Was ist Wohlstand? Wer bestimmt darüber? Wer verfügt darüber?
Lebensqualität bedeutet möglichst freie Wahl des Lifestyles. Je besser die Bedingungen für ein erfülltes Leben, desto höher die Lebensqualität
Historische, kulturelle und religiöse Hintergründe des Kapitalismus: Von göttlicher Ordnung zu "sportlichem" Wettbewerb.
Wer trägt die Schuld an der zunehmenden Ungleichheit - Globalisierung oder technischer Fortschritt?
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[Ernst-Ulrich Huster, Fritz Rüdiger Volz (Hrsg): Theorien
des Reichtums. Reichtum - Beiträge zu Ökonomie und Kultur der sozialen Distanz.
LIT-Verlag München, Hamburg, London. 2002
Ueli Mäder, Elisa Streuli: Reichtum in der Schweiz. Porträts, Fakten,
Hintergründe. Rotpunktverlag. Zürich. 2002]
| Glücklich das
Land, das keine Reichen nötig hat. Bertold Brecht |
Friede macht Reichtum, |
Reichtum ist attraktiv ... aber auch beneidet und kritisiert - war oft missbilligt oder gar verachtet, gescholten und verdammt - ist heute aber DAS Leitbild der Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit Reichtum ist genau so problematisch (Ausbeuter, Profiteure ...) wie die mit der Armut (dumm, faul, dreckig, frech ...), da wertebesetzt. Einerseits werden die Reichtumskritiker nieder gemacht mit dem Arrrg...ument: Neid-Hammel-Debatte. Andererseits werden hier ganz klar partielle Interessen als Gemeinwohl ausgegeben. Eine Theorie des Reichtums hat deshalb immer auch die Aufgabe der Ideologiekritik.
Reichtum wurde von der Bibel meist scharf kritisiert ... von der Kirche dann allerdings meist die Kritiker des Reichtums (Ketzer = Katharer, da diese eine reiche Kirche verwarfen) oder gleich die Armen (Protestanten: Reichtum ist ein Zeichen von Gottes Wohlgefallen. s. Max Weber)
Reichtum entstand für die Väter des Liberalismus aus Arbeit. Das Problem der inzestuösen Vermehrung des Geldes oder gar der Kapitalwerte war ihnen nicht bewusst.
Rousseau sah bereits die Gefahr, dass die Freiheit durch zu starke Konzentration des Reichtums in Gefahr gerate und meinte:
Niemand darf so reich
sein, um einen andern kaufen zu können, und
niemand so arm, dass er sich
verkaufen muss.
DEFINITIONEN DES REICHTUMS:
Definition Wohlstand:
Noch tiefer setzen Definitionen an, die Reichtum anhand des Einkommens definieren wollen. In den USA wurde z.B. mal vorgeschlagen, das 9-fache der Armutsschwelle als Reichtumsschwelle zu definieren [Mäder/Streuli S. 16 ff.], das wären in der Schweiz also ca. 18'000 Fr./Monat. Kann man hinnehmen. In Deutschland wurde das Doppelte des durchschnittlichen Einkommens (meist als Median bestimmt: 50% verdienen mehr, 50% weniger), das wären in der Schweiz also ca. 11'000 Fr. pro Monat. Da gibt's dann doch eine ganze Menge Reicher ... die doch eher als wohlhabend zu bezeichnen wären. Anyhow. So oder so. Mit Arbeit wird man nicht reich, das beweisen gerade diejenigen, deren horrende Löhne zu breiten Diskussionen, ja zu einer Volksinitiative geführt haben, denn ihr Vermögen ist, im Vergleich zu den "Reichen", immer noch erbärmlich. s. Die Vermögen der reichsten "Lohnarbeiter" (wie Vasella & Co) |
Im Reichtumsverständnis gelangt zum Ausdruck, wie in einer bestimmten Epoche die gesellschaftlichen Interessengruppen und die Werte vermittelnden Institutionen, wie etwa die Kirche, normativ und programmatisch "gute" Gesellschaft bestimmen. [S. 3]
Die Abgrenzung einer gesellschaftlichen Schicht von Reichen, also einer Klasse, ist eben so schwierig oder unmöglich wie bei den Armen, da auch hier die Übergänge fliessend sind. Während dem bei Michael Vester die oberen Milieus 20-25% der Bevölkerung umfassen, sind es bei Spellerberg bloss 10-13%. Reichtum bildet ganz offensichtlich kein Makromilieu - sondern ein hierarchisches System unterschiedlicher Milieus, die sogar auf dem Niveau weitere Distinktion zulassen. Als wichtigste Gruppen wären zu identifizieren:
- Die Altreichen: Dynastien mit wohlklingenden Namen, die gleich auch belegen, dass die Aristokratie nicht wirklich abgeschafft wurde, sondern sich heute einfach des neuen Herrschaftsmittels Kapital bedient: Wallenberg in Schweden, Hans Adam von und zu Lichtenstein, von Graffenried (BE), Burckhardt, Merian, La Roche (BS), von Planta, von Salis (GR), Bodmer, Escher (ZH), Burckhardt, Merian (BS), Gonzenbach, Zollikofer (SG) ...
Apropos alter Reichtum: Dieser wurde in der Schweiz vor allem erworben durch Salzhandel (mit Monopol natürlich), durch die Vermietung von Söldnern (also Vorläufer der heutigen Stellenvermittlungen wie Manpower & Co), und später durch Industrie der Garn und Stofferzeugung wie deren Färbung, dann allerdings bereits mehrheitlich durch Einwanderer, primär Protestanten aus Frankreich. Die zwei reichsten Schweizer des 16. Jahrhunderts waren der Innerschweizer Söldnerführer Ludwig Pfyffer von Altishofen (1524-1594) und der Zürcher Bannherr, Financier, Unternehmer und Salzhändler Hans Heinrich Lochmann.. Ebenfalls Salzhändler und Söldnervermittler (ohne selbst im Feld zu führen, aus rein wirtschaftlichen Überlegungen) war Kaspar Jodok Stockalper. Er war einer der bedeutendsten und reichsten Unternehmer der katholischen Schweiz des 17. JH. und wurde von König Louis XIV als Roi du Simplon bezeichnet. Allein an Immobilien besass er 2 Millionen Pfund, was dem Wert von 120'000 Kühen entsprach. Sein Reichtum beruhte auf skrupelloser Gier. Er betrog seine Auftraggeber mit falsch kalkulierten Kontingenten, liess die Söldner monatelang unbezahlt, hielt Pensionen für Witwen und Waisen zurück und wandte alle Methoden an, um selbst andere Soldunternehmer zu überlisten. Auch beherrschte Stockalper das Korruptionsgeschäft meisterlich, wusste wo und wann er Zahlmeister bestechen musste. Er heuerte für Inspektionen oft kurzfristig lokale Bauern oder gar Ausländer an, die am Tag nach der Inspektion wieder verschwanden. 1677 verlor er allerdings den politischen Machtkampf gegen die Walliser Führungsschicht, musste nach Domodossola fliehen, von wo er erst 1685 ins Wallis zurückkehren durfte, wo er sechs Jahre später vergrämt und von seinen Gegnern ausgeplündert starb. [Dominik Flammer: Die Reichsten der alten Schweiz. Bilanz No 20/2007. S. 194-200]
Zu den reichsten Einwanderern gehörte Francesco Turrini (1547-1628) aus Lucca in der Toscana. Er hinterliess bei seinem Tode 200'000 Goldkronen, womit er, wie die Gebrüder Werdmüller in Zürich, reicher war als alle Bankiers. Mit seinem Textilhandelsunternehmen "Grande Boutique" hatte er Jahr für Jahr 15-30% Reingewinn gemacht. Und selbst 60 Jahre nach seinem Tod waren drei seiner Nachkommen unter den reichsten Genfer Familien zu finden.
1690 wurde ihm der Rang abgenommen durch den Genfer Financier Jean Antoine Lullin, der mit Filialen in Turin und Lyon im Spanischen Erbfolgekrieg beide Parteien mit Krediten bediente - und dabei königlich verdiente. Gleich hinter ihm stand allerdings eine Frau, die reiche Erbin Elisabeth Baulacre, die Gold- und Silberfäden produzierte. Von 2000 in diesem Gewerbe in Genf tätigen Handwerkern standen 1200 in ihrem Dienst, durch ein Verlagssystem gebunden. Auch ihr Sohn erhielt bloss eine Statistenrolle bis zu ihrem Ableben. Fazit: Patriarchat oder Matriarchat: Hans was Heidi.
Ähnlich "produktiv" arbeitete in Zürich die Gebrüder Werdmüller, die Bourette- und Florettseide produzierten und dabei mehr als 1000 Spinnerinnen beschäftigten. Sie erzielten ebenfalls eine Rendite von 20%. David Werdmüller hinterliess ein Vermögen von 180'000 Gulden, Heinrich Werdmüller 350'000 Gulden. Sie betrieben dazu auch ein recht modernes Geschäft, Junk Bonds, damals Restzettelverwertung (nicht ausbezahlte Soldbeträge der französischen Krone) genannt.
Auch die Globalisierung gab es schon im 18. JH. Mit der Frühindustrialisierung wurde Baumwolle zum wichtigsten Handelsprodukt. Führend waren darin, nein, nicht die Winterthurer, sondern die Neuenburger, speziell das Geschlecht der de Pourtalès. Sie verbanden den Handel mit Baumwolle mit andern Indiengeschäften und Zuckerrohrplantagen auf den Antillen ... und den dazu nötigen Sklaven. Um 1799 besass Jacques-Louis de Pourtalès ein Vermögen von über 18 Millionen Schweizer Pfund, womit er einer der reichsten Schweizer seiner Zeit gewesen sein dürfte.
Ebenfalls aus Neuenburg ein weiterer heute noch bekannter Name einer Hugenottenfamilie: David de Pury (allerdings der von 1709-1786). Auch er geschäftete mit dem Dreieckshandel: Textilien - Zuckerrohr, Tabak, Rum - Sklaven - und hielt dazu noch ein Handelsmonopol für Holz aus Brasilien. Zwischen 1761 und 1786 verschiffte die Firma mehr als 42'000 Afrikaner aus Luanda und Benguela. Die Schweiz kann sich also auch hier, obwohl sie nie Kolonien hatte, nicht die Hände in Unschuld waschen.
Mit der weiteren Mechanisierung kam auch der Manchester Kapitalismus in der Schweiz an. Der Spinnerkönig Heinrich Kunz (1993-1859) von Uster wurde zum reichsten Mann der Schweiz. Er hinterliess ein Erbe von 25 Millionen Fr. und 8 Spinnereien mit insgesamt 150'000 Spindeln, was damals 12% der gesamten Spinnereiausrüstung der Schweiz entsprach. Während der Hochblüte des Imperiums beschäftigte er 2090 ArbeiterInnen. Auch er bediente sich jeder List und jeden Betruges um reich zu werden, Bestechung um das Wohlwollen der Reichen zu gewinnen. Im Glarnerland schufteten schulpflichtige Kinder von morgens halb fünf bis nachts um elf Uhr, mit nur einer Stunde Pause für das Mittagessen. Auch seine ArbeiterInnen liess er 18 Stunden arbeiten, was ihm sogleich das Argument für die Kinderarbeit gab: Dann sind sie unter Obhut und machen keine Dummheiten. Während dem er im Kanton Zürich wegen Kindsausbeutung verurteilt wurde, erlegte ihm der (arme) Kanton Glarus eine lächerliche Busse von 40 Kronen. Da hat sich offensichtlich nicht viel geändert, was den Umgang mit Macht betrifft.
Eine Romankarriere machte Johann August Sutter, dem mal das Sacramento Valley in Kalifornien gehörte (von wo er offenbar die Indianer vertrieb ...)... der aber im Goldrausch über den Tisch gezogen wurde und verarmt verstarb.
Ererbter Reichtum schafft immer noch eine soziale Differenz, die zwar den Idealen der Leistungsgesellschaft widerspricht (und wie die Geschichte der alten Reichen oben zeigt meist auch nicht durch dieselbe gerechtfertig würde) - aber dennoch verhält. Diese leben gerne in "vornehmer Zurückgezogenheit", mit leichter Arbeit als Aufsichtsräte, Kontrollgremien in Banken, Botschafter, Stiftungsvorsitzende oder Vorsitzende wissenschaftlicher Institute - die aber hoch repräsentativen Charakter besitzt. Da sie von den Kapitalerträgen leben, spielt für sie auch der Lohn keine Rolle ... weshalb sie, logischerweise immer konservativ, Enthaltsamkeit bei Lohnfragen predigen - und das sogar ernst meinen können. Sie sind "Die Unsichtbaren", die grauen Eminenzen, die eher im Verborgenen wirken. Ihr Status ist gesichert, kann also durch die dauernde mediale Präsenz der insbesondere die Politiker nachrennen, bloss beschädigt werden.
In den 50er stammten in den USA nur 10% der Reichen aus der Unterschicht (ex-Tellerwäscher), 70% waren in diese Gesellschaft hineingeboren. Von den reichsten 300 fallen ebenfalls mehr als die Hälfte unter die Kategorie Familien oder Erben.
- Die "arbeitenden" Reichen: Diese "Helden des Liberalismus" kommen nie ganz in die Oberschicht, da ihnen der richtige Stallgeruch des Adels fehlt, und sie eben halt immer noch "arbeiten" müssen - auch wenn sie Milliarden besitzen. Sie bleiben immer etwas proletenhaft ... s. Blocher.
- Die typischen Neureichen: Emporkömmlinge, die sich selbst in Sachen "Manieren" dauernd blamieren da sie überkorrekt, oder prätentiös und angeberisch sind... oder durch ihre Frauen, Familie, die noch auf dem Benimm- und Verhaltens-Stand der arbeitenden Klasse verblieben sind.
- Die Erfolg-Reichen: Hier finden sich vor allem die Stars aus Film, Medien und Sport, die einerseits extrem der Öffentlichkeit ausgesetzt sind (ihren Reichtum ja meist ihrem Potential als Werbeträger verdanken - andererseits sich aber ein exklusives, sozial zurückgezogenes Leben leisten können wie eben nur die Reichen.
Apropos Millionäre: Der Ausdruck "Millionär" taucht zum ersten Mal 1843 in den USA auf - um ein riesiges Vermögen zu beschreiben. 1999 gab es jedoch in der Schweiz bereits 120'000 Haushalte mit einem Vermögen von über einer Million. Der exklusive Status ging dem Millionär also längst verloren. Heute braucht er mindestens 100 Millionen um im Cash aufzutauchen.
Wer weniger als 500'000 Fr. Erspartes hat, gehört also, obwohl dies dem Durchschnitt entspricht - und weit mehr als die Hälfte weit weniger besitzen, zur Unterklasse, was Kunden der Bank Sarasin ziemlich deutlich gemacht wurde, die seit Anfang Juni 08 quasi durch den Hintereingang müssen, weil ihre Gelder auf zweiplus (Joint Venture mit AIG) verlagert wurden.
"Die 300 Reichsten" die von Cash jedes Jahr im Dezember präsentiert werden, müssen über 100 Millionen Fr. besitzen, sind also als Superreiche zu bezeichnen. (s. auch: Der Lohn des Kapitals: Spitzenlöhne, Managerlöhne, Investment-Banker, Stars aus Sport und Film etc.)
Gerade die Merkmale der Distinguiertheit (= sich absetzen, unterscheiden von andern, von oben her natürlich) werden von den Neureichen als erstes kopiert, da sie die äusseren Symbole sind, die Reichtum repräsentieren. Dazu gehörte früher vor allem Müssiggang und ostentativer Konsum - heute eher wirtschaftliche Daueraktivität und sportliches Engagement, wenn nicht gar eigene Betätigung - allerdings nur in solchen Sportarten, die Prestige verleihen, also Autorennen, Jachtsegeln, Polo, Springreiten, Fechten, Fliegen .... Der Reichtum soll zur Schau gestellt werden, allerdings nicht so offensichtlich und protzig wie von Neureichen, sondern gepflegt, kultiviert, also leicht verschleiert. Luxus ist hier weniger Genuss - als ein Zeichen dafür, dass man Geld ausgeben kann für Dinge, die eigentlich nutzlos sind, und im besten Falle als schön oder zumindest selten zu betrachten sind - und vor allem dazu geeignet, das Ansehen bei der Bevölkerung, oder noch eher, bei der nächst höheren Klasse der noch Reicheren, zu steigern. Was hier vor sich geht ist eigentlich recht einfach zu verstehen, denn es ist präzise das Selbe das passiert, wenn Herr Bünzli ein neues Auto braucht, einfach weil der Nachbar oder Arbeitskollege auch ein neues und schickeres (oder zumindest teureres) Modell hat.
Merkmale des Luxus:
| Etymologie Manier(en): aus dem fr. manière,
Art und Weise, also eben die Art und Weise, wie ursprünglich der Hof des
Königs, später die Reichen Dinge zu tun pflegen. gesittet, wohlerzogen,
anständig - also gut dressiert.
Die "Oberen" leben voll in dieser Kunstwelt, spielen das Spiel also gekonnt, während dem die Nachäffer sich dauernd blamieren und dann eben nicht maniert sondern manieriert benehmen: gekünstelt, unnatürlich. Maniertes Benehmen, <gepflegte Umgangsformen>, orientieren sich an meist überlebten soziokulturellen Standards, welche das aufstrebende Bürgertum vom Hofzeremoniell übernahm. Nicht kritisiert wird hier aber Knigge (Über den Umgang mit Menschen), denn dem ging's wirklich um die Förderung einer gelingenden Kommunikation/Begegnung, seine Empfehlung dem entsprechend, sich auf Empfinden und Normen des Gegenübers einzustellen - nicht dieses mit stutzerhaftem Getue nieder zu machen: Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die Menschen zu seinen Endzwecken zu mißbrauchen, über alle nach Gefallen zu herrschen, jeden nach Belieben für unsre eigennützigen Absichten in Bewegung zu setzen. Das Buch ist immer noch zu empfehlen. |
Diese Merkmale der Raffinesse und Verfeinerung werden dann zum Beweis guten Geschmacks. Scheiss drauf ... denn ebenso wird das "verfeinerte" Benehmen dieser Schicht von ihr selbst zur Manier erhoben. Wer sich maniert benimmt, benimmt sich also so, wie es Reiche tun und von andern erwarten. Das ist das ganze Geheimnis das hinter Anzug und Krawatte steckt: Nicht der Respekt vor den Kunden - sondern die Unterordnung unter die symbolischen Normen der Reichen.
Sich distinguiert, als "abgehoben", nicht zur Masse gehörend, also eigentlich a-sozial zu benehmen, wird seltsamerweise auch bezeichnet als "Klasse besitzen", also "von Rang sein" oder "Würde haben"; "Stil haben", also eben den Umgang mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten, auch "Formen" genannt, spielerisch und locker zu beherrschen.
Um die Ausbreitung und Durchsetzung eines solchen Firlefanzes brauchen sich die Reichen selbst nicht zu kümmern, denn das übernehmen all die kleingeistigen Banausen, die ihnen nachäffen und jeden niedermachen, der in "nicht angepasster" Kleidung rumlatscht.
Interessanterweise besteht bei den Reichen die selbe Gefahr der sozialen Verliederlichung wie bei den Armen, da sie sich nicht um soziale Normen und ihre Integration in die Gesellschaft kümmern müssen, was die andern aus Mangel an Ressourcen nicht können. Dazu kommt, dass Freundschaft sich nicht durch Reichtum kaufen lässt. Tönt seltsam, aber ein Reicher ist nie sicher, ob Freundschaft ihm gilt - oder eben seinem Reichtum; ob Anerkennung ihm gilt, oder seinem Geld. Das kann auch hier zu Einsamkeit und Orientierungslosigkeit führen, dem Eindruck, dass das Leben eigentlich sinnlos sei, denn - der Sinn des Lebens lässt sich nun mal nicht für Geld kaufen. Dies betrifft allerdings die Neureichen weitaus stärker, wenn sie der Cäsarenwahn packt und sie plötzlich denken, sie können alles machen, sich alles erlauben. (Warum ich da bloss gleich an Blocher denken muss?)
Ein wichtiges Mittel der Differenzierung ist und war hier immer auch die Bildung (s. Bourdieu ), die Berufe (s. Berufsprestige), die räumliche Segregation (Wohngebiete für Reiche wie das rechte Ufer des Zürichsees, des Genfersees ... oder natürlich der Kanton Zug) und die Architektur.
Subtilität der Distinktion - besteht meist in Winzigkeiten, die dem aussen Stehenden gar nicht auffallen, meist gar nicht auffallen können, da sinnlos, ausser eben was die Funktion betrifft, einen Unterschied zu markieren denn diese Symbole und Manieren sollen sich nicht leicht kopieren lassen:
Alles was distinguiert muss:
- wozu sich eben insbesondere "Taktgefühl" (nicht zu verwechseln mit Mitgefühl, das auch Arme kennen), Bildung, Erziehung und die Manieriertheit von Stil eignen.
Die Distinktion ist für die Oberklasse ein Muss, wie der Scherz über einen Basler Anwalt ausdrückt, der seinen Sohn zurechtweist: Wir sind nicht reich genug, dass du in abgetragenen Kleidern herumlaufen kannst.
Affekte, die ehemals verpönt waren, heute aber Triebfeder der Wirtschaft sind:
1963 anerkennt die katholische Kirche die UN-Menschenrechte von 1948 - womit sie klar sozialer eingestellt ist, als etwa unser Justizminister Blocher. Der Mensch ist nicht bloss vor dem Staat zu schützen (Gewaltenteilung, unabhängige Rechtssprechung und Kirche), sondern hat auch ein Recht an Teilnahme bei der politischen Gestaltung ( passives und aktives Stimm- und Wahlrecht) - und an sozial-ökonomischer Teilhabe, die also nicht auf Shareholder beschränkt werden dürfte.
Pius XI (Quadragesimo Anno): Dass sich engagierte Kleriker und Laien nicht einreden lassen sollte, dass eine so ungeheuerliche und unbillige Ungleichheit in der Verteilung der irdischen Güter den Absichten des allwissenden Schöpfers entsprechen sollte. Vehement kritisierte er jene, die sich nur allzu leicht abfinden mit der "Spaltung der Gesellschaft in zwei Klassen", von denen die eine "nur gering an der Zahl, .. fast alle Annehmlichkeiten genoss, während die andere, "die ungeheure Masse der Arbeiterschaft umfassend, ... unter dem Druck jammervoller Not" litt. Die alte paternalistisch-fürsorgliche Tradition wird sogar hier in Frage gestellt, denn "der Arbeiter habe es nicht nötig, das als Almosen anzunehmen, was ihm nach der Gerechtigkeit gebührt. [S. 136]
Erstmals hält hier die päpstliche Sozialverkündigung auch Enteignungen für ein grundsätzlich legitimes staatliches Steuerungsinstrument, denn immer dann, wenn eine "gesellschaftliche Herrschaftsstellung des Eigentums (QA 114) vorliegt, könne man "mit vollem Recht .. dafür eintreten, bestimmte Arten von Gütern der öffentlichen Hand vorzubehalten, weil die mit ihnen verknüpfte übergrosse Macht ohne Gefährdung des öffentlichen Wohls Privathänden nicht überantwortet bleiben kann.
Grosse Privatvermögen und eklatant ungleiche Eigentumsverhältnisse müssen sich damit stärker als bisher auf ihre gesellschaftlichen Folgewirkungen, und zwar nicht nur auf ihre Gemeinwohlverträglichkeit, sondern auch auf ihre Kompetenz zur Förderung und Steigerung des Gemeinwohls, auf ihre Gemeinwohlgerechtigkeit hin befragen lassen.
Eine Gemeinwohlverpflichtung für Investitionsentscheidungen spricht die kirchliche Soziallehre also nicht nur dem Staat, sondern ausdrücklich auch den privaten Investoren zu, die eben insofern, als von ihren Investitionsentscheidungen das Wohl und Wehe zahlreicher anderer Menschen abhängt, nicht nur 'private`, sondern auch 'politische' Akteure sind. [S. 145]
Neoliberalismus befreit die Ökonomie von den politischen Regeln (von
moralischen gar nicht zu reden ...), und sieht kein zu korrigierendes Problem in
der Aufspaltung in Gewinner und Verlierer. (s.
Wettbewerb
/
Spencer-Brown) Dass eine segmentierte Gesellschaft
aber bisher eigentlich immer sich dann mal in einer kriegerischen Begegnung
wieder findet, scheint die Leute nicht zu interessieren. Neoliberalismus ist
eine Siegertheorie. Die Verlierer haben sich "sportlich" in ihr Schicksal zu
fügen. Geldelitärer Darwinismus. (s.
Das
liberale Prinzip einer Ethik gerechter Verteilung).
Die Vorstellung gleicher Startbedingungen ist immer Fiktion (IQ; Aussehen, Körpergrösse, Beziehungen, Bildungsmöglichkeiten, Kapital - Fortbestehen alter Besitzverhältnisse - neoliberale Wirtschaftspolitik fördert Reichtum, bestehenden und neuen, auf der einen Seite, der Seite der Gewinner - und dadurch aber auch Armut, auf der andern Seite. Wettbewerb bei dem alle gewinnen ist nicht mal Fiktion, sondern Irreführung. Die Folge von Wettbewerb ist immer die Erschaffung von Verlieren, nicht nur von Gewinnern.
Man glaubt die Wahrheit nicht, wenn sie ein Armer spricht, und selbst die Lüge glaubt man einem reichen Wicht. Friedrich Rückert |
Demokratie steht im Widerspruch mit der strengen sozial-monetären Hierarchie der Gesellschaft. Diese wird auch nur so lange akzeptiert werden, als die Spannungen nicht zu gross werden. Eine Wettbewerbsgesellschaft ohne Grundrechte, ohne Überlebenssicherung, ohne ein Mindestrecht auf Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung, Arbeit, Gesundheit, wird hinweggefegt werden wie jede andere Diktatur.
Ob der bedingungslose Grundlohn hier das Ei des Kolumbus darstellt, ist allerdings fraglich. Diese Forderung wurde eben auch von der Grünen Partei Schweiz übernommen (erstmals gestellt von der Liste 13 - gegen Armut und Ausgrenzung, Basel). Das Risiko allerdings besteht darin, dass diese im politischen Verhandlungsprozess eben als Maximalforderung hineingeht - und dann zwecks Konsens und Kompromiss das "bedingungslos" bedingungslos gestrichen wird, womit über ein Sklavenhaltersystem wie Hartz IV der Grundbestand an billigen Arbeitskräften, die zu jeder Bedingung jegliche Arbeit annehmen müssen, gesichert wäre.
| Wenn ich mich dann ganz still zu meinem Geld setze, kann
ich hören, wie es arbeitet. Ein Hochgenuss! Dagobert Duck |
Eigentum:
Das Recht auf Eigentum wurde und wird eigentlich immer über die persönliche Arbeit legitimiert. Korrumpiert wurde es folglich dadurch, dass Geld und Kapital an den entsprechenden Märkten weitaus höhere Erträge bringen als Arbeit, womit das Kapital übermässig wächst, die Arbeitenden also im Verhältnis dazu die Besch... sind.
Die Wohlstandsdynamik geht von den Kapitalbesitzern aus. Das werden diese sicher gerne unterschreiben ... aber - wie gelingt es ihnen dann gleichzeitig, die negativen Folgen der Wohlstandsdynamik, insbesondere den Ausschluss immer grösserer Teile der Gesellschaft aus der Wirtschaft, doch diesen anzulasten? Hier ist was faul. (s. Der Sozialstaat - und seine Kosten.)
Warum wachsen die Vermögen um zweistellige Prozentzahlen, während dem die Löhne, Inflationsbereinigt, seit bald 15 Jahren mehr oder minder stagnieren? (s. Kapitalmärkte)
Die Grossen fressen die Kleinen, kaufen sie auf oder machen sie nieder, da sie selbst günstiger produzieren können dank der Marktmacht der Grösse, des Skalen- oder eben Grösseneffektes (s. economy of scale)
Wir haben Überschussproduktion dank zunehmender Effizienz und Produktivität. Überschüsse verlangen nach tieferen Preisen. Wo aber die Märkte gesättigt sind, heisst das für viele: Der Ofen ist aus.
Fazit:
Eine
Einkommensverteilung die gut ist für die Produktion (Pareto),
ist dies nicht unbedingt für den Konsum.
Zur Ethik des Reichtums (Friedhelm Hengsbach, Tobias Jakobi, S. 267-287)
(s. auch: Verteilungsgerechtigkeit)
Hengsbach und Jakobi machen darauf aufmerksam, dass sich die Debatte über Reichtum in einer Nebenarena verliert, wenn sie auf die Eigentumsfrage zugespitzt werden. (denn: Das Eigentum ist geheiligt und darf nicht angetastet werden. Umverteilung ist des Teufels.). Der Begriff des <Vermögens> erlaubt der Kritik vermutlich einen besseren Zugang. Vermögen (Potential) besteht bei Reichen aus aussergewöhnlich viel materiellen Ressourcen wie Grund und Boden, Wasser (strange? Sehen Sie sich an, was Nestle so zusammenkauft in letzter Zeit ...), Immobilien, Gebrauchsgüter, Fabriken, Produktionsanlagen - und natürlich Geld.
| Pour Sismondi, la pauvreté ne provient pas de la démographie ou de l'assistance, en effet pour lui la pauvreté provient de l'inégale répartition du pouvoir de négociation entre ouvriers et patrons. L'ouvrier pour pouvoir être productif a besoin d'une machine et n'a pas les moyens de s'en acheter une, on peut alors parler de travail-salarié. Pour survivre l'ouvrier a besoin du travail alors que le patron a une marge de manoeuvre plus grande car il peut attendre et ne cherche qu'à augmenter ses profits et non à survivre. C'est pourquoi l'ouvrier ne pourra pas être payé à sa juste valeur, il produira plus que la valeur de son salaire. |
Vermögen bezeichnet Besitz von Ressourcen - und die Fähigkeit, diese einsetzen zu können.
Reichtum, also aussergewöhnliche Vermögen an Ressourcen und Kompetenzen erzeugen Macht über die Lebensgestaltung anderer.
Die Offenlegung der Machtdimension ist hier entscheidend.
Wer reich ist, kann praktisch nur noch durch politische Macht in Schach gehalten werden.
Die politisch Mächtigen ihrerseits werden gebändigt durch diejenigen, die reich sind an Wissen.
Geld, als Universalmedium, verleiht den Akteuren mit aussergewöhnlich hohen Geldvermögen eine unverhältnismässige und allgemeine gesellschaftliche Gestaltungsmacht. (so auch Volz, Imbusch und Meireis.)
Genau aus diesem Grund ist Reichtum und seine Verteilung kein privates, sondern ein öffentliches, ein politisches Thema, über das gesellschaftlich verhandelt werden muss. [S. 273] - Denn die exzessive Inanspruchnahme endlicher Ressourcen durch wenige Reiche schliesst weite Bevölkerungsteile von deren Gebrauch aus, was nicht nur für Wohnraum zutrifft, sondern zunehmend für bezahlte produktive Tätigkeit von Menschen, also das was ehemals Arbeit genannt wurde.
Der Steuer- und Sozialstaat ist der Hauptakteur, der eine halbwegs ausgewogene Verteilung von Einkommen und Vermögen bewirken kann. Gelingt ihm das nicht, werden auch heute wieder Revolutionen und Kriege diese, von Konservativen immer vermaledeite Umverteilungsfunktion wahrnehmen müssen. Wollen wir wirklich freie Märkte, dürfte der Staat, als Vertreter der gemeinsamen, austarierten Interessen der Gemeinschaft, Reichtum gar nicht entstehen lassen.
Die steuerliche Begünstigung von Stiftungen zum öffentlichen Nutzen, also insbesondere zu medizinischen, pädagogischen, sozialen und wissenschaftlichen Zwecken ist ja bereits weitgehend gewährleistet. Der doch mässige Umfang solcher Stiftungen zeigt aber auch, dass <Eigenverantwortung> nicht bloss von Arbeitslosen und Sozialfällen zu verlangen wäre, sondern noch mehr von den Reichen. Ein grundlegendes Problem ist hier allerdings, dass diese sich unter Armut meist nicht viel vorstellen können - und allenfalls für ihr Seelenheil oder die öffentliche Anerkennung etwas Wohltäterismus betreiben. Besonders lästig ist hier die Tatsache, dass Reichtum unsterblich machen kann, also viele alte Stiftungen die überlebten und oft nicht grad sozialen Werte ihrer Stifter noch Jahrhunderte nach deren Ableben weiter vertreten können.
Dringend nötig ist eine objektive Analyse der Funktion, und damit der Bedeutung - aber so auch der Verantwortung des Reichtums. - So eine solche wirklich vorhanden ist. Hengsbach und Jakobi behaupten diesbezüglich etwas apodiktisch: Exklusiver Reichtum ist in demokratischen Gesellschaften, aber auch in Marktwirtschaften funktionslos. Exklusiv Reiche leben in der Regel gesellschaftlich und wirtschaftlich parasitär. [S. 287]
Ich würd' hier eher meinen Satz im Hinterkopf in Erinnerung behalten, der etwas weniger apodiktisch ist, denn mit der Aussage, dass exklusiver Reichtum in der Marktwirtschaft funktionslos ist, liegen die beiden falsch, zumal wenn man unter "Marktwirtschaft" eine kapitalistische Marktwirtschaft versteht, denn ohne eine relativ einseitige Verteilung, d.h. vor allem ohne überschüssige Vermögen, gäbe es keine Investitionen (s. Pareto-Verteilung).
Die Frage die hier zu stellen ist heisst also:
Darf das Eigentumsrecht wirklich ein Verfügungsrecht über menschliche Schicksale beinhalten?
Eine Frage die von Rousseau eindeutig negativ beantwortet wurde.
So hat auch der Wirtschaftspsychologe Mario von Cranach (Netzwerk für sozial verantwortliche Wirtschaft NSW) in den Zielsetzungen 2001 formuliert: Wirtschaftliches Handeln muss die sozialen Folgen einbeziehen. Wichtig ist auch die Transparenz darüber, wie und wo Reichtum entsteht.
Das Fazit von Mäder/Streuli:
Wer den Reichtum in der Schweiz und die Frage der sozialen Verträglichkeit untersucht, muss - nebst den Spenden der Reichen - auch die Spenden an die Reichen berücksichtigen. [S. 195]
Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel, 27.11.07