1. Mit dem Bauern-Opfer - verschwindet die Urform einer selbständigen, eigenständigen, eigenverantwortlichen Produktions- und Lebensstils

  2. Bauern und die Globalisierung: Mehr Arbeit - weniger Lohn.

  3. Städtediktat und Alpenreservat

  4. Vom Aufbau der Sozialpolitik der sozialen Marktwirtschaft zur Antisozialpolitik des Neoliberalismus

  5. 3, 2, 1, 0 … Wie die Bedeutung der Landwirtschaft schwand … und wiederkehrt

  6. Oesterreich: Landesstrukturen und Geschichte - Landwirtschaft - Forstwirtschaft - Tourismus

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avenir Suisse: Der befreite Bauer

Mit Vollgas zurück ins 19 JH ... oder besser gleich ins feudalistische Mittelalter

avenir auf französisch: a venir, bedeutet also "das, was da noch kommen soll". Sehen wir uns mal an, was da laut avenir suisse so auf uns zukommen soll:

Wie machen wir die Kleinen (Bauern sind nur ein Sektor, gemeint sind wirklich alle!) am schnellsten kaputt?

Pflicht für den Staat ... staatliches Pflichtprogramm .. . Gesamtprojekt ... Verantwortung der Politik ...

Und zack, schon sind die Genossen von avenir suisse voll im Schilf gelandet. Diese irrige Idee erlaubt es, die von ihnen so kritisierte Multifunktionalität an einem gaaaaanz einfachen Beispiel zu erklären, anhand der Funktionen der Wirtschaft. Diese definiert sich als Bereitstellung (Verteilung, Allokation) knapper Güter. Das heisst sie umfasst primär 3 Funktionen:

  1. Produktion

  2. Verteilung

  3. Konsum, d.h. die Vorstufe desselben, den Verkauf

Praktisch alles was aber avenir suisse in ihrem Büchlein zu interessieren scheint, ist die 4. Funktion, die Akkumulation von Kapital. Diese kam aber a) erst mit der protestantischen Irrlehre dazu und konnte sich b) eh erst voll entwickeln mit dem Kapitalismus. Sie ist also so oder so eine Nebenfunktion.

Aufgabe des Staates ist es, seinen Bürgern die Bedingungen für eine sichere und möglichst angenehme Existenz zu garantieren. Das vom Staat geförderte Wirtschaftsmodell muss also allen die Möglichkeit bieten, sich nicht nur zu beteiligen, sondern auch den zur Existenzsicherung notwendigen Anteil an den Produkten zu erhalten. Im klassischen Modell bildet hier er Lohn für die Produktion den Anrechtsfaktor auf Konsum. Die seltenen Güter werden also über den Lohn alloziert.

 

Werden nun Menschen vom Lohn ausgeschlossen, werden sie vom Konsum ausgeschlossen. Ihre Existenz ist also gefährdet ... oder im Falle von Sozialhilfe und dergleichen zumindest lausig.

DER STAAT kann also auf keinsten Fall die Pflicht haben, Menschen ihrer Existenz zu berauben.

Seine Verantwortung, als Organ der Gemeinschaft, ist es, ganz im Gegenteil dazu, dafür zu sorgen, dass sich alle an der Wirtschaft und damit am Konsum ... und seinem eigentlichen Zweck, dem Genuss (2,3), beteiligen können.

Liefert das gegenwärtige Wirtschaftsmodell das nicht - weg mit ihm.

Liefert das von avenir suisse propagierte Wirtschaftsmodell das nicht, dann lieber weg mit avenir suisse - statt weg mit den Arbeitsplätzen!

 

1 Es gibt kein Management natürlicher Ressourcen ohne Multifunktionalität.

 

Die Landwirtschaftliche Rationalisierung und ihre Folgen:

In Gesprächen wurde zum Ausdruck gebracht, dass ausgerechnet die Fruchtfolgeflächen zu den am intensivsten genutzten Landwirtschaftsflächen gehören. Teilweise müsse man von eigentlichen Agrarwüsten sprechen. Die Artenvielfalt und der ökologische Ausgleich seinen in solchen Gebieten nicht gewährleistet, das Landschaftsbild monoton und unattraktiv. Vermutlich dürfte da und dort auch die Schadstoffbelastung wegen hoher Düngerabgaben, frühe und hohe Gaben von belastetem Klärschlamm, Pestizideinsatz und dergleichen, bedenkliche Werte erreicht haben. Und weiter: In den letzten Jahrzehnten wurde die Kulturlandschaft, besonders in den intensiv genützten Ackergebieten, sehr stark banalisiert. Viele Agrarlandschaften haben Aesthetik verloren: sie wurden ausgeräumt, die Parzellen in rechteckige Vierecke verwandelt, unzählige Wege gebaut, die Waldränder begradigt, Hecken und Lesesteinhaufen weggeräumt sowie der Boden ausgeebnet und für eine rationelle maschinelle Bewirtschaftung hergerichtet.

Erst wird auf den Preis gedrückt bis die Zitrone staubtrocken ist, und dann wird eben dieser vorgeworfen, keinen Saft mehr zu enthalten. Erst bringt man Kühe dazu, die Überresten ihrer Artgenossen zu fressen weil dieses Futter billig und nahrhaft ist, dann wundert man sich, dass dabei Krankheiten entstehen. Erst will die Gemeinde ihren Klärschlamm möglichst billig entsorgen, dann sind die Bauern schuld daran, dass damit der Boden vergiftet wird. Erst bringt man die Bauern dazu, die Landschaft maschinengerecht zu gestalten, um billiger produzieren zu können, was eine Menge Arbeit war, dann beklagt man sich darüber. Apropos "rechteckige Vierecke" ... wie viele Häuser und Bauparzellen kennen Sie, die nicht als rechteckige Vierecke angelegt sind? Ausser dem Goetheanum dürfte es da nicht so viele geben ...

Die Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen ist ganz offensichtlich ein Fremdwort für die "Oekonomen" von avenir suisse - sonst könnten sie die Multifunktionalität nicht als Teufelswerk darstellen.

Bauern, Land-Bauern und Wald-Bauern bewirtschaften 2/3 der Fläche der Schweiz. Sie sind, abgesehen von der Verhäuselung durch Bünzliwil-Architektur und Verkehrsadern, verantwortlich dafür, wie die Schweiz aussieht, also für das Landschaftsbild.  Diese 2/3 der Schweiz können nicht einfach verkauft, umgenutzt oder brach liegen gelassen werden. Sie sind unser Lebensraum (ein Wort das in der Studie logischerweise nicht vorkommt).

Nachdem die Landwirtschaft einer der wenigen Sektoren in einer Region ist, der eindeutig ortsgebunden ist, stellt sich überhaupt die Frage, ob nicht zuerst jene Bereiche durch regionsspezifische Anreize gefördert werden sollten, die eine deutlich höhere Wanderungswahrscheinlichkeit aufweisen. Auch der internationale Steuerwettbewerb bevorzugt nicht die zwar unter Druck stehenden, aber wenig flexiblen Arbeitnehmer, sondern meist die international recht mobilen grossen Unternehmungen.

Wie war ... viel Geld, viel Ehr, wenig Personal - Aber ist das eine Lösung für die Mehrheit der Bevölkerung? Grossbetriebe, die weltweit ihren Sektor beherrschen? Denen sich die Angestellten sklavisch unterordnen müssen? Denen volkswirtschaftliche und damit soziale Belange  - genau wie die Umwelt - nur Kostenfaktor sind, die es möglichst auszugrenzen gilt?

Es ist irgendwie erfreulich, dass diese Art Argumentation heute nicht nur innerhalb alternativ-rot-grüner Kreise geführt werden kann. Inzwischen ist das Problem zu derartiger Grösse aufgewachsen, dass es beinahe economiesuisse zum Platzen gebracht hätte: Wenn Banken und Pharma 15 bis 20% Rendite für das eingesetzte Kapital erzielen, Maschinenindustrie und andere KMUs sich mit 3 bis 4% begnügen müssen, und Bauern, je nach Betriebsgrösse, auf eine rote oder schwarze Null kommen, dann sehen es sogar die verbohrtesten Wirtschaftsliberalen, dass da was faul ist (mit Ausnahme von avenir suisse, leider. Denn die Rendite, die ein Betrieb optimaler Grösse, also von 35 ha, abwirft, beträgt 1.2% für ein Kapital von 2 bis 3 Millionen Fr. Da muss sich doch echt jeder blöd vorkommen, der so viel Geld investiert und dann noch Schwerarbeit leistet - statt von den Zinsen zu leben.

Mit der selben neoliberalen Propaganda wurde die Schweizer Forstwirtschaft bereits vor 4 Jahren beschossen. (s. Diskussionsbeiträge). Obwohl dort die Multifunktionalität eigentlich nie angegriffen wurde, konnte sich die Idee nicht durchsetzen, dass irgend jemand dafür bezahlen sollte. Die Schlüsse betr. Multifunktionalität des Waldes waren damals (2002):

 Das Problem besteht ja offensichtlich darin, dass die Forstwirtschaft über die Holzerlöse, die immer tiefer ausfallen, den ganzen Fächer an Dienstleistungen finanzieren soll. Gelingt ihr das nicht, wird sie als Subventionsbezüger beschimpft.

Offensichtlich braucht das Konzept multifunktionale Forstwirtschaft eine andere Ökonomie als den Liberalismus, dessen Konzept aus der Verallgemeinerung von Verhaltensnormen entsteht, die zwar für Individuen und Einzelbetriebe richtig, für eine ganze Volkswirtschaft aber verderblich sind.

Gerade für eine Wirtschaftszweig der öffentliche Güter bereitstellen soll, dürfte eine bessere Nutzung korporatistischer Verfahren angepasster und erfolgreicher sein. Die Forstökonomen sollten sich also intensiver mit diesen befassen und objektive (ich sag bewusst nicht „wissenschaftliche“, sonst wird’s wieder unverständlich und irrelevant für die Praxis) Vergleiche liefern über Vor- und Nachteile unterschiedlicher Wirtschaftsmodelle.

So sind denn auch die Betrachtungen von avenir suisse recht einseitig. Es kommt kein Argument zum Zuge, das über Geld hinaus geht. Zum Wohle billiger Produktion sollen die Hälfte bis zwei Drittel der Bauern möglichst schnell von der landwirtschaftlichen Bildfläche verschwinden, durch Umschulung, Frühpensionierung, Selbstmord, egal wie, Hauptsache weg. Da sich avenir suisse offenbar nie damit auseinander gesetzt hat, welchen Umfang und welche Funktionen die mehr oder minder natürliche Vegetation der Schweiz hat, sieht sie auch keinerlei Problem in Betriebsaufgaben mit der Folge der Vergandung, Versteppung, Verunkrautung, Verbuschung und Verwaldung. Wie obiger Ausschnitt zeigt, spielt sie da auf Sympathien bei den Naturschützern, weshalb die selben Kreise auch so extreme Konzepte wie das Alpenreservat unterstützen. Nicht nur Betriebe, die wenig Rendite bringen, sollen eliminiert werden, auch Dörfer, Täler, Landschaften, ja ganze Kantone die "es ökonomisch nicht bringen" ... weg damit.

Dass Wirtschaft nur bei konstantem Wandel funktioniert scheint auch mir unbestritten. Dass gerade der Kapitalismus äusserst erfolgreich ist in Schumpeters "kreativer Zerstörung", ist ebenfalls unbestritten. Dass allerdings, bei weitgehend gesättigten Märkten und weltweiten Überkapazitäten, die Zerstörung nicht mehr kreativ ist sondern schlichtweg destruktiv, tja, das ist zwar sichtbar anhand der steigenden Kosten bei Sozialversicherungen, aber noch kaum in den Medien - oder wenn, dann als Verunglimpfung der Opfer, die bereits in diese Kassen abgeschoben wurden, selten aber als Kritik an den Tätern.

Dass alte Betriebe die ihren Zenit überschritten haben weg müssen, das ist so. Das gilt aber nur für Betriebe die zwar wirtschaftlich Ergiebiges und für das Leben Angenehmes, herstellen, wie Uhren, Maschinen, Bankwesen etc. Das gilt aber eben gerade nicht für Raum bezogene Wirtschaft, also die Land- und Forstwirtschaft. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es also schlichtweg falsch, Ökonomen die für unterschiedliche Ausgangsbedingungen blind sind, überhaupt zuzuhören, wenn sie über Volkswirtschaft reden.

Land- wie Forstwirtschaft stecken zur Zeit (für die Forstwirtschaft kann man schon fast sagen: steckten ...) in einer Ertragskrise, da die Kosten bleiben oder gar steigen, die Erträge aber dauern fallen. Dies liegt vor allem an den marktwirtschaftlichen Verzerrungen durch die Globalisierung. Diese orientiert sich nur am Preis, unabhängig davon, wie er erzielt wurde. Die tiefsten Preise werden aber erzielt durch Ausbeutung, Ausbeutung von Natur und Menschen. Das banale Konzept der Renditejäger taugt also nicht für eine nachhaltige Wirtschaft, taugt offensichtlich nicht für die Erhaltung der Kulturlandschaft und der natürlichen Lebensgrundlagen.

Wie sich gerade anhand der Forstwirtschaft zeigt, lösen sich solche, durch zu tiefe Preise entstehende Probleme meist von selbst, sobald das Gut wieder knapp wird. Holz wird knapp - aber auch Nahrungsmittel werden in nicht all zu ferner Zukunft knapper. Man denke nur an die enorm steigende Nachfrage aus China. Indien wird folgen. Wenn die Chinesen (bei Indern ist die Gefahr geringer, da die meisten Vegetarier sind) sich aber mehr Fleisch leisten können, dann werden sie das tun, womit sich der Verbrauch an Futtermitteln vervielfacht und dort die Preise genau so abgehen wie in den letzten Jahren bei Kupfer und anderen Rohstoffen, absehbar bereits bei Kakao und Kaffee.

Dazu kommt, dass die landwirtschaftliche Produktionskapazität Chinas sich nicht mehr all zu lange steigern lässt, insbesondere auf Grund von Wassermangel. Man sollte nicht vergessen, dass grosse Teile Chinas aus Wüsten und Steppen bestehen. (Gobi, Mongolei).

Dazu kommt, dass bei uns, insbesondere aber in den USA, der Kornkammer der Welt, die Böden in enormem Masse der Erosion ausgesetzt sind, die Erträge also schwinden werden.

Dieser natürlichen Verknappung von Nahrungsmitteln versucht also avenir suisse nun bereits mal zuvorzukommen ... so dass, wenn sie eintritt, das Landwirtschaftsland, wie der Rest der "grossen" Wirtschaft, bereits in den Händen des Kapitals konzentriert ist.

avenir suisse arbeitet dabei propagandistisch, nicht wissenschaftlich, ja schon nicht mal ehrlich in der Argumentation. Eine weitere grosse Chance, und eigentlich DIE Lösung für vergandende Flächen in steileren Lagen, die  Produktion von Bio-Energie, wird im Bericht gleich vorweg veräppelt [S. 368] . Die Argumente wie "Verringerung der Energieabhängigkeit, nachhaltige Energieversorgung" werden  - als Subventionsabsicht - lauthals verworfen. Dies obwohl die Holz-Energieproduktion helfen könnte, Flächen günstig, d.h. maschinell zu bewirtschaften, die weder von Gras (Lawinengefahr) noch von Wald (problematische, d.h. unrentable Ernte in Hoch- und Steillagen) überwachsen werden sollten. Gerade die Energieproduktion würde das Freihalten von Flächen erlauben, ohne bloss Kosten durch "Biotoppflege" zu verursachen, da die Sonnenenergie so günstig wie ökologisch eingefangen und verwertbar gemacht wird.

 

2 Im Zentrum der Strategie von avenir suisse steht die BETRIEBSGROESSE, also Macht, nicht Freiheit!

Zahlen zu Betriebsgrössen [S. 260 ff:]

Zusammenfassend lässt sich also mit grosser Sicherheit feststellen, dass flächenmässig grössere Betriebe erfolgreicher sind und dass flächenmässiges Wachstum zu einer Verbesserung des betrieblichen Erfolges führt. [S. 262]

Eine Verdoppelung der Abnahmerate könnte bis zum Jahr 2015 eine Betriebsgrössenstruktur entstehen lassen, bei der 70% der Fläche von Betrieben mit mehr als 30 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche (für weniger als den Minimallohn!) bewirtschaftet werden. Der aktuelle Trend würde lediglich eine Zunahme dieses Anteils von heute 30% auf knapp 50% erlauben.

Weltmeister ist also, wer am schnellsten am meisten Bauern kaputt macht. Das ist Wettbewerb! Vernichtung von kleinen Existenzen, damit die grossen bessere Geschäfte machen können. Man kriegt Lust die Verfasser zu watschen, wenn man den Bericht so liest ... Natürlich haben sie formell recht, aber sie verschwenden keinen Gedanken darauf, was diese Art von Marktgesetzen für die Mehrheit der Bürger bedeuten, wenn man sie einfach als gottgegeben (oder "wissenschaftlich", was das heutige Pendant dazu wäre) annimmt.

Auf Seite 33 behauptet der Bericht, dass Österreich mit 15.7 ha 50% mehr Fläche zur Verfügung stehe als in der Schweiz. Das ist Stuss. Die Betriebsgrössen beider Länder unterscheiden sich nicht stark. Problematisch für die Statistik ist die Zuordnung von Wald bei der Fläche, von Familienmitglieder bei den Arbeitskräften. Es steht zu befürchten, dass die günstige Produktion in Oesterreich vor allem auf der Selbstausbeutung der Familien beruht - was ja wohl kaum ein Vorbild sein dürfte.

Die geheimnisvollen 28%, um die die Österreichischen Bauern billiger (effizienter?) produzieren als die Schweizer, wären also bereits erklärt - und zwar durch den bescheidenen Lebensstil und die Ausbeutung der Familien der österreichischen Bauern, nicht durch die verstärkte Akkumulation von Land in den Händen weniger.

Nichtsdestoweniger zieht avenir suisse den Propagandafeldzug mit dem selben Argument weiter: Grosszügige Direktzahlungen bei weiterhin hohem Grenzschutz bremsen jedoch den Strukturwandel hin zu grösseren Betrieben. In Verbindung mit hohen Faktorpreisen verursacht die kleinbetriebliche Struktur der Schweizer Landwirtschaft klare Wettbewerbsschwächen.

Es wird hier ganz und gar deutlich, dass es eben bei dieser Art neoliberaler Wirtschaftsfreiheit NICHT um Wettbewerb unter Freien - mit gleich langen Spiessen - sondern um die Herrschaft der Grossen geht. Deshalb ist das Anliegen von avenir suisse auch nicht das Wohl der Konsumenten, sondern:

Wie machen wir die Kleinen

(Bauern sind nur ein Sektor, gemeint sind wirklich alle!)

am schnellsten kaputt?

3 Wie viel Land braucht der Bauer?

Die durchschnittliche Betriebsgrösse in den USA beträgt 179 ha!
In Kanada 422 ha!!
Um hier konkurrenzfähig zu werden, müsste die Anzahl Betriebe der Schweiz nicht bloss halbiert,
sondern auf 1/10 bis1/20 reduziert werden.

 

Sollte jemand mit einem Kleinbetrieb, der lediglich 10% einer als "optimal" definierten Betriebsgrösse aufweist, Anspruch auf dasselbe (Mindest-)Einkommen haben wie jemand mit 40% dieses Wertes? [S. 160]

 

Hinter dieser einfachen, uns scheinbar absolut rationalen und berechtigten Frage verbirgt sich ein ungeheurer Zynismus. All die rechts angegebenen Einkommen, bis hin zu einer Betriebsgrösse von 27.5 ha, sind, ohne Nebeneinkommen und ohne die nun angezweifelten Direktzahlungen (DZ) geringer als 22484 Franken, pro Jahr, d.h. 1873.- pro Monat, ohne Dreizehnten ....  Diese einfache und rational verbrämte Frage bezweifelt also, auf Grund wirtschaftlicher Gegebenheiten, das Existenzrecht einer grossen Mehrheit aller Schweizer Bauern. [s. Betriebe nach Grössenklasse]
 

Berechnung der Mindestbetriebsgrösse für Minimaleinkommen von 3000 pro Monat, also 36'000 pro Jahr:

36000= 1964.2 x - 32194

Die 32194 stehen praktisch für die Fixkosten, die auch anfallen, wenn ein Hof keinen Quadratmeter Land (mehr) hat - mit ein Grund, warum die Aufteilung verboten wurde.

x= (36'000 - 32194) / 1964.2 = 35 ha / pro Kopf eines Mitarbeiters, nicht pro Betrieb wie von avenir suisse fälschlicherweise publiziert!

Das ist zwar im internationalen Vergleich nicht viel, etwas weniger als der Mittelwert in Deutschland und Frankreich, wird aber in der Schweiz zur Zeit nur von 10% der Eigentümer erreicht. Das bedeutet definitiv, dass die Hälfte der Bauern aufgeben muss, damit die anderen - zum Minimallohn - weiter produzieren können! Oder dass 3/4 der Bauern aufgeben muss, damit der Rest einen anständigen Lohn erwirtschaften kann!! Oder ... dass die ganze Land-Wirtschaft irgendwie total beschissen ist ... Es könnte aber auch schlicht und einfach so sein, dass die Idee, dass das Streben nach mehr Effizienz über Wettbewerb automatisch zu einem brauchbaren (von gerecht noch nicht mal zu reden ....) Wirtschaftssystem führt, propagandistischer Kohl ist.

Annahme: Zukauf von 15 ha für 1 Million, d.h. 6.66 Fr./m2, d.h. teurer als Wiesland, billiger als Ackerland (30 Fr. und mehr pro m2)

Der totale Wert des Betriebes wäre dann also 2 Millionen für Land, + min. 1 Million für Gebäude und Maschinen = 3 Millionen ... um 36'000 pro Jahr zu verdienen. Im Sch... Büchlein von a-s wird zwar "nur" Eigenkapital in der Höhe von:  300'000 (1990) und  412'000 (2005) angegeben, aber bereits die Zunahme zeigt, dass hier offensichtlich die Buchwerte verwendet wurden. Buchwerte sind aber eben nur im Buch was wert ... und vor allem müssten diese in der Zeit abgenommen haben, da die Bodenpreise stark gefallen sind, weil die Spekulation mit Landwirtschaftsland durch die Eigenbedarfsregel so ziemlich unterbunden wurde:

Das Selbstbewirtschaftungsprinzip führte ab 1994 zu oft starken Preissenkungen, da Spekulation dadurch verhindert wurde. Dieses soll auch laut avenir suisse erhalten bleiben, da die Aufhebung die Preise in die Höhe treiben würde: Boden als Liebhaberobjekt - Wohnen auf dem Lande, Kapitalanlage für Immobilienhändler, Bauunternehmer, Architekten, Anleger, para-landwirtschaftliche Tätigkeit: Landgasthof, Reitstall, Ferien auf dem Lande etc.

Aber: Der Einstieg in die Landwirtschaft ist heute ohne einen elterlichen Betrieb sehr selten. Mehr Neueinsteiger würden eine neue Dynamik erzeugen, was auch die Innovationskraft der Branche erhöht. [S. s. 302] Sicher, mehrere Millionen aufzutreiben um dann rund um die Uhr für weniger als den Minimallohn zu arbeiten, ist sicher eine äusserst attraktive Vision für Millionäre.

Dies entspricht einer Rendite von 1.2%. Da liefern sogar heute noch einfache Sparbücher mehr. Vergleichen wir es mit den 18% Eigenkapitalrendite die Finanziers vom Schlage Ebners als gerecht-fertigt für die Shareholder ansehen (es sei denn, die Shareholder seien Pensionäre und es gehe um die Rendite der Pensionskasse), wird klar, wie besch... dieses Geschäft ist ... und wie wenig die Rentabilitätsrechnungen der Kapitalmarktgenossen mit der Realität zu tun haben. Denn, so betrachtet, müssen alle, wirklich alle, Bauern ihre Höfe verkaufen und sie würden um ein Vielfaches besser von den Zinsen leben als von ihrer Arbeit. Noch eindrücklicher kann man den Mythos, das Geld durch (ehrliche) Arbeit verdient werde, wohl kaum widerlegen.

 

4 Herrschaftsstrategien des Neofeudalismus: Machtwirtschaft statt Marktwirtschaft.

Die verarbeitende Industrie der Nahrungsmittelbranchen zählt 2800 Arbeitsstätten mit 55'000 Beschäftigten. Die Grössten sind Nestlé, Hero, Lindt, Emmi, Kambly, Migros, Coop und Fenaco. Diese wünschen sich, wie alle Grossbetriebe: billige Rohstoffe, billige Mitarbeiter, aber hohe Verkaufspreise ...

Metzgereien

Weit über 80% des Fleisches wird heute in industriell organisierten Grossbetrieben verarbeitet (Bell (Coop), Micarna (Migros), Carnavi (Fenaco)). Die Verarbeitungskapazität beträgt 450'000 t, der Bedarf 315'000 t. Es bestehen also Überkapazitäten von 40% - und zudem, so avenir suisse, sei das Kapazitätspotential der Überschicht noch kaum angezapft. (Wär' doch was als 1 Fr. Jobs für Arbeitslose? Zur Unterstützung dieser armen Grossbetriebe ...) Und nun raten Sie mal, wer für diese Überkapazitäten bezahlt?

Während dem sich die Zahl der gewerblich organisierten Metzgereien innerhalb von gut 25 Jahren auf weniger als 1500 mehr als halbiert hat [S. 238] stellen sich die Grossen also auf  internationale Ausdehnung ein. Dass sie, wegen der noch grösseren Grösse der andern (in Deutschland gibt es Schlachthäuser mit Kapazitäten von 40 Millionen kg!) eh kaum Chancen haben, scheint sie aber nicht zu stören, nein, schuld sind die zu hohen Produzentenpreise, die sie in ihrer Ausdehnung zum Imperium behindern.

Mühlen

Swissmill, Coop, Zürich verarbeitet 40% (195'000) des Brotgetreides. Dank modernsten Produktionsanlagen und optimierten Prozessen wäre SWISSMILL nach eigener Aussage ohne den Preisnachteil der teuren schweizerischen Rohstoffe europäisch konkurrenzfähig. aha ... und damit die Mühle verdienen kann, sollen auch hier die Bauern gefälligst gratis arbeiten, zum Wohle eines Mühlen-Imperiums.

Wird auf der einen Seite, wo es um die (total vertrottelte) Bekämpfung der Multifunktionalität geht, so argumentiert:

Aus ökonomischer Sicht ist es schlicht falsch, die besonderen topographischen und klimatischen Verhältnisse der Schweiz für die Agrarproduktion als natürlichen Standorts- und Wettbewerbsnachteil zu bezeichnen. Es sind nämlich genau diese spezifischen Bedingungen und die Unterschiedlichkeit zu andern Produktionsstandorten, welche die Grundvoraussetzungen für die Spezialisierung bilden, die das Wesen und den Nutzen des internationalen Handelsaustauschs ausmachen. [S. 40]

So tauchen nun, Handkerum, der Standort auf als Verhinderer, und es ist plötzlich Aufgabe von Politik, Volk und Bürgern, in dem Falle der Bauern, den Standort an die Bedürfnisse der Grossen anzupassen:

Heute bestehen Verarbeitungsbetriebe, die über international konkurrenzfähige Produktionskapazitäten verfügen. Das anhaltend hohe Rohstoffhandicap verhindert aber oft eine weitere Expansion, und betroffene Verarbeitungsbetriebe befinden sich im "Gefängnis des Grenzschutzes". Andererseits haben dank der Stützung durch solche Verarbeitungs- und Exportbeiträge auch zu lange wenig konkurrenzfähige Unternehmen überlebt.

Auf Deutsch:

Damit Grossverarbeitungsbetriebe leichter die marktwirtschaftliche Weltherrschaft erreichen können, muss sich der Standort an sie anpassen.

 

Grosshandel

Fast die Hälfte der Lebensmittel geht über die Kassen von Migros und Coop. In Deutschland sind es 5 bis 6 Unternehmen, die sich den selben Marktanteil teilen. Dies erhöht die sunk costs und weitere Markteintrittsgebühren, schottet Mitbewerber also eben so gut, wenn nicht besser, vom Wettbewerb ab wie Zölle. Gerade im Detailhandel sind die Markteintrittskosten normalerweise tief, denn sonst gäbe es keine Tante Emma Läden, d.h., Sie sehen's bereits, hätte es die nie gegeben. Dass die verschwunden sind ist also kein Zeichen von mehr Wettbewerb, sondern von Marktbeherrschung. Das Selbe gilt aber auch für Landwirtschaftsbetriebe, wenn bereits die Minimalgrösse mit Minimaleinkommen einen Einsatz verlangt, der am Kapitalmarkt ein mehrfaches an Zinsen brächte von denen man problemlos und ohne Anstrengung leben könnte.

Migros und Coop nutzen das eingesetzte Kapital weitaus weniger effizient als Wal Mart, Metro und Carrefour. (Schiller, Walker 2002). Jene erreichen einen return on net operating assets von 13 bis 17%, diese bloss 4 bis 5 %.  Diese erzielen mit einem eingesetzten Franken bloss 2 Franken Umsatz, Wallmart 3-4, Metro fast 5 und Carrefour deutlich darüber.

Nicht Leistung zählt, sofern als Arbeits-Leistung verstanden, sondern Kapital-Macht.

Und wo die Macht weniger entscheidet, kann man eigentlich von frei nicht reden.

Letzter Beweis: Die Grossverteiler sind heute unter härterem Wettbewerb viel eher bereit, den Preis- und Kostendruck rückwärts bis zu den Bauern abzuwälzen. [S. 389]

Wenn man "abwälzen" kann, hat man Macht. Auch hier ist von Freiheit nicht viel zu sehen.

 

5. bäuerliches Bodenrecht

Das wichtigste Ziel bäuerlicher Tätigkeit, sogar im aufkommenden Liberalismus, war die Sicherung der Grundexistenz, der Subsistenz. Ultraliberale konnten damals bloss Leute beliebig entlassen, ohne Absicherung, weil die meisten noch einen kleinen Hof hatten, oder Verwandte, die sie aufnahmen, und so ihr Ueberleben sicherten. Diese Sicherung hat sich längst ins Gegenteil verkehrt. Heute muss der Bauer eine zusätzliche Anstellung annehmen, wenn er die Existenz seines Hofes garantieren will. Der Bauernhof wird, trotz enormer Arbeitsbelastung, immer mehr zum "Nebenerwerb".

Bauer sein hiess, seit dem Übergang von primär gemeinschaftlicher Subsistenzproduktion zur Produktion für einen Markt, meist: Schuldner sein, für die Bezahlung der Zinsen arbeiten. Die Bauern kamen seit dem Mittelalter aus der Zinsknechtschaft  nicht heraus. Dem wollte das neue bäuerliche Bodenrecht abhelfen, da es den Bodenpreis tief und das Land zu ausreichend grossen Betrieben zusammen hielt (Übernahmerecht der Familie zu privilegiert tieferem Ertragswert). Ein Bauerhof ist ein Lebenswerk, nicht eine kurzfristige Investition, die man rasch wieder abstösst um Gewinne zu machen, sondern eine "Existenz", im wahrsten Sinne des Wortes. Die angestrebte Rationalisierung vernichtet also nicht bloss Arbeitsplätze, sondern Existenzen. Als mehrheitlich vermutlich Arbeitnehmer dürften viele Leser damit Probleme haben, den Unterschied zu verstehen - anders als diejenigen, die, wie der Schreibende, Jahre investiert haben um etwas aufzubauen ... mit oft minimalem Einkommen, weit unter der Existenzgrenze -aber Arbeitszeiten für die man laut Gewerkschaft eingesperrt werden müsste, also Selbstausbeutung. [s: Der Weg zur Selbständigkeit ist kein Spaziergang]

Weitere Probleme bei einer Verkleinerung der Betriebe:

Bauernland in Bauernhand - war das Schlagwort. Den Erben wurde das Vorrecht der Übernahme zum doppelten Ertragswert gesichert. Die Aufteilung des bäuerlichen Erbes in Einheiten, die zu klein sind um eine Existenz zu sichern, war bereits im Alten Testament ein Problem. Traditionell wurde es durch das Vorecht des Erstgeborenen gelöst, in der neueren Gesetzgebung durch das Realteilungsverbot, die. Bewilligungspflicht für Handel von Landwirtschaftsland zu einem Wert der maximal 5% über dem liegen darf, was vergleichbare Objekte in den letzten 5 Jahren erzielt haben. Dazu kamen eine Belastungsgrenze für Grundpfandkredite bei 135% des Ertragswertes, eine garantierte Mindestpachtdauer von 6 Jahren mit Klagemöglichkeit auf Pachterstreckung. All dies ist den Liberalisierern nun ein Dorn im Auge, obwohl die Tatsache weiterhin gilt, dass man einen Bauernhof können nicht wie eine Wohnung in ein paar Tagen beziehen, einrichten und nutzen kann, sondern auch längerfristige Investitionen nötig sind in Vieh, Saatgut, Lagerung, etc. Diese Schutzmassnahmen für Pächter könnten also als "Mieterschutz für Bauern auf fremdem Land" bezeichnet werden.

Diese Regeln, wie die Starthilfe und die steuerlichen Vorteile bei Übernahme der Wohnungen zu einem relativ tiefen "Eigenmietwert", verhindern den raschen Ausstieg und sollen aufgehoben werden. Eine erhöhte Mobilität verbessert die Möglichkeiten der Strukturentwicklung ... gemeint: die Möglichkeit, durch günstiger Übernahmen für die Grossen, durch günstiges Wachsen, die Kleinen noch rascher in die Verschuldung und ins Aus zu treiben. Und natürlich fehlt auch hier nicht das Verbandsbeschwerderecht, das als Drohung für Neuanbieter beschrieben wird; das Ladenöffnungsgesetz und die Arbeitsgesetze, die alle eine günstige Akumulation allen Reichtums in wenigen Händen erschweren.

Forderung:  Eine Aufhebung dieser Privilegierung: Völlige Liberalisierung der Pachtpreise, Pachtdauer nur noch für 3 Jahre geschützt.

Ob sie hier was taugliches vorschlagen oder nicht waren sich offenbar selbst die Urheber diesen Katastrophenberichts nicht so ganz klar. Auch da wird ziemlich rumgeeiert:

Empfehlungen von avenir suisse betr. landwirtschaftlicher Strukturen:

Erhöhte Ausnutzung von Grösseneffekten bei möglichst tiefen Kosten für den Faktor Boden

Nur Grossgrundbesitz ist sinnvolle Landwirtschaft. Bodenlose sind ... eben, bodenlos überflüssig.

Alles klar? Noch klarer kann man's wohl kaum sagen: Der Markt wird zentralisiert, also feudalisiert und bürokratisiert. Machtzentren entscheiden, wer mitspielt und wer nicht. Freiheit? Pustekuchen! Zentralisation herrscht!! Die Diktatur des Kapitals!!! Mit Vollgas zurück ins 19 JH: Ein eigenständiges Existenzrecht haben nur Multimillionäre - die andern haben sich dem Ameisenhaufen anzupassen. Die Empfehlungen von avenir suisse, eines so genannten "think tanks", bedeuten also nicht mehr Freiheit, sondern die Rückkehr zu Feudalismus und zur Herrschaftlichkeit, bloss das heute nicht der Boden dazu dient, die Vasallen an sich zu binden, sondern der Kapitalbesitz.

 

Jedermann kann beliebig Grund und Boden erwerben und besitzen, pachten und verpachten, jeder darf nunmehr über seinen Besitz, unter Lebenden und von Todes wegen frei verfügen, ist weder hinsichtlich der Teilung, noch hinsichtlich der Verschuldung rechtlich beschränkt.  [S. 43]

So könnte man das "innovative" Konzept von avenir suisse doch wohl zusammen fassen. Nicht?

Tja, nun raten Sie mal, woher die Aussage stammt. Die wurde 1903 von Walter Schiff in "Grundriss des Agrarrechts" gemacht, in der die Auswirkungen der tatsächlich vorgenommenen Liberalisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschrieben sind. Da das Kapital häufig in den Händen von Juden konzentriert war, führte das ... na ja, der Rest ist bekannt ... aber nicht bloss zu Antisemitismus, sondern gleich auch zu Antiliberalismus und Antikapitalismus.

Eben gerade weil dieses banale Rezept damals schon keine der Versprechungen hielt, wurde die Lösung über Genossenschaften, politische Einflussnahme, Korporatismus, kurzum die Sozialpartnerschaft gesucht - die allerdings gegen Ende des Jahrhunderts auch in Österreich wieder zerbrach, und damit unerfreulichen Gestalten wie Haider & Co Auftrieb verschaffte: Eine Managerdominanz löste sich von den Eigentümern, den Genossenschaftsmitgliedern, und mutierte zur modernen Unternehmensführung, die nichts so sehr schätzt wie Diskretion und Verschleierung der tatsächlichen Machtverhältnisse, zum Beispiel die mehrfache Interessenvertretung. (hört ... hört)..  [S. 69]

[Zitate aus: Bruckmüller, Hanisch, Sandgruber, Weigl: Geschichte der österreichischen Land- und Forstwirtschaft im 20. Jahrhundert.  Ueberreuter2002]

Wenn man sich also schon think tank schimpft, sollte man sich vielleicht doch zwischendurch auch mal ein bisschen mit alten Erfahrungen beschäftigen, die geschichtlich längst aufgearbeitet sind. Aus Erfahrung lernen ist zwar hart ... aber aus gemachten Erfahrungen, also der Geschichte, nicht zu lernen, ist dämlich:

Sozialer Friede basiert auf Sozialpartnerschaft - und Sozialpartnerschaft ist eben nicht, wenn der eine "Partner" sagt was läuft, und der andere sich ans Streikverbot hält (... und generell zu blöd ist, um zu merken, was eigentlich läuft).

Sozialer Friede bedingt, dass sich nicht die gesamte Gesellschaft, insbesondere die Mehrheit der Verlierer, an die einseitige Ausrichtung der Wirtschaft auf Gewinn hält, sondern, in gegenseitiger Kompromissbereitschaft mit dem Willen zum Konsens auch Ziele

  • der Vollbeschäftigung (zumindest im Sinne der Beteiligung aller ... allerdings in Würde, d.h. weder als Billiglohnsklaven noch als "Sozial-Fall" in der Sozial-Falle),

  • des sozialen Ausgleichs und

  • der nachhaltigen Entwicklung

gesetzt werden können.

SOZIALVERTRÄGLICHER STRUKTURWANDEL:

Die "Lösung" die avenir suisse für die Überflüssigen anbietet ist logischerweise genau so dämlich wie zynisch:

Durch echte Unternehmensschliessungen (Einstellung einer produktiven wirtschaftlichen Tätigkeit) (Bauernbetriebe die eingehen sind offenbar unechte Unternehmensschliessungen)  sind im Jahre 2003 im sekundären und tertiären Sektor fast 12'000 Unternehmen verschwunden. Dabei verloren rund 46'000 Beschäftigte ihre Stelle. Sozialverträglich bemisst sich in den betreffenden Branchen beispielsweise nach den Vorgaben des Arbeitslosengesetzes: bis zu 30 Prozent tiefere Einkommen, Wechsel in andere Berufe, Umschulung, zwei Stunden Arbeitsweg. Gemessen daran erscheint die Bauernschaft privilegiert.

Es ist eine alte Tradition in der Kritik an Bauern, deren Löhne und Arbeitsbedingungen mit (schlecht bezahlten) Angestellten zu vergleichen. Bauern sind aber selbständig, d.h. sie bezahlen a) AHV; Pensionskasse, Betriebsunfallversicherung, die Kosten ihres Arbeitsplatzes etc. selbst - b) zu Löhnen die oft weiter unter dem liegen, was als Minimallohn (3000 netto) für Jobs gefordert wird, die um einiges weniger anstrengend sind.

Diese Art von Argumentation ist nichts als Betrug. Des weitern arbeiten viele Bauern länger und härter als alle - für weniger als das Existenzminimum. Sie hätten also ein Anrecht auf Unterstützung von den Sozialämtern ... beanspruchen diese aber kaum, aus Stolz auf ihre Unabhängigkeit, eigene Leistung und Selbstverantwortung. Was ist der Dank dafür? Sie sollen offenbar nochmals 1/3 billiger arbeiten, d.h., nehmen wir den Vergleich mit der "erfolgreichen" österreichischen Landwirtschaft ernst, zum halben Preis, zur Hälfte des Existenzminimums.

Konkret wäre denkbar, dass an die Stelle von Direktzahlungen mit ihren hohen Einstiegsanreizen ein Versorgungsversprechen in der Form einer agrarpolitisch begründeten Alimentierung bzw. Aufstockung der Zweiten Säule der Altersvorsorge von aussteigenden Bauern treten könnte, und zwar unabhängig vom Alter. ... Bei heute rund 1400 Netto-Ausstiegen pro Jahr und "Einkäufen" von etwa CHF 280 Mio. pro Jahr, was etwas mehr als einem Zehntel der jährlichen Direktzahlungen entspricht. ..[S. 350]

Das heisst, man erwägt, die "überfllüssigen" Bauern auf Staatskosten in Pension zu schicken. Es gibt also keine Verwendung für überflüssige Bauern, vermutlich genau so wenig wie für überflüssige Klein-Detailhändler, Klein-Gewerbler, Klein-Restaurants ... und Klein-Forscher ... in dieser Gesellschaft..

 

6. Faule Argumente, Strategien und Taktiken des Berichts

Faule Argumente

Mit dem hier zeigen die Verfasser gleich, was Sie von der Intelligenz der Leser und Kunden halten:

MODELL ÖSTERREICH:

Die österreichischen Agrarpreise kamen durch den EU-Beitritt unter Druck. Trotzdem geht es der österreichischen Landwirtschaft heute besser als vor dem Beitritt, weil sie wettbewerbsfähig geworden ist. [S. 38]

Die österreichischen Bauern arbeiten mehr, für weniger Lohn, die Mehrheit hat bereits ihre Existenz verloren ... aber "DER Landwirtschaft" geht es besser.

 

Strategien und Taktiken (Fazit s. Einleitung)

Der Anteil der Schweizer, der laut Umfrage BLW sogar findet, dass die gegenwärtige Unterstützung zu gering sei, ist immerhin doppelt so hoch wie der derjenigen, die finden es werde viel zu viel bezahlt. Klar ist dabei allerdings, dass dabei nur um die Unterstützung einer umweltfreundlichen Landwirtschaft gemeint ist und nicht von industriellen Zuchtbetrieben und Produktionsanlagen. avenir suisse spricht also höchstens für eine landschaftsferne Minderheit von ca. 1/3 der Bevölkerung.

30% zu hohe Preise ... umfassende Marktöffnung ... Zollsenkungen ... werden mehrfach als Pflicht für den Staat ... staatliches Pflichtprogramm .. . Gesamtprojekt ... Verantwortung der Politik bezeichnet. Die Kantone seien zu wenig hilfreich - aber fakultative Referenden seien immer geeignet als Bremse gegen Umverteilung, weil hier das einfache Volksmehr genügt. Man muss hier nur eine populistische Politik betreiben um das Volk mit einfachen Mehrheitsentscheiden über den Tisch zu ziehen . Mit der Kritik am notwendigem Volks- und Ständemehr (S. 391) wie an der Verbandseinsprache  beweisen die Autoren ihre demokratiefeindliche Haltung.

Eine Umfrage des Schweizer Bauer lässt erkennen, dass innerhalb der Schweizer Bauernschaft bereits ein bemerkenswerter Umdenkprozess vor sich geht, der eine politisch brisante Trennlinie zwischen expansionswilligen grösseren Einheiten und kleineren, wettbewerbsschwachen Betrieben zu ziehen beginnt.

Merke:

Klein = Wettbewerbsschwach < > gross = expansionswillig, wettbewerbsfähig, lebenswert!

Es sei denn, es handle sich um nicht-gewinnorientierte Genossenschaften wie etwa die FENACO, die nach Strich und Faden zerrissen wird: Unter den heutigen Marktstrukturen fällt der UFA eine Marktführerrente zu, die einer Monopolrente nicht unähnlich ist. [S. 201]. Tja, wenn das Ding aber UBS, CS, Migros oder Coop heisst, ist das natürlich eine ganz andere Sache ... Man muss also ergänzen:

Klein und unrentabel oder gar subsistenz- und nicht gewinnorientiert = wettbewerbsschwach

gross und gewinnorientiert = expansionswillig, wettbewerbsfähig, lebenswert

Vermutlich ungewollt, aber eben dämlich, liefern sie auch gleich noch das offenbar einzige Mittel das noch gegen die Übermacht der Marktbeherrscher wirkt. Sie kritisieren die ca. 3000 Bäckereien wie die Grossverteiler dafür, dass sie Brot offenbar quersubventionieren, denn dieses ist nur 10% teurer als in EU4-Ländern. Es handle sich dabei um einen politischen bzw. marktstrategischen Brotpreis. (Kostenanteil Mehl 20% des Verkaufspreises, Personalkosten 41%.) Man hat hier also doch eine Lehre gezogen aus den Resultaten der von Weltbank und IMF durchgeführten austerity programmes in ärmeren Ländern, die Subventionen für Nahrungsmittel einfach strichen - was prompt zu Revolutionen führte.

Die Lehre daraus:

Auch Unruhen und Revolutionen können den Markt und die Preise beeinflussen!

Sie zeigen aber auch, wie das im Normalfall funktioniert:

Die Grossverteiler spielen ihre Grössenvorteile aus und schieben die Strukturbereinigung an. Dadurch entsteht ein Kostendruck zurück über die Handelsmühlen bis zu den Getreideproduzenten, was die überfällige Strukturbereinigung in diesem Sektor unterstützen dürfte.

pardon ... Sie wollten noch was sagen von wegen "freiem Markt"?

Gegenstrategie: s. Ernst Halbmayr: A faire Milch http://www.afairemilch.at/

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Wer diesen Neofeudalismus mittels avenir suisse als Propagandavehikel unterstützt:

Direktor: Thomas Held

Stiftungsrat

Mitglieder:     Walter Kielholz (Präsident) - Verwaltungsratspräsident CS     Andreas Jacobs    
      Rémy Best (Vizepräsident)     Thomas Knecht (Mc Kinsey)    
      Walter Diggelmann     Michael Plüss    
      Jürgen Dormann (Präs. ABB-Verwaltungsrat)     Andreas Schmid    
      Peter Eckert     Leonardo Vannotti    
      Peter Forstmoser (Jus-Prof. Uni Zürich. Multi-Verwaltungsrat)     Nelly Wenger    
      Erich Hunziker          

 
               

 
               
Stifterfirmen:     ABB     Nestlé    
      Credit Suisse Group     Novartis    
      Roche     Sulzer    
      Groupement des Banquiers Privés Genevois     Swiss Re    
      Jacobs Holding     UBS    
      Kuoni Holding     Zurich Financial Services    
      McKinsey Switzerland          

Leitungsausschuss:

Walter Kielholz* (Präsident)    
      Rémy Best (Vizepräsident) Präsident des sch. Anlagefondsverbandes
      Silvio Borner: Neoliberaler Top-Propagandist der Uni Basel
      Ernst Buschor: Verantwortlich für vieles was in Zürichs Bildung so läuft
      Lord Ralf Dahrendorf: Vordenker des Liberalismus
      Erich Hunziker: Finanzchef Roche
      Thomas Knecht
      Jean-Christian Lambelet: Ex-Wirtschaftsprofessor Lausanne
      Helmut Willke: Einer der besten Systemanalytiker ... der sich offenbar, aus welchem Grund auch immer, hierher verirrt hat, wo er überhaupt nicht hinpasst. Falls er hier mitmacht, um systemisches Denken einzubringen, ist ihm das, ganz offensichtlich, gründlich misslungen.

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel. 5.12.06