ARBEIT

  1. Die Leistung bestimmt den Lohn! ... Die Frage ist nur: Welche Leistung?
  2. Wer trägt die Schuld an der zunehmenden Ungleichheit - Globalisierung oder technischer Fortschritt?
  3. Unterschiedliche Auswirkungen von Produktionssteigerung und Rationalisierung bei verschiedenen Branchen.
  4. Frauen wirtschaften anders als Männer
  5. Der Lohn des Kapitals
  6. Working Poor: Im Schweisse Deines Angesichts sollst Du - Dein Brot beim Arbeitsamt holen.
  7. Warum verdienen die einen zu viel, die andern zu wenig? Gibt es den gerechten Lohn?

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Working Poor in der Schweiz

Im Schweisse Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot

beim Sozialamt holen.

   [neue Beiträge vom 24.9.06: Sozialstaat:  Sozialfürsorge, Sozialhilfe, Sozialarbeit - und die working poor - Sozialversicherungen]

Verdienen Sie einen Franken pro Tag? Dann sind sie arm dran und teilen das selbe Schicksal mit 1.2 Milliarden Weltenbürgern. Dafür stehen sie im Zentrum der Aufmerksamkeit von Weltbank, FAO und aller anderen internationalen und nationalen Entwicklungsorganisationen.

Sind Sie SchweizerIn und verdienen rund 2000 pro Monat? Auch dann sind sie arm dran. Sie haben keine Ahnung womit sie neben Miete, Krankenkasse, Elektrizität und etwas Brot noch irgend was bezahlen sollen, und, sie sollen ihre Probleme gefälligst eigenverantwortlich lösen.

In der Schweiz sind zur Zeit hauptsächlich drei Definitionen von Armut in Diskussion. Die tiefste, die noch nicht mal von allen Kantonen akzeptiert wird, ist diejenige der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) mit einem Einkommen von 1800.- pro Mitglied der Familie (nach Steuern und Sozialversicherungen) Nach dieser Definition gibt sind 5% (250'000) der Schweizer arm. Die Armutsgrenze für Erwerbslose ist mit 2100.- / Monat etwas höher gesetzt. Mit dieser Grenze wären bereits 8% (410'000) der Schweizer arm.

Eine eingängigere Definition von Armut als diejenige durch das relative Einkommen gab ein armer Mann aus Kenia [i]: «Fragen Sie mich nicht, was Armut ist, denn Sie haben sie vor meinem Haus bereits gesehen. Sehen Sie das Haus an, und zählen Sie die Löcher. Sehen Sie sich meine Werkzeuge und die Kleidung an, und schreiben Sie auf, was Sie sehen. Was sie sehen, ist Armut.» Die Definition einer armen Frau aus Lettland ist gerade für schweizer Verhältnissen noch aussagekräftiger und trifft präzise das vom Symposium behandelte Problem: «Armut ist eine Demütigung, das Gefühl der Abhängigkeit und die Tatsache, dass wir Unverschämtheiten, Beleidigungen und Gleichgültigkeit hinnehmen müssen, wenn wir Hilfe brauchen.»  

Löhne, welche nicht ausreichen, um davon zu leben, werden vor allem in Detailhandel, Gastgewerbe, Reinigung, persönliche Dienstleistungen und Landwirtschaft bezahlt, also in Branchen mit niedrigem gewerkschaftlichem Organisationsgrad.

Familien, die weniger Geld pro Kopf zur Verfügung haben als die im jeweiligen Wohnkanton geltende Armutsgrenze festlegt, haben Anspruch auf Ergänzungs­leis­tungen. Zwei Beispiele sollen zeigen, wie ein Leben am Rande aussieht und wie Menschen an diesem Rande geholfen werden kann.

 

Trotz harter Arbeit ...

Betti Maron [ii] arbeitet als Lageristin in der Elektronikbranche. Sie weiss nicht recht, was ihre Firma eigentlich produziert. Obwohl sie bereits über ein Jahr in der Firma ist, wurde sie über die Firmentätigkeit, über wirtschaftliche oder auch soziale, Ziele, nie informiert. Wir sitzen nach Feierabend in einem Strassencafé. Ab und zu greift sie sich an die Seite: “Wieder mal ein Muskel gezerrt.» Ihre Arbeit ist schwerste Handarbeit, eigentlich Männerarbeit, «aber Frauen arbeiten eben billiger». Betti ist keine dicke, aber eine starke Frau. Obwohl sie mit schweren Kabelrollen hantieren muss und zur Zeit noch Überstunden macht, kriegt sie ab und zu den “Tip”, ob sie nicht ein bisschen abnehmen wolle. Dennoch sind dies eigentlich die geringsten Probleme mit denen Betti zu kämpfen hat. Ihr Schicksal gäbe Stoff für einen Roman: Als sie fünf Jahre alt war wurde ihre Mutter durch ein ein Schädeltrauma einseitig gelähmt. Die Stiefmutter, die sie dann bald erhielt, machte diesem Titel alle Ehre und plagte sie gemeinsam mit ihren Töchtern so, dass Betti mehr auf der Gasse als zuhause war. Mit 15 wurde sie in ein Heim eingewiesen. Mit 17 wurde sie schwanger und musste heiraten. Ihr Mann, dem sie allerdings nichts vorwirft und dessen Namen sie heute noch trägt, war offenbar nicht gerade der treueste und wurde von einer eifersüchtigen Freundin erstochen. Sie machte dann noch einen zweiten Versuch mit Männern und hat jetzt noch eine Tochter, die 17 ist und deren Erzeuger sich nach Südamerika abgesetzt hat.

Betti verdient zur Zeit etwa 3000.- Franken und hat noch eine Witwenrente von 1000 Franken. Mit ihrer Tochter gehört sie so immer noch zu den ärmsten 8% der schweizer Bevölkerung. Trotzdem findet sie eigentlich nicht, dass sie arm sei. Man würde es ihr auch nicht ansehen, sie ist gutmütig und munter. Heute zeigt sie keine Spur von Verbitterung oder Depression, obwohl es auch andere Zeiten gab. «Arm sind diejenigen, die vom Sozialamt leben müssen», findet sie heute.

Auf mögliche Lösungen des Armutsproblems angesprochen meint sie: «Die Löhne müssen besser werden.» Auf die Frage, wie sich das wohl am besten erreichen liesse, antwortet sie mit einer treffenden Gegenfrage, die sich so direkt an die Wirtschaft weitergeben lässt: «Die Wirtschaft läuft doch gut, steht doch andauernd in allen Zeitungen. Warum kann sie dann nicht höhere Löhne zahlen?» Dass sich die Arbeiter selbst dafür einsetzen, sieht sie eher pessimistisch: «Die Schweizer sind zu träge, um etwas zu ändern. Jammern tun sie schon, aber handeln nicht. Die Arbeiter sind damit beschäftigt, aufeinander neidisch zu sein.»

Betti kommt durch, sie lebt unter akzeptablen Bedingungen, sie ist sauber gekleidet. In finanzielle Probleme gerät sie allerdings sofort, wenn zusätzliche Kosten auftauchen. So waren etwa die 5000.- Franken Kaution für die Wohnung ein Problem, dass sie nur mit einem Kleinkredit lösen konnte. So waren die Zahnspangen für Ihre Tochter ein Problem, dass sie dank der Hilfe der GGG, der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige [1] lösen konnte. Ihre eigenen Zähne müssen wieder mal warten. In den Ferien wird sie arbeiten müssen.

Wer kann helfen?

Wägwyser [iii], die Organisation die ihr geholfen hat, wird von der «Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige» in Basel getragen. Diese wurde bereits 1777 von Isaak Iselin gegründet, mit dem Ziel, die Ausbildung der unterprivilegierten Bevölkerungsschichten zu fördern. Die GGG ist als Verein organisiert und finanziert sich über Mitgliederbeiträge, Spenden und Legate. Die Arbeit wird zu einem Drittel ehrenamtlich geleistet

Wägwyser zeigt Menschen mit Problemen wo sie Rat und Hilfe erhalten. Anlaufstellen gibt es viele, aber es ist oft schwer herauszufinden, wer für was zuständig ist. Die Dienstleistung beinhaltet nicht nur das zur Verfügung stellen von Informationen wie etwa beim Informationszentrum des Sozialamtes Zürich, sondern auch aktive Beratung.

Wo die Verunsicherung gross ist, wird auch zum Telefon gegriffen, um eine Tür zu öffnen, was der GGG meist gelingt, denn sie ist bekannt und hat einen guten Ruf. Menschen mit geringem Einkommen erhalten auch Hinweise, wie sie ihre Ausgaben einschränken können, also wo sie günstig Einkaufen oder wie sie sich mit weniger Geld etwas leisten können, wie etwa bei den lokalen Tauschkreisen.

Vom Boom der Wirtschaft ist in der Beratung noch nichts zu merken, denn die Anfragen nehmen laufend zu. Die dringendsten Anliegen Sigrid Felds wären:

§         Ein Solidaritätsfonds der Zahnärzte für Arme.

§         Mittagstischen und Aufgabenberatung an Schulen, zur Entlastung von Alleinerziehenden.

§         Liegenschaftsverwaltungen sollten mit dem Mietzinsdepot flexibler sein.

§         Günstige und langfristige Kredite für Kleingewerbler die sich selbständig machen wollen, denn «die Zinsen fressen das Brot».

§         Eine andere Wertehaltung in der Bescheidenheit nicht nur gesellschaftsfähig sondern sogar erstrebenswert und geachtet ist.

§         Eine Motivation der Unterstützten durch gestaffelten Abau der Ergänzungsleistungen im Sinne der negativen Einkommenssteuer (s. ... und 3)

§         Wer leicht an Geld kommt, sollte seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und mehr in soziale Projekte investieren.

 Arme können ihr Potential nie voll realisieren, da sie keinen Zugang zu Bildung und Krediten haben. Dies ist auch eine volkswirtschaftliche Verschwendung von Ressourcen. Der Kapitalmarkt bewirkt hier eine Ineffizienz, der durch öffentliche Ausgaben beizukommen ist. Auch hierfür ist Betti Maron ein Beispiel. Sie würde sich sehr gerne weiterbilden. Sie würde sich gerne Selbständig machen, z.B. mit ihrer Schwester ein Restaurant eröffnen. Da sie aber nichts hat, kriegt sie auch nichts. Sie kann der Bank keine Sicherheit bieten, also erhält sie keinen Kredit.

p.s: Dass manche Schweizer weniger Lohn erhalten als Sozialhilfebezüger, womit in der Kritik meist Ausländer gemeint sind, zeigt eigentlich keinen Missstand bei der Sozialhilfe - sondern einen, bei den Löhnen.

[i]  Weltentwicklungsbericht 2000/2001: Bekämpfung der Armut. Ueberblick. Weltbank. Washington, D.C. September 2000. http://www.worldbank.org/poverty/wdrpoverty/report/index.htm

 

[ii] Name von Redaktion geändert

3 http://www.oecd.org/eco/stud/EST-fr.htm

[iii] [iii] GGG Wägwyser Infodienst Basel: Rümelinsplatz 6, 4000 Basel. Tel. (061) 269 97 93.

Martin Herzog, webdesign, Rheinfelden, August 2000

 
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