert hier Arbeitslosigkeit, während auf dem Lande Mangel an Arbeitskräften herrscht. Wir sehen bereits hier das Problem der Produktivität. Nicht alle Sparten können die Produktivität beliebig steigern, aber alle möchten dort arbeiten, wo die Produktivität am höchsten ist, denn dort sind auch die Löhne am höchsten. Dummerweise sind die Löhne dort aber meist so hoch, weil die Profite nur unter wenigen geteilt werden müssen. That's all the secret. (s. Leistung-s-Lohn).

Während die Grossstädte und Industriebezirke in ihren überfüllten Quartieren eine wachsende Reservearmee ansammeln, welche kaum in den Zeiten des höchsten gewerblichen Aufschwunges vollständig Beschäftigung findet und die Lebenshaltung der übrigen Arbeiter herabdrückt, gebricht es den weiten Flächen der östlichen Ackerbaudistrikte an Menschen, welche sie bestellen und abernten, stehen tausende von ländlichen Arbeiterwohnungen leer. ... Es ist eine alljährlich wiederkehrende Erscheinung, dass die Ernte nicht rechtzeitig eingebracht werden kann, das Heu auf den Wiesen verdirbt und die Kartoffeln über Gebühr lange im Acker liegen bleiben. ... Die Entvölkerung der Landdistrikte unterbindet zugleich mehr als die russische Zollgrenze die kommerzielle und industrielle Entwicklung des Ostens: Handel und Industrie entbehren des Rückhaltes einer dichten und wohlhabenden Landbevölkerung. [Sering S. 8]

 In den Städten besteht neben der grösseren Ungebundenheit der Existenz doch die Möglichkeit, durch besonders tüchtige Leistungen relativ bedeutende Einnahmen zu erzielen. Sering S. 15

Wie im Süden die Übervölkerung und die proletarische Verfassung vieler Kleingrundbesitzer, so ist im Osten die Wurzel jener Vorgänge ein gesellschaftlicher Zustand, welcher die grosse Menge der Bevölkerung von der Teilnahme am Grundeigentum gänzlich ausschliesst. Sering S. 9

Die Aufteilung der Gemeindeweiden und -Waldungen und die Ablösung der sonstigen gemeinsamen Nutzungen entzogen zahlreichen Arbeitern ein nicht genug zu würdigendes Kapital, die Grundlage ihrer kleinen Wirtschaft, die Möglichkeit der eigenen Viehhaltung. In den Ablösungs- und Entschädigungsberechnungen erschienen jene Nutzungen nur mit dürftig kleinen Summen. Sering S. 10

Mit der Liberalisierung von Politik und Wirtschaft verschwanden die alten Gesetzt, die den Handel mit Landwirtschaftsland beschränkt, wenn nicht gar verboten hatten. Die Aufteilung der Landwirtschaftsflächen blieb so lange verboten, da die Abhängigkeit der Existenz von einer minimalen Fläche seit dem Alten Testament bekannt ist, und darum die Erbteilung durch Erst oder Letztgeborenen-Vor-Recht meist verhindert wurde. Dass Liberalisierung nicht nur zusätzliche Freiheiten, sondern damit meist auch neue Un-Ordnungen schafft, zeigt die diskutable Wirkung der Raider, damals noch Güterschlächter genannt.

Der Staat sah es damals noch als seine Aufgabe an, den Misswüchsen entgegen zu treten und den Ausschluss immer weiterer Volksteile aus der Wirtschaft zu verhindern. Was heute (mit eben so wenig Erfolg) durch Bildung versucht wird, wurde damals durch Landumverteilung und Kolonisation versucht: Für den Staat handelt es sich darum, im Gesamtinteresse eine sociale Ordnung herzustellen, welche die vorhandenen Besitzunterschiede und Klassengegensätze mildert und die Ursache der Entvölkerung der östlichen Provinzen mit allen ihren schädigenden Nebenwirkungen beseitigt. [Sering S. 16]

Es waren aber nicht nur Ausschluss und die sich bereits damals verstärkende ungleiche Verteilung auf viele Arme - wenig Reiche, die dazu Anstoss gaben, sondern der generelle Drang nach mehr persönlicher Freiheit: Die Eindrücke, welche im Militärdienste gewonnen werden, die neuerdings wesentlich erhöhte Schulbildung und die Verleihung politischer Mitbestimmungsrechte habe in der gleichen Richtung (wie Aufhebung der Gutsuntertänigkeit, Abschaffung der patrimonialen Gerichtsbarkeit etc.) gewirkt und ihre Lebensansprüche ungemein gesteigert. Jener Drang, aufzusteigen und unabhängig zu werden, ist es, der die Arbeitsverfassung der östlichen Güter sprengt, der die Besten und Energischsten aus dem Lande treibt und den Landdistrikten die Krüppel, die Greise, die Indolenten zurücklässt. [Sering S. 14]

Weber (wie Sering) stellen vor allem eines fest, das heute total untergegangen ist, also als Problem der Entwicklung nicht mal mehr diskutiert wird: Es fehlt an Perspektiven, an Entwicklungsmöglichkeiten, an Visionen, an Utopien:

Alles in allem ergeben die selbständigen Arbeiterkolonien ein wenig erfreuliches Bild. Selbst da, wo sie verhältnismässig günstig situiert sind, d.h. reichliche Arbeitsgelegenheit und die Auswahl zwischen verschiedenen Arbeitgebern besitzen, leiden sie an dem Kardinalfehler, dass ihnen der selbständige und wohlsituierte Mittelstand fehlt. Alle Einwohner stehen auf der selben Stufe der Dürftigkeit, keinerlei Ausblick auf eine freiere und bessere Zukunft erleichtert die täglich gleiche Arbeitsmühe; dem Streben, durch Fleiss und Tüchtigkeit voranzukommen, ist ein ausreichendes Ziel nicht vor Augen gestellt. Nach wie vor ist der Arbeiter in solchen Kolonien gesellschaftlich isoliert; die Kluft, welche ihn vom Bauer und Grossgrundbesitzer trennt, ist keineswegs überbrückt.

Beide geben wenig auf sozialistische oder gar kommunistische Lösungsansätze, da solche in den USA (!!!) bereits mit mässigem Erfolg ausprobiert worden waren:

Die Leute in den Arbeiterkolonien erinnern in vielen Zügen an die Einwohner von Kommunistengemeinden , die Verfasser in Nordamerika besucht hat. (sic) Da geht es den Leuten in materieller Hinsicht meist ganz gut - so lange sie sich den Befehlen der Gemeindeoberen freiwillig fügen. Es liegt aber etwas Gedrücktes, Trauriges, Unfreies auf solchen Gemeinwesen, es fehlt die urwüchsige Kraft und Eigenart der rechten Bauern oder Farmern Sering S. 120-21

Sie setzen, was auch der Wunsch nach einem stärkeren Mittelstand ausdrückt, auf eine stetigere Verteilung, also auf Pareto, in der Auf- oder Abstieg nicht durch Klassenschranken verhindert wird, sondern in kleinen, einigermassen stetigen Schritten möglich ist. Allerdings, und hier sind ihre Arbeiten weitaus interessanter als die der modernen Ökonomie, die nur Augen hat für "Gross" und "Oben", analysiert der Socialverein sie primär die Bedingungen von unten her:

Zuerst hausten viele der Kolonisten in Erdlöchern, wie man das heute noch in neuen Kolonien Westpreussens vereinzelt und auf der nordamerikanischen Prärie im grossen sehen kann. Dann wurden ganz einfache Gebäude mit Lehmwänden und Strohdächern errichtet und später zum grossen Teil massiv unterfangen und massiv gedeckt. S. 117

Die Kolonisten könnten ihre Pacht erschwingen, weil sie sich eben durchhungerten, und er müsste gestehen, dass das die Polen noch besser könnten als die Deutschen, die übrigens in den Kolonien überwiegen. Unter allen Umständen müsste man einheimische Leute nehmen; die wüssten sich am besten durchzuschlagen.

Es wird wenige geben, die glauben, dass das geschilderte Vorgehen einen Weg zur Lösung der Arbeiterfrage bezeichne, wohl auch, dass es jener Herrschaft gelingen wird, mit Hilfe ihrer wohl klausulierten Verträge sich dauernd einen Stamm von unterthänigen Leuten sichern zu können.

1.1 Vom teuren Sklaven zum selbstverantwortlichen Proleten: Anbindung ohne Verpflichtung

 

Die oben definierten Anstellungsverhältnisse der Bauern waren klare Abhängigkeitsverhältnisse, die nicht nur Nicht nur Dienstmann (Kossäte bis Instman) in Abhängigkeit des Lehensgebers brachten, sondern gleichzeitig auch dessen Frauen und Kinder (Kinderarbeit ab 8-11 Jahren war häufig), wie oft noch weitere Untertanen, die zu noch schlechteren Bedingungen wiederum im Dienste dieser Lehensnehmer standen:

Es ist der Thatbestand des römischen precarium und ein Wideraufleben bezw. eine Fortexistenz urältester Formen der proletarischen Landleihe, welche wir vor uns sehen, zwar in modernisierter Form, aber im Grundgedanken in vollendeter Reinheit: nicht als Arbeitslohn wird das Land gegeben, - ... - sondern nur die Ständigkeit der Arbeit, das Moment, dass der Arbeiter sich dauernd, wenn nicht rechtlich, so thatsächlich bindet, dem Herrn seine Arbeitskraft zur Verfügung stellt, mit andern Worten, dass er sich in ein Herrschaftsverhältnis begiebt, wird durch die Beleihung mit Land entgolten. [S. 893-94.]

Auch heute scheitert manche Bewerbung, vor allem von "Überqualifizierten" daran, dass der potentielle Arbeitgeber an deren rechten Willen zur Unterwürfigkeit unter seine Herrschaft zweifelt.

Allein namentlich in den intensiver und besonders in mit Hackfrüchten bewirtschafteten Gegenden ist die Mitarbeit der Ehefrau auch bei den freien Taglöhnern sehr oft die Regel und bei den abnorm niedrigen Löhnen auch notwendig. Die Ehefrauen der grundbesitzenden Tagelöhner suchen sich der Mitarbeit möglichst zu entziehen. S. 602 (aha ... es waren also nicht bloss die bösen Männer, welche ihre Frauen beherrschen und zu Hause einsperren wollten.)

Die Möglichkeit, eine zweite Arbeitskraft zu stellen und doch - ein unerlässliches Erfordernis gesunder Wirtschaft - die Frau nicht zu dauernder Arbeit ausserhalb des eigenen Haushaltes zu zwingen, ist bedingt durch die Erhältlichkeit von Dienstboten und das Verbleiben der eigenen Kinder im Elternhause. Beides schwindet in zunehmendem Masse und zwar unzweifelhaft zufolge dauernd wirksamer Ursachen. Bei Stellung nur einer Arbeitskraft aber würde eine Gewährung derjenigen Emolumente, welche die charakteristische Stellung des Instmannes begründen, zu einer ganz ungemeinen Verteuerung dieser ohnehin kostspieligen Klasse von Arbeitskräften führen. Das Instverhältnis in seiner jetzigen Gestaltung hat keine Zukunft.

Obwohl die Getreidepreise stiegen, verschlechterte sich die Situation der Mehrheit der Bauern, da die Grundherren in der Situation natürlich ihr Land wieder einzogen und lieber selber nutzten - und zugleich den Lohnanteil an Naturalien, also in dem Falle den Dreschanteil, entsprechend reduzierten. Fielen dazu auch noch die Schweinepreise oder war ein schlechtes Jahr, blieb vielen nichts anderes übrig, als in der Industrie Arbeit zu suchen. Im Vergleich zum Landarbeiter war die kümmerliche Situation der Industriearbeiter als glücklich zu betrachten.

Wo mit intensiver Betriebsweise erhebliche Kapitalien dem Wirtschaftsbetriebe zufliessen und die ökonomische Machtstellung des Arbeitgebers steigt, hat er das naturgemässe Bestreben, die für den Wirtschaftsbetrieb höchst hinderliche und "irrationale" Naturallöhnung zu beseitigen und, da er dazu imstande ist, den Arbeitern den ihnen selbst zunächst erwünschteren Geldlohn zu zahlen. Jeder bürgerliche Grundbesitzer, der mit Betriebskapital nach Ostpreussen kommt, sich ankauft und den Betrieb in diesem Sinne "rationell" umgestaltet, legt Bresche in das alte System und trägt, er mag wollen oder nicht, zur Proletarisierung der Landarbeiterschaft bei. - Zwischen natürlichen wirtschaftlichen Gegnern giebt es eben nur den Kamp, und es ist eitler Wahn, zu glauben, dass eine Stärkung der ökonomischen Macht der einen Partei der socialen Position der anderen zu Gute kommen werde.  [S. 902]

Diese Entwicklung belegt das Gegenteil dessen, was heute als Ansporn allgemein verbreitet wird: Bessere Qualität des Bodens, der Bewirtschaftung, (also höhere Produktivität) kommen so nur den Eigentümern, den (Boden)kapitalisten, nicht aber den Arbeitern zu. Dass Steuererleichterungen für die Reichen den selben Effekt haben ....

Die Ursachen des Problems waren aber in etwa die selben:  Restrukturierung, Erhöhung der Produktivität, Heranziehen nicht ständig beschäftigter Saisonarbeiter und ausländischer, halbnomadischer Wanderarbeiter:

Es ist dies um deswillen selbstverständlich, weil die intensive, speciell die Hackfruchtkultur die Divergenz zwischen dem Bedarf an Arbeitskräften im Sommer verwendeten Arbeiter für den Winter wieder "abzuschieben", um nicht genötigt zu sein, sie arbeitslos durchzufüttern oder eine sonstige verwaltungstechnische Verantwortlichkeit für sie zu übernehmen.

Die bereits tiefen Löhne wurden noch gedrückt durch das Herbeiziehen von polnischen Frauen, und zunehmend auch von Russischen Wanderarbeitern für die Getreideernte. Zur Arbeit in Überzeit liessen sich die Arbeiter leicht durch Geld, oft noch leichter durch Schnaps motivieren.

 

1.2 Löhne und Lohnbestandteile

Beispiele:

1. Vogt 120-150 Reichsmark [Oberknecht 92-112, Knecht 80-100, Jungen 15-60 Mark] pro Jahr. Dazu 6-10 ha Land, 1.5 Scheffel Weizen, 16 Roggen, 2 Gerste, 2 Hirse, 36 Kartoffeln. Milch und Butter.

Apropos Scheffel, dieses galt in Preussen 54.962 l alt, 50 l neu, in den Grossherzogtümern Mecklenburg 38.89 l und in Schlesien 74.75 l - das macht mit verständlich, warum sich, ohne Computer und multivariate Statistik, die Untersuchung von Weber eine gewaltige Ansammlung zusammenhangsloser Tabellen darstellt.

2. Vogt 240 Mrk, Schäfer 200, Vorknecht 180 + Kost, Pferdeknecht 150-180, Schäfernknecht 130, Schweineknecht 150-180 + Kost, Kuhirt 100 + Deputat, Wirtschafterin 360, Meierin 210-240, Stubenmädchen 90-120, Küchenmädchen 150, Leuteköchin 120, Milchmädchen 100, Scheuermädchen 100.

3. Naturallohn: Deputate für verheiratete Knechte mit 35-60 Talern Lohn:

Weber kommt auf S. 657 bei einer Umrechnung aller Beiträge (Körner, Kartoffeln, Land, Futter etc.) in Geld auf einen Jahreslohn von 239 bis 313 Mark (+ 63 an Mietwert der Unterkunft) für verheiratete Knechte, was er als unzureichend betrachtet. Insbesondere fordert er die vermehrte Abgabe abgerahmter und sauerer Milch zur Schweinezucht und die Verbesserung der Unterkünfte und eine Erhöhung der Bahrlöhne auf 180 Mrk.

4. Kontrakt eines 608 ha-Rittergutes mit Taglöhner:

Der Tagelöhner muss der Dienstherrschaft und deren Vertreter treu, fleissig und gehorsam sein, auch nach Kräften dahin wirken, dass seine Frau, Kinder und Dienstboten sich ebenso betragen, und ist verpflichtet, nur bei der Gutsherrschaft in X. auf Arbeit zu kommen, wogegen die Gutsherrschaft sich verpflichtet, demselben das ganze Jahr hindurch Arbeit zu geben.

Der Mann muss in der Sommerzeit um 6 Uhr morgens bei der ihm aufgegebenen Arbeit sein und bis 8 Uhr abends arbeiten, in den kürzeren Tagen vom Tagwerden bis es dunkel ist. Während der Heu-, Raps- und Kornernte wird bis Sonnenuntergang gearbeitet; beim Klee-, Heu-, Raps- und Korneinfahren bis es dunkel ist, jedoch nicht bei der Laterne.

Tagelöhner ist hier also recht relativ. Es handelt sich eher um eine Festanstellung mit flexibler, aber garantierter Arbeitszeit.

Tagelohn: 63 Pfg, die Frau 36 Pfg vom 24. Oktober bis zum 1. Februar, 36 Pfennig bis Ende März, 44 Pfennig bis Ende Juni, 50 Pfennig bis Ende August, 44 Pfennig bis zum 24. Oktober. Die Ehefrau erhielt also einen nach saisonalem Aufwand gestaffelten Lohn, aber noch weitere Verpflichtungen: Der Tagelöhner hat durch seine Frau oder deren Hofgänger jährlich hundert Hoftage unentgeltlich zu leisten und zwar 50 in der Zeit vom 24. Oktober bis 1. April, 50 vom 1. April bis 24. Oktober. Diese Regel fiel allerdings bereits, als das Buch in Druck ging.

Die Naturalabgaben reichten, insbesondere was Milch und Butter betrifft, meist nicht, so dass hier bereits wieder ein Teil des mageren Einkommens ausgegeben werden musste. Ebenso war die Abgabe an Heizmaterial zu knapp. (Weber hat hier übrigens eine ganz andere These zu den aufkommenden neuen Forstgesetzen, und sieht ganz andere Gründe dafür als Holzknappheit.) Dafür wurden Arzt und Apotheker vom Gutsherrn bezahlt. Die Arztwahl liegt beim Gutsherrn - also bereits hier ein HMO-Modell, allerdings vollständig vom Arbeitgeber finanziert.

Des weitern kommt er, also bereits vor 100 Jahren, zum Schluss, dass auch die erhöhten Einkünfte nicht ausreichen, die "Wiedererzeugung" des Gesindes, also die Kinderaufzucht, zu sichern.

Ausnahme: Die Lage der Bauern in Mecklenburg (bei der Teilung folgerichtig zum Westdeutschland gehörig) war damals die günstigste im Deutschen Osten. Man konnte sich bis zu 3 (im Sommer noch mehr) Fleischmalzeiten pro Tag leisten. Weil die Männer ausreichend verdienten, die Familie zu unterhalten, verschwand die Frauenarbeit.

Behausung

Die "Unterkünfte" waren meist niedrige, finstere Stuben mit Fussboden aus Lehm, die von bis zu 9 Familien genutzt wird, von denen jede noch eine Kammer von 2x4m als Schlafraum erhielt. Die Kosten für eine derartige "Behausung" beliefen sich auf 1500 bis 5000 Mark.

Das Hausbesitz nicht nur positive Aspekte hat, auch das wusste man bereits damals: Es sind mehr Annehmlichkeiten, so: dass sie allein wohnen, also die Weiber sich nicht zanken können, dass sie aus dem Garten etwas Obst haben, dass sie sich eine Ziege zur Kaffeemilch halten. Wenn sie aber, was sehr häufig ist, noch Schulden haben, so ist die Annehmlichkeit dadurch, dass sie Steuern zahlen, Gemeindetage zu thun haben, dass sie Zinsen zahlen und Reparaturen zu machen haben, sehr problematisch. Ein jetzt gemieteter Tagelöhner, dem man sein Häuschen weggenommen, sagte mir erst kürzlich, dass er jetzt ohne Haus besser lebe als früher.

In der That ist die Stellung der grundbestitzenden von der der in Familienhäusern wohnenden Arbeiter nur wenig oder gar nicht verschieden. S. 719.

Weitere Leistungen:

An Schulgeldern hat der Taglöhner nichts zu zahlen, jedoch ist er verpflichtet, seine schulpflichtigen Kinder regelmässig zur Schule zu schicken, widrigenfalls ihn für jedes Versäumnis der Kinder die gesetzlich feststehenden Geldstrafen treffen.

Mobiliarversicherung meist durch Herrschaft, 300 bis 1000 Mark

Für trinkbares Wasser in der Nähe des Dorfes, für einen Waschplatz und eine genügende Bleiche, sowie für Backöfen zum Brotbacken und Bracken (Brechen des Flachses)wird der Gutsherr sorgen.

 

2. Die Frage der funktionell optimalen Betriebsgrösse

2.5 bis 3 ha reichten damals für Selbstversorgung. Besitzer solcher Höfe gehen selten auf Arbeit und versorgen sich selbst. Aber - Landbesitzer wie Landlose kommen nur auf die tiefste Einkommensklasse der damaligen Invaliditäts- und Altersversicherung. Dennoch erfolgt, dank Besitz, keine Abwanderung deutscher Arbeiter mehr nach Polen und Galizien, wohl aber Einwanderung von dort und aus Russland, wie aus Österreich.

Ist der Boden allerdings schlecht, so sind selbst 5-7 ha zu klein für eine selbständige Landwirtschaft, aber zu gross für einen Arbeiter, der ja diese Fläche neben seinem Hauptjob bestellen sollte. Solche Flächen erforderten aber bereits die dauernde Anwesenheit des Leiters, ohne diesen allerdings ernähren zu können. Weber musste also mehrfach davor warnen, die Güter in zu kleine Parzellen zu teilen: Wenn nicht besonders gute Viehweide gegeben werden kann, ist der Nahrungsstand der Kleineigentümer schlecht, das Lohnniveau niedrig, die Neigung zur Sachsengängerei gross.  Am traurigsten aber steht es da, wo der Landbesitz so gross ist, dass er nicht von der Frau allein bestellt werden, der Mann also in der Zeit guter Löhne nicht auswärts auf Arbeit gehen kann. S. [925-26]

Da bereits damals die Bauerei häufig im Nebenerwerb betrieben wurde, reichen in Gegenden mit günstigen Beschäftigungsmöglichkeiten, also in der Nähe von Städten, Forsten und Fabriken, auch Stellen unter 2 ha für eine gut situierte Arbeiterschaft.

Die Büdner mit 3-7 ha hungern sich allerdings oft auch ohne Nebenarbeit durch, oder beschäftigten selbst wieder Mietarbeiter, die dann noch stärkerer Ausbeutung unterlagen. Wir sehen das Problem auch heute, da die Bauern, die selbst die tiefsten Löhne haben, weit unter dem, was Gewerkschaften für Arbeiter als zumutbar halten, als Hilfskräfte auf "halblegale" Praktikanten oder oft illegale, papierlose Einwanderer aus Polen oder noch weiter aus dem Osten zugreifen müssen. Aus diesen Gegebenheiten erklärt sich, warum Minimallöhne und Gesamtarbeitsverträge, so gut und sozial sie gemeint sind, für gewissen Branchen eben das Aus bedeuten können. Vor 40 Jahren standen noch Italiener und insbesondere Portugiesen zur Verfügung, die damals noch gewillt waren, zu solchen Bedingungen zu arbeiten, da es in den dortigen ländlichen Regionen überhaupt keine Möglichkeiten gab. Notorisch sind auch die "Dorftrottel" (IQ 80-70 oder noch tiefer), die von den Bauern eher "gehalten" als angestellt wurden. Man muss hierzu bemerken, dass der IQ weitgehend vererbt wird, also nicht durch "Selbstverantwortung" und bessere Ausbildung korrigiert werden kann. Dennoch schliesst die Gesellschaft diese Menschen aus. Auch damals, als einige davon noch bei Bauern ein Auskommen fanden, waren ihre Lebensbedingungen so brutal, dass sie, wohlgemerkt, trotz äusserst tiefer Intelligenz, nicht umhin konnten, ihre miserable Lage wahr zu nehmen. Während meiner Schulzeit in Rheinfelden (1962-71) haben sich mindestens 2 davon erhängt. Einer davon an einem Ast, der so tief lag, dass er in die Knie gehen musste, um sich zu erhängen. Man kann daraus leicht ermessen, wie drastisch er seine Situation sah.

Bei 7-8 ha mittleren Bodens mit ausreichend Wiesen beginnt der Übergang zu selbständiger, spannfähiger Wirtschaft. Ihre Existenzkraft beziehen sie allerdings aus etwas, das wir heute "Selbstausbeutung" nennen würden, und das die meisten kleinen Selbständigen eben so betreiben müssen: Die Kleinbauerngüter (7-15-20 ha) aber haben vor den grösseren den Vorzug, dass sie eine Arbeiterfrage nicht kennen, weil alle wirtschaftlichen Verrichtungen von der Familie des Besitzers besorgt werden können. Jene Besitzungen sind das Ziel, welches dem tüchtigen Arbeiter erreichbar zu machen sein wird. [Sering S. 29].

Die grösseren Höfe, meist herrschaftlicher Art, waren dann auf entsprechend viele angestellte Mitarbeiter angewiesen:

 

2.1 Güterschlächter - so hiessen damals die Immobilienhändler

Der freier Handel des Landwirtschaftslandes war erst Mitte des 19. JH. möglich geworden. Betreibung auf Konkurs, der Verkauf von Teilstücken zur Befreiung von Schulden, war vorher verboten. Theoretisch sollte diese Liberalisierung dazu führen, dass sich die Güter der weniger Tüchtigen verkleinern und die der Tüchtigen wachsen (also ähnlich wie die Ideologie der Zerlegung von Konglomeraten). Gerade aber die Zerlegung grosser Güter, die eigentlich im Interesse einer gerechteren Verteilung des Bodens und einer sozialen Stabilisierung angestrebt wurde, liess sich jedoch nur selten durchführen. Obwohl die grösseren Besitztümer weitaus stärker mit Schulden belastet waren, schützten sie sich vor Zugriff der Gläubiger durch diese rechtliche Konstruktion (der Weber verhassten Fideikommission, also einer Art Stiftung, Grundlage der Latifundien und Einzelinteressen reicher Familien). Die grossen Ländereien blieben also gross, die mittleren und kleinen fielen der Betriebsschlächterei anheim. - Was logischerweise zu einer Verschlechterung der Wettbewerbsbedingungen bei den zerlegten Kleinen führte und die Grossen begünstigte.

Nach 1850 war ebenfalls die der Weidegemeinschaft und Streunutzung aufgehoben worden. Dazu fiel die gutsherrliche Unterstützung der Vertragsbauern dahin. Die Folge waren Zwangsverkäufe der kleinen und ein Aufschwung der grossen Güter.

 In dem Zeitraum von 1830 bis ca. 1855 vollzog sich hier und da eine Aufsaugung des kleinen Grundbesitzes durch den Grossgrundbesitz; es sind in dieser Zeit viele grosse Güter durch Aufkauf ganzer Dorfschaften entstanden. Der Grund für diese Erscheinung lag in dem schnellen Steigen der Bodenpreise bei dem gleichzeitig tiefen Stand der bäuerlichen Wirtschaft.

Seitdem die Staatsbehörden ihre kolonisatorische Thätigkeit eingestellt haben, liegt die Vermittelung des Grundstücksverkehrs und das Ansiedlungswesen vornehmlich in den Händen privater Geschäftsleute der niedrigsten Art. Sering S. 48

2.2 Probleme mit der Grösse

Da Grossbetriebe die Träger der technischen Kultur sind und ihre Grösse abhängig von Position und Macht auf dem Weltmarkt, ist der Konzentrationsprozess marktwirtschaftlich notwendig, also rational. Aber was dabei verschwindet war bereits damals nicht ohne Wert: Es liegt sicher nicht im Interesse des Staates, einen Stand leichtfertig zu opfern, dessen Söhne die Wehrkraft der Nation zu beispiellosen militärischen Erfolgen geführt, ... etc.

Da Weber sich in seiner Dissertation intensiv mit der römischen Landwirtschaft auseinander gesetzt hatte, sah er in den Vorgängen zu Ende des 19. JH eine Wiederholung der römischen Geschichte. Auch dort fand nach Abschluss der grossen Eroberungen eine Verknappung des Sklavenangebots statt, eine Loslösung der Haushalte der Landarbeiter vom Gut und eine Emanzipation der Sklaven - die, genau wie im Feudalismus und den hier diskutierten agrarfeudalen Verhältnissen zeitweise durch arbeitspflichtige Parzellenpacht  überbrückt wurde.

Insbesondere wurde rasch klar, dass die private Güterschlächterei kein geeignetes Mittel war, eine lebensfähige Wirtschaft zu erzeugen, denn sie vergrösserte was eh schon zu gross, und verkleinerte, was eh schon zu klein war.

Wir treffen hier auf drei Probleme, die auch heute noch vorhanden sind:

  1. Damals teilten die Güterschlächter Land zu, "je nach Appetit" (Geld und Kredit, heute würde man sagen nach der Marktnachfrage) den grossen Gütern oder den landhungrigen Kleinen zu, wobei sich letztere oft verschuldeten und alles verloren. In Schlesien gingen die Güter von 1850 bis 1880 von 45799 auf 40'876 zurück, die bestellte Fläche von 1091177 ha auf 896372 ha. In Posen hielt sich die Landwirtschaft bis1859 recht gut, aber bis 1880 verschwanden dann 17.5% der Betriebe und 3% der Fläche fiel brach.

Heute finden wir das Motto des Wachstums in allen Betrieben. Kleine müssen zulegen um der Grösse und Macht  willen, Grosse um weiteres Wachstum generieren zu können, ohne das ihr Börsenwert erodiert. Auch heute werden dabei oft die  Mittel unproduktiv verzehrt und Betriebe geraten in die finanzielle Schieflage, da die Ausdehnung der Güter das Betriebskapital verknappt und so zu Liquiditätsproblemen führen kann:

Das Konsolidierungsmotiv, eine Beschönigung für das Streben nach Macht, die Erledigung der Kleinen, das Anstreben einer monopolähnlichen Position, ist für einen Drittel der Mergers und Akquisitionen verantwortlich.

Das Problem der Liquidität wurde auch anhand der Baukosten kritisch gewertet. In Posen und Westpreussen betrugen die Kosten für die notwendige bauliche Infrastruktur 356 Mrk pro ha, also 52% des Bodenwertes, bei sehr schlechten Böden bis 120% des Bodenwertes. 40% war der Durchschnitt für ganz Ostdeutschland, d.h. 27.3% des Gesamtwertes. Viele Neugründungen scheiterten, weil zu viel Geld in zu teure Bauten investiert wurde. Als Vorbild galten die Pioniere in den USA, die für Jahre in Erdlöchern hausten um ihr Werk aufbauen zu können.

  1. Die Käufer sind entweder die Inhaber grosser, meist fideikomissarisch gebundener Herrschaften, welche vielfach die Praxis verfolgen, ihr nicht verbrauchten Revenüen immer wieder in Grundbesitz anzulegen, den Ast absägend, auf dem sie sitzen! Beispiel: Ackerländer die mehr als 2 km vom Haupthof entfernt sind, können nicht nutzbringend bestellt werden.

Dieses Problem der Re-Investition der Gewinne nennt die Wirtschaftswissenschaft heute "Das Problem der überschüssigen Liquidität": Auch hier wird oft weiter in die eigene Firma investiert, weil man die Mittel hat, weil man Macht und Grösse sucht - der Macht und Grösse willen, weil man den Versprechungen anderer nicht traut, da man selbst ... und oft obwohl die eigene Firma für den ihr zugänglichen Markt längst zu gross ist und Investitionen längst nicht mehr ertragssteigernd wirken. Das führt zu verstärkter Produktion auf Halde, zu Preisverfall und, dauert die Phase zu lange, zu Depression (als Wirtschaftszyklus gemeint, nicht als psychologischer Zustand der Betriebsleiter und -Eigentümer, obwohl auch dies zutrifft).

  1. Der Gewinn steigt mit der Zahl der ausgelegten Parzellen. Heute habe wir präzise die selbe Erscheinung, im Extrem im Daytrading. Hier wird mit kurzfristigen Spekulationen, die wirtschaftlich wenig Sinn machen (die Vertreter ziehen da immer die Liquidität bei als Notnagel) ein Spiel mit Zufall und psychologischen Erwartungen getrieben, das eigentlich keinen Mehrwert schafft. Ein weiterer Fall der eine äusserst mässige Effizienz der Finanzmärkte zeigt, sind die Mergers & Acquisitions, Zusammenlegungen/Zerlegungen, Aufkäufe/Verkäufe von Betriebsteilen. Der Zweck dieser Übungen wäre, das zu trennen, was nicht zusammen passt, und das zusammen zu fügen, das zusammen gehört, also zu einer Steigerung der Effizienz, einer Verminderung der Transaktionskosten, führt. Aber auch hier verfuhren die Raider genau wie die Güterschlächter vor 120 Jahren. Sie kauften, wenn sie sahen, dass die Summe der Beträge die sie für Einzelteile lösen konnten höher war, als der Einkaufspreis, den sie zudem oft erst mit der Kasse der erworbenen Firma bezahlten: Was Sering damals über die Güterschlächter sagte, gilt heute genau so für einen grossen Teil der Aktivitäten der Kapitalmärkte. Diese Händler sind eben Händler die Einkaufen und Verkaufen - nicht Ingenieure, die Neues schaffen, Neues kombinieren: Nur in den allerseltensten Ausnahmefällen haben unsere "Güterschlächter" eigentliche Kolonien ins Leben gerufen, und es ist bekannt genug, dass die von ihnen ausgelegten Stellen in der unwirtschaftlichsten Weise hergerichtet zu werden pflegen, wenn es gilt, an Vermessungs-, Wegekosten zu sparen.

Hier zeigen sich Grenzen der Macht der Grösse. Durch ineffiziente Investitionen in Zu-Viel (Überproduktion zwecks Beherrschung des Marktes), sinkt die Produktivität - und mittelgrosse, noch effizientere Betriebe, können die grossen wirtschaftlich überholen.

Alles in allem stieg in jener Zeit doch in den meisten Kreisen der Wohlstand und Ertragswert der Grundstücke stärker als die Verschuldung, was vor allem einer Zunahme des Hackfruchtbaus (Gemüse), der Absatzmöglichkeiten, aber auch der industriellen Landwirtschaft, also der Brennereien, der Stärke und Zuckerfabriken zu verdanken ist.

Wo dies nicht gelang, mussten als Sündenböcke nicht bloss die Juden, sondern vor allem die Polen herhalten: Die erheblichen technischen Fortschritte, welche die bäuerlichen Wirtschaften seit 20 Jahren gemacht haben, zeigen sich in der Einführung sorgfältiger Bestellung und Anschaffung von Ackergeräten neuerer Konstruktion, sowie landwirtschaftlicher Maschinen. Die Haltung der Nutztiere hat sich gebessert; man sieht auf gute Saat; die Fruchtfolgen sind rationaler geworden. Das gilt jedoch erklärlicher Weise mehr von den grösseren als von den gerade in den unfruchtbaren Teilen Westpreussens und ziemlich zahlreichen kleinen, nicht spannfähigen Wirten, und mehr von den deutschen als den polnischen Bauern, welche an geistiger Regsamkeit und landwirtschaftlicher Tüchtigkeit bei aller neuerdings zu bemerkenden Hebung noch hinter den Deutschen zurückstehen. Im wesentlichen sind diese Vorgänge zurückzuführen auf den niedrigen Kulturzustand der polnischen Bauernschaft und die daraus hervorgehende Hülflosigkeit gegenüber dem Andrang der deutschen Grossgrundbesitzer. Der polnische Bauer wirtschaftet bis zur Gegenwart ausserordentlich schlecht. Dreifelderwirtschaft, geringer Hackfruchtbau, nachlässiges Ausbringen von Dünger und Saat, schlechte Ställe, ungeputztes Vieh, keine Zuchtwahl, ... Sering S. 83. Dessen Äusserungen noch relativ harmlos sind, im Vergleich zu Weber, dessen Formulierungen heute zu einer Klage wegen Rassismus Berechtigung gäben.

In den Ostkreisen von Pommern tragen die Deutschen Bedenken, an dem Grunderwerb teilzunehmen, weil ihnen zu wenig Areal geboten wird; die Parzellierung gelingt nur, wenn Polen beteiligt sind. Damit übereinstimmend berichten westpreussische Besitzer, dass durch Auslegung zu kleiner Stellen das Vordringen des Polentums begünstigt wird.

Die Beförderung derartiger Ansiedlungen durch den Staat würde nichts anderes bedeuten, als die Verwendung öffentlicher Mittel zur Ausbreitung dauernden Elends und zur Proletarisierung der eigenen Bevölkerung. [Sering S. 142]

 

3 Managementprobleme der patriarchalischen Herrschaft

... vor 100 Jahren - die mit geringen Änderungen der Wortwahl heute noch genau so gelten:

Die Gesellschaft teilt sich in zwei Klassen: die, die haben, und
die, die haben möchten.

Englisches Sprichwort

In Bezug auf die richtige Behandlung der Leute ist zu sagen, dass diese ja sehr schwierig ist, weil viele Menschen nicht verstehen, Strenge mit Milde zu vereinigen, und hierin wird in der Landwirtschaft viel gefehlt. Am wenigsten gefehlt wird bei den Bauern, weil diese (wenigstens der hier noch zu findende Bauer alten Schlages), den ganzen Tag mit arbeiten, hier noch mit dem Gesinde zusammen essen, und weil die Gesinde doch noch mehr mit zur Familie gerechnet werden.

Auf den Höfen ist das ja viel schlimmer, und hier ist es oft ein Krebsschaden: die jugendliche (ich bin zwar selbst erst 31 Jahr, kann es aber nicht anders nennen) Schneidigkeit derer, welche Aufsicht ausüben sollen. ... Einige gebrechliche alte Leute, an die Notwendigkeit des Schmeichelns gewöhnt, umwedeln den jungen Eleven, das Selbstbewusstsein steigt, es dauert nicht lange, so fängt er an zu schnauzen, und der Krach mit einzelnen Leuten ist fertig. Nun wird Beschwerde von beiden Seiten geführt; dem zahlenden Eleven wird selten Unrecht gegeben, und oft genug muss ein Arbeiter entlassen werden oder er zeigt sich so renitent, dass er entläuft. ... Die Leute haben oft den guten Willen, recht tüchtig , recht energisch erscheinen zu wollen, ohne die rechte Idee oder Erfahrung zu haben, was ein Mensch leisten kann, wenn er eben 10-11 Stunden dauernd arbeiten muss. Es wird genörgelt, oft roh geschimpft, und es sind manchmal nicht die schlechtesten Leute, die durch solch unvernünftige Behandlung aus der Landwirtschaft hinausgeekelt werden. 

Präzise das Selbe finden wir auch heute noch, nur nennen wir's Mobbing und Bossing, der eiserne Besen, Durchsetzungsfähigkeit ...

Oder der militärische Hintergrund, der in den letzten Jahren enorm an Bedeutung verloren hat, sogar in der Schweiz, seitdem sich "Rechts" mit weitaus grösserem Erfolg als die ehemals linken Staatsfeinde um Staats-, Militär- und Polizeiabbau bemüht - und Links diese versucht als Arbeitsplätze zu erhalten:: "Mir ist das militärische Wesen in Fleisch und Blut übergegangen, und das verlange ich auch von meinen Leuten." Ja, die Leute, die nicht Soldat waren, sind aber heute nicht mehr sehr für das Strammstehen. [S. 741]

Auch vergessen die Herren (jüngere wie ältere) zu leicht, dass der Arbeiter schon seit 5 oder 6 Uhr 1.5 bis2 Stunden Pferde geputzt und gefüttert hat und dass er natürlich nicht mehr so frisch und attent ist, als der jüngere oder ältere Herr, der sich vor einer halben Stunde aus den Federn erhob.

... Ein noch so reicher und angesehener Industrieller oder Kaufmann wird wohl selten unterlassen, seine Beamten mit Herr so und so und seine Arbeiter mit Sie anzureden, während er für sich, ausser wenn er einen besonderen Titel hat, keine besondere Anredeform verlangt. Ein adliger Besitzer (und je jünger er ist, desto mehr forciert er das in der Regel) kann für seine Beamten kaum das Wort Herr über die Lippen bringen und redet seinen Kutscher, Diener etc, seien diese auch verheiratet, auch seine Hofleute , mit "du" an, während er für sich den Titel "gnädiger Herr" beansprucht.

Zur besonderer Ergebenheit regen diese Sachen grade nicht an; besonders wenn der "gnädige Herr" sich nicht sehr gnädig zeigt, oder wenn er mit Löhnen, mit Deputat (Naturallohnanteil) oder Kost knapsen will, und besonders dann nicht, wenn seine Arbeiter sehen oder sich sagen, dass im adeligen Haushalte das, was ihnen fehlt, oft genug in vollem Masse verpulvert wird. [S. 741]

Dass die Leute, die Leistung fordern, sich dafür besser bezahlen lassen, als diejenigen, die sie erbringen müssen, ist also auch nichts Neues.

Weber muss, wenn offensichtlich auch etwas widerwillig, anerkennen, dass das patriarchalische Modell ausgedient hat:

Anhänglichkeit an die Herrschaft findet man höchst selten, und wenn man in den Zeitungen von Dekorationen etc. liest, so ist dies meist mehr Machwerk als Wirklichkeit. Vögte bleiben ja vielleicht aus Überzeugung. Arbeiter bleiben eigentlich nur dann, wenn sie müssen, d.h. wenn sie so alt oder gebrechlich geworden, dass sie niemand mehr gern nimmt.  ... Beziehungen haben aufgehört, wenn man nicht etwa intimere Beziehungen von Besitzern oder deren Söhne zu den Mägden, oft genug auch zu den Frauen der Knechte und Lohngärtner dazu rechnen will. Auch Wirtschaftsbeamte sind vielfach für solche patriarchalischen Sitten, besonders wenn ihre Prinzipale sie kultivieren. Es kommt dieser Krebsschaden gar nicht so selten vor. [S. 739]

Diese Organisation nähert sich, nachdem die feste Klammer des gemeinschaftlichen Interesses, welche sie zusammenhielt, gesprengt ist, dem Zerfall.

Brennereibesitzer und Inhaber von Rübenwirtschaften sind ländliche Gewerbetreibende, ein Stand durchaus anderen Charakters als der alte Grundadel des Ostens; das socialpolitische Interesse des Staates an ersteren ist ein wesentlich geringeres als an dem letzteren (die als Stütze der Monarchie dienten eine verantwortungsvolle Stellung als Arbeitgeber und Interessenvertreter  einnahmen.)  Anders steht es mit den modernen Grossbetrieben. Es ist den schlesischen Lohngärtnern nicht zuzumuten, in dem Gutsherrn einen Vertreter ihrer Interessen zu erblicken, noch weniger den Rübenarbeitern, die er den Sommer über in seiner Kaserne hält. Immer mehr wird die Voraussetzung eine Unwahrheit, dass wer sich auf den Grossgrundbesitz stützen könne, das platte Land hinter sich habe. [S. 917-18]

Das kann vom Standpunkt des Staatsinteresses gewiss nicht gleichgültig sein. ... denn: Die Kosten der preussischen Hegemonie trugen, militärisch und wirtschaftlich, in erster Linie von Anfang an und noch jetzt die von der Natur kärglich bedachten Ostmarken des Staates. [S. 927]

Weber, der heute dafür berühmt ist, dass er die Werte von der Wissenschaft getrennt haben soll, zeigt hier, in seiner ersten Forschungsarbeit nach der Dissertation, beträchtlich Mühe, zwischen seinen politischen Überzeugungen und Wünschen (die charismatische, starke Führung und das bodenverhaftete, pflichtbewusste, treue Volk) und der soziopolitischen Realität zu unterscheiden. Nur widerwillig (- aber er tut es) anerkennt er den Drang zur Selbständigkeit und die (von ihm allerdings entschieden als widerlich bezeichneten) Probleme der patriarchalischen Herrschaft: Das patriarchalische System ist auch völkerpsychologisch aussichtslos. Eben so besorgt ist er über die Tatsache, dass die historische Machtstellung des Grossgrundbesitzes untergraben wird, da die Interessengemeinschaft mit den Hintersassen zerfällt und durch den ständig fallenden Preis der Produkte ein immer geringerer Anteil der Bevölkerung unmittelbares Interesse daran hat.

 

4. Soziopolitisches - und das bis heute ungelöste Problem der "gerechten Verteilung"

Als Leitsatz der Kolonisierung der Ostprovinzen könnte man die Aussage des Freiherrn von Goltz nehmen:

Grundbesitzende Tagelöhner können nur dort gedeihen, wo sie im engen Zusammenhang, also in nächster Nachbarschaft und womöglich auch in dem nämlichen kommunalen Verbande mit einer bäuerlichen Gemeinde sich befinden. Wollen wir einen lebenskräftigen grundbesitzenden Arbeiterstand, so müssen wir zunächst kräftige Bauerngemeinden haben.  [S. 138]

Ziel war es, 155'000 Arbeitsplätzen - und einen Mittelstand zu schaffen, wozu bei einem Durchschnitt von 15 ha 2.3 Millionen ha Landwirtschaftsland neu zu erschliessen war (3.4 Millionen ha an anderer Stelle).  Während Brandenburg eine relativ glückliche Verteilung der Gütergrössen aufwies, verfügte Preussen zwar über ausreichend Grossbesitz, fehlend sind jedoch kleinere und mittlere Bauernstellen.

Die wünschenswerten Verschiebungen in der Besitzverteilung ergeben sich aus dieser Sachlage von selbst: es handelt sich vor allem darum, in Ost- und Westpreussen einen kleineren, aber spannfähigen Bauernstand zu schaffen, in Schlesien und Posen den zahlreichen Kleinstellenbesitzern Gelegenheit zur Erweiterung zu geben und den grösseren Bauernstand zu mehren, in Pommern aber den kleineren und grösseren bäuerlichen Besitz gleichmässig zu stärken.

Die socialpolitischen Ziele des Posenschen Ansiedlungsgesetzes fallen mit denen des allgemeinen Kolonisationsgesetzes von 1891 zusammen. Es handelt sich darum, die in den Ansiedlungsprovinzen besonders tiefe Kluft zwischen Arm und Reich durch eine Vermehrung des ländlichen Mittelstandes künstlich zu überbrücken. [Sering S. 201]

4.1 Politische Einstellungen

Die Presse existierte zwar, hatte aber offensichtlich nicht die Macht, die sie selber gerne beansprucht. Die Versorgung der Bürger mit Informationen war regional recht unterschiedlich. Dominierte in der einen die Arbeiterzeitung, war es in der andern das Kirchenblatt. Auch Volksbibliotheken stunden reichlich zur Verfügung. Es gab aber bereits damals auch Flugblattaktivisten, die mit zweifelhaften Infos Polemik und Populismus betrieben.

4.2 Psychosoziale Probleme und Antriebe

Fehlende Ziele für ein Proletariat, das durch eine Kluft von der Oberschicht getrennt ist:

Eine Klassengesellschaft bedeutet, dass Bessergestellte von den schlechter Gestellten beneidet oder imitiert werden können, dass aber keinerlei Möglichkeit besteht, sich das Ziel zu setzen, selbst Mitglied der Oberschicht zu werden, ganz gleich welche Anstrengungen man unternimmt.

Fehlende Ziele innerhalb eines homogenen Proletariats:

Eine Gesellschaft mit überbrückbaren Klassen oder ohne Klassen, wie sie der "klassenlose" Kommunismus schaffen wollte, bestünde logischerweise aus Gleichen. Gleiche bieten aber wenig Ansporn für die Verbesserung des Status. Noch gleicher werden war nie ein Motiv für irgend was, es sei den für populistisch dümmlich Forderungen nach Anpassung von den Ungleichen. Die von mir aufs heftigste kritisierte Pareto-Verteilung hat also gegenüber der vorgehenden Klassengesellschaft den Vorteil, dass sie einen dauernden Ansporn darstellt, das eigene Leben zu verbessern. (Ungeschickterweise bloss in materiellen Belangen).

Das Problem war und ist des weitern, wie Boden (oder Kapital) gerechter verteilt werden sollte, wenn man gleichzeitig die Grossbetriebe erhalten wollte:

Aus der Thatsache, dass die Grossgrundbesitzer die Führer auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Fortschritts sind, folgt nun, dass es eine arge Schädigung unserer Entwicklung bedeuten würde, wenn der Grossbetrieb im Osten gänzlich aufhören sollte. Nirgendwo tut eine absolute Gleichmacherei gut; die Differenzierung ist die Voraussetzung aller Entwicklung; es sind nicht nur die staatlichen, sondern auch die wirtschaftlichen Leistungen unserer östlichen Grundaristokratie, welche ihren Fortbestand als ein nationales Bedürfnis erscheinen lassen. [Sering S. 92]

Der Drang nach Unabhängigkeit, Freiheit, eigener Gestaltung:

Dieser Drang war es vermutlich, der Weber dazu brachte, das Problem der Wertung in der Wissenschaft aufzunehmen. Einerseits schwärmt er ganz offensichtlich traditionalistisch von den guten alten Zeiten, sieht aber ganz klar, dass der individuelle Freiheitsdrang so ungestüm ist, dass er die Tradition überrollen wird, aber auch kooperative, oder gar kommunistische, Problemlösungen zur Zeit unmöglich macht:

Das Mittelalter ertrug es, dass in den Handelshäusern der Städte durch Generationen hindurch die Hausgenossenschaft erhalten blieb, Vettern, Schwägerinnen und Schwiegermütter miteinander am gleichen Tisch hausten. Heute drängt es alle zum eigenen Herde; wir streben nach dem selbsterworbenen Brot in der Fremde, hinweg vom Tisch des Elternhauses und aus dem Kreis der Unseren, und das Schwere der Situation ist, dass die Entwicklung der allgemeinen Lebensverhältnisse die ersehnte wirtschaftliche Selbständigkeit bis in immer höhere Lebensalter hinein versagt. (Weber hatte hier eigene schmerzhafte Erfahrungen machen müssen (s. Biographie). Forscher sind finanziell meist ziemlich am A..., da sie alles mögliche interessiert, wenig aber das Geld.)

Dieser individualistische Grundzug der Bewegung kehrt überall wieder. Das Gesinde, welches die Hauswirtschaft des Herrn flieht, der Drescher, welcher die Verflechtung seiner Wirtschaft in den Gutsbetrieb zu lösen trachtet, der Kontraktsarbeiter, welcher die materiell gesicherte Inststellung aufgiebt und die weit kümmerlichere als "freier" Tagelöhner aufsucht, die zahllosen Arbeiter, welche Grund und Boden um jeden Preis aus der Hand des Güterschlächters entgegennehmen und unter Wucherzinsen in schmählicher Abhängigkeit ihr Leben fristen, nur weil es ihnen so die ersehnte "Selbständigkeit" bringt, d.h. die Unabhängigkeit von dem persönlichen Herrschaftsverhältnis, welches jeder ländliche Arbeitsvertrag in sich birgt, es ist überall ein und dieselbe Erscheinung. Mit solchen elementaren Bewegungen ist nicht zu rechten. Es ist der gewaltige und rein psychologische Zauber der "Freiheit", welcher darin zum Ausdruck gelangt. Zum grossen Teil handelt es sich um eine grandiose Illusion, aber bekanntlich lebt der Mensch und so auch der Landarbeiter "nicht vom Brot allein".  ...

Vom Interessenstandpunkt des Arbeiters aus gipfelt die "ländliche Arbeiterfrage" darin: ob nach oben Luft geschaffen werden und die Möglichkeit eines Aufsteigens zu selbständiger Existenz geboten werden kann.

Sie ist eine Landfrage, und zwar ist ihr Hauptcharakteristikum gegenüber der gewerblichen Arbeiterfrage, dass sie nicht nach socialistischer, sondern mit Naturgewalt nach individualistischer Lösung strebt. Wer das nicht sieht, hat nie einen Blick in ländliche Verhältnisse gethan.

In der Form könnte man die Frage heute ziemlich allgemein, nicht nur für Landarbeiter, wieder stellen, weshalb die zusätzlichen Ausführungen zum Boden relativ bedeutungslos sind. Den Boden von damals muss man heute durch den generelleren Begriff des Kapitals ersetzen.

5 Kritik

Das Ziel das der Socialverein da verfolgte, war eigentlich ein wirtschafts-politisches, kein wissenschaftliches. Man wollte die Wirtschaft recht eigentlich von unten oder vom Rande her  entwickeln. Durch die unglückliche Vermischung von unangepasster Wissenschaft (Soziologie mit mangelhaftem Verständnis für wirtschaftliche Entwicklungsprozesse) mit nostalgisch-konservativer autoritärer Politik, wurde ein Entwicklungsmodell impliziert, dass den Rückstand zementierte:

Ob man die Konsequenzen dieser Situation entschlossen zieht, davon wird die Zukunft des deutschen Ostens abhängen. Die Dynastie der Könige von Preussen ist nicht berufen zu herrschen über ein vaterlandsloses Landproletariat und über slawisches Wandervolk neben polnischen Parzellbauern und entvölkerten Latifundien, wie sie die jetzige Entwickelung im Osten bei weiterem Gehenlassen zu zeitigen vermag, sondern über deutsche Bauern neben einem Grossgrundbesitzerstand, dessen Arbeiter das Bewusstsein in sich tragen, in der Heimat ihre Zukunft im Aufsteigen zu selbständiger Existenz finden zu können. Ob dieses Ziel erreichbar ist, steht dahin. Aber auch wer die Fähigkeit des Staates, die im socialen Leben wirksamen Kräfte zu leiten, niedrig veranschlagt, wird zugeben, dass seine Macht gerade auf agrarischem Gebiete eine gewaltige ist. Wie sie gebraucht werden soll, davon wird auf der bevorstehenden Versammlung des Vereins zu sprechen sein.  [S. 928]

Eine heutige, kapitalistisch-wirtschaftliche Problemlösung hätte von oben entwickelt: Weniger Steuern, mehr Gewinne, keine Mindestlöhne - und vermutlich eben die Weber verhasste industrielle Landwirtschaft, Verkehr, Transporte, verarbeitende Industrie gefördert. In Sachen BSP & Co wäre die Region weiter gekommen - aber die Probleme am untern Ende der Wirtschaft, dort, wo Boden- und Besitzlosen auch der Existenzverlust droht, ist nach wie vor nicht gelöst.

Insbesondere hat Weber offenbar die konjunkturelle Welle, die 2. Industrialisierungswelle, die damals die gesamte Wirtschaft hoch schwappen liess, nämlich die Eisenbahn, so ziemlich übersehen. In Deutschland wurde von 1853-1881-1909  10%-50%-90% der Schienennetze ausgebaut. Die Arbeit fasst also wirtschaftlich viel zu kurz. Im Wirtschaftstrend der Zeit ging es um Transporte, also Handel - während sich der Socialverein mit Weber & Co auf die Ansiedelung von Bauern als Entwicklungsmodell stützen. Die Zukunft gehörte damit aber den Eisenbahnbauern und Eisenbahn-Bauern, welche das Transportmittel nutzen konnten, um sich neue Absatzmärkte zu erschliessen. Die Analysen von Weber & Co sind im Rückblick eher rührselig und heimattümelnd, als wirklich prospektiv.

Was Webers berühmtesten Beitrag zur Wissenschaft, nämlich die Wertfreiheit betrifft, so ist hier noch rein gar nichts davon zu spüren. Allerdings wird Webers Beitrag dazu meines Erachtens eh masslos überschätzt, denn im Vergleich zur Auslegeordnung der Wissenschaften und Werte wie sie Aristoteles über zwei Jahrtausende früher präsentiert hatte, ist Webers Beitrag ein massiver Rückschritt. Insbesondere fehlt die handelnde Wissenschaft, die Technik, die Arbeit des Ingenieurs, also die Phronesis, hier völlig.

So ist die Aussage des Geheimrats Thiel zwar nicht wertfrei-wissenschaftlich, aber gerade darum vielleicht eine der wichtigsten der Untersuchung:

Wenn wir finden, dass wir einen gesunden Bauernstand nur behalten können, wenn wir auf die höchstmögliche Produktion verzichten, so würde ich wegen der grossen Bedeutung des Bauernstandes für unser ganzes Volkstum mehr Wert darauf legen, dass wir einen tüchtigen Bauernstand haben, als dass pro Morgen ein Scheffel mehr gewonnen wird. Das ist ganz im Sinne von Friedrich List gesprochen: "Man ist," bemerkt er, - "unter der Anleitung der Schule der Tauschwertstheorie imstande zu unterscheiden, welche Art des Gutsbesitzes, der grosse, mittlere oder kleine oder die Zwergwirtschaft den meisten Brutto- oder Reinertrag gewähre. Damit ist aber noch gar nicht gesagt, welche Art des Besitztums den tüchtigsten und ehrenhaftesten Bürger, den besten und dauerhaftesten Staat und die mächtigste und angesehenste Nation produciere. [S. 90]

Dass ein Gewerbe mit einer Arbeit die einem zusagt, auch dann attraktiv bleibt, wenn es durch sämtliche ökonomischen und soziologischen Faktoren deklassiert wird, zeigt das Interesse der Landwirtschaftslehrlinge. Trotz GATT und allen möglichen Attacken auf die psychische wie finanzielle Gesundheit der Schweizer Bauern hat die Zahl der Landwirtschaftslehrlinge dieses Jahr um 8% zugenommen. Motto: Wenn es den Bauern geht an Leib und Gut, haben Junge plötzlich Mut. Während in andern Branchen eher gilt: Wenn es in der Welt hat Sturm und Regen, kämpft kein Schweizer mehr dagegen.

H. Walter, Bauernverband in: Handelszeitung Nr. 49. 7. Dez. 2005, Meinung: Einschreiben. S. 23

Hier, wie in sämtlichen Bereichen die dem bürgerlichen Portefeuille überhaupt zugänglich sind (Restaurants, Detailhandel, Reinigung, Kleingewerbe ... wird die Restrukturierung dauern unterlaufen.

Wer hat hier recht? Die Wirtschaftsgesetze, die nach Grösse und Beherrschung verlangen - oder die Menschen, die nach Autonomie streben?

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel 7. Dez. 2005