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Definition und Ursachen der Armut - und einige Lösungsansätze

Wer vertritt wie die Interessen der Armen? [2. Version / zur 1. Version ] / FORUMsdiskussion Armut

INHALT:

1. Definition
   1.1 Finanzielle Armut
   1.2 Armut an sozialem und geistigem Entwicklungspotential
2. Ursachen der Armut II
   2.1 Wettbewerb

   2.2 Die Position am untern Ende der bei Investoren beliebten Pareto-Verteilung
   2.3 Wohlstandssteigerung für wenige, die den andern aber Kostensteigerung aufzwingen
  
2.4 Konzept/Begriff/Definition von Arbeit und Leistung
     
2.4.1 Arbeit
     
2.4.2 Leistung
  
2.5 Zwang und Erpressung durch Globalisierung
      2.5.1. Ursachen der Armut von Ländern und Regionen
3. Lösungsansätze
  
3.1 Eine primäre Aufgaben des Staates dürfte es sicher sein, für ein menschenwürdiges Dasein zu sorgen
  
3.2 Neue Linkspartei
4 Wer vertritt die Interessen der Armen und Ausgeschlossenen?
  
4.1 Prioritär wäre hier die bessere Gestaltung der sozialen Netzwerke und ein Gegenpol zu reaktionären Think-Tanks
   4.2 Wenn schon Wachstum als Lösung, dann pro poor growth

1. Definition

1.1 Finanzielle Armut

Armut als Problem wird natürlich in erster Linie von den Betroffenen selbst erfahren. Nehmen sich Gesellschaft oder Staat der Armut an, wird sie leicht umdefiniert, oft verbogen, und vor allem natürlich den Betroffenen selbst die Schuld an dem Zustand zugeschoben, wie über <Eigenverantwortung> auch die Lösung des Problems.

Armut bedeutet in erster Linie Unfreiheit, da das Leben fast vollständig von wirtschaftlichen Sachzwängen bestimmt wird. Je ärmer, je  länger arm, desto stärker wächst das Problem von selbst, denn auch Armut kriegt ihre Zinsen, einfach mit einem Minus davor. Die Schulden vermehren sich, die Abhängigkeit vermehrt sich, die Ausweglosigkeit wird grösser.

Armut bedeutet auch, in eine Identität gezwungen zu werden, die eigentlich niemand will (mit wenigen Ausnahmen, s. freiwillige Armut). Diese falsche Idee von Armut müsste als erste korrigiert werden, denn eigentlich ist Freiheit nur in Armut zu haben. Das tönt nun etwas absurd, ich geb's zu, versuch's also kurz zu erklären: Besitz, Kapital ist nicht nur Wirkungspotential, sondern auch Aufgabe, Pflicht, Sorge ... um Erhaltung und Vermehrung des Kapitals. Je grösser das Kapital, desto grösser die Sachzwänge. So zeigt auch die Glücksforschung längst, dass höhere Einkommen nur bis ca. 5000 Franken pro Monat steigendes Glücksgefühl wecken, danach ist der Einfluss recht unbedeutend, da überflüssiges Geld nach Anlagen schreit, bei denen man es auch verlieren kann. Dies die eine Seite. Die andere, oft unterschätzte, ist die auf der Seite derer, die nichts haben. Leider wird hier der Vorteil kaum je gesehen, denn - WER NICHTS HAT; HAT AUCH NICHTS ZU VERLIEREN. - WER NICHTS ZU VERLIEREN HAT IST ABSOLUT FREI. Man sollte so die berüchtigten suicide bombers im Nahen und Mittleren Osten vielleicht nicht einfach als arme irregeleitete islamische Fundamentalisten ansehen, sondern, zumindest ab und zu, auch als Menschen die genau diese Freiheit nutzen, um ein blutiges Fanale für ihr Ideal, ihre Ideologie zu setzen. Natürlich gibt es bessere Möglichkeiten, aber Armut bedeutet eben oft, sehr oft, zu oft, sogar im noch existierenden Sozialstaat, schlicht und einfach Verzweiflung. So verursacht Armut als Problem selbst weitere Probleme wie Alkoholismus, Selbstmorde, Kriminalität, Prostitution - kurzum Anomie, das Fehlen einer guten Ordnung.

1.2 Armut an sozialem und geistigem Entwicklungspotential

Nun fällt Armut aber nicht einfach so vom Himmel. Sie ist, wie alles, was zur menschlichen Kultur gehört, geschaffen. Die ersten 9 bis 12 bis 17 oder gar 20 Jahre (+5 = Alter) verbringen die meisten Menschen in der Schule, wo ihnen das Wissen unserer "Kultur", immer mehr vor allem unserer "Produktionskultur", vermittelt wird. Hier werden die zukünftigen Rollen, Chancen und Identitäten bereits festgelegt, oft bereits im zarten Alter von 10 bis 12 Jahren. Oft heisst es dann schon in dem Alter: Karriere gelaufen, lebenslange Suche nach Hilfsarbeiterjobs.

"Geistige Armut", eben so wie Armut an Anpassungswillen, Unterwerfungswillen, führen zu Ausschluss. Was nicht ganz stimmt, denn es geht eigentlich überhaupt nicht um Geist, sondern bloss um Lernfähigkeit, also Intellekt (s.IQ), der als Selektionskriterium herangezogen wird, obwohl er bei den herrschenden Schichten weder übermässig verbreitet oder gar geschätzt würde (s. Intellektuelle).

Danach arbeiten wir 30 bis 40 Jahre (wer Arbeit hat), immer eingespannt in Hierarchien, Rollenerwartungen, Leistungserwartungen etcetc., also geprägt durch Fremdbestimmung. Die Funktion in Betrieb oder Projekt bestimmt über die Identität der Person - statt umgekehrt. So gesehen sind eigentlich alle in der Produktionsgesellschaft arm, am ärmsten diejenigen, die am besten funktionieren und verdienen, denn sie haben sich selbst zu Rädchen gemacht.

Diese Passung als Rädchen entscheidet heute über den sozialen Status, schafft die sozialen Klassen, Milieus und Schichten. D.h. Klasse, das war einmal, denn nach dem alten Prinzip divide et impera wurde jegliches Bewusstsein von Gemeinschaft durch die Formel "Wettbewerb über alles ... Wollt ihr den totalen Wettbewerb? zerbröselt. Der bis ins letzte Detail koordinierten Kapitalmacht steht also eine zahlenmässig riesige Übermacht an Individuen gegenüber, die eben so total isoliert und unkoordiniert, in kleine und kleinste Grüppchen zersplittert ist. Wo dies nicht reicht wird  vom generellen Problem Arbeitslosigkeit-Armut abgelenkt und der Volkszorn, eben so geschickt wie hinterlistig, auf erkennbare und leicht identifizierbare "Andere" gelenkt, die Ausländer, die Muslime, die schwarzen Schafe.

Sogar der sog. Sozialstaat dividiert Arme und Arbeitslose auseinander. Die Arbeitslosen werden mit noch Ärmeren geschreckt und diszipliniert – die noch Ärmeren als unbrauchbar und wertlos (Invalide) disqualifiziert, ja oft sogar als Sozialschmarotzer, Arbeitsscheue, Drogenabhängige, Kriminelle etc.

Für eine politische Interessenvertretung dieser Klassen muss man sich der Unterschiede bewusst sein, die Kluft zuschütten, was einfach ist, da sie gar nicht besteht sondern bloss Werk einer populistisch-volksverdummenden Leistungspropaganda ist.

Zusammenfassende Definition und Ursachen der Armut:

  • Armut ist ein minimales oder gar nicht mehr vorhandenes Potential an Freiheit, an Wahlmöglichkeiten, an Entwicklungschancen, bedingt durch Mangel an Ressourcen.

    • Armut kann beurteilt werden anhand der Wahlfreiheit, die gerade in komplexen Systemen entscheidend ist für das Überleben.

    • Armut kann also am Vermögen gemessen werden. Man braucht sich bloss die Bedeutung des Wortes klar zu machen: Vermögen = können = im Stande sein = (sich) leisten können = fähig sein = Macht = machen können. Bei Armen muss das Vermögen per Definitionem = 0 sein, denn erst dann können sie sich beim Sozialamt melden.

    • Armut misst sich so am besten am <frei verfügbaren Einkommen>, welches bei Sozialhilfeempfängern unter Null liegt.

  • Armut ist zum Teil natürlich bedingt, wenn eine statistisch normal verteilte Ressource von Natur aus nur in geringem Umfange vorhanden ist wie heute speziell die Intelligenz.

  • Armut ist natürlich bedingt, wo der Zufall im Spiel ist ... und wo ist er das nicht.

  • Armut ist aber vor allem ein Kulturprodukt, da sie auf menschlicher Klassierung und Deklassierung beruht.

2. Ursachen der Armut II (I: Armutsrisiken)

Armutstheorien lassen sich in zwei Hauptzweige aufteilen, je nachdem ob die Ursachen der Armut als exogen oder endogen betrachtet werden.

2.1 Wettbewerb

Wenn Reichtum auf Wettbewerb basiert, was in unserer Gesellschaft weitgehend anerkannt ist, inzwischen sogar von der SP, dann basiert logischerweise auch Armut auf Wettbewerb. Wettbewerb klassiert die Mitlaufenden nach ihrer Leistung, belohnt aber meist nur Spitzenleistungen. Wettbewerb in Verbindung mit Arbeit ist so ein gewisser Missbrauch, der die Bedeutung und den Sinn der Arbeit untergräbt. Arbeit kann und ist in vielen Fällen Freude an Gestaltung, an produktiver Leistung, daran, Besseres herzustellen als andere. Arbeit ist aber auch die Grundlage des Überlebens (Existenz) und sollte eigentlich darüber hinaus gehen, also Leben (Essenz) ermöglichen.  Gerade letzteres wird aber nicht bloss den Verlierern, sondern auch den Gewinnern dieses Wettbewerbs vergällt.

Arbeit, spezialisierte Tätigkeit, schafft Rollen und Identitäten
- Wettbewerb  schafft Ausschluss aus gewissen Rollen, Identitäten, Einkommensquellen.
Wettbewerb schafft Ausgrenzung.

Wettbewerb ist die Basis unseres gelobten kapitalistischen Systems, das zwar auf dem Streben nach Ungleichheit - präziser: dem individuellen Streben nach Vor-Herrschaft beruht, aber gerade dadurch für die Mehrheit Selbstbestimmung, Selbstentwicklung, also Freiheit beschränkt oder gar verunmöglicht.

Dieses Streben nach Ungleichheit basiert:

  1. auf dem Protestantismus kalvinistischer Prägung, der Reichtum zum Zeichen von Gottes Wohlgefallen machte.
  2. auf dem vorwiegend männlichen Streben nach Dominanz (s. Psychologie, Basisemotionen: http://www.brainworker.ch/Denkwerkstatt/Hirn_und_Geist.htm )

Gefördert wurde und wird der Ausschluss "wenig produktiver Bürger" aus der Wirtschaft vor allem durch die immer verbreitetere Anwendung der Angebotstheorie mit den Grundsätzen (Wirtschaftspolitik der EU, aus: Karin Heitzmannn, Angelika Schmidt: Wege aus der Frauenarmut. Peter Lang. Frankfurt. a.M 2004. S. 22):

  1. Fiskaldisziplin: Neben den Vorgaben des Stabilitäts- und Wachstumspaktes werden weiterhin höhere Anforderungen zur Budgetkonsolidierung gefordert. Auch wird immer wieder betont, dass die Budgetkonsolidierung primär Ausgabenseitig zu erfolgen habe.

    - Womit der Politik Geld und damit Macht, die Macht, etwas zu Machen, entzogen wird.

  2. Lohnpolitische Zurückhaltung: Verlangt wird ein permanentes Zurückbleiben der Reallöhne hinter der Produktivität, eine Dezentralisierung der Lohnverhandlungen und eine stärkere Lohnspreizung, um die Arbeitsmarktchancen wenig qualifizierter Personen zu erhöhen.  - Womit die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden

    ... nur zum Wohle des Arbeitsmarktes natürlich. Dezentralisierung der Lohnverhandlungen heisst: Divide et impera - Starke Arbeitgeberverbände/Mächte verhandeln mit Individuen, nicht mit Arbeitnehmerverbänden, Gewerkschaften, wohl organisierten Angestellten, die ihre Interessen vertreten können. Dies eine klare Anwendung der Netzwerktheorie - zu Ungunsten der Armen.

  3. Arbeitsmarktreformen und Verstärkung der Anreizwirkungen von Sozialtransfers: Auf den Arbeitsmärkten sollen die Strukturreformen vorangetrieben werden, die insbesondere die mangelnde Mobilität der ArbeitnehmerInnen, zu grosszügige Sozialleistungen oder eine inflexible Arbeitsorganisation arbeitslosen Personen bei der Arbeitsaufnahme im Wege stehen.

    Und hier wird's nun vollends haarig. Hier wird soziale Unterstützung als schädlich definiert, weil sie verhindert, dass Arbeitnehmer Arbeit zu jeder Bedingung annehmen, dass Bedingungen (Gesetze, Normen)  für Arbeitgeber überhaupt existieren. Mangelnde Mobilität ist eine reine Verschleierungstaktik, denn wie - und warum - sollen die Arbeitnehmer dem Geld nach Osteuropa oder China nachreisen ... um dort dann zu den dortigen Löhnen zu arbeiten. Hier wird eine ziemlich fiese Rhetorik, ganz im Stile der Eristik, verwendet und damit der Weg frei gemacht zur Drangsalierung derjenigen, die von den Drangsaleuren ja erst zu Überflüssigen gemacht wurden.

2.2 Die Position am untern Ende der bei Investoren beliebten Pareto-Verteilung

Jedermann ist seines Glückes Schmid, vorausgesetzt dass ihm das Schicksal nicht Hammer und Amboss versagt hat.

Volksweisheit

Das Pareto-Prinzip ist eben so einfach und leicht verständlich ... wie problematisch. Es ist das, was unser System vom Kommunismus als "Gleichmacherei" unterscheidet, von dem aber meist nur die Vorzüge, nicht die Probleme genannt werden. Und ein Problem wäre eben die Armut.

Pareto fand heraus, dass ca. 20% der Bankkunden bereits 80% der Spareinlagen bringen, dass 20% der Kunden für 80% der Reklamationen zuständig sind, etc. Man muss also, will man rational handeln, und das will ja die Ökonomie, sich auf diese 20% konzentrieren, statt die Zeit zu verschleudern mit den unergiebigen andern 80%.

Die logische Folge der wirtschaftlich effizienten Pareto-Verteilung ist die 80/20 Gesellschaft (80% sind am Arsch/20% organisieren den ganzen Scheiss und werden um so besser bezahlt dafür). Einfacher ausgedrückt: Je mehr Umsatz mit je weniger Personal, desto gut für diejenigen die noch dabei sind. (s. Die Grössten)

Vom Standpunkt der Investitionen her gesehen ist es eben so klar, dass bei gleichmässiger, gerechter Verteilung von Einkommen und insbesondere Vermögen das frei verfügbare Vermögen der einzelnen sehr gering wäre, sich also grosse Beträge für grosse Investitionen nur schwierig zusammentragen liessen.

So wie die Verteilung heute ist, wo 2% der Bevölkerung 50% des Gesamtvermögens besitzen, bleibt denen natürlich reichlich, um zu sparen. Den "ärmeren" 50% der Bevölkerung bleibt gar nichts übrig zu sparen.

vermoegensverteilungp.s: Diese Verteilung sieht ja bereits einigermassen fies aus. In der Realität ist sie allerdings noch schlimmer, da die grössten Vermögen gar nicht publiziert werden - genau diese aber die Kurve noch um einiges steiler machen. Dieses Problem wurde inzwischen (2008) zumindest für den Kanton Zürich behoben. Die Kurve sieht dort so aus wie rechts dargestellt. 1%, in Worten ein Prozent der Bevölkerung besitzt im Kanton Zürich 95% des versteuerten Vermögens (vom nicht versteuerten ganz zu schweigen).

 

 

 


Tja ... und da kommt nun die economiesuisse und beklagt sich, dass die reichsten 10 bis 20% mehr als die Hälfte der Steuern bezahlen.
Tja, da ihnen auch praktisch die Schweiz gehört, und der Staat ihr Eigentum schützt,
dazu noch die Kosten übernimmt für die Leute die "eingespart" wurden, ... warum sollen sie nicht dafür bezahlen?
Warum sollen nicht Sie bezahlen, die die Kosten des Sozialstaates verursachen?
Gemessen an diesen Verhältnissen bezahlen sie dazu eindeutig zu wenig - nicht zu viel!
Schluss mit dem Verpäppeln der Plutokratie und dem Veräppeln der Armen!!

Der Kampf gegen Armut ist immer ein Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen Verteilungsungerechtigkeit.
(s. Definition Armut & Kommentare zur Erbschaftssteuer)

http://www.brainworker.ch/Arbeit/lohn_des_kapitals.htm

Diese Verteilung beschränkt sich aber nicht auf Materielles und auch nicht auf wirtschaftlichen Einfluss, denn der gesellschaftliche und politische Status wird natürlich  ebenfalls durch "Vermögen" stark mitbestimmt. Wir haben hier also zwei Konzentrationsmechanismen, die einige nach oben schwemmen, andere, eben die Armen, als Bodensatz nach unten drücken:

 

2.3 Wohlstandssteigerung für wenige, die den andern aber Kostensteigerung aufzwingen

Das neoliberale Konzept der Machtwirtschaft stösst die Armen immer tiefer in den Sumpf, auch bei steigendem BIP, ja sogar wenn die Einkommen der Ärmsten etwas ansteigen. (Begründung s. Hamburgereffekt: Balassa-Samuelson, Strukturwandel) Ein genereller Anstieg des Wohlstandes, auch bei Armen, zeichnet sich aus durch einen weitaus stärkeren Anstieg des Reichtums bei den Reichen, also einen Anstieg der Differenzen, die viele Kosten in die Höhe treiben (speziell Mieten), womit sie die Situation der Armen meist weitaus mehr beeinträchtigen, als die geringen Lohnerhöhungen im selben Stratum sie verbessern. Die weniger Armen bewegen sich seither in einem Umfeld noch grösseren Reichtums, was ihre Probleme eher verstärkt, weil sich z.B. der Konsumdruck - vor allem für Kinder und Jugendliche - verschärft und es für sie schwieriger wird, bei Statussymbolen mitzuhalten.

Penn- und Balassa-Samuelson-Effekt haben also im allgemeinen zur Folge,
dass man in einer wenig produktiven Gesellschaft mit weniger Geld leben kann,
in einer auf Produktivität ausgerichteten aber, und das dürfte die Krux sein, viel Geld braucht
- also gar nicht mehr die Wahl hat, auf Subsistenzniveau oder sonst irgendwie bescheiden zu leben.

Penn- und Balasa_Samuelson-Effekt sind also gleichzeitig die Peitsche, mit der uns die Wirtschaft zu immer grösseren Anstrengungen zwingt und damit verhindert, die Früchte der Arbeit zu geniessen.

Penn- und Balasa_Samuelson-Effekt sind der schlagende Beweis dafür, dass "Wirtschaft" mit Freiheit nicht mehr am Hut als als die viel geschmähte Politik.
Sie verfügt einfach über die viel listigeren Zwangsmittel.

Wenn Arbeiten reich macht, müssten die Mühlen den Eseln gehören.

2.4 Konzept/Begriff/Definition von Arbeit und Leistung

2.4.1 Arbeit

Egal welche Partei, von links bis rechts, egal welches Bildungsniveau, von Volltrottel bis Akademiker, jeder "weiss" heute, dass "nur" die fehlende (oder falsche) Ausbildung an Arbeitslosigkeit schuld ist ... oder die mangelhaften Anstrengungen der Arbeitslosen bei der Arbeitssuche, oder die zu hohen Lohnansprüche, oder die zu hohen Erwartungen generell (z.B. der Akademiker, sich den Lebensunterhalt mit Denkarbeit verdienen zu können. Der und die Arbeitslose wurden erfolgreich als "Defizitär" deklariert, ganz im Sinne der alten Psychiatrie, für die Arbeitslose Arbeitsscheue und Arbeitsscheue ein Fall fürs Irrenhaus waren. Diese Tradition wird heute in etwas anderer Form weiter geführt. Immer mehr Sozialfälle landen als definitiv unbrauchbar für die Marktwirtschaft bei der IV, sind also Invalide, In-Valide = Un-Werte, ohne Wert - was eigentlich menschen-unwürdig ist - und so laut Verfassung gar nicht vorkommen dürfte.

s. Hintergründe der geistigen Verwirrung um die Arbeit

2.4.2 Leistung

 

Bereits beim relativ harmlosen Begriff "Arbeit" herrscht offensichtlich beträchtliche Verwirrung, noch ärger aber ist es mit dem Schlagwort (eine äusserst zutreffende Bezeichnung, denn immer mehr Mitmenschen werden damit nicht nur ge-, sondern gleich erschlagen) Leistung. Auch dieses weist eine amüsante Herkunft auf, denn es ist verwandt a) mit List, zeigt aber b) vor allem, dass es sich um eine zu verfolgende Spur handelt, die von jemand anders gelegt worden ist. Die Leistung definiert sich nach Vorgabe, nach dem Leisten, bei dem der Schuster zu bleiben hat. - Die Vorlage (die Leiste der Leistung) ist fremdbestimmt  - Die Vorlage ist ein Geldmass  - Die Vorlage misst damit nichts, was nicht monetarisiert ist. Leider wurde dieser Missstand von den Emanzen bloss auf Frauenarbeit bezogen. Er gilt aber auch für viele Männerarbeit, insbesondere neuartige, kreative,  innovative - die trotz des allseits angetörnten Innovationsgeschreis (noch) keinen Markt gefunden hat.

 

2.5 Zwang und Erpressung durch Globalisierung

Arme Bauerndörfer verfügen weder über Lastwagen noch über befestigte Strassen, Stromgeneratoren oder Bewässerungskanäle. Das Humankapital ist stark eingeschränkt, wenn hungrige, von Krankheit gezeichnete und ungebildete Dorfbewohner um das nackte Überleben kämpfen müssen. Das natürliche Kapital ist aufgebraucht: Alle Bäume sind gefällt, die Böden sind erschöpft.

Das ist der Hauptgrund, warum die Aermsten der Armen in so hohem Masse Gefahr laufen, in der Falle niedriger oder negativer wirtschaftlicher Wachstumsraten zu stecken zu bleiben. Sie sind zu arm, um für die Zukunft zu sparen und auf diese Weise das Pro-Kopf-Kapital zu akkumulieren, das sie aus ihrem gegenwärtigen Elend erlösen könnte.

Jeffrey Sachs S. 75

Der Widerstand rabiater Gruppen (Schwarzer Block) gegen Globalisierung, Neoliberalismus, ja Kapitalismus ist eigentlich verständlich, denn, auch wenn die Randale oft primitiv wirkt und nachhaltig wenig be-wirkt, ist sie eigentlich bloss eine Re-Aktion, die mit gleicher Münze die Schwindeleien der Globalisierer zurückzahlt. Stellen wurden gestrichen, Löhne gekürzt oder zumindest nicht erhöht, seit 15 Jahren, unter dem Vorwand der globalen Wettbewerbsfähigkeit. Das Resultat davon ist, dass die "Unternehmer" noch mehr Geld hatten um ihre Betriebe ins Ausland zu verschieben, aber in der Schweiz Löhne und Stellen "am Boden" blieben, insbesondere für diejenigen, die sich nicht als "leicht zu integrierende Spezialisten" eignen sondern etwas eigensinnig und/oder auf das Falsche (oder gar nicht) spezialisiert sind. [s. Armut Version 1: Beschäftigung im In- und Ausland]

 

2.5.1. Ursachen der Armut von Ländern und Regionen

 

Jeffrey D. Sachs (E, ausführlicher) weist in seinem Buch: Das Ende der Armut. Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt. [Siedler. München. 2005] darauf hin, dass auch Länder sich meist unverschuldet in einer Situation befinden, die für Armut prädestiniert. Da Wirtschaft meist vom Handel mit Produkten abhängt, sind Küstenstädte mit Hochseehäfen immer in einer weitaus günstigeren Position als Länder ohne Meeranstoss, insbesondere gebirgige Länder mit schlechter Verkehrsinfrastruktur (Bolivien, Nepal, Butan, Tadschikistan, Zentralafrikanische Staaten etc). Die Schweiz umschiffte dieses Problem durch die Produktion hochwertiger Güter die nur geringe Transportkosten verursachen (Uhren), oder heute vermehrt durch sog. "Dienstleistungen" im Bankbereich, die per Kabel oder elektrischer Welle, heute sogar Lichtwelle, um die Welt geschickt werden können.

Eben so, wenn nicht noch teurer, kommen permanente Seuchen wie Malaria und Aids, die in Afrika ein enormes Humanpotential hinweg gerafft haben ... und dies weiterhin tun. Für die Pharmaindustrie kein lohnendes Unterfangen, da, ungleich beim Krebs, Zipfelzipperlein (> Viagra) und gutem Aussehen, für das im Westen Unsummen ausgegeben werden, die zahlungskräftige Kundschaft fehlt.

Das sind Gründe, wie sie Ökonomen angeben und akzeptieren. Es gibt aber noch weitere, insbesondere das Desinteresse an Produktivismus, wie wir es in Afrika und den asiatischen arabischen Ländern finden. Was dort Wirtschaften bedeutet oder Markt, zeigt sich am besten auf dem Markt (s. socialising markets & Markttag in Afrika). Wir müssen allerdings gar nicht so weit suchen, denn diese Art von Wirtschaft war auch bei uns weit verbreitet, bevor protestantischer Missionsgeist diesen Un-Geist austrieb und die Menschen zu tagtäglicher Buss-Arbeit antrieb. s. Das traditionalistische, das katholische Prinzip der Marktwirtschaft: Die Nachfrageökonomie. Dieser geistigen Verwirrung um den Begriff Arbeit, und der Chance, die bussfertigen auszubeuten, verdanken wir die im heute grassierenden Neoliberalismus vorherrschende Angebotsökonomie..

3. Lösungsansätze

Die Lösung des Problems Armut wird meist beim Staat gesucht ... weshalb Armut offenbar primär ein "linkes" Problem wäre ... wäre da nicht die äusserst rechte SVP, die die Armen, insbesondere die geistig Armen, mit ihrem Autoritären und fremdenfeindlichen Ansatz auf ihre Seite zieht. s. Autoritarismus

So lautet der häufigsten vorgebrachte und meistgeschätzte Vorschlag zur Behebung der Armut: Mehr Wettbewerb!

Mehr und härtere Armut soll als Peitsche dienen, die Lohnforderungen verhindern von denen, die noch Arbeit haben. s. (

Die Betroffenen sollen den Fuss im Genick spüren, mit dem Gesicht in den Dreck getreten werden, durch Zwang zu Arbeit verpflichtet werden, die entweder nicht da, oder oft sinnlose Beschäftigungstherapie ist: 

Das Existenzminimum ist zu hoch, die Leute müssen wirklich Armut, Elend ja Tod vor Augen haben, um motiviert zu werden.

Das Überhandnehmen des Bettels im Mittelalter, die Sinnlosigkeit in der Verwendung der Gaben, die Demoralisation des Proletariats durch die wahllosen, aller Kulturarbeit entgegen wirkenden Spenden, - dies ist gleichsam die Rache des Almosens für das rein subjektivische, nur den Geber, aber nicht den Empfänger berücksichtigende Motiv seiner Gewährung. 

Georg Simmel: Zur Soziologie der Armut

SKOS, und in der Folge die Sozialämter, nehmen diesen populistischen Quark auf und setzen ihn durch, unterstützt vom Wohltäterismus der Netzwerke der Herrschafts-Ideologie wie z.T. uralte Stiftungen (CMS) und sog. "service clubs" wie die Rotarier. Deshalb das Bild der alten Hunderternote ganz oben rechts: Mein Namensvetter, der Heilige Martin, der dem Armen die Hälfte seines Mantels abtritt, d.h abschneidet. Auf das Problem dahinter wurde ich erst bei einem Sprachaufenthalt in Madrid 1981 hingewiesen: Der Heilige Martin sei sicher Franzosen, denn ein Spanier hätte dem Armen den ganzen Mantel gegeben, denn nun haben zwei einen unbrauchbaren.

Wohltäterismus befördert die konservativ-patriarchale Agenda die in Herrschaft und Gefolgschaft teilt, und Kritik durch ein paar milde Gaben zu mildern sucht, nicht aber die wahren Ursachen des Armutsproblems unter die Lupe nehmen will. Deshalb zieht es der Wohltäterismus vor, im kleinen zu wirken, unerkannt ... nicht aus Bescheidenheit, sondern weil vielleicht erkannt würde, dass es sich um nichts als Augenwischerei handelt. Wohltäterismus ist beliebt bei kirchlichen Institutionen, insbesondere fundamentalistischen, die durch solche "milde Gaben" ihre Gefolgschaft vergrössern, Boden für Missionierung schaffen. Zum Wohltäterismus gehört auch ganz klar der personengebundene Patenschaften wie sie insbesondere von der evangelikal-fundamentalistischen world vision gefördert werden.

Na ja, also im Allgemeinen sind die Mitarbeiter der Sozialämter vermutlich nicht soooo fies, aber da sie ihren Auftrag haben, kümmern sie sich in erster Linie darum, dass alle Formulare richtig ausgefüllt und unterschrieben sind, dass alle Vorschriften eingehalten werden, dass die Armut richtig verwaltet wird. Die Armut zu beheben - dazu allerdings haben die Leute weder den Auftrag noch die dazu nötigen Fähigkeiten ... sonst wären sie wohl auch nicht so reichlich vertreten unter den Kunden der Sozialämter (wo's allerdings auch jede Menge Informatiker, Ingenieure, Entwicklungshelfer etc. gibt, die im heutigen System schlichtweg überflüssig geworden sind, trotz guter Bildung.

Das einzige Mittel das man da zu kennen scheint, ist Druck und Drohungen, Drohung, die Leistungen zu kürzen oder gar einzustellen, bei <noncompliance>, also fehlender Fügsamkeit und Unterordnung. Leider wird hier, entsprechend den Machtpositionen, die Sache eigentlich immer nur von einer Seite her gesehen. Kürzungen (max. 15%) sind möglich, wenn Unterstützte nicht kooperieren. Seltsamerweise hab ich allerdings noch nie von einer Klage gehört, dass die Unterstützenden nicht kooperieren, obwohl dies mindest ebenso oft der Fall sein dürfte: Fragen nicht beantworten, lausige bis absurde Vorschläge machen, sich hinter Vorschriften verstecken, Beschäftigungsprogramme in einer extrem unproduktiven abstrusen Parallelwelt - das ist eigentlich hier der Normalfall, der von den so schlecht Beratenen ebenso eingeklagt werden sollte. Ko-operation bedeutet nämlich Zusammen-Arbeit, nicht Befehl > Vollzug.

Dazu kommt aber vor allem, dass die Unterstützung durch Sozialämter zurückbezahlt werden muss, sobald sich die finanzielle Lage der Betroffenen bessert, insbesondere etwa, wenn eine Erbschaft anfällt. Es handelt sich also in vielen Fällen um rein transitorische Kosten, quasi um einen Kredit. Um so mehr ist den davon Abhängigen die Ein- und Mitsprache zu gewähren, denn am Ende sind sie's, die für solch untaugliche Beratungen bezahlen, nicht nur durch psychische und physische Belastung durch oft seltsame Forderungen, sondern auch finanziell. Während dem z.B. im Kanton Basel-Land die Unterstützten periodisch eine Abrechnung erhalten über die aufgelaufenen Kosten, wartet in Basel Stadt einfach eine grosse Überraschung auf sie, was da für sie so alles finanziert wurde, zu dem sie nichts zu melden hatten ... Ein krasser Fall eines vom Ansatz her schon untauglichen, da herrschaftlichen Mittels ist etwa das AIZ (Arbeitsintegrationszentrum), wie es gerade von Basel angelegt wird:

Die Entscheide des AIZ über Arbeits- und Marktfähigkeit sind gegenüber den zuweisenden Stellen verbindlich, für Klientinnen und Klienten haben die Entscheide den Status von Expertenberichten.

Ja mei, tönt gut auf den ersten Blick ... beim zweiten allerdings kriegt man a) das Würgen von wegen "Expertenbericht", insbesondere wenn man schon einige solcher "Expertenberichte" kennt, die zeigen, dass diese Experten oft weder von Beratung noch vom Arbeitsmarkt den geringsten Dunst haben, b) von wegen Verbindlichkeit für die zuweisende Stelle, denn da wird der Kunde in ein Kästchen gesteckt, offenbar ohne Rekursmöglichkeit. Ihm (oder ihr) wird da ein Verhaltensmuster zugeschrieben, nach dem er/sie im weitern Verlauf zu agieren hat, will er/sie nicht in den Clinch geraten mit den beteiligten Beraterorganisationen. Wer auf diese Expertise pfeift, erhält dann nämlich schlicht und einfach gar keine Beratung mehr, falls ihm das Kästchen nicht zusagt, in das er sich zu begeben hat ... und das sich normalerweise ganz einfach wieder unten, am Anfang des Leiterlispiels befindet.

3.1 Eine primäre Aufgaben des Staates dürfte es sicher sein, für ein menschenwürdiges Dasein zu sorgen

Aufgaben des Staates, die von der Wirtschaft noch nie wahrgenommen wurden, also mit einiger Sicherheit auch nicht wahrgenommen werden können:

  1. 1. Frieden
  2. 2. Freiheit aller
  3. 3. Gerechtigkeit ("für alle" ist im Begriff hier bereits enthalten) - gerechtes Regime(nt) um präzise zu sein, also Führung, Orientierung, Richtungsgebung ... was zumeist unterschlagen wird und ja auch nicht systematisch oder rational oder geplant oder überhaupt irgendwie vernünftig gemacht wird, sondern bloss als Resultat widerstreitender Meinungen, also des "Meinungsmarktes" zu Stande kommt. Diese Punkte sind eigentlich dominant ... und bereits sehr stark von wirtschaftlichen Interessen beherrscht. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass
  4. diese einseitige Ausrichtung sogar noch zunimmt. (s. Kommentar zu aktuellen Wahlen in Zürich: SP/Grünliberale)
  5. Schutz der Schwachen
  6. Förderung des Gemeinwohls
  7. Ganzheitliche, systemische Orientierung (inklusive Wertorientierung!) beim Streben nach Fortschritt
  8. 7. ...

http://www.brainworker.ch/Sozialstaat/index.htm

Der verfassungsrechtliche Sozialstaatsgrundsatz wird in § 1 SGB I wie folgt formuliert:

„(1) Das Recht des Sozialgesetzbuches soll zur Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit Sozialleistungen einschließlich sozialer und erzieherischer Hilfen gestalten. Es soll dazu beitragen, ein menschenwürdiges Dasein zu sichern, gleiche Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere auch für junge Menschen, zu schaffen, die Familie zu schützen und zu fördern, den Erwerb des Lebensunterhalts durch eine frei gewählte Tätigkeit zu ermöglichen und besondere Belastungen des Lebens, auch durch Hilfe zur Selbsthilfe, abzuwenden oder auszugleichen.

http://wwwbrainworker/Sozialstaat/working_poor.htm

3.2 Neue Linkspartei

Eine neue Linkspartei ist nötig, weil:

  1. die SP längst ebenfalls auf dem Zug Markt und Wettbewerb mitfährt s. http://www.brainworker.ch/Politik/
  2. die Grünen … eben grün sind, also sich primär um die Umwelt kümmern – die Grünliberalen sogar im Verbund mit SVP, Freisinn und CVP
  3. der Ausschluss, gerade durch Wettbewerb, immer „normaler" wird, was für die ausschliessenden Betriebe zwar die Kosten senkt, die Kosten der Volkswirtschaft aber erhöht,
  4. • ...

Eine neue Linkspartei sollte:

  1. sich von orthodoxen Ideologien (Marx ja – Marxismus nein - PdA) lösen – und sich auf die Lösung reeller gegenwärtiger und anstehender Probleme konzentrieren, nicht auf die Pflege von Feindbildern, eben so wenig auf die einseitige Vertretung von Interessen (mehr Geld für die Ausgeschlossenen), weil dies Lösungen meist erschwert.
  2. sich um soziale Probleme, besser noch, um eine optimale Entwicklung der Gesellschaft kümmern – unter gebührender Rücksicht auf die Natur (Nachhaltigkeit) – aber auch auf den Erzfeind, die Wirtschaft. Gerade die Anfeindung jeglichen Unternehmertums ist kontraproduktiv, da viele der Ausgeschlossenen ja selbst den Weg der Selbständigkeit wählen wollen oder müssen.
  3. • …

Zu den wichtigsten Aufgaben einer neuen Linkspartei sollten gehören:

  1. Fokus Arbeit  <Schutz der Schwachen> als Gegenposition zur heute allgegenwärtigen Strategie der Wertvermehrung, wobei allerdings nur Börsenwerte gemeint sind. Statt Kapitalvermehrung, die Arbeit vernichtet muss Existenzsicherung durch Arbeit möglich sein. Wettbewerb darf sich nicht so auswirken, dass die schiere Existenz von immer weiteren Bevölkerungsteilen bedroht wird, von einem sinnerfüllten Leben und Arbeiten ganz zu schweigen.

    Kurz gefasst:

    Mehr Sein als Haben

    1. Geld ist ein gefährliches Steuerungs-, Motivierungs- oder Disziplinierungsmittel. S. http://www.brainworker.ch/Denkwerkstatt/Hirn_und_Geist.htm

  2. bedarfsorientierte soziale Grundsicherung – die nicht zum Arbeitszwang wird, also Billigstlöhne fördert. http://www.brainworker.ch/Sozialstaat/index.htm / http://www.brainworker.ch/Bildung/bildung&arbeitslosig.htm

  3. Freiheit nicht nur für diejenigen, die sie sich leisten können

  4. Gleichberechtigung – trotz natürlich gegebener Unterschiede, speziell was Bildungschancen angeht

  5. Bildung, Weiterbildung für alle, nicht nur für die Kader

    1. Kernpunkt: Individuelle Förderung statt Auslese.

  6. Gerechtigkeit

  7. Gesundheit - nicht nur für diejenigen, die sie sich leisten können, sondern eine solidarische Bürgerversicherung, in die alle einzahlen.

    1. Eine qualitativ hochwertige garantierte Regelversorgung für alle Menschen.

    2. Beitragszahlungen nach den eigenen finanziellen Möglichkeiten.

    3. Alle Einkommensarten werden herangezogen.

  8. Energie: weg von der Übernutzung fossiler Energie und vom Atomstrom – Klimaschutz

  9. Wirtschaft: Für wirklich freie Märkte, die heute nicht gegeben sind, da Grösse und Macht vorherrscht, Kleine sich allenfalls in Nischen halten können, bis diese ebenfalls von den Grossen belegt werden.

  10. Einsatz für ein Europa, in dem Basisdemokratie möglich ist, an dem die Schweiz teilhaben kann.

  11. Entwicklung neuer Familienmodelle, da die traditionelle Familie ihre Aufgabe, insbesondere die Erziehung der Kinder, je länger desto weniger gewährleisten kann.

Problematische Punkte des gegenwärtigen Programms z.B. der Liste 13: Gegen Armut und Ausgrenzung

Eine zu einseitige Konzentration auf bereits Ausgeschlossene, also Arme, führt zu einem zu kleinen potentiellen Interessentenbestand (do Autopartei). 

Die einseitige Konzentration auf „mehr Geld" führt hier, noch stärker als bei Gewerkschaften, zum totalen Widerstand all derer, die das Geld bereitstellen müssten, für die also <Umverteilung> ein Reizwort ist. Hier müsste man mehr <Gegenwert> bieten können.

Dazu muss man sich aber danach richten, worin die angepeilten potentiellen Mitglieder und Sympathisanten (Finanzen?) wirklich interessiert sind.

Leute die im heutigen Wirtschafts- und Arbeitsbegriff Probleme sehen, finden sich vor allem unter den Unangepassten (2% - was vermutlich bereits alles ist, was die heute anspricht. Schwierig anzusprechen, aber wichtig, wären die Resignierten, von denen sich viele unter den Sozialhilfeabhängigen finden dürften. Den Statusorientierten ist vorderhand nicht zu helfen, denn die müssten erst erkennen, dass sie den falschen Vorbildern nachhängen. Das traditionelle Arbeitermilieu wählt vermutlich aus Gewohnheit immer noch SP, dürfte aber ganz und gar nicht damit zufrieden sein, weshalb auch die immer öfter bei der SVP landen.

Das kleinbürgerliche Arbeitermilieu ist leistungsbewusst und nimmt die Herren noch als Herren. Da es sich anpasst an die Wünsche derselben, dürfte es relativ geringere Probleme haben – und unterstützt die autoritäre SVP.

Die Hedonisten auf der andern Seite sind für die Katz, denn die kümmern sich nur um sich selbst.

Nun wird’s aber interessanter, denn das leistungsorientierte Arbeitnehmermilieu gerät genau so unter Druck wie die bisher „schwachen" Schichten, merkt es aber noch nicht so recht und denkt, mit etwas mehr Anstrengung und einer Weiterbildung sei das schon zu machen. Diese Hoffnungen werden aber je länger je mehr frustriert.

Merken tun dies allerdings vor allem die Postmodernen und das liberal-intellektuelle Milieu, dass sich um die Arbeit sorge macht – das aber innerhalb der Elite verkehrt und Botschaften weiter tragen kann. Diese gilt es unbedingt anzusprechen. Diese sind meist Nischenproduzenten, arbeiten also im freien Markt, kennen aber die Situation zu gut, um sich von rechtspopulistischen Schlagworten über den Tisch ziehen zu lassen. Da sie sehr oft selbständig arbeiten, sind sie aber durch eine unternehmerfeindliche Politik nicht zu gewinnen.

 
http://www.brainworker.ch/Orientierung/kritische_gesellschaftstheorie.htm

Potentielle Ansprechpartner sind also ca. ¼ der Bevölkerung, die mit angepassten Botschaften versorgt werden müssen – und auch ihre Sorgen, Ängste, Bedürfnisse, Wünsche und Ideen zur Entwicklung einbringen können müssen.

Diese Karte sozialer Benachteiligung zeigt auf andere Art, um welche Gesellschaftsschichten sich eine neue Linke kümmern müsste:

  1. Alleinerziehende

  2. Familien mit mehr als 2 Kindern

  3. Ausländer

  4. Einkommensschwache / generell working poor

  5. Verkaufsberufe, d.h präziser alle Berufe mit hohem Stellenwettbewerb, niedriger Produktivität, tiefen Löhnen, also auch Gastronomie, Bauern, Handwerker, generell Kleinbetriebe in nicht-innovativen Branchen wie sie speziell bei den persönlichen Dienstleistungen existieren (Reinigung, Friseure, Detailhandel – aber auch künstlerische und Kultur schaffende Berufe s. Umsatz/Beschäftigte www.brainworker.ch/Wirtschaft/die_groessten.htm  & Warum verdienen die einen zu viel, die andern zu wenig? Gibt es den gerechten Lohn? http://www.brainworker.ch/Arbeit/gerLohn.htm 

Die Karte der gesellschaftspolitischen Lager weiter oben, rechts) zeigt noch deutlicher, mit welchen Lagern zu arbeiten wäre … und wie schwierig dies wird, denn die Betroffenen entstammen entweder dem skeptisch-distanzierten (18%) oder dem enttäuscht-autoritären (27%) Lager. Beiden fehlt offensichtlich das Ziel, die einen, weil sie zu oft gescheitert sind mit ihren Zielen, die andern, weil sie zu oft an den Zielen gescheitert sind, die ihnen von ihren Führungskräften vorgegeben wurden.

Wenn die grossen Volksparteien ihre Bindekraft weiter verlieren, können grössere Wählergruppen von den Christdemokraten nach rechts und von den Sozialdemokraten zu den Nichtwählern wandern. Die grossen Volksparteien haben dafür selbst die Verantwortung, wenn sie mit einer neoliberalen Wirtschaftspolitik die <kleinen Leute> verprellen oder durch tatsächliche oder vermeintliche Vorteilnahme <der Politiker> das Vertrauen verspielen.

Die generelle Tendenz - individualistisch 20%, angepasst 45%, autoritär 35% - zeigt, dass diejenigen, die Freiheit zu schätzen wissen, diese nicht dem aktuellen Trend überlassen sollten.

Die Aufgabe einer neuen Linkspartei ist also nicht, alles mögliche und unmögliche vom Staat zu verlangen, sondern bloss dazu zu sehen, dass dieser seinen Aufgaben, die ihm laut Verfassung und Gesetz obliegen, auch nachkommt.

Notwendig wäre aber auch, eine Parteiorganisation die nicht auf dem links-rechts-Schema basiert, das die Armen spaltet, sondern auf oben-unten/Geld und Freiheit -Sorgen und Zwänge, also eine Partei von Unten, für Unten. (Der Gedanke ist noch unausgereift. Für Ideen wär' ich dankbar).

 

4 Wer vertritt die Interessen der Armen und Ausgeschlossenen?

Falls Sie denken, das seien die Sozialämter, sind Sie im Irrtum, denn die haben einen politischen Auftrag ... und falls der lautet: SPAREN, dann trampeln die auf den Armen genau so rum wie irgend ein Unternehmer auf seinen (leicht ersetzbaren) Untergebenen. Eben so falsch wäre es, das SKOS hier in einer leitenden Funktion zu sehen, denn das sind bloss die kantonalen Chefs der staatlichen Armutsverwaltung, und die haben a) von Wirtschaft einen eben so geringen Dunst wie ihre Kunden und b) auch keine Ahnung, wie sie das Problem lösen sollen ... ausser mit noch mehr Druck und Zwang, der irgendwann zur Explosion führen kann, wie bei allem was unter Druck steht. Zudem sind SKOS-Empfehlungen des öftern sogar rechtswidrig, wie etwa die "Vorschläge", ab welchem Einkommen Verwandte Unterstützung leisten müssen. Während dem dies laut Gesetz nur inBetracht kommt, wenn die Verwandten über überdurchschnittliches Vermögen und/oder Einkommen verfügen, womit mehr als 10'000 Fr. pro Monat gemeint sind, setzt SKOS die Unterstützungspflicht bereits bei 60'000 pro Jahr für Verheiratete, 80'000 pro Jahr für Ledige an was so ziemlich dem Durchschnittsverdienst entspricht. Wes Geistes Kind die SKOS-Reglemente sind kommt hier klar ans Licht.

Wohltätige Organisationen klassischen Stils, den ich gerne Wohltäterismus nenne, sind hier eher kontraproduktiv. Sie fördern zwar Duldsamkeit und Unterwerfung, das verzögert aber bloss die Dauer bis zur Explosion ... die dann, dank noch höheren angestauten Drucks, um so heftiger sein wird.

4.1 Prioritär wäre hier die bessere Gestaltung der sozialen Netzwerke und ein Gegenpol zu reaktionären Think-Tanks

Bei der heute angestrebten neoliberalen Wettbewerbswirtschaft, in der dem Starken alles, dem Schwachen aber nur Schimpf und Schande gehören, kommt der Sozialstaat unter die Räder. Bereits der Volksmund erzählt heute Tag für Tag, dass man sich den Sozialstaat eben nicht mehr leisten könne … Hinter dem Volksmund steckt aber halt nicht immer der hellste Kopf, sonst käme es ihm wohl kaum in denselben, sich gegen seine eigenen Interessen zu stellen.

Dass dieser Schwindel immer wieder so leicht funktioniert, liegt daran, dass die Interessen der Arbeitgeber sehr gut organisiert sind, die Arbeitnehmer aber in tausende von Berufen, Spezialisierungen und Positionen - dazu in soziale und politische Klassen, sowie insbesondere in solche die noch Arbeit haben und diejenigen, die keine haben, aufgespaltet sind. Hier lassen sich die von Ronald S. Burt in: Structural Holes: The Social Structure of Competition im Detail beschriebenen Gesetze der Netzwerke natürlich patent für Kontrolle, insbesondere die Kontrolle der Verteilung des Mehrwertes, nutzen.

Um hier Gegensteuer geben zu können, müssten die Interessen der Arbeitnehmer genau so gut (eher besser, da hier die publizistischen und finanziellen Mittel weniger vorhanden sind), organisiert und vertreten werden. Leider ist dazu weder die Gewerkschaft, noch die SP, und am wenigsten die Myriade von kleinen linken und rechten Splittergruppen in der Lage.

Als Gegenpart zu economiesuisse (Wortbedeutung: wirtschaftliche Ordnung der Schweiz) müsste geschaffen werden, socionomiesuisse (Wortbedeutung: gesellschaftliche Ordnung der Schweiz), die sich nicht bloss mit den Auswirkungen einer auf Wettbewerb basierenden Ordnung befasst, sondern auch mit dem Resultat, dem Ausschluss immer grösserer Teile der Gesellschaft von humanen Lebensbedingungen, von Lebensqualität, von persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungschancen.

Interessant hier die Euphorie, mit der Basel, Zürich und Genf auf die Idee abfahren, den <Club of Rome> einzukaufen und anzusiedeln, so quasi als Stadtmarketing. (Gelandet ist er allerdings inzwischen in Winterthur, allerdings ohne Da muss man sich doch fragen, warum in aller Welt den <Club of Rome>? Der ist in Zürich oder Genf genau so daneben wie in Hamburg. Warum nicht einen <Club of Basel> für Basel, einen <Club of Zurich> für Zürich, eine <Club de Genève> für Genf etcetc.  Der <Club of Rome> hat zwar die Grenzen des Wachstums ins Gespräch gebracht, wofür er lange Zeit ziemlich veräppelt wurde, weil seine Prognosen erst mit beträchtlicher Verspätung zutrafen. Seither hat er aber eigentlich nichts Neues gebracht.

Eigentlich brauchte jede Stadt, ja jede Gemeinde einen Denkclub,
in dem nicht politischer Kampf um Interessen das Resultat bestimmt,
in dem nicht wirtschaftliche Machbarkeit, d.h. Profitabilität entscheidet,
sondern die Suche nach Wahrheit.

Tja ... und damit wäre der Kreislauf der Suche nach der guten Ordnung geschlossen, denn das belegt eigentlich, dass Platos Republik der Philosophen keine Utopie, sondern, zumindest in der Form einer begleitenden Teilorganisation, eine Notwendigkeit ist.

 

4.1.1 Das Dreisphärenmodell gesellschaftlicher Lenkung über die Medien Geld, Macht und Wahrheit

Ich schlage vor, den gesellschaftlichen "Dialog" der über die gesellschaftliche Steuerung entscheidet und vor allem zwischen Politik und Wirtschaft stattfindet, durch einen Trialog zu ersetzen, um der Wahrheit eine stärkere Stimme zu geben.

Modell I: Die drei Sphären sind unabhängig:

Aktuelle Ideologie die sich daraus ergibt: Politik und Philosophie sind überflüssig, die Wirtschaft macht das schon ...

Das Problem lässt sich bildlich sehr schön anhand der gegenwärtigen Situation erklären: Heute findet die neoliberale Wirtschaft, der Staat sei eigentlich völlig überflüssig, die Wirtschaft liefere alles (wofür bezahlt wird, den Nebensatz verschweigt sie), viel günstiger und effizienter als die Politik.

Die Politiker ihrerseits träumen davon, von Macht und Wahrheit (na, immerhin einige davon schon) unabhängig zu sein und mit Macht regieren zu können, gleich Königen (da wären's immer noch 2 im Bundesrat ..).

Auch die Wahrheitssucher haben Illusionen, wenn sie behaupten, Wahrheit sei nicht durch Macht und Geld verbogen, folge nicht den vorgegebenen Interessen. Universitäten und insbesondere FHs forschen immer mehr dort, wo Geld zur Verfügung steht, nicht dort, wo Probleme anstehen.

Das Modell der Unabhängigkeit der 3 Sphären ist also Schrott.

Modell II: Es gibt nur eine Sphäre, also entweder nur Wirtschaft, nur Politik oder nur Wahrheit - die dominieren. Das wäre

  • im politischen Bereich das faschistische, oder besser totalitaristische Modell, das diktatorisch alle Interessen nach einer Perspektive ausrichtet.

  • im geistigen Bereich das fundamentalistische Modell.

  • im wirtschaftlichen Bereich scheint mir diese Vorherrschaft noch nicht definiert, weil sie kaum erkannt wurde, obwohl die Wirtschaft heute in der Lage ist, so zu agieren, weil Geld auch Macht ist, weil Macht ohne Geld eh nix ist, und weil sich eh jeder um die Wahrheit schert, wenn sie ihm grad nicht genehm ist.  Grundlage dazu bildet aber auf jeden Fall nebst dem Materialismus und Utilitarismus die Produktionsgesinnung. Man könnte das Modell also auch das produktivistische Modell nennen: Produktion, Produktion über alles. Wollt ihr den totalen Wettbewerb?

Das Modell der identischen 3 Sphären ist allerdings ebenfalls Schrott.

Modell III: Die 3 Sphären überlappen sich. Hier nun ein Modell, das unseren Erfahrungen entspricht, mit reiner Machtpolitik, reiner Geldwirtschaft, reiner Wahrheit - aber auch "politischer" und "wirtschaftlicher" Wahrheit, Geldmacht, gekaufter Wahrheit, Wirtschafts-Macht und politischer Wirtschaft (nicht Miss-Wirtschaft, sondern der berühmte service public ist damit gemeint.) Und, oh Wunder, eigentlich müsste es ja auch, zumindest in der Theorie, eine Zone geben, in der Macht, Geld und Wahrheit übereinstimmen. Suchen wir mal danach ...

4.2 Wenn schon Wachstum als Lösung, dann pro poor growth

Die effizienteste Form der Armutsbekämpfung ist die Integration in den Arbeitsmarkt ....

so der Slogan, und zwar von links bis rechts. Radio Eriwan würde auch da antworten: Im Prinzip ja, aber ... vielleicht ist die Aussage ein bisschen verdreht formuliert ...

Die Grundidee ist, dass Wachstum vor allem die Armen begünstigen sollte. Dies ist zwar ein Schritt über den ethischen Grundsatz der liberalen Verteilungsgerechtigkeit hinweg, dass es Massnahmen welche Umverteilung begünstigen niemandem schlechter gehen darf als vorher, aber mindestens einem besser.

Da das Standartwerk zu pro poor growth von Martin Ravaillion, einem Weltbankmitarbeiter stammt, wundert es wenig, dass trotz des ansprechenden Titels mit dem Begriff einiger Schabernack getrieben, d.h. auch neoliberale Rezepte verteilt werden: Labor market regulations can restrict formal labor markets and the access of poor workers to these markets.

Pro poor growth bedeutet i erster Linie, dass den Armen ein überdurchschnittlicher Anteil des Wachstums zugute kommen sollte, da sonst die Einkommensunterschiede weiter wachsen und durch Preis- und Aneignungsmechanismen Handlungsalternativen und Chancen der Armen weiter beschränkt werden.

Dies widerlegt das Argument, dass man Wachstumsstrategien eigentlich nicht auf pro poor growth beschränken sollte, weil die Gefahr besteht, dass Wachstum beschränkt wird .... und 7% totales Wachstum bei nur 4% pro poor Wachstum doch besser seien als sagen wir 3% pro poor growth.

Die Entwicklung zwischen 1992 und 2003 zeigt hier deutlich, dass Wachstum fast immer die obersten Einkommensschichten begünstigt. Die Situation der Ärmsten 10% (entspricht Sozialhilfeniveau Basel) verbesserte sich leicht überdurchschnittlich, also stärker als bei der Mittelschicht - aber eben so deutlich schwächer als bei der Oberschicht, den 30-40% der Bevölkerung mit den höchsten Einkommen. Die Stärkung der Einkaufskraft der Oberschicht führt durch die Knappheit des Angebots, insbesondere beim Wohnraum, zu weiterer Verschlechterung bei den untersten Einkommen - trotz leichter Erhöhung derselben.

Für Entwicklungsländer bedeutet pro poor growth vor allem die Förderung der Landwirtschaft - und damit der ländlichen Gegenden. Dass Landwirtschaft bei uns zwar wirtschaftlich relativ bedeutungslos ist, ganz anders allerdings was ihre Flächennutzung und ihr politischer Einfluss betrifft, wird verstärkt durch die alte wirtschaftliche und soziale Kluft zwischen Stadt und Land, Herrschern und Untertanen, Zentrum und Peripherie. Dass solche Spaltungen immer wieder Ursache für Unruhen, ja Kriege sind, wird gerne vergessen, obwohl offenbar die Bürgerkriege in Ex-Jugoslavien weitaus mehr auf diese Spaltung zurückzuführen waren, als auf ethnische Differenzen. Auch in der Schweiz heisst der Trend: Weg von der unrentablen Förderung von Randregionen - hin zur Förderung von global cities: Macht doch aus den Alpen ein Reservat ... dann lässt sich mindestens am Tourismus noch was verdienen bei diesen Hinterwäldlern ....

Allerdings ist die Landwirtschaft bei uns bereits derart rationalisiert, dass die Schäden durch die Ausrichtung auf maximale Produktion längst überdeutlich werden, insbesondere beim Rinderwahnsinn, entstanden dadurch, dass friedliche Grasfresser zu Kannibalen gemacht wurden. Die Entwicklung von Industrie und Dienstleistungen, insbesondere die Verstädterung, wird also in den meisten Entwicklungsländern noch grosse Teile der wegrationalisierten Landbevölkerung absorbieren können. Anders bei uns. Hier ist es noch völlig offen, wie die durch Rationalisierung überflüssig gemachten Mitarbeiter wieder zu produktiven und akzeptierten Mitgliedern der Gesellschaft gemacht werden können.

Hier wird z.B. für soziale Dienstleistungen, worunter Spitäler, Gesundheit, Bildung, Wohlfahrt (sic!), Gemeinnützige Organisationen, öffentliche Dienste wie die Post und die staatliche Verwaltung fallen, ausgerechnet in den Ländern, in denen darwinistischer Kapitalismus herrscht, am meisten ausgegeben.

Die Folgen des Entwicklungsmodells, das uns in der Schweiz, generell in Europa, immer noch als Lösung vorgelogen wird: Pharma, Banken, Globalisierung, also alles was den SMI bildet, bringt dem grössten Teil des Volkes und der Volkswirtschaft nichts - verursacht aber den sozialen Werken und damit dem Staat grosse Kosten - die natürlich, obwohl von andern verursacht, den zu überflüssig erklärten Armen angelastet werden.

Warum? Ganz einfach weil die Gewinne unter immer weniger Beteiligten aufgeteilt werden, die so mehr erhalten, während dem diejenigen, die wenig produktiven Marktwert haben, ihre Existenz nur noch über staatlich administrierte Almosen (Hartz IV & Co) sichern können. (s. freeters)

http://www.brainworker.ch/Wirtschaft/Restrukturierung/Restrukturierung.htm

pro poor growth in wirtschaftlich hoch entwickelten Ländern wie der Schweiz, Japan etc, müsste also primär denjenigen zugute kommen, die durch die rücksichtslose Anwendung betriebswirtschaftlicher Optimierungsstrategien vom Erwerbsleben ausgeschlossen, oder zumindest an den Rand (des Existenz sichernden Einkommens) getrieben werden - also Menschen die einfache Dienstleistungen verrichten in Restaurants, in Verkauf, Reinigung und andern einfachen Dienstleistungen. Die Förderung von Banken, Versicherungen und Pharma, den Leuchttürmen unserer Wirtschaft, den Herrschaftshäusern der global cities, bringt zwar einige gut bezahlte Jobs und vielleicht etwas Steuern, falls sie nicht günstiger ausserhalb wohnen, löst aber keines der existentiellen Probleme der Arbeitssuchenden mit einem IQ von unter 100 - und das sind laut Definition des IQ 50% der Bevölkerung. Aus präzise dem selben Grund muss auch eine Lösung die auf mehr und längerer, immerwährender Bildung beruht, kläglich scheitern.

Ich geb's ja zu, es braucht ein ziemlich brutales Umdenken, um von der Idee, dass Streben nach mehr Gewinn über Produktion, Distribution und Verkauf von Gütern und Dienstleistungen automatisch alle Probleme löst zu einem Ansatz zu kommen, der nicht auf der Maximierung individueller Gewinne fokussiert - sondern auf Maximierung der Teilnahme. Wir sehen hier aber auch, wie weit, wie zu weit die Entwicklung gegangen ist. Lehnte der Liberalismus (nicht ganz zu Unrecht) die "Gleichmacherei" ab, so lehnt heute allerdings der Neoliberalismus sogar das Existenzrecht ab, das Recht der Ausgeschlossenen auf Unterstützung. Und in solche einer Situation war es den Betroffenen von jeher egal, mit welchen Gesetzen die Gewinner sich und ihr Eigentum schützen. Ist die schiere Existenz bedroht, wird Gewalt bald als gerechtfertigt aufscheinen. Dies um so mehr als der bisherige gewaltlose Widerstand <alternativen Wirtschaftens> ausser ein paar exotischen Randexistenzen nicht viel gebracht hat.

Macht man sich mal klar, dass eine Mehrheit der Menschen eigentlich von einer erfüllenden selbständigen Tätigkeit träumt - aber nur eine kleine Minderheit diese verwirklichen kann, während dem die grosse Mehrheit gezwungen ist, sich als Rädchen, auf Gedeih und Verderb, an die Anforderungen "der grossen Maschine" anzupassen, wird die akute Aufgabe von Politik und Wirtschaft eigentlich klar:

Die Förderung einer massvollen und angemessenen Wirtschaft an Stelle einer Machtwirtschaft - auch wenn diese weniger effizient ist, auch wenn diese weniger Zuwachs an Börsen-Kapitalwerten bringt, denn dafür erlöst sie uns aus der Entfremdung. Der Grundsatz könnte die zerstrittenen Linksparteien eigentlich zu einem neuen Programm einigen:

FOKUS:

Wir wirtschaften um zu leben!
Wir leben nicht, um zu wirtschaften!

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel, 13.9.07

Alfredo Sabat, Argentinien: Afrikanischer Tsunami / Armut