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Was ist Gerechtigkeit - Wer schafft sie?

[Stefan Liebig, Holger Lengfeld, Steffen Mau (Hrsg): Verteilungsprobleme und Gerechtigkeit in modernen Gesellschaften.. Campus Verlag Frankfurt, New York 2004
Florian Wettstein: Multinational Corporations and Blobal Justice: The Human rights Obligations of a Quasi-Governmental Institutions. Diss. 3320, St. Gallen. 2007,
M. Corsten, H. Rosa, R. SChrader (Hrsg.): Die Gerechtigkeit der Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2005]]

Unterschiedliche Ansichten zum Thema Gerechtigkeit - und gerechte Führung:

4.6 Trees and Forests in History, Religion and Islamic Legislation

The shafii school (shia) permits the violent disposal of an unjust or unqualified chief, the sunni schools order the submission under any chief as a God given examination. A good reason why a ruler in Yemen has to be much more sensitive in what concerns acceptance. Especially as the violent disposal of the old imam by the new one was a compulsory tradition, guaranteeing that the Imam is able to aggregate and use the power of the disagregated tribes!

What concerns the qualities of leaders after el Mawerdy (1058) [Muatassime: Islam et Developpement Politique. In: "L'Islam et son Actualité pour le Tiers Monde". p. 801-2:] there are physical requirements, they have to be able to see, hear and speak. Communicatory capacities have always been very important. Just remember the sheikhs that have to convince and not to give orders! Moreover there are moral requirements: They have to be just, wise, valiant and courageous to be able to protect the Islamic lands. Intellectually they have to master the sciences sufficiently to be able to interpret shari'a, to practice ijtihad. Ibn Taimiya (1328) ads competence and loyalty to those requirements. Competence (qawa) combines technical mastership with moral force. Loyalty means for him the defence of public functions against personal whims and those of the family. (ein kleiner islamischer Kommentar zu den Problemen der Privatisierung ...) Khalif Omar reminded his son: "Every man invested with authority over the muslim who assigns functionaries for friendship or familiar relations is cheating God, his prophet and the muslim."

Now what concerns the guiding regulations and administration of water, range and forests, the basic sentence on the common right on common use:

"People share three things: water, pasture and fire."

Gerechtigkeit ist, wie Armut und Reichtum, äusserst relativ, gerade weil sie an Gleichheit gebunden ist, denn das stellt dann die Frage: Gleichheit mit wem?

Die Justitia ist nicht nur blind, d.h. sie ist überhaupt nicht blind, sie soll sehr wohl sehen, was Sache ist, aber - unabhängig von Person und Ansehen urteilen, nur nach dem Urteil der Gerechtigkeit ...  oder eben des Rechts, was wieder ein anderes Paar Stiefel ist. Zudem ist zu beachten, dass sie offensichtlich und immer ein Schwert trägt, ein klares Mahnmal dafür, dass Gerechtigkeit, genau wie Recht, nicht einfach geschieht, sondern erfochten werden muss. Sogar im schiitischen Islam (nicht im sunnitischen (s. rechts), der eher dem fügsamen Protestantismus entspricht) wird der Widerstand gegen eine ungerechte Regierung als gerecht-fertigt betrachtet.

Die alttestamentarische, wie die heute noch geltende islamische primäre Formel der Gerechtigkeit lautet: Auge um Auge, Zahn um Zahn.  Diese wird von Christen gerne als barbarisch dargestellt, war und ist aber im Vergleich zu Meinungen die gerne in sehr traditionellen Stämmen vertreten wurden, ein enormer Fortschritt. So hört man heute noch im südöstlichen Teil des Jemen und auf Sokotra: Zwei für eins!

Eine gewisse Form von "Gleichheit" gehört also immer zur Gerechtigkeit, und sei es nur die Gleichheit vor dem Gesetz, die Chancengleichheit, oder etwa die allgemein gültigen Menschenrechte.

Nun ist eben DIE Organisation die sich mit dem Tausch von gleich-wertigem befasst, der Markt. Vergebung, Güte, Liebe - christliche Botschaft wurde durch den Markt ersetzt: Austausch geschieht gegen Marktwert. Dies ist leider nicht bloss Luther und den Protestanten zuzuschreiben (s. Max Weber), sondern wurde bereits durch die Katholische Kirche eingeführt, die im Ablass Sünden gegen Geld erliess. Diese Vermarktung der Gerechtigkeit findet sich auch heute noch, insbesondere im US-Rechtsystem, und verzerrt die Inhalte, bei denen es unter dem Topos Gerechtigkeit ging, sehr oft ins lächerliche und unmässige: Wenn einer Unsummen erhält, weil er sich mit Kaffee verbrüht hat, der nicht mit "ACHTUNG HEISS!" angeschrieben war, dann erwartet der nächste als gerechte Entschädigung eben auch Millionen.

 

1. Definitionen der Gerechtigkeit

Justice is the first virtue of social institutions, as truth is of systems of thought.

John Rawls

Es kann keiner gerecht sein, der nicht menschlich ist.

Marquis de Vauvenargues

Gerecht ist dasjenige, was jedem das gibt, was ihm zukommt, was ihm gebührt. Gerechtigkeit ist seit Aristoteles jener Grundwert des menschlichen Zusammenlebens, der an das Verhalten des Einzelnen wie der Gemeinschaft in ihren verschiedenen Formen die Forderung stellt, Gleiches gleich zu behandeln.

Bei Platon ist Gerechtigkeit das rechte Verhalten zu den Mitmenschen und damit die Summe aller Tugenden überhaupt. Gerechtigkeit war eine zentrale Kategorie im griechischen und römischen Rechtsdenken und bis ins Mittelalter eine Kardinaltugend.

Gerechtigkeit ist das Urgestein der jüdisch-christlichen Traditionen. Organisierbare und nicht organisierbare Interessen hat eine Politik zum Ausgleich zu führen, denn Arbeitslose und Familien gehen im Verteilungskampf leer aus. Veränderungen werden nur dann akzeptiert, wenn dabei keine Verlierer geschaffen werden. Ohne das Ziel der Gerechtigkeit ist kein Staat zu machen. Der Staat ist heute aber eher ein Schauplatz des Kampfes von Interessen ... also ein Markt, an dem Interessen gehandelt werden. Modernisierungsverlierer

Gleichheitsgrundsatz:

Das Ziel der Gerechtigkeit ist nicht einfach Gleichheit für alle - das war eine sozialistische Verkürzung. Vielmehr ist das Ziel, ein möglichst hohes Mass gleicher Freiheiten zu vermitteln. Nicht Chancengleichheit in dem Sinne, dass alle das Gleiche erhalten sollen, sondern Chancengerechtigkeit, die jeden Menschen nach seinen Möglichkeiten berücksichtigt. [S. 43]

[R. Marx, B. Nacke: Gerechtigkeit ist möglich. Zwischenrufe zur Lage des Sozialstaates. Herder. Breisgau. 2004]

Für Kant ist Gerechtigkeit das höchste politische Prinzip und Gerechtigkeit mittels Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtssprechung zu verwirklichen und zu wahren ist eine der Hauptaufgaben des Staates. In seiner Sozial-Ethik begründet er die Verpflichtung des Staates, nicht privater Vorsorge, für die Armen, d.h. präziser eben für mehr Gerechtigkeit zu sorgen.

Interessanterweise wäre Gerechtigkeit eigentlich rechts - im Gegensatz zur linkisch (ungeschicktheit). recht be-handeln, geradlinig, richtig, passend, tauglich, geschickt. (s. mundgerecht, weidgerecht, kunstgerecht ... systemgerecht).

In der modernen Wertethik ist Gerechtigkeit die Vorbedingung zur Verwirklichung weiterer Werte und besteht darin, der fremden Person als solcher gerecht zu werden, sie zu respektieren und in ihre Freiheitssphäre nicht einzudringen, damit ihre Handlungsfreiheit zur Entfaltung und Schaffung von Kulturwerten nicht beeinträchtigt wird.

Das Recht darf nicht mit der Summe der Gesetze verwechselt werden, will man nicht auf den Fehler verfallen, das Recht der Macht gleichzusetzen. Gesetze können nämlich ungerecht sein, das Recht aber nicht.

Leibnitz

Rawls interpretiert Gerechtigkeit  als Fairness und definiert eine Gesellschaftsordnung als gerecht, der jedes Mitglied zustimmen könnte, bevor es weiss, welche Position es einnehmen wird. Dies bedeutet nun nicht unbedingt die Bevorzugung der Gleichheitsregel, da einzelne gerne auf Risiko spielen und gewiss sind, auch nach Verlusten und Niederlagen wieder auf die Beine zu kommen und eine bevorzugte Position erreichen zu können.

Eine Zunahme von sozialer Ungleichheit ist nur dann gerechtfertigt,
wenn davon auch die sozial am schlechtesten gestellten profitieren.

[nach: Philosophisches Wörterbuch. Kröner]

Im Anschluss an John Rawls Theory of Justice (1971) geht die Mehrheit der Gerechtigkeitskonzeptionen davon aus, dass Gerechtigkeit oder soziale Gerechtigkeit sich auf die Probleme der Verteilung von immateriellen wie materiellen Gütern bezieht.

Soziale Gerechtigkeit darf als Verteilungsgerechtigkeit nicht - wie dies Theoretiker in einer liberalen Tradition tun - zu einem Verfahrensprinzip für Verteilprozeduren eingeengt werden. Gerechtigkeit muss ihr Augenmerk auch auf die Verteilungsresultate richten. Es braucht nicht nur gerechte Verfahren, sondern auch gerechte Ergebnisse.

Unbestritten ist das Gleichheitsprinzip als Verfahrensprinzip im Sinne der rechtlichen Gleichbehandlung (Art. 8 Abs. 1 BV: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich"). In der Ergebnisorientierung verlangt es darüber hinaus, dass jedes Mitglied einer Gesellschaft die gleichen Partizipationschancen hat und in ausreichender Weise mit Gütern versorgt ist. Das Gleichheitsprinzip ist in der - keineswegs banalen (humanistischen) - Grundeinsicht verankert, dass alle Menschen gleichermaßen Mensch sind. Der Anspruch, gut und sicher leben zu können, kommt einem Mitglied der Gesellschaft aufgrund seines Menschseins zu, also vor irgendeiner Leistungserbringung. Politisch resultiert daraus etwa die Pflicht des Staates, Armut zu bekämpfen.

Die Mitglieder einer Gesellschaft sollen nicht nur die gleichen Rechte haben, sie müssen auch dieselben Chancen haben, ihre rechtlich garantierten Freiheiten zu nutzen. Konkret verlangt das Postulat der Chancengleichheit über die bloße Rechtsgleichheit hinaus, dass auch die soziale Situation der Einzelnen berücksichtigt wird, insbesondere ihre Ausstattung mit materiellen Ressourcen. Sie strebt auch annähernd gleiche Anteile am gesellschaftlichen Wohlstand an. Diese Angleichung ist jedoch kein Zweck an sich. Sie ist vielmehr ein Mittel zur Angleichung von Lebens- und Partizipationschancen. Deshalb lassen sich neuere Entwürfe zur sozialen Gerechtigkeit vom umfassenden Begriff der Beteiligungsgerechtigkeit leiten.

http://www.socialinfo.ch/cgi-bin/dicopossode/show.cfm?id=249

1.1 Typen der Gerechtigkeit

Die extremste Einstellung zur Gerechtigkeit wird von den Liberalen vertreten, für die es keine Gerechtigkeit gibt, was das amerikanische: Fair is foul and foul is fair  (Macbeth) bestens ausdrückt. Für Hayek ist "Gerechtigkeit" eine Leerformel - für den Wohlfahrtsstaat ist soziale Gerechtigkeit eine Grundaufgabe ... logisch dass diese unter Druck steht.

Ein marktangepasster Begriff von Gerechtigkeit ist die Leistungsäquivalenz, kurz: Der Leistungslohn: Wer mehr leistet, soll auch mehr erhalten - Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen. Dazu ist allerdings zweierlei zu bemerken: a) lässt sich "Leistung" an Finanzmärkten kaum als Leistung im traditionellen Sinne bezeichnen und b) bestimmen ja die Besitzer des Kapitals (Boden, Infrastruktur, Geld, Wissen - in Form von Patenten ...) darüber, wer diese - zu ihren Gunsten - benutzen, und deren Wert vermehren darf, wofür er entsprechend des geschaffenen Mehrwerts, einen kleinen oder grösseren Anteil erhält. Aus präzise diesem Grund sind die Löhne in unterschiedlichen Branchen, je nach Produktivität derselben, höchst unterschiedlich und nicht gerecht was gleiche Leistung in Bezug auf Arbeit als Anstrengung betrifft, sondern nur in Bezug auf geschaffenen Geldwert. (s. gerechter Lohn)

Gerade weil "Vermögen" die nicht(s)-vermögenden Armen ausschliessen kann, wird heute immer mehr die Teilhabegerechtigkeit entscheidend: Jeder Mensch hat ein Existenzrecht, manchmal sogar ein Recht auf menschenwürdige Behandlung ... also auch das Recht auf Zugang zu den Ressourcen, die ein solches Leben ermöglichen. Das Neoliberale Modell dagegen ist ein Modell der Clubgüter, das Eintritt verlangt, also nur "Vermögenden", die diese Eintrittsgebühr zu bezahlen vermögen, zugänglich ist. Das neoliberale Konkurrenzmodell der Gesellschaft ist eben nicht bloss ein Leistungsmodell, sondern auch ein Ausschlussmodell. Wie dieser Ausschluss zu verhindern wäre, darüber gibt es viele Theorien. Galt es im Mittelalter die Sünden zu vermeiden und Busse zu tun, gottgefällig zu leben, wohltätig zu sein, um sein Schicksal zu ändern, so wurde in der bürgerlichen Gesellschaft der Fleiss zum Kernprinzip: Ohne Fleiss kein Preis. Dieses Modell wurde Ende des 20- JH von vielen Bauern so auf die Spitze getrieben (Aprikosen, die im Wallis in die Rhone geschüttet wurden, Milchseen, Butterberge, Weinschwemmen ...), dass sie in den Überschüssen versanken, die dann teuer entsorgt werden mussten. Dann wurde der Fleiss, eben weil oft "unproduktiv", durch den Leistungsbegriff ersetzt, der eng und fast absolut an die Produktion von Geldwert gebunden ist. Dann erklärte die Wirtschaft die Wissensgesellschaft. Wissen sollte der Schlüssel zum Erfolg werden. Geglaubt wurde dies ursprünglich nur in den USA und England: In der angelsächsischen Welt, anders als in Europa, gilt Bildungspolitik als Sozialpolitik und insoweit als für Verteilungspolitik substituierbar (Heidenheimer 1981, zit. S. 57). Da wir aber früher oder später eh jeden Käse übernehmen der aus den USA kommt, wurde dieser Denkfehler propagandistisch erfolgreich  bald auch in Europa durchgesetzt.

Warum Bildung eher ein Instrument der Selektion, d.h. der Auslese, als der Inklusion, der Teilhabe ist:

 

Paradigmen sozialer Gerechtigkeit im deutschen sozialpolitischen Raum [S. 33]:

  Bedarfsgerechtigkeit Leistungsgerechtigkeit Produktivistische Gerechtigkeit Teilhabegerechtigkeit
Wertidee / normativer Massstab Menschenwürde
(zugeschriebene Bedarfe, besonders durch den Staat)
individuelle "Leistung" (Markterfolg)
[neu: individuelle reproduktive Leistung]
kollektiver Nutzen (vor allem hohes Wohlstandsniveau für alle)
[neu: kollektive demographische Reproduktion]
gesellschaftliche Teilhabe (gemäss diverser Normen wie Gleichstellung, Unterschiedlichkeit, soziale Anerkennung, Beteiligung u.a.
Adressaten Arme Arbeitnehmer [neu: Familien, Frauen] Gesamtbevölkerung Familien (mit Kindern), Generationen (auch Zukünftige), Frauen, Ausländer/Einwanderer, Ausgegrenzte
Referenzsysteme Sozialstaat Markt: Sozialversicherung [neu: Familie] Markt: Sozialstaat
[neu: Bevölkerungsprozess]
Gesellschaft, Symbolsysteme, Alltag, Körper
Träger Sozialanwälte (Kirchen, Wohlfahrtsverbände, kritische Sozialwissenschaftler), Betroffeneninitiativen Arbeitgeber/-Verbände
Arbeitnehmer/Gewerkschaften
Arbeitgeberverbände (offensiv)
Arbeitnehmer/Gewerkschaften (verschämt)
alle politischen Parteien (ausser PDS)
soziale Bewegungen und Initiativen

politische Parteien: besonders Bündnis Grüne, themenabhängig auch andere.

Wohlfahrtsstaatsmodell "versorgender Staat" residualer Wohlfahrtsstaat
Sozialversicherungsstaat
residualer Wohlfahrtsstaat
negativ-aktivierender Staat
aktiv-aktivierender Staat, regulierender Staat
sozialinvestiver Staat ("Familienstaat", "Bildungsstaat"

 

1.2 Mehr oder weniger ethische Prinzipien der Verteilungsgerechtigkeit

Es wird hier ohne grossen Kommentar deutlich, warum sich Deutschland den Sozialstaat nicht mehr denkt leisten zu können.
Vielleicht sollte es (wie die Schweiz) erst mal darüber nachdenken, ob es sich immer weitere Steuerrabatte für die Reichen weiter leisten kann.

Wer Lohn hat zahlt Steuern - wer Vermögen hat, vermag dies zu unterbinden ...

2. Strukturen die Ungerechtigkeit schaffen [s. Bedingungen und Projekte zur Förderung der Armut]

Die wichtigste Struktur die der Gerechtigkeit diametral entgegen steht, ist die Pareto-Effizienz, die 80/20 Regel, und die damit verbundene Pareto-Verteilung [s. Was ist Wohlstand?Wer bestimmt darüber? - Wer verfügt darüber?). Würden diese Vermögen der Reichen gleichmässig auf alle aufgeteilt, so hätte zwar jede(r) ein hübsches Sümmchen - allerdings keine Millionen - und darum wären dann grössere Investitionen kaum mehr zu finanzieren. Wenn Sie Sitzungen kennen, dann stellen sie sich mal vor, wie viele davon es brauchen würde, um 10 - oder 100'000 Investoren auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Pareto-Verteilung ist also wirtschaftlich effizient - aber ungleich - also ungerecht.

[s. die Verhältnisse in der Schweiz]

2.1 Globalisierung I  -  II.

Globalisierung führt in erster Linie zum Verlust des rechten Masses,
aber auch zum Verlust der Steuerfähigkeit der Politik
und zugleich zu zunehmende Erpressbarkeit günstiger Standortbedingungen,
    d.h. vor allem niedriger Steuern, oft sogar zusätzlicher Unterstützung für die Wirtschaft.

2.2 Netzwerke, Gruppen, Clubs und Clans und die Demokratur

Netzwerke, Gruppen, Clubs und Clans basieren auf Ausschluss - aber auch das Diktat der Mehrheit, die Demokratur, kann Minderheiten bis zu 49.9% in Bedrängnis bringen.

Gerechtigkeit ist individuell.
Wer sich nicht recht behandelt fühlt, fühlt sich, zu Recht, ungerecht behandelt.
Allerdings auch, wer keinen Zugang zu diesem "Recht" findet, also vom recht behandelt werden ausgeschlossen wird.

Dies sind zwei deutlich zu unterscheidende Aspekte der Gerechtigkeit anhand derer sich nationale Rechtssprechungen die nur für den Club derjenigen gelten, die der jeweiligen Nation angehören, von den Menschenrechten unterscheidet, die global gelten (sollten).

2.3 Arbeitslosigkeit

Arbeit schafft nicht nur Lohn - sondern auch eine betriebliche und damit meist soziale Position. Mit dem Verlust der Stelle geht auch der Anregungs- und Anerkennungskontext verloren. Normlosigkeit (Anomie) und Fatalismus werden erhöht. Steigende und lange Arbeitslosigkeit führen also nicht zu verstärktem Aufbegehren gegen ein Unrecht, gegen Ungerechtigkeit, sondern zu mehr Fügsamkeit und Anpassung, ganz im Sinne der Urheber. Dieser Einfluss fällt allerdings mit steigender Bildung und Berufsprestige (allenfalls des Vaters) ab).

Arbeitslosigkeit verursacht also nicht nur dem Sozialstaat Kosten, sondern generell dem Bürgerstaat einen enormen Verlust an Interesse und Beteiligung, nicht nur von Seiten der Steuerbegünstigten.

Definition non attitude: Isch mir doch egal, scheiss drauf, keine Meinung - also die meisten Abstimmungen die fast 50/50 enden ... und dazu führen, dass diejenigen die wissen was sie wollen, dies (ihre eigenen Interessen) um so leichter durchsetzen können..

2.4 Die zynische Ummünzung des Gerechtigkeitsbegriffs

Etymologisch leitet sich gerecht ja ab von recht be-handeln, geradlinig, richtig, passend, tauglich, geschickt. Bisher bildete dabei allerdings immer Mensch und Gesellschaft den zentralen Punkt bei der Frage um das richtige, taugliche Handeln. Die Versessenheit auf Produktion und Markt haben aber nicht bloss Werte in Preise verwandelt, sondern auch was das taugliche Handeln betrifft den Fokus um 180° gewendet. Heute steht die Tauglichkeit des Menschen, ja der Gesellschaft, für die Produktionsprozesse im Zentrum, nicht die Tauglichkeit der Produktionsprozesse für Mensch und Gesellschaft.

Systemgerecht, marktgerecht, betriebsgerecht, maschinengerecht - so muss der Mensch sein -
nicht mehr Maschine, Betrieb, Markt und System - menschengerecht.

Und dies dürfte eine der gewichtigeren Ursachen für Armut sein.

Gäbe es eine Studie, die von der Sozialhilfe abhängige Menschen charakterisieren würde, käme mit Sicherheit ein gemeinsames Merkmal heraus: Sie haben Merkmale, anhand derer sie sich von der Norm unterscheiden, d.h. mit Hilfe derer sie sich diskriminieren lassen. Einige davon sind lächerlich - aber dennoch wirksam:

[s. Zynismus: Vom Wissen das dumm, und der Dummheit, die reich und mächtig macht.]

3. Wer produziert Gerechtigkeit?

 

Soziale Sicherungssysteme verdanken ihre Existenz - auch historisch - dem expliziten politischen Ziel soziale Gerechtigkeit in einer Gesellschaft zu befördern. [... Waltraud Lay, Thomas Hansmeier: Zwischen Gerechtigkeit und Effizienz? Verteilungsgerechtigkeit in der Rehabilitation. S. 98]

Dass Gerechtigkeit gefordert ist, ist völlig unstrittig - was Gerechtigkeit erfordert, ist dagegen höchst umstritten. [Was ist soziale Gerechtigkeit? Eine Einführung von Susanne Boshammer: http://www.ethik.uzh.ch/afe/downloads/publikationen/boshammer/Boshammer_Soziale_Gerechtigkeit.pdf ]

Gerechtigkeit und Institutionen:

 

3.1 Der Sozialstaat

Der Sozialstaat ist ein Versuch, im Markt, in dem die Überlegenheit des Stärkeren obsiegt, eine gewisse Gerechtigkeit zu schaffen. Wird der Sozialstaates abgeschafft, wird die Gerechtigkeit abgeschafft. Gerechtigkeit ist ber eine wichtige Legitimationsnorm für Institutionen - also auch für den Staat per se. Wer oder was mit seinen Werten oder Verfahren nicht als gerecht anerkannt wird, dem kann die Loyalität abgesprochen oder gar gekündigt werden, zumindest innerlich.

Typen des Wohlfahrtsstaates Universal Selektiv Konservativ
Merkmale überwiegend universale Programme überwiegend bedarfsermittelnde Programme Mischung aus bedarfsermittelndem und universalem Programm
Kriterien für gesellschaftliche Einteilungen umgreifend
schliesst alle Bürger ein, schafft oder festigt keine gesellschaftliche Umverteilung
teilend
unterscheidet zwischen "Bedürftigen" und denjenigen, die Hilfe "verdienen".
etatistish
trennt Privilegierte von Unprivilegierten
Anfällig für Betrug? einfache Regeln, jeder bekommt das gleiche Wunsch, das System zu betrügen, komplizierte Regeln und Bedarfstests (Betrug wahrscheinlich) komplizierte Regeln (Betrug möglich)
Norm der Unparteilichkeit jeder wird gleich behandelt Bürger werden sehr unterschiedlich behandelt. Stigma. Bedürftige werden für ihre Situation getadelt Bürger werden sehr unterschiedlich behandelt
Konsequenzen für das Vertrauen weite Verbreitung möglich Ausgesonderte verlieren Vertrauen einseitiges Vertrauen für die eigene Gruppe verhindert generalisiertes Vertrauen

Die Frage, wer Unterstützung verdient und wer nicht, kann das System lahm legen. Kritisch ist hier besonders die Gruppenzugehörigkeit. Wenn diejenigen die bezahlen den Eindruck haben, sie tun dies für solche, die nichts bezahlen und eigentlich nicht "dazu gehören", fühlen sie sich, nicht ganz zu Unrecht, ungerecht behandelt (s. Problem Emigranten/"Wirtschaftsflüchtlinge"). Umverteilungsleistungen bleiben jenen Gruppen vorbehalten, mit denen besondere Solidaritätsbeziehungen und generalisierte Reziprozitätserwartungen bestehen.

Uebersicht 3: Wohlfahrtsstaatliche Institutionen, Gerechtigkeitsüberzeugungen und Akzeptanz:

  Gesetzliche Krankenversicherung Arbeitslosenversicherung Sozialhilfe (Hilfe zum Lebensunterhalt)
Übereinstimmung von Gerechtigkeitsprinzip und Gerechtigkeitsüberzeugungen hoch: Leistungsfähigkeits- und Bedarfsprinzip werden als gerecht angesehen. ist Dominant: Bedarfsgerechtigkeit hoch: bescheidene Umsetzung des Aequivalenzprinzips wird als "gerecht" angesehen
Dominant: Leistungsgerechtigkeit
hoch: Anerkennung von Bedrängten als Verteilungskriterium.
Dominant: Bedarfsgerechtigkeit
Übereinstimmung bei der Interpretation und Anwendung z.T. Relativierungen (Zweifel an der Berechtigung von Bedarfen und Bedürftigkeit) hoch, mit geringfügigen Relativierungen z.T. deutliche Relativierung (insbesondere bei der Anerkennung von Bedürftigkeit)
Folgen für die Akzeptanz grundsätzlich positiv; insgesamt hohe Akzeptanz grundsätzlich positiv; insgesamt hohe Akzeptanz (nach dem Aequivalenzprinzip) positiv: geringe Akzeptanz nur z.T. auf Diskrepanzen mit Anwendungen zurückzuführen.
relative Bedeutung von Gerechtigkeitsüberzeugungen (für Akzeptanz) Bedarfsgerechtigkeit wichtiges Bewertungskriterium
(sonst. Reziprozität; Nonvictimisierung)
Leistungsgerechtigkeit wichtiges Bewertungskriterium Fragen der Verteilungsgerechtigkeit haben ein relativ geringes Gewicht (wichtiger: Missbrauchswahrnehmungen und (Non)Victimisierung.

Zur Frage der Leistungsgerechtigkeit: Nach Ralph Schrader lässt sich "Leistung" entweder <Markt-Erfolg> gleichsetzen, womit sie ebenso durch Zufall bedingt wäre - oder sie muss an das Gleichheitsprinzip gekoppelt werden. Leistung eignet sich also nicht als eigenständiges, irreduzibles, begründungsfähiges Gerechtigkeitskriterium. (Rosa/Corsten S. 17)

3.1.1 Die Agenten des Sozialstaates, die an vorderster Front arbeiten sind die SozialarbeiterInnen

Definition von Sozialarbeit (german version) International Federation of Social Workers

Definition: Soziale Arbeit als Beruf fördert den sozialen Wandel und die Lösung von Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen, und sie befähigt die Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten. Gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Verhalten und soziale Systeme greift soziale Arbeit dort ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Interaktion treten. Grundlagen der Sozialen Arbeit sind die Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit.

Kommentar: Professionelle Soziale Arbeit in ihren verschiedenen Formen richtet sich an die vielfältigen und komplexen Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt. Die Aufgabe ist es, Menschen zu befähigen ihre gesamten Möglichkeiten zu entwickeln, ihr Leben zu bereichern und Dysfunktionen vorzubeugen. Professionelle Soziale Arbeit arbeitet schwerpunktmäßig auf Problemlösung und Veränderung hin. Daher sind SozialarbeiterInnen AnwältInnen für Veränderung, die dazu dem/der Einzelnen ein Angebot unterbreiten. Professionelle Soziale Arbeit ist ein Netzwerk von Werten, Theorien und Praxis.

Werte: Soziale Arbeit basiert auf humanitären und demokratischen Idealen, und diese Werte resultieren aus dem Respekt vor der Gleichheit und Würde aller Menschen. Seit ihrem Beginn vor einem Jahrhundert hat die professionelle Soziale Arbeit sich auf die menschlichen Bedürfnisse konzentriert und die Entwicklung der Stärken der Menschen vorrangig unterstützt. Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit dienen als Motivation für sozialarbeiterisches Handeln. Professionelle Soziale Arbeit ist bemüht, Armut zu lindern, verletzte ausgestossene und unterdrückte Menschen zu befreien, so wie die Stärken der Menschen zu erkennen und Integration zu fördern. Die Werte von Sozialer Arbeit sind in den „Codes of Ethics" in aller Welt enthalten.

Theorie: Die Arbeitsweise der professionellen Sozialen Arbeit beruht auf einem systemischen Wissen, das sich herleitet aus Forschung und Praxis. Es wird die Kompliziertheit der Beziehungen der Menschen untereinander und ihrer Umwelt erkannt, so wie die Fähigkeit der Menschen davon berührt zu sein, und die Möglichkeit die vielfältigen Einflüsse auf sie zu verändern. Die professionelle Soziale Arbeit bedient sich der Wissenschaften über menschliche Entwicklung, Verhalten und Soziologie, um schwierige Situationen zu analysieren, und um individuelle, organisatorische, soziale und kulturelle Veränderungen zu erleichtern.

Praxis: Professionelle Soziale Arbeit benennt die Grenzen, Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die in der Gesellschaft existieren. Sie antwortet auf Krisen und Gefahren ebenso, wie auf alltäglich auftretende persönliche und soziale Probleme. Professionelle Soziale Arbeit verfügt über eine Vielfalt von Methoden und Techniken so wie Handlungsmöglichkeiten, die sich sowohl auf den einzelnen Menschen wie auf die Umwelt konzentrieren. Die Intervention von professioneller Sozialer Arbeit reicht von rein personenbezogenen psychosozialen Prozessen, bis zur Beteiligung an sozialer Gesetzgebung, Planung und Entwicklung. Dies bezieht mit ein Beratung, klinische Sozialarbeit, Gruppenarbeit, sozial-pädagogische Arbeit, Familienberatung und -therapie. Ferner sollen Menschen unterstützt werden, Soziale Dienste in Anspruch zu nehmen. Auch Verwaltungstätigkeiten, so wie soziale Aktionen bedeuten Einmischung, um soziale Gesetzgebung und wirtschaftliche Entwicklung eng miteinander zu verknüpfen. Der Schwerpunkt von professioneller Sozialer Arbeit wird von Land zu Land, von Zeit zu Zeit variieren, dies hängt mit den kulturellen, historischen und sozialwirtschaftlichen Bedingungen zusammen.

* Diese internationale Definition von professioneller Sozialer Arbeit ersetzt die IFSW Definition von 1982. Die professionelle Soziale Arbeit des 21. Jahrhunderts wird verstanden als dynamisch und sich weiterentwickelnd, von daher sollte keine Definition als endgültig angesehen werden.

http://www.ifsw.org/en/p38000409.html

Ethik in der Sozialen Arbeit – Erklärung der Prinzipien

International Federation of Social Workers (IFSW) / International Association of Schools of Social Work (IASSW)

...

2. Definition Sozialer Arbeit: Die Profession Soziale Arbeit fördert sozialen Wandel, Problemlösungen in menschlichen Beziehungen und die Stärkung und Befreiung von Menschen, um das Wohlergehen zu stärken. Gestützt auf Theorien über menschliches Verhalten und sozialer Systeme greift Sozialarbeit an den Stellen ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Wechselwirkung stehen. Die Grundlagen von Menschenrechten sozialer Gerechtigkeit sind für die Soziale Arbeit wesentlich.
 

3. Internationale Übereinkommen:  Internationale Menschenrechtserklärungen und Übereinkommen bilden allgemeine Zielsetzungen und anerkannte Rechte , die von der Weltgemeinschaft akzeptiert werden. Für die soziale Arbeit besonders relevante Dokumente sind:

4. Prinzipien

4.1. Menschenrechte und Menschenwürde: Soziale Arbeit basiert auf der Achtung vor dem besonderen Wert und der Würde aller Menschen, und aus den Rechten, die sich daraus ergeben. Sozialarbeiter/innen sollen die körperliche, psychische, emotionale und spirituelle Integrität und das Wohlergehen einer jeden Person wahren und verteidigen. Das heißt:

1. Das Recht auf Selbstbestimmung achten - Sozialarbeiter/innen sollten das Recht der Menschen achten und fördern, eigene Wahl und Entscheidungen zu treffen, ungeachtet ihrer Werte und Lebensentscheidung, vorausgesetzt, das dadurch nicht die Rechte und legitimen Interessen eines anderen gefährdet werden.
2. Das Recht auf Beteiligung fördern-
Sozialarbeiter/innen sollten das volle Einbeziehen und die Teilnahme der Menschen, die ihre Dienste nutzen fördern, so dass sie gestärkt werden können in allen Aspekten von Entscheidungen und Handlungen, die ihr Leben betreffen.
3. Jede Person ganzheitlich behandeln - Sozialarbeiter/innen sollten sich mit der Person als Ganzes innerhalb der Familie, der Gemeinschaft, sowie der sozialen und natürlichen Umwelt beschäftigen, und sollten darauf bedacht sein, alle Aspekte des Lebens einer Person wahrzunehmen.
4. Stärken erkennen und entwickeln - Sozialarbeiter/innen sollten den Schwerpunkt auf die Stärken des Einzelnen, der Gruppen und der Gemeinschaften richten um dadurch ihre Stärkung weiter zu fördern

4.2. Soziale Gerechtigkeit:  Sozialarbeiter/innen haben eine Verpflichtung, soziale Gerechtigkeit zu fördern in Bezug auf die Gesellschaft im Allgemeinen und in Bezug auf die Person mit der sie arbeiten. Das heißt:

1. Negativer Diskriminierung entgegentreten(1)- Sozialarbeiter/innen haben die Pflicht, negativer Diskriminierung auf Grund von Merkmalen wie Fähigkeiten, Alter, Kultur, Geschlecht, Familienstand, sozioökonomischem Status, politischer Überzeugung, Hautfarbe, Rasse oder anderer körperlicher Gegebenheiten, sexueller Orientierung, oder spiritueller Überzeugung entgegenzutreten.
2. Verschiedenheit anerkennen- Sozialarbeiter/innen sollten die ethnischen und kulturellen Unterschiede von Gesellschaften in denen sie arbeiten anerkennen und respektieren und die Unterschiede von Einzelnen, Gruppen und Gemeinschaften beachten.
3. Gerechte Verteilung der Mittel-Sozialarbeiter/innen sollten sicherstellen, dass die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel gerecht- gemäß den Bedürfnissen verteilt werden.

4. Ungerechte Politische Entscheidungen und Praktiken zurückweisen- Sozialarbeiter/innen haben die Pflicht, ihre Arbeitgeber, Gesetzgeber, Politiker und die Allgemeinheit darauf aufmerksam zu machen, wo Mittel unzulänglich sind oder wo die Verteilung von Mitteln durch Verordnungen und Praxis unterdrückerisch, ungerecht oder schädlich ist.
5. Solidarisch arbeiten- Sozialarbeiter/innen haben die Pflicht, sozialen Bedingungen entgegen zu treten, die zu sozialem Ausschluss, Stigmatisierung oder Unterdrückung führen. Sie sollen auf eine einbeziehende Gesellschaft hinarbeiten.
 

5. Berufliches Verhalten: Die Mitgliedsverbände des IFSW und IASSW sind verpflichtet, ihre eigenen Ethik Kodizes und ethischen Richtlinien im Einklang mit der Stellungnahme von IFSW und IASSW weiterzuentwickeln, und auf den neuesten Stand zu bringen. Es ist auch Pflicht der Mitgliedsorganisationen die Sozialarbeiter/innen und die Schulen für soziale Arbeit über diese Kodizes und Richtlinien zu informieren.
Sozialarbeiter/innen sollten in Übereinstimmung mit dem in ihrem Land aktuell geltenden ethischen Kodex oder Richtlinien handeln. Diese werden im Allgemeinen detailliertere Anleitungen der ethischen Praxis abgestimmt auf den nationalen Kontext enthalten. Es gelten die folgenden allgemeinen Richtlinien für berufliches Handeln:

1. Es wird von Sozialarbeitern/innen erwartet, dass sie die erforderliche Fertigkeiten und Fähigkeiten, um ihre Arbeit ausüben zu können, weiterentwickeln und aufrechterhalten.
2. Sozialarbeiter/innen sollten nicht zulassen, dass ihre Fertigkeiten für inhumane Zwecke missbraucht werden, wie Folter und Terrorismus
3. Sozialarbeiter/innen sollten redlich handeln. Dies beinhaltet, keinen Missbrauch der Vertrauensbeziehung der Menschen, die ihre Dienste nutzen. Anerkennung der Grenzen zwischen privatem und beruflichem Leben, keine Ausnutzung der Stellung zu persönlichem Vorteil oder Gewinn.
4. Sozialarbeiter/innen sollten die Menschen, die die Dienste nutzen, mit Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Achtsamkeit behandeln.
5. Sozialarbeiter/innen sollten die Bedürfnisse und Interessen der Menschen, die die Dienste nutzen, nicht ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen unterordnen.
6. Sozialarbeiter/innen haben die Pflicht, notwendige Schritte zu unternehmen, um am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft beruflich und privat für sich selbst Sorge zutragen, um sicherzustellen, dass sie angemessene Dienstleistungen erbringen können.
7. Sozialarbeiter/innen sollten die Vertraulichkeit von Informationen der Menschen, die ihre Dienste nutzen, gewährleisten. Ausnahmen dürfen nur durch höhere ethische Erfordernisse gerechtfertigt sein. (wie etwa der Schutz des Lebens)
8. Sozialarbeiter/innen müssen anerkennen, dass sie den Nutzern der Dienste verantwortlich sind für ihr Handeln ebenso ihrem Anstellungsträger, der Berufs-organisation und dem Gesetz und dass diese Verantwortlichkeiten sich widersprechen können.
9. Sozialarbeiter/innen sollten bereit sein, mit den Ausbildungsstätten für soziale Arbeit zusammenzuarbeiten, um Studierende zu unterstützen damit sie ein qualitativ gutes Praxistraining und zeitnahes Praxiswissen, bekommnen.
10. Sozialarbeiter/innen sollten Debatten über Ethik pflegen und fördern sowohl mit ihren Kollegen, wie mit Ihren Anstellungsträgern. Sie sollen Verantwortung übernehmen für ethisch begründete Entscheidungen.
11. Sozialarbeiter/innen sollten bereit sein, die Gründe für ihre ethischen Überlegungen darzulegen, und Verantwortung übernehmen für ihre Entscheidungen und Handlungen.
12. Sozialarbeiter/innen sollten sich bemühen, bei ihren Anstellungsträgern und in ihrem Land solche Bedingungen zu schaffen, in denen diese Prinzipien and die ihres eigenen nationalen Kodex (soweit anwendbar) diskutiert ausgewertet und unterstützt werden.

Die Prinzipien sind hehr - die Realität leider etwas anders. Auch in der Sozialarbeit herrscht das Prinzip: Wer zahlt, befiehlt; oder: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Es wundert wenig, dass die Arbeitsweise der Sozialarbeit sich häufig eher der List als der direkten politischen Einflussnahme bedienen muss.

Wir haben hier ein äusserst komplexes Problem, das zwar längst aus der "Entwicklungszusammenarbeit" (Euphemismus für Entwicklungshilfe) bekannt, aber in der Öffentlichkeit bis heute nicht mal beim Namen genannt wird:

  1. Der Auftragnehmer für solche gesellschaftlichen Entwicklungsprogramme soll zwar hochgradig qualifiziert sein - aber seinen Auftrag dennoch gehorsam annehmen - ohne Widerrede.
  2. Die "Geholfenen" sollen zwar das erhalten, was ihren Bedürfnissen entspricht, was sie brauchen und wollen -
    1. aber gleichzeitig sollen die Spender glücklich sein, für Ziele und Projekte zu spenden, die ihnen selbst wichtig sind und bei denen sie die Illusion behalten können, über die Verwendung "ihres" Geldes die Kontrolle zu behalten, weshalb insbesondere Kinderpatenschaften (jööö, wie härzig, ach .. die arme ...) beliebt sind. Dieses Verfahren entspricht präzise dem Wohltäterismus.

Der Auftrag müsste in beiden Fällen eigentlich so lauten, dass der Auftragnehmer dazu verpflichtet wird, die Motivation und Absicht des Auftraggebers so umzuformen, dass sie den wirklichen, im Feld bestimmten Bedürfnissen der Geholfenen entspricht. Von so einem Auftrag hab ich aber leider noch nie gehört ...

3.2 Medien

Massenmedien prägen unsere Realitätsvorstellungen und damit unsere Gerechtigkeitsvorstellungen.

Massenmedien stellen generalisiertes, allgemein verfügbares Wissen über gesellschaftliche Strukturzusammenhänge in Form kognitiver, normativer und evaluativer Schemata bereit. Ein besonders hohes Mass an Glaubwürdigkeitsbonus ist eng mit den politischen Funktionen verknüpft, die dem Journalismus in demokratischen Gesellschaften zugewiesen werden:

  1. über gesellschaftliche Geschehnisse berichten, objektiv -
  2. die Wirklichkeit kritisch beachten und auf soziale Missstände aufmerksam machen,
  3. an der Meinungsbildung der Bevölkerung mitarbeiten

Dies geschieht durch umfassende Beobachtung, das Aufdecken von Hintergründen, und die Beleuchtung aus mehreren Perspektiven.

Was Armut und Gerechtigkeit angeht, so schlagen leider die Medien viel lieber wieder mal einen Fall breit von Sozialbetrug ... oder auch nur eines Sozialhilfeabhängigen, der sein Schicksal gelassen nimmt und für den Geschmack der Wohltäter zu wenig leidet, was offensichtlich auch schon als Betrug gilt, als dass sie die Ursachen und Probleme wirklich analysieren. Schliesslich sind es ja auch nicht die Armen, die Zeitungen abonnieren, noch weniger, die darin inserieren.

3.3.  Die selbstorganisierenden Subsysteme, der 3. Sektor: Pluralismus der Gerechtigkeiten

Primärer Generator für die Produktion und Erhaltung der Gerechtigkeit, eigentliche Produktionssphäre der Gerechtigkeit ist die Zivilgesellschaft, der Unterbau von Markt und Staat: Selbsthilfe, Bürgergesellschaft, Vereine, Verbände, Bewegungen ... alles, wo sich Freiwilligkeit jenseits von Markt und Wirtschaft findet

(s. Die politische Orientierung zwischen individuellen Interessen (Wettbewerb) und Moral (Kooperation und Gemeinwohl): Der moralischer Unternehmer/der Sozialunternehmer).

DAS System besteht aus teilautonomen Subsystemen, die sich nach ihren eigenen Regeln organisieren - und daher auch eigenen Konzepte von Gerechtigkeit vertreten. Es handelt sich primär um Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion und Recht. Nun hat aber eben jedes Sub-System seine Eigengesetzlichkeit und tendiert auf Wachstum und Dominanz (Religion im Mittelalter; Politik im Zeitalter der Nationalstaaten; Wissenschaft und Recht bei Expertokratie; generell aber die Wirtschaft heute), oder zumindest auf Kontinuierung, Steigerung und verbesserte Funktionserfüllung. DAS Problem dieser Komplexität ist die Abstimmung zwischen den Systemen (s. Wie lässt sich Politik betreiben, wenn sich komplexe Systeme nicht lenken lassen?), deren Funktionen und Strukturen koordiniert, vernetzt, abgestimmt und als ganzes, in Synthese funktionieren müssen.

Soziale Ordnung ist nur möglich, wenn sich die einzelnen Teilnehmer in ihrem Handeln an gemeinsamen Werten und Normen orientieren - und nicht nur an Eigennutz.

Hier stehen Soziologie, und damit logischerweise die Sozialarbeit, mit der Wirtschaft permanent auf dem Kriegsfuss, da sich die einen mit einem eher kollektivistischen Ansatz um nicht-ökonomische Bereiche kümmern müssen, die andern aber individualistisch-utilitaristische Handlungsmodelle aufbauen die nur einem Gesetz gehorchen müssen: Sie müssen rentieren.

Beide versuchen immer wieder den andern Bereich auszuschliessen. Die Oekonomen indem sie ganz einfach alles was nicht rentiert als uninteressant und damit unwichtig, ja überflüssig erklären (was sie Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger direkt fühlen lassen. s. Hartz IV) - die Soziologen z.B. durch Modelle wie den Grundlohn, der den existentiellen Zwang zu arbeiten eliminieren würde.

Dieses Problem reicht aber viel tiefer. Mit der beruflichen Spezialisierung wurden auch die Funktionen aufgeteilt. Jede Berufsgruppe ist nur noch für einen kleinen Teil zuständig, in dem sie durch Standesethik eine gewisse Moral garantiert. ... Allerdings muss man vielleicht befürchten, dass sich auch diese Kompetenz in nichts aufgelöst hat mit dem Neoliberalismus, der Moral als Betriebsstörung abtut. So oder so ist eine universelle Moral nicht möglich - auch wenn es keine unterschiedlichen Kulturen gäbe. Das Problem lässt sich gut darstellen anhand der Zünfte. Diese waren einerseits zuständig dafür, dass zünftig, also sachgerecht und fachgerecht gearbeitet wurde - dienten aber andererseits auch als Mittel des Ausschlusses, also der wirtschaftlichen Behinderung der Konkurrenz, vor allem vom Lande.

Das Kaldor-Hicks-Optimum besagt, dass eine Politikmassnahme dann sinnvoll ist, wenn sie für mindestens ein Individuum eine Verbesserung bringt und die Verlierer durch die Gewinner kompensiert werden könnten. Dabei muss die Kompensation nur theoretisch möglich sein, aber nicht tatsächlich erfolgen. Würde die Kompensation tatsächlich stattfinden, wäre die Massnahme sogar eine Verbesserung im Sinne des Pareto-Kriteriums

In der Frage, was ist Gerecht, spielen also nicht nur Argumente, sondern vor allem Macht eine gewichtige Rolle, weshalb es kaum die Philosophie ist, die Gerechtigkeit schaffen kann, sondern nur die Politik. Präzise deshalb trägt Justitia ein Schwert. Natürlich lässt sich Gerechtigkeit auch nicht konsumieren. Dies vermutlich der Hauptgrund, warum sie's so schwer hat.

Micheal Th. Greven postuliert sogar eine Gemeinwohlverträglichkeitsprüfung - was anhand der von der Wirtschaft dauernd geforderten Privatisierung von allem möglichen, wirklich erwägenswert ist.

Fazit:

Eine Wirtschaft ohne politische Korrektur ist ungerecht. Am besten zeigt sich das anhand des Kaldor-Optimums, nach dem Massnahmen dann gerecht sind, wenn die Benachteiligung, die einige dadurch erfahren, durch die Gewinne der anderen ausgeglichen werden könnten ... (Sie sehen, was für Fotzel manche Ökonomen sind)

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Martin Herzog, Oeffentliches Philosophisches Forum Basel, 9.12.07