GUTE ARBEIT I: Wie kam sie abhanden, was bedeutet Gute Arbeit und wo können wir sie wieder
schaffen?
Max Weber: Historische, kulturelle und religiöse Hintergründe des Kapitalismus: Von göttlicher Ordnung zu "sportlichem" Wettbewerb.
und viele andere. s. search
| Die Japaner erobern den Weltmarkt mit unlauterem
Wettbewerb: Sie arbeiten während der Arbeitszeit.
(Ephraim Kishon, israelischer Satiriker, *1924) |
| Wenn Arbeiten reich macht, müssten die Mühlen den Eseln gehören. |
| Es stimmt, dass Arbeit noch nie jemanden umgebracht hat.
Aber warum das Risiko eingehen?
(Ronald Reagan, 40. amerikanischer Präsident, *1911) |
Arbeit ist Plage, Mühsal, Mobbing, Unterordnung, Ohnmacht.
Durch Arbeit wird man erst reich, wenn man andere für sich arbeiten lassen
kann. [s. Wie werde ich Milliardär]
Das weiss jeder, der's schon mal versucht hat. Man kann sich nur wundern, wie
erfolgreich Protestantismus und Kapitalismus die "Verhausschweinung" der
Untergebenen betrieben haben, so dass diese heute unisono und ohne dabei rot zu
werden, dinge sagen wie: Man muss sich halt verkaufen können, also
etwas, das weder Römer noch Griechen oder das finstere Mittelalter ihren Sklaven
zugemutet hätten.
Arbeit ist Zwang und Unfreiheit - aber die Jugendlichen sollen die "Freiheit"
haben, auch Nachts und am Sonntag zu arbeiten.
Arbeit macht krank, und sei es bloss durch die blödsinnige Streberei der
gesamten Belegschaft, in der jeder durch Mobbing andere etwas hinunter drücken
will.
Arbeit verschwindet, da sie leichter und billiger durch Maschinen und
Computer zu erledigen ist - aber Alte sollen die Freiheit haben, bis 70 (...
oder bis sie abnippeln) zu arbeiten ... oder sich erfolglos um Stellen zu
bemühen (was ebenfalls einen positiven Effekt auf die Kosten der
Altersversorgung hat, da sie sich so schneller zu Tode ärgern oder quälen.
Frauen sollen das Recht haben zu arbeiten, billig zu arbeiten, gratis Praktika
zu absolvieren ... also gehören Kinder ab 4 Jahren in die Krippe! [s.
Kapitalistische
Marktintegration der gesamten Familie nach kommunistisch-orthodoxem
Hardliner-Konzept]
In "Feierabend" wird erklärt, wie es zu dieser geistigen Verwirrung kommen konnte:
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Das Wort Arbeit geht entweder auf das germanische arba (= Knecht) zurück, oder auf das germanisches Verb arbejo, mit der Bedeutung "bin verwaistes und daher aus Not zu harter Arbeit gezwungenes Kind" - oder auf das germanische ar_ejidiz/ arbejidiz (= Mühsal, Not) - also auf jeden Fall auf wenig Erfreuliches. Im Französischen wurde labeur (von der Bodenbearbeitung zur Selbstversorgung), und oeuvre (vom Werk, gr. poiesis) zum labeur (gr. poneros: von aussen, von jemand anders auferzwungene Arbeit) endlich zum travail, der repetitiven, mechanischen, vom Takt der Maschinen getriebenen Tätigkeit. Detaillierte Erklärungen zur Herkunft der Worte Arbeit, work, labour und travail s. http://www.ethikprojekte.ch/texte/arbeit.htm Arbeit ist:
In der Volkswirtschaft ist (war muss man heute wohl sagen) Arbeit einer der wichtigsten Produktionsfaktoren nebst Rohstoffen und Kapital. Arbeit ist der Gegenpol zu Musse, Freizeit, Erholung - und wohl auch Schlaf. "Arbeitsproduktivität ist Leistung pro Zeiteinheit." Physikalisch gesehen ist Arbeit = Kraft x Weg - während Leistung die Arbeit pro Zeiteinheit ausdrückt. Obige Definition, aus dem Internet, ist also grammatikalisch wie logisch ein rechter Käse, wie vieles was über Leistung und Arbeit so geschrieben wird. Arbeit war aber auch Vor-Sorge, die Entsorgung der Sorge um das tägliche Brot, um die Existenz. Nach dem Sündenfall wurde der Mensch zur Arbeit verdammt: Im Schweisse deines Angesichtes sollst du dein Brot essen. Der Neoliberalismus legt hier aber noch eins drauf: ... aber bloss, wenn du hunderte von Bewerbungen geschrieben und dich des Arbeitsmarktes würdig erwiesen hast. |
Dieses Ex-Buch, heute im Internet zugänglich, da vergriffen, liefert eine radikale Fundamental-Kritik des Begriff Arbeit seines Inhaltes, die unbedingt in die heutige Diskussion um Arbeitsmarkt, Bildungsmarkt, Standortswettbewerb, Wachstum etc. einfliessen sollte. Egal welche Partei, von links bis rechts, egal welches Bildungsniveau, von Volltrottel bis Akademiker, jeder "weiss" heute, dass "nur" die fehlende (oder falsche) Ausbildung an Arbeitslosigkeit schuld ist ... oder die mangelhaften Anstrengungen der Arbeitslosen bei der Arbeitssuche, oder die zu hohen Lohnansprüche, oder die zu hohen Erwartungen generell (z.B. der Akademiker, sich den Lebensunterhalt mit Denkarbeit verdienen zu können.
Der und die Arbeitslose wurden erfolgreich als "Defizitär" deklariert, ganz im Sinne der alten Psychiatrie, für die Arbeitslose Arbeitsscheue und Arbeitsscheue:Gegen Ende des 19. Jahrhunderts machte in den Metropolen des Kapitals kaum noch jemand der Arbeitsgesellschaft das Realitätsmonopol streitig. Psychiater wie Emil Kraepelin und Karl Wilmanns faßten Müßiggang und Landstreicherei jetzt in Termini einer medizinisch-psychiatrischen Pathologie: Wer nicht arbeiten will, sondern sich »gleichgültig mit den Händen in den Taschen herumdrückt, ist geistesgestört und ein Fall fürs Irrenhaus und eben nicht mehr in erster Linie für Gefängnis, Zucht- und Arbeitshaus« (vgl. Wilmanns 1906).
aus Eisenberg
Obwohl sich die meisten Berufspraktiker mit Händen und Füssen gegen alles Theoretische wehren, ist die Beziehung zwischen Schule und Arbeit leider viel näher als man es sich wünschen würde:
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Gemeinsame Züge schulischer und beruflicher Arbeit |
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| Kennzeichen | Schule | Beruf |
| Beliebigkeit/Willkürlichkeit des autoritären Auftrags | Schüler müssen eine Vielzahl (in ihren Augen beliebig und willkürlich zusammengestellter Wissensbestände und Techniken lernen | Aufträge wechseln je nach Notwendigkeit im Fertigungsprozess. Sie nehmen nicht die geringste Rücksicht auf Wünsche und Interessen der Arbeitnehmer. |
| Zeitliche Terminierung | Schulaufgaben, Lernprozesse und Prüfungen müssen innerhalb fest vorgegebener Zeitgrenzen erledigt werden. Sie können von Lehrern willkürlich, als Strafe, festgelegt werden. | Arbeitszeiten sind festgelegt, der Fertigungsprozess von Terminen bestimmt. Insbesondere bei Arbeit auf Abruf die Arbeitnehmer total von der Willkür des Marktes und direkten Auftraggebers abhängig. |
| Zuverlässigkeit | Aufträge müssen jederzeit möglichst gut erledigt werden. | Aufträge müssen jederzeit in der gleichen Qualität ausgeführt werden. |
| Motivation | Schüler sollen sich möglichst für alle Wissensstoffe interessieren und an allen Lernaktivitäten spass haben. | Der Arbeitnehmer soll seine Arbeit gerne verrichten und sich am Arbeitsplatz wohl fühlen (... auch und gerade wenn dieser dazu nicht geeignet ist und sich der Arbeitgeber um die Arbeitsbedingungen foutiert). |
| Sinn | Schüler vermag Sinn und Zweck des Wissenserwerbs in den meisten Fällen nicht zu durchschauen. (Meist wird er auf später vertröstet, er werde es dann schon verstehen ... was Schwindel ist, wie alle bezeugen können, die bereits voll im "Später" sind). | Arbeitnehmer kann Zusammenhang zwischen seiner konkreten Tätigkeit und dem Gesamtergebnis, nämlich dem Stellenwert innerhalb der Erhaltung und Reproduktion der Gesellschaft, nicht mehr erkennen (... was vermutlich gezielt ist, denn so kann er auch seinen fairen Stakeholder-Anteil am Mehrwert immer weniger einfordern.) |
| Gegenwert für Arbeit | Noten: Als symbolische Entlohnung und Bewertung. Wobei diese meist nicht den Aufwand wieder spiegeln ... sondern den über die Vererbung erworbenen Vorteil des IQ. |
Geld: als indirekte, nicht naturale Form der Entlohnung. Beruht meist auf Tarifen oder "dem am Markt eben üblichen" (Angebot und Nachfrage), primär auf der Qualität von Ausbildungszertifikaten und Beziehungen - hat eine gewisse Relation zu dem von der Branche erzielten Mehrwert, was zu einem generellen System der Ungerechtigkeit führt, da er mit Aufwand und Anstrengung rein gar nichts zu tun hat, sondern an einer recht virtuellen Leistung gemessen wird. |
[nach Tabelle 5.7: Rolf Oerter & Leo Montada: Entwicklungspsychologie. Beltz. PychologieVerlagsUnion. 4. Auflage 1998. S. 291]
Robert Kurz und insbesondere Franz Schandl machen darauf aufmerksam, dass Arbeit etymologisch eben Mühe und Plage bedeutet, also auf Zwang und Unfreiheit beruhen. Welch gewaltige Dressur (um nicht zu sagen "Verhausschweinung" (Konrad Lorenz) muss der heutige Angestellte durchlaufen haben, um ohne diese zwangshafte Beschäftigungstherapie gleich jeden Selbstwert zu verlieren?
Arbeit
ist die freie Knechtschaft.
Daß wir etwas verdienen müssen, verheißt, daß wir zu
dienen haben.
Wer nicht arbeitsmarktfähig ist (wie ein unverkäufliches altes Brötchen oder eine vergammelte Wurst), dem wird heute mehr Bildung empfohlen, oder mehr Motivierung zuteil - die immer mehr zu "in-Trab-Setzung, Arbeitszwang und Zwangsarbeit wird.
Der Sozial-Fall, zu dem der Arbeits-Lose wird, kommt vermutlich eben so von Fall (casus, die Nummer, die man beim Sozialamt kriegt) wie von Fallen. Tiefer kann man nicht fallen, denn danach kommt der Selbstmord. s. Sozial-Arbeit
Ursache dafür war laut Max Weber primär der Protestantismus, der Arbeit
Arbeit wurde nicht nur durch Protestanten und Kapitalisten heilig gesprochen, sondern auch durch den Marxismus. Dies obwohl Arbeits-Zeit per Definitionem keine freie Zeit ist. Man darf also sagen, dass Arbeit eine unfreie Tätigkeit ist. Dies im Gegensatz zum Werk des Künstlers oder (relativ) des Handwerkers. Zur Arbeit gehören seit den Protestanten Disziplin und Zeitkontrolle, da sie als Busse gedacht ist. Gleich wie Christi seine Kreuzigung mit Freuden ertragen hat, sollen wir die Arbeit mit Freuden ... blablabla ... Sie kennen den Scheiss ja. Kurz macht ebenfalls darauf aufmerksam, dass wir zwar über unendlich viel mehr Wohlstand verfügen als unsere Vorfahren - dafür aber keine Zeit mehr haben, diesen zu geniessen. Vor der Industrialisierung, die ja die Arbeit durch Maschinen hätte erleichtern sollen, wurde offenbar kaum über 7 Stunden pro Tag gearbeitet. Bei den Römern, wie heute noch bei den Jemeniten und Afrikanern, war fast das halbe Jahr lang irgend ein Feiertag. Durch unsere dauernde Über-Arbeit können wir uns also teure Freizeit kaufen ... in der wir, um für den Arbeitsmark fit zu bleiben, lernen, Sport treiben oder Erschöpfungen und Krankheiten kurieren, die erst durch die Überarbeit entstanden sind. Der mittelalterliche Mensch würde diesen Fortschritt vermutlich kaum als erstrebenswert erachten, sondern uns als ziemlich bescheuert ansehen. Im Altertum galt Arbeit nämlich eines freien Menschen als unwürdig.
Viele Jäger-, Hirten- oder Bauernkulturen kannten überhaupt keinen abstrakten, ganz unterschiedliche Tätigkeiten übergreifenden Begriff der Arbeit. Aber nicht etwa deswegen, weil sie kein Abstraktionsvermögen gehabt hätten. Es wäre ihnen jedoch im höchsten Grade unvernünftig und geradezu verrückt erschienen, Tätigkeiten wie Jagen und Pflanzen, Kochen und Kinder erziehen, Kranke pflegen und kultische Handlungen ausführen unter einem einzigen abstrakten Oberbegriff von Tätigkeit überhaupt" zusammenzufassen. Oft gab es in diesen archaischen Gesellschaften (soweit sie rekonstruierbar sind oder noch Reste existieren) für die verschiedenen Bereiche des Lebens, für Männer und Frauen, für verschiedene soziale Gruppen oder Fertigkeiten (Bauern, Künstler, Krieger usw.) auch verschiedene Oberbegriffe der Tätigkeit, die in keiner Weise dem modernen Universalbegriff der Arbeit entsprechen.
Arbeit" ist also ursprünglich keine neutrale und vernünftige, sondern eine soziale Abstraktion: Es ist die Tätigkeit derjenigen, die ihre Freiheit verloren haben. Egal, ob sie nun im Bergwerk oder auf der Plantage schwitzen, ob sie als Domestiken im Haus das Essen auftragen, die Kinder zur Schule begleiten oder der Herrin Luft zufächeln: es ist immer die Tätigkeit eines als Knecht definierten Menschen. Das Dasein als Knecht ist der Inhalt der Abstraktion Arbeit". In diesem Sinne, als sozial eingegrenzte Abstraktion, konnte der Arbeitsbegriff natürlich keinesfalls den Charakter einer gesellschaftlich allgemeinen Tätigkeitsform haben und schon gar nicht positiv bestimmt sein.
Bei Homer ist der Held Odysseus sogar stolz darauf, dass er sein Bett selbst gezimmert hat. Nicht die Tätigkeit als solche war ehrlos, auch nicht die Handarbeit, sondern die Subsumtion des Menschen unter andere Menschen oder unter einen Beruf". Ein freier Mensch konnte gelegentlich ein Bett oder einen Schrank bauen, aber er durfte nicht von Berufs wegen Schreiner sein; er konnte gelegentlich Handel treiben, aber er durfte nicht Händler sein; er konnte gelegentlich Gedichte schreiben, aber er durfte nicht Dichter sein (schon gar nicht zum Gelderwerb). Wer formal frei war, aber sich einer lebenslangen Erwerbsarbeit in irgendeinem Zweig der Produktion unterwerfen mußte, war dieser Tätigkeit gegenüber unmündig" geworden und galt kaum mehr als ein Sklave.
Es war das Christentum, das zuerst die negative Bedeutung der Abstraktion Arbeit" positiv umdefiniert hat - und zwar paradoxerweise gerade als Leid und Unglück! Weil nämlich das Leid Christi am Kreuz die Menschheit von ihren irdischen Sünden erlöst hat, verlangt der Glaube daran die Nachfolge Christi". Und das bedeutet, das Leid freudig und freiwillig auf sich zu nehmen.
Mentalitätsgeschichtlich waren, und darauf ist oft hingewiesen worden, die klösterliche Zucht und Ordnung, also die strenge Einteilung des Tagesablaufs und die mönchische Askese, Vorläufer der späteren Fabrikdisziplin und der abstrakten betriebswirtschaftlichen" Zeitrechnung.
Polanyi: Sicherlich kann keine Gesellschaft ohne irgendein System auskommen, das die Erzeugung und Verteilung von Gütern sicherstellt. Daraus folgt aber nicht, dass es separate wirtschaftliche Institutionen geben muß; normalerweise ist die Wirtschaftsordnung bloß eine Funktion der Gesellschaftsordnung, in der sie eingeschlossen ist ... Die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, in der die wirtschaftliche Tätigkeit herausgelöst und einem spezifischen ökonomischen Trieb zugeschrieben wurde, war in der Tat eine bemerkenswerte Abweichung ... Eine solche institutionelle Schablone konnte nicht funktionieren, außer, die Gesellschaft wurde ihren Erfordernissen irgendwie untergeordnet. Eine Marktwirtschaft kann nur in einer Marktgesellschaft existieren ... Im Zuge dieser Entwicklung war die menschliche Gesellschaft zu einem Beiwerk des Wirtschaftssystems herabgesunken" (Polanyi 1995/1944, S. 106 ff.).
Die Gesellschaftsordnung ist nur noch eine Funktion der Wirtschaftsordnung, die allen sozialen Bereichen und Bedürfnissen gegenüber autonom geworden ist. In dieser Verkehrung ist nicht nur das schiere Gegenteil von Selbständigkeit und Selbstverantwortung begründet, nämlich die vollständige Auslieferung an den Selbstzweck des Geldes, sondern auch die Maßlosigkeit eines unaufhörlichen Vermehrungsdranges, da es ja keinerlei Rückkoppelung auf Bedürfnisse, geistige Reflexion und kulturelle Bestimmungen mehr gibt, sondern einzig die Rückkoppelung des verselbständigten ökonomischen Mediums auf sich selbst.
Es fällt uns normalerweise gar nicht mehr auf - aber implizit ist damit gesagt, dass die Arbeitszeit eine unfreie Zeit ist, eine (ursprünglich sogar gewaltsam) erzwungene Zeit für einen den Individuen äußerlichen Selbstzweck, bestimmt von der Diktatur der abstrakten, gleichförmigen Zeiteinheiten kapitalistischer Produktion.
Die betriebswirtschaftliche Rationalität der Kostensenkung dagegen verwandelt jeden technischen Fortschritt ausschließlich und zwanghaft in überproportionale zusätzliche Produktion und damit in zusätzliche Arbeit, niemals in zusätzliche Muße für die Produzenten.
Schon die rein äußerliche Quantität der Produktionszeit war daher trotz des niedrigeren technischen Niveaus in der Antike und im Mittelalter weitaus kleiner bemessen als im Kapitalismus. Aus den Klosterregeln des frühesten Mittelalters, die ja als Vorläufer der modernen Arbeitsdisziplinierung bereits Elemente der abstrakten Zeit enthielten, geht überraschenderweise hervor, dass für die Leidenspassion der Arbeit fast nie mehr als sechs oder sieben Stunden täglich vorgesehen waren - damals also hielten die Menschen offenbar bereits für eine fromme Kasteiung und Selbstüberwindung, was heute die Gewerkschaften nur in wenigen Branchen und Gewinnerländern des Weltmarkts als größte Errungenschaft der “Arbeitszeitverkürzung” feiern!
Die explosive Ausdehnung der “Arbeitszeit” kam eben erst mit der Arbeit selbst. Erstaunt müssen moderne “Freizeitforscher” feststellen: “Unter den primitiven Agrarvölkern und in der Antike machten die Ruhetage oft die Hälfte des Jahres aus ... (Auch) die Lohnarbeit leistenden Sklaven und Banausen waren nicht so intensiv in das Arbeitsleben eingespannt, wie man dies aus neuzeitlicher Sicht annehmen könnte ... In der Mitte des vierten Jahrhunderts zählte man in der römischen Republik nicht weniger als 175 Ruhetage ...” (Opaschowski 1997, S. 25f). Erst in der glorreichen Moderne wurden die Festzeiten immer weiter minimiert, um die Raumzeit der Arbeit auszudehnen.
Noch bis ins 19. Jahrhundert hatten viele Uhren nur einen Stundenzeiger ... In Japan gab es noch in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kein Wort für Sekunde. Heute aber ist man daran gewöhnt, den Sekundenzeiger vorrücken zu sehen, wenn es Zeit für die Fernsehnachrichten ist ...
Die Freizeit ist keine befreite Zeit, sondern ein sekundärer Funktionsraum des Kapitals. Es handelt sich nicht um freie Muße, sondern um eine selber für den permanenten (und höchst angestrengten) Konsum von Waren funktionalisierte Zeit. Auf diese Weise bilden einerseits die Kultur- und Freizeitindustrie neue Sphären der Arbeit aus, andererseits wird auch die Freizeit als solche der Arbeitszeit angeglichen. Nicht nur dann, wenn er Geld “verdient”, sondern auch wenn er Geld ausgibt, ist der kapitalistische Mensch heute ein Arbeiter.
Arbeitslosigkeit im Kapitalismus ist aber nicht einmal mehr Freizeit, sondern nur noch Armutszeit. Die Arbeitslosen werden nicht in frei disponible Zeit entlassen, sondern in die Überflüssigkeit ihrer Person. Nicht das Prinzip der Arbeit wird ungültig, sondern die Existenz der Arbeitslosen. Die Fortsetzung der Arbeit bekommt eine andere Qualität: Die Arbeit der Arbeitslosen besteht darin, jammervoll nach neuer Arbeit suchen zu müssen, gehetzt und gedemütigt von der bürokratischen Arbeits- und Armutsverwaltung.
Eisenberg schildert, wie der Arbeiter zum Arbeiter dressiert wurde, wobei er sich vor allem auf Max Weber beruft. Gerade das Problem, dass es für den Protestantismus zu überwinden galt, bestand damals vor allem in katholischen Gegenden, weshalb man den Typ an Wirtschaft, der soviel produziert wie man eben braucht um angenehm zu leben und wohltätig sein zu können, als "katholische Wirtschaft" bezeichnen könnte, im Gegensatz zur protestantischen, die durch Nichtverbrauch und Anhäufung sich des Wohlgefallens Gottes versichern will. Während damals Genügsamkeit eine Tugend war, wurde sie mit dem Kapitalismus zum Uebel das dringendst und mit allen Mitteln zu überwinden war.Diese "üble" Gepflogenheit dürfte auch der Hauptgrund sein, warum sich unser Wirtschaftstyp, ganz entgegen den Erwartungen und Wünschen der USA, in den wenigsten Teilen der arabisch-islamischen Kultur, und auch Afrikas entwickelt hat. (Ich denke, der Grund dürfte substantieller sein, als der zur Erklärung meist beigezogene Glaube an Hexerei ....). Das Absenken der Löhne auf ein solches Minimum, dass die Arbeiter gezwungen sind, Voll- oder Überzeit zu arbeiten, ist also ein altbewährtes Mittel, Menschen zu Arbeit und Disziplin zu zwingen. Die Arbeiter wurden derart intensiv zu betrieblicher Disziplin und Abhängigkeit erzogen, dass sie dies als "Wert" übernahmen und all den noch undisziplinierten Völkern ebenfalls (an den Hals) wünschten.
»Mensch sein heißt Kämpfer, Arbeiter sein; köstlich wird unser Leben erst dann, wenn es Mühe und Arbeit gewesen ist«, heißt es in Emil Kraeplins Schrift »Zur Hygiene der Arbeit«, die 1896 erschien.
Mit dem Bürgertum steigt eine Klasse zur Herrschaft auf, die sich über Arbeit definiert und sich durch eine um Leistung zentrierte, methodische Lebensführung von der Aristokratie abgrenzt. Der soziale Narzißmus des Bürgertums beruft sich darauf, sauberer, anständiger, gebildeter und vor allem nützlicher, weniger korrupt und ausschweifend zu sein als der parasitäre und schmarotzende Adel. Sein Aufstieg ist mit einem enormen Zuwachs an Triebkontrolle, Selbstbeherrschung und kalkulierender Voraussicht verbunden. Die zwischen den Extremen schwanken den Affektlagen werden auf eine mittlere Linie gedämpft. Man hält an sich, nimmt sich zusammen und bemüht sich um Distinktion. Die aufsteigenden bürgerlichen Schichten praktizieren die Tugenden der Sparsamkeit, Askese und der Arbeitsamkeit nicht nur, weil Protestantismus oder Utilitarismus es ihnen nahelegen. Der Bürger beschneidet seine Bedürfnisse und unterwirft sich der »innerweltlichen Askese« (Weber), weil die Konkurrenz ihn bei Strafe des Untergangs zwingt, zu investieren und die Gewinne nicht unproduktiv zu verschwenden. Der Teil des Profits, der dem Konsum entzogen und reinvestiert wird, entspricht dem »verfemten Teil« (Bataille) des Bürgers.
Die Selbstdisziplin, die sich das Bürgertum auferlegt, schlägt um in und vollendet sich als Fremddisziplinierung. Aus der Härte gegen sich selbst leitet man das Recht, ja beinahe die Pflicht ab, unnachgiebig gegen die unproduktiven und lasterhaften Unterschichten vorzugehen: Es begann im 16. und 17. Jahrhundert damit, daß man gegen die Massen von Bettlern vorging, die der Zerfall der ständisch-feudalen Ordnung hervorgebracht hatte. Die traditionelle mittelalterliche Fürsorgesittlichkeit und Caritas geriet in Verruf: Die Leichtigkeit, mit der man ein Almosen erlangen könne, verleite zum Müßiggang und demoralisiere die Menschen. Man erließ Verordnungen gegen das Betteln und die Landstreicherei. Wer bei einer Razzia aufgegriffen wurde, wurde ausgepeitscht, kahl geschoren und über die Grenze abgeschoben Im Wiederholungsfall drohten Brandmarkung (das Einbrennen eines Buchstabens in die Schulter), Folter, Verkauf auf die Galeere, Verstümmelung oder Hinrichtung.
Seit dem 17. Jahrhundert richtete man auch in Deutschland Zucht- und Arbeitshäuser ein, in die man die Vagantenbevölkerung einsperrte, um sie zur Arbeit anzuhalten und moralisch aufzurüsten. Während man spinnen, Holz raspeln oder Körbe flechten mußte, bekam man aus der Bibel oder frommen Traktaten vorgelesen.
Solange die Menschen für den Eigenbedarf produzierten, konnten sie ihren Arbeitsrhythmus weitgehend selbst bestimmen, und es herrschte »ein Wechsel von höchster Arbeitsintensität und Müßiggang« (E. P Tompson). Ein und derselbe Mensch ging im Laufe eines Tages ganz verschiedenen Tätigkeiten nach, deren Gesamtheit er wahrscheinlich trotz aller punktueller Mühsal und Plage nicht einmal als »Arbeit« empfand: Es war einfach seine Lebensweise.
Solange die menschlichen Tätigkeiten noch nicht der ökonomischen Rationalität unterliegen, schreibt Gorz, »fallen sie mit Zeit, Bewegung und Rhythmus des Lebens zusammen« (Gorz 1989, S. 156). Die Gebrauchswertproduktion kennt die Kategorie des »Genug«. Mehr zu produzieren, als man zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse benötigt, gilt als sinnlos und darüber hinaus als unmoralisch. Produktion und Tausch, wo er, wie im städtischen Zunfthandwerk, bereits vorkam, waren eingebunden in tradierte Vorstellungen vom richtigen Leben.
Aus der Perspektive des industriellen Kapitals waren das alles Borniertheiten, die es zu sprengen, von denen es sich im Namen schrankenloser Akkumulation zu emanzipieren galt.
Die erste Arbeitergeneration hatte ziemlich starre Ansichten darüber, wann ein angemessener Lebensstandard erreicht war, und man zog ab einem bestimmten Punkt die Freizeit der Steigerung des Einkommens vor. Je höher der Lohn war, um so weniger mußte man leisten, um diesen Punkt zu erreichen (vgl. Landes 1973, S. 67; Weber 1969, S. 49f.).
Um dieser Form von Absentismus Herr zu werden, senkte man die Löhne auf ein absolutes Minimum, in der Hoffnung, daß das nackte Elend die Arbeiter in die Fabriken treiben würde. Damit nicht genug: In der Manufaktur oder Fabrik wachte ein strenges Fabrikreglement darüber, daß die Arbeiter auch wirklich arbeiteten und die vom Unternehmer gekaufte Zeit nicht reine Zeit war, sondern die einer produktiven Arbeitskraft. Man errichtete eine regelrechte »Diktatur der Pünktlichkeit« und eine »Mikrojustiz der Zeit« (Foucault). Zu spät Kommende wurden bestraft, es gab Geldbußen und Lohnabzüge für Bummelei und unerlaubtes Sichentfernen vom Arbeitsplatz, man führte die Fabriksirene ein, die Arbeitsbeginn, Pausen und Feierabend anzeigte. In englischen Industriestädten schrillte morgens um fünf Uhr eine Dampfpfeife, um die Leute aus dem Schlaf zu reißen. Mancherorts stellten die Unternehmer »Wachklopfer« an, die von Wohnung zu Wohnung gingen und mit Stangen an die Fenster der Arbeiterquartiere klopften. Einige dieser Wachklopfer zogen gar an Schnüren, die aus den Fenstern hingen und am Zeh des Arbeiters befestigt waren (vgl. Rifkin 1988, S. 120).
A. Ure gelangte nach den Erfahrungen mit der ersten Arbeitergeneration zu dem Schluß, daß mit Arbeitern, die der Pubertät entwachsen seien und aus dem Handwerk oder der Landwirtschaft stammten, für industrielle Zwecke nichts anzufangen sei (vgl. Sombart 1928, S. 425f). William Temple machte 1770 den Vorschlag, arme Kinder bereits im Alter von vier Jahren in die Arbeitshäuser zu schicken, wo sie Fabrikarbeit leisten und Schulunterricht erhalten sollten. »Es ist sehr nützlich, daß sie auf irgendwelche Art ständig beschäftigt werden, wenigstens 12 Stunden am Tag, ob sie damit nun ihren Unterhalt verdienen oder nicht; denn wir hoffen, daß sich auf diese Weise die heranwachsende Generation so sehr an ständige Beschäftigung gewöhnen wird, daß sie diese zuletzt als angenehm und unterhaltend empfindet...« (zit. nach Thompson 1980, S. 53).
Es begann die grauenhafte Periode der Kinderarbeit.
Wie die Studie von Marie Jahoda und anderen über »Die Arbeitslosen von Marienthal« aus den frühen 30er Jahren zeigt, wird Arbeitslosigkeit erlebt wie ein sozialer Tod. Seiner Identitätsprothesen und des Metronoms beraubt, das bislang den Rhythmus des Lebens vorgab, fallen die Arbeitslosen aus ihren Sicherheiten ins Nichts der Desorientierung, Verzweiflung und Resignation. Getrimmt auf extreme Zeitregulierung wissen sie mit dem plötzlichen Reichtum an freier Zeit nichts anzufangen und verhalten sich wie ein jahrelang im Käfig gehaltener Tiger, der, nachdem man ihm die Freiheit zurückgegeben hat, weiter seine Gitterstäbe abschreitet und sich nach seinem Käfig und seinen Sicherheiten zurücksehnt. In einer Gesellschaft, in der sich die Vergesellschaftung für die meisten Menschen über Lohnarbeit herstellt und Sozialisation im wesentlichen Arbeitshaltungen vermittelt, büßt, wer seine Arbeit verliert, eben mehr ein als nur seine Einkommensquelle: seinen Ort, seine soziale Existenz, seine Kontakte und Beziehungen, und er wird seines wichtigsten Ich-Erhaltungsmechanismus beraubt, der äußeren Stützen seines geschwächten Ichs. Das, was man den Pensionierungstod nennt, ist wohl der krasseste Ausdruck der Unterordnung des Lebens unter die entfremdete und entfremdende Arbeit.
Der deutsche sozialdemokratische Arbeiter um 1900 herum war stolz auf seine anständige Lebensführung, achtete streng auf seine Reputation, erzog seine Kinder zur Wehrhaftigkeit und sah verächtlich auf Obdachlose, Faulenzer und Bummelanten herab, mit denen er nichts zu tun haben wollte. Diejenigen, die man so lange der Unzuverlässigkeit und der Faulenzerei geziehen hatte, hatten sich inzwischen das bürgerliche Wertsystem zu eigen gemacht und wendeten es gegen die Bourgeoisie, die aus der Sicht der Arbeiter zu einer Klasse der Schmarotzer und Couponabschneider verkommen war. Erst in der sozialistischen Gesellschaft würden die Werte der Arbeit und der Produktion zur vollen Entfaltung kommen. Dem organisierten Sozialdemokraten war der Kapitalismus nur noch zu unordentlich und anarchisch-ungeplant, und die Zukunftsgesellschaft stellte er sich als ein gigantisches Arbeitshaus mit Arbeitspflicht für jeden vor. Etwas von der Gewalt, die nötig war, um Menschen in Lohnarbeiter zu verwandeln, ist noch in der idiosynkratischen Wut des arbeitenden Menschen auf den spürbar, der es wirklich oder vermeintlich leichter hat, der nicht so hart arbeitet wie man selbst. So nimmt es eigentlich auch nicht wunder, daß die Kolonialpolitik des Kaiserreichs auf keinen nennenswerten Widerstand seitens der Arbeiterbewegung stieß und von August Bebel im Reichstag 1906 als »Kulturtat« grundsätzlich begrüßt wurde: »Kommen die Vertreter kultivierter und zivilisierter Völkerschaften ... zu fremden Völkern als Befreier, als Freunde und Bildner, als Helfer in der Not, um ihnen die Errungenschaften der Kultur und Zivilisation zu überbringen, um sie zu Kulturmenschen zu erziehen, geschieht das in dieser edlen Absicht und in der richtigen Weise, dann sind wir Sozialdemokraten die ersten, die eine solche Kolonisation als große Kulturmission zu unterstützen bereit sind« (zit. nach: Die deutsche Arbeiterbewegung 1976, S. 344f.). - Weiter unten an der Basis wird man es weniger vornehm ausgedrückt und gedacht haben: »Wird Zeit, daß dem faulen Neger die Hammelbeine langgezogen werden. Warum soll's denen besser gehen als uns?«
Franz Schandl entblösst das Heiligenbild der Arbeit, das die protestantischen Fundamentalistenbüsser gemeinsam mit dem Kapital geflochten haben. Die Beziehung zwischen dienen, also sich fremden Anordnungen unterwerfen, und verdienen, ist weitaus weniger gesucht als es uns scheinen mag. Sie ist jedem Jemeniten bewusst. Dort galt für den freien unabhängigen Bauern jegliche Tätigkeit in der Stadt, die ihn in dienerischen Kontakt mit "Kunden" gebracht hätte, als degradierend. Wir sind jedoch derart verhausschweint, dass wir ohne rot zu werden Unsinn verzapfen wie: Man muss sich halt verkaufen können. Stellen Sie sich mal vor, man hätte das einem römischen, griechischen oder Amerikanischen Sklaven gesagt: Er müsse sich halt verkaufen können.
Speziell die "expansive Verdrängungskonkurrenz" basierend auf economy of scale, sunk costs, Pareto etc macht die Arbeit der einen zur Waffe, die sich gegen andere richtet. Selbst dressiert, unterworfen, gefügig gemacht und weit davon entfernt, noch irgendwann nach dem Sinn dieser Arbeit zu fragen, produzieren wir schneller und schneller, damit wir andere mit einer Flut von Gütern und Dienstleistungen vom Markt verdrängen - und nicht sie uns. In einer Wirtschaft die zum Krieg verkommen ist, sind die Arbeiter eben Söldner, der Marktanteil die Beute, die Konkurrenz der Feind. Für ein halbes Jahrhundert hat uns eine florierende Wirtschaft in Europa und den USA Kriege mehr oder weniger vom Halse gehalten. Wenn wir aber heute Krieg führen über die Produktion, sind diese "guten Zeiten" eben vorbei. Wo heute das dominant betriebswirtschaftliche Denken den Mitarbeitern zunehmend das Existenzrecht bestreitet, war es zu Zeiten der Agrargesellschaft der Grossgrundbesitz. Müssen wir wohl die Grossbetriebe eben so behandeln wie damals die Gross-Grundbesitzer, um der Forderung nach Existenz sichernder Arbeit Ausdruck zu verleihen?
Ein Grundirrtum der Jetztzeit ist, daß wir unser Tun nur als Arbeit begreifen können. Diese Maßlosigkeit subsumiert alle Tätigkeiten unter dem Dach der Arbeit. Die Kategorie ist irre geworden, sie überfällt unschuldige Hauptwörter. Wie ein Krebsgeschwür wuchert sie vor sich hin. Vom Kanzler bis zum Künstler: alle blöken von Arbeit. Selbst viele Kritiker figurieren als die willfährigen Überträger all dieser Unsinnigkeiten.
Arbeit ist auf den Markt bezogene Tätigkeit zum Zwecke der Verwertung. Arbeit muß sich für den Markt qualifizieren und quantifizieren.
Arbeit ist demnach die nicht verwirklichte, aber stets in Aussicht gestellte Verwirklichung der Lust durch Liebe der Unlust. Disziplinierung meint, das leiden zu wollen, was einen leiden läßt. Und das ist auch, was die lebensverschwendende Arbeit versprechen sollte: Wer viel leistet, kann sich viel leisten! Es ist ein Imperativ, der den Mitgliedern der modernen Gesellschaft abverlangt wird. »Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen« so übersetzte der Volksmund den Kantschen Leitspruch in die Alltagssprache.
Erwerb. Beschäftigung. Job. Stelle. Dienst. Arbeit ist die freie Knechtschaft. Daß wir etwas verdienen müssen, verheißt, daß wir zu dienen haben. In der Erwerbsarbeit sind wir die Diener der Verwertung.
Arbeiten zu müssen ist ein Kennzeichen von Knechtung, sagte Hegel ganz unzweideutig seinen Nürnberger Gymnasiasten, und manche haben es sich bis heute gemerkt: »Der Knecht hat ein fremdes Selbst in ihm und ist dessen äußerlicher Wille; der Herr vermittelt sich durch diesen seinen äußerlichen Willen mit den Dingen.
Das Subjekt, das sich durch die Unterwerfung unter die Arbeit definiert, ist Objekt einer äußeren übermächtigen Drangsalierung. Es wird nur, weil es sich nicht positiv selbst setzen kann, sondern negativ durch die Arbeit gesetzt wird. Entäußerung der Arbeit bedeutet Entwesung des Menschen. Selbstbestimmung bedeutet Fremdbestimmung, und zwar nicht erkannte, aber anerkannte. Das Wesen des Kapitals hat die permanente Entwesung der Menschen zur Bedingung. Deren Wohlergehen, deren Gesundheit, deren freundschaftliches Miteinander ist nicht primäres Mittel oder Ziel, sondern bestenfalls erkämpfbarer Zusatz. Das bürgerliche Individuum, das ist wahrlich »ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen« (Marx 1970, S. 385).
Die >Arbeit< ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, von Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebung der Arbeit gefaßt wird« (Marx 1972, S. 24).
Die Arbeit ist zur Religion der Arbeiterbewegung geworden. Die Arbeit, sie ist die Angebetete. »Hauptsache, du hast eine Arbeit«, ist heute noch ein geflügeltes Wort. In Zeiten wie diesen verstärkt sich das noch, für die allermeisten gilt es, irgendwo unterzukommen. Für einen sicheren Job, ja für eine Stelle überhaupt, ja selbst schon für die Taglöhnerei ist man bereit, unzählige Demütigungen hinzunehmen. Hauptsache Arbeit. Die Arbeiterbewegung wurde so zur Bewegung zum Kampf für die Arbeit. Das ist sie heute noch - zumindest was von ihr übrig geblieben ist.
Marasmus der Arbeit
Heute spricht man zu Recht von einer strukturellen Krise der Arbeit: »Das Postulat der Vollbeschäftigung wird also um so weniger erfüllbar sein, je höher der technologische Status einer Gesellschaft ist. Wenn gewisse mitteleuropäische Politiker vorgeben, den technologischen Stand ihrer Länder deshalb steigern zu wollen, weil sie dadurch Vollbeschäftigung gewährleisten können, dann sind sie entweder denkunfähig oder Volksbetrüger« (Anders 1980, S. 99). Was nicht unbedingt ein Widerspruch sein muß.
»Die Leitnorm des herrschenden Wirtschaftssystems heißt expansive Verdrängungskonkurrenz. Sie ermöglicht es, Sinnfragen und Abwägungen einem äußerst simplen Vorteilskalkül unterzuordnen: Was sich durchsetzen läßt, ist richtig; was in der Konkurrenz den Kürzeren zieht, hat damit sich als falsch erwiesen«, schreibt Erich Kitzmüller (Kitzmüller 1997, S. 174). Mangels Ausweitungsmöglichkeiten vernichtet die Konkurrenz sich selbst. Das heißt aber auch: Je besser es in Teilbereichen (Branchen, Regionen etc.) gelingt, wirklich in der Konkurrenz zu bestehen und somit auch Arbeitsplätze zu schaffen, desto mehr werden woanders abgeschafft. Standortsicherung ist eine eliminatorische Größe. s. Konkurrenz/Wettbewerb
Arbeitslos sein bedeutet, als Arbeitskraft konkurrenzunfähig zu sein. Und das ist mit sozialer Degradierung verbunden. Zweifellos, die Arbeitslosigkeit ist ein Schrecken. Aber diesen Schrecken richtet die Arbeit an, nicht die Untätigkeit. Wenn Arbeitslosigkeit Elend schafft, dann ist sofort einzuwenden, daß die Arbeitslosigkeit eine subordinierte Komponente der Arbeit selbst ist, nicht deren Gegenteil, als die sie oberflächlich erscheint. Arbeitslosigkeit meint Entwertung, und dies in einer Gesellschaft, in der der Wert das vorherrschende Gesetz ist. Psychisch erleben die ausgestoßenen Personen einen wahren Entwertungsschock. Nicht zufällig stammen Wert und Würde, wie Marx schon betonte (Marx 1969c, S. 372), vom gleichen gotischen Begriff (vairths) ab.
Arbeitslosigkeit tritt auf als Schande, als Schwäche, als Unfähigkeit, als Wertlosigkeit. Und genauso muß sie auch in dieser Gesellschaft gedacht werden. Die Betroffenen sind gezeichnet. Sozialfälle nennt man sie. Ohne gesellschaftliche Alternativen geraten sie leicht in die unselige Versuchung, Sündenböcke zu suchen, die sie direkt für ihre Situation verantwortlich machen. Denn in diesen Bahnen haben sie fühlen gelernt. Die soziale Perspektivlosigkeit der sozial Deklassierten birgt rassistischen Sprengstoff.
Wenn entlassene »Kräfte« nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen, dann demonstriert sich an ihnen nur, wie sehr sie dem Kult der Arbeit verfallen sind. Ihr Leben haben sie tatsächlich mit der Arbeit identifiziert; ist diese weg, scheint das Leben leer und sinnlos geworden zu sein. Der absurde Satz »Arbeit macht das Leben aus« ist nicht nur dahingehend richtig, sondern auch in seiner zweiten Bedeutung: aus im Sinne von ausmachen = auslöschen.
Nicht Fatalismus ist angesagt. Es geht nicht darum, die kapitalistischen Verwüstungen hinzunehmen oder gar als Naturnotwendigkeit zu bejahen und zu propagieren. Die Arbeitslosen haben recht, wenn sie gegen ihre Arbeitslosigkeit protestieren. Aber sie dürfen dabei nicht stehen bleiben. Wer gegen die Arbeitslosigkeit kämpft, darf nicht für die Arbeit kämpfen, also für die Verursacherin derselben.
Selbstentwirklichung
Arbeit ist Übel. Arbeit ist Leid. Arbeit richtet die Menschen psychisch und physisch zugrunde. Einst unabdingbar für das Fortkommen, wird sie heute immer unnotwendiger und unmöglicher. Arbeit ist Selbstentwirklichung. Sie wird getan, weil sie Lohn bringt. Nach dem Sinn der Beschäftigung soll erst gar nicht mehr gefragt werden. Wichtig ist, ob sie sich rentiert, ob sie Profite, Löhne, Arbeitsplätze abwirft. Die Leute haben gefälligst zu arbeiten. Bis zum letzten Schweißtropfen gilt es, sich daran zu klammern.
Arbeit macht nicht frei, sie ist die Unfreiheit par excellence, der aufgeherrschte Zwang zur Entmenschlichung, was heißt: sich zu verdingen, zu verkaufen, zu verwerten. Nichts anderes sollen sie auch wollen. »Wir wollen arbeiten müssen«, singt der Arbeitergefangenenchor.
Arbeit zeichnet den Menschen nicht aus, sie zeichnet ihn vielmehr. Die Fabriken, die Büros, die Verkaufshallen, die Baustellen: sie sind legale Institutionen zur Vernichtung menschlicher Substanz. Die Spuren der Arbeit, wir sehen sie täglich an den Gesichtern und an den Körpern. An nichts laborieren die Menschen mehr als an der ihnen zugemuteten und angetanen Arbeit.
Auch die verdummende Massenkulturindustrie hat ihre Bedingung nicht in sich selbst, sondern in den demotivierenden Alltagsprozessen der Menschen, vor allem in der Lohnarbeit. In deren Wesen haben geistige Beschränktheit und praktische Angepaßtheit ihre Wurzeln. Sie ist der Grund von Abgestumpftheit und Abgeklärtheit der bürgerlichen Individuen. »Der Betrieb ist der Ort, an dem der Typ des medial gewissenlosen Menschen hergestellt wird, der Geburtsort des Konformisten«, sagt Günther Anders (Anders 1956, S. 289-290). Arbeit stumpft ab. Arbeit macht dumm.
Arbeit ist Demütigung. Etwas, das über uns hereinbricht, eine Heimsuchung, derer wir uns erwehren müssen, so gut wir können. Die Alternative dazu ist ja nicht die Untätigkeit, sondern das individuelle und kollektive Bereiten eines sinnvollen Werkens und Wirkens in den unterschiedlichsten Bereichen. Aus der Nichtarbeit folgt keine Untätigkeit oder gar Nichtsnützigkeit. Im Gegenteil: Die Überwindung der Arbeit ist die Voraussetzung der Verallgemeinerung der Kreativität. Sie wird aus ihrem Dasein als Randexistenz befreit. Kommunismus kann ja überhaupt nichts anderes sein, als sich in aller Kreativität einander zu schenken.
Es war nicht die Arbeit, die die Menschen voranbrachte, sondern das mit Geist erfüllte Tätigwerden.
Der Feierabend der Arbeit ist potentiell vielversprechend, in seinen konkreten Verwirklichungen aber barbarisch, weil die Fortschritte als Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit oder Perspektivlosigkeit über die Leute hereinbrechen. Neue Formen der Solidarität, und zwar abseits der obligaten Forderungen nach (mehr) Arbeit und Geld, sind deswegen vonnöten. Nicht das einmal Erreichte ist zu sichern oder gar zurückzuholen, sondern es geht darum, Zukunft zu entwerfen. Notwendig ist die direkte Anerkennung des Gegenübers in der Kommunikation. Das Wer bist du? hat über die Frage des Was bist du? zu obsiegen, so daß die Menschen sich als sie selbst, nicht als und über ihre bürgerliche Rolle definieren müssen. Somit sich der Charaktermaske entledigen. Arbeit ist bloß Anerkennung der Menschen auf einem Umweg gewesen.
Der rechts-linke Konsens von »Arbeit schaffen« muß negiert werden. Ganz ketzerisch ist zu fragen: Wer soll eigentlich wozu vollbeschäftigt werden? - Nicht um das »Recht auf Arbeit« ist zu kämpfen, sondern um einen selbstverständlichen »Anspruch auf Leben«. Und das meint nicht die bloße Existenz, sondern ganz profan die Teilhabe an der erzeugten Güter- und Leistungsfülle, die heute global hervorgebracht werden kann. Der Vorsatz »Wir wollen fleißig arbeiten« ist durch den Ansatz »Wir wollen gut leben« zu ersetzen. Selbstbewußtsein ist angesagt, nicht Bittstellerei. Mut statt Demut.
Muße ist anstatt von Müssen zu etablieren.
Es geht um den Schritt vom Überleben zum Leben.
Auf der Tagesordnung steht eine emanzipatorische Aneignung der Zeit.
Damit die Zeitgenossen auch Zeitgenießer werden.
Eine ähnlich harte Kritik am
Selbstverkauf hat bereits Erich Fromm in "Haben oder Sein"
[dtv 1980. S. 142-3] geäussert:
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Roswita Scholz geht aus feministischer Perspektive das Problem an, das hier, anhand der Probleme der Waldwirtschaft, unter Korporatismus, Gemeinwohl und die „commons“? behandelt wurde:
»Was geschieht mit all den Arbeiten, die keinen Profit bringen, weil sie zu zeitintensiv sind ohne die Möglichkeit zur Rationalisierung, weil der Bedarf nach ihnen zwar dem Überleben der Menschheit und der Erde dient, aber paradoxerweise gerade darum als eigennützig, individuell, luxuriös eingespart werden könnte? Bereiche ... die aber gerade nicht bezahlt werden sollen, um dem Makel des Tauschs zu entgehen, wie die Liebe, die Fürsorge, die Befriedigung von Bedürfnissen all derer, die keine Gegenleistung erbringen können (Alte, Kranke, Behinderte, Kinder)? Diese Tätigkeiten werden von der gesellschaftlichen Gesamtarbeit abgespalten, ausgelagert und an eine Menschengruppe verwiesen, die sich dafür eignet: die Frauen« (Haug 1990, S. 91).
Sie erkennt aber auch an, dass "Frau sein" nicht per se von jeglicher Verantwortung für die aktuelle Situation befreit:
»Edel-Individualisierung« und »Verelendungs-Individualisierung« kommt. Die Edelvarianten werden zum Beispiel an gutsituierten Berufsfrauen sichtbar, die es geschafft haben, etwa im High-Tech-Sektor oder in der Finanzbranche Karriere zu machen, auch wenn hier Männer, die keine Reproduktionsverantwortung haben und deshalb flexibler sein können, nach wie vor bevorzugt werden (vgl. Wichterich 1998, S. 71), und/oder auch darin, daß (karrierebewußte) privilegierte Frauen für die Reproduktionstätigkeiten schlecht bezahlte Migrantinnen oder Frauen aus Osteuropa anstellen. [s. Saskia Sassen: Cities in a world economy]
Kritisch bewertet Scholz die im Feminismus weit verbreitete Neigung zu Subsistenzmodellen, der Bescheidung, dem Rückzug in die Selbstversorgung. Der Effekt wäre hier präzise der Selbe wie bei New Work:
Die Aufspaltung von Leben und gesellschaftlicher Reproduktion in abstrakte Arbeit und weibliche Reproduktionstätigkeiten wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt, vielmehr soll nun die »weibliche« Subsistenzproduktion zum sozialen Zentrum werden. Dabei erfährt die lokal bornierte subsistenzwerkelnde Handels-Handwerks-Hausfrau in der vermeintlichen Opposition gegen Weltmarktzusammenhänge eine positive Bewertung (vgl. Bennholdt-Thomsen/Mies 1997, S. 120ff.).
Es drängt sich der Verdacht auf, daß etwa das Miessche Subsistenzprogramm eine Form der sozialen Intervention darstellen könnte, die eine kleinbürgerliche Variante des Neoliberialismus mit dem verbindet, was bereits heute in vielen Weltgegenden, die die Marktwirtschaft als verbrannte Erde zurückgelassen hat, nolens volens Wirklichkeit ist: der bloßen Subsistenzperspektive, um überhaupt überleben zu können, die nun - in Miesscher Manier - noch zum Emanzipationsprojekt umgebogen wird.
Es bedarf einer sozialen Bewegung, die der vorherrschenden Leistungsorientierung auf höherem Reflexionsniveau als in der Vergangenheit Paroli bietet und entsprechende Vorstellungen eines »guten Lebens« entwickelt.
Trenkle zerlegt den neoliberale Behauptung, dass Arbeitslose bloss zu teuer seien und zu tieferen Löhnen leicht Arbeit finden könnten. Das Problem ist, dass sich dieser Neoliberalismus einer klassischen Theorie zur Argumentation bedient, die Bedingungen dafür aber längst unterlaufen hat. Es handelt sich um Says Gebot:: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst. Dieses gilt aber eben nur so lange, als das Angebot Arbeitsplätze schafft, Löhne bezahlt, und damit den Konsum ermöglicht. Wenn jeder versucht, ohne Löhne zu produzieren und an andere zu verkaufen, die noch Löhne kriegen, oder ebenfalls nicht auf Lohn angewiesen sind, zerbricht das Modell - und präzise das ist unser Problem heute. Alles schwärmt von der Angebotstheorie: Wir brauchen bloss zu Weltmarktpreisen zu produzieren (also seeeehr billig), irgendwer wird's dann schon kaufen, und das Resultat ist globale Überproduktion, Preiszerfall, Lohnzerfall, Protektionismus, Patenthuberei .... und noch mehr vom Selben.
Wir haben hier die 2. Seite des Schlaraffenlands, die der Schlaraffenlandproduzenten. Auch sie haben den selben Fehler gemacht wie die Möchtegern-Schlaraffenland-Konsumenten: Keiner hat sich Gedanken gemacht, wie die Münzen für den Eintritt in das Selbe unters Volk kommen sollen.
Indem einzelne produktive und profitable Wirtschaftszweige auf "Deibel komm raus" produzieren, ziehen sie zwar das BIP und was sonst so als unbrauchbare Wohlstandsindikatoren grassiert in die Höhe, aber auch die Lebenskosten für diejenigen, die nicht von dieser Profitabilität profitieren. Details. [s. Restrukturierung] Die weniger erfolgreichen Branchen und deren Mitarbeiter werden also mit höheren Kosten belastet, ohne höhere Profite erzielen zu können und ohne höhere Löhne auszahlen zu können. [Forderungen der Gewerkschaft ändern daran rein gar nix, ausser dass sie diese Betriebe noch etwas schneller in den Konkurs treiben.] Es handelt sich um ein ungelöstes und vermutlich unlösbares Problem der wirtschaftlichen Macht. Wir reden seit 15 Jahren von der 80/20 Gesellschaft (20% bezahlte Schlaraffenlandproduzenten - 80% Möchtegernnutzer ohne Münzen für den Eintritt) - und sie kommt mit Riesenschritten näher, wir haben aber noch immer keine Lösung in Sicht.
Hauptproblem diesen Systems ist nun nicht mal mehr die Ausnutzung von peripheren Regionen und Menschen, sondern dass sie schlichtwegs nicht nur überflüssig, sondern gar zu teuer werden. (s. Alpen, Ostdeutschland ...). Ein kleiner Teil wird noch in "outgesourcten Dienstleistungen im Dienstleistungssektor" ausgenutzt, die meisten aber einfach mit hohlem Gefasel von sog. Wirtschaftsfachleuten, Politikern und Beratern an der Nase herumgeführt.
Der Kapitalismus zog sich mehrfach am eigenen Zopf aus dem Sumpf, indem er "neue Finanzprodukte" schuf, die eine ganz neue Art der "Wertschöpfung" vorgaukeln. Dazu ist vor allem zu bemerken, dass dort überhaupt nichts "geschöpft", sondern bloss gehandelt wird: Firmen, zukünftige Erträge, zukünftige Preise, zukünftige Kosten etc. Die Börse verkauft die Zukunft bereits heute. Wer für die Kosten dann aufkommen soll, ist noch offen ... aber vermutlich werden es nicht diejenigen sein, die gekauft und verkauft haben. Das macht das Spiel so attraktiv. Erst wurde das überschüssige Geld in den Staat gepumpt, dann in die Börse, wo es, weil immer mehr Geld kommt bei mehr oder minder immer gleichen Betrieben, einfach inflationär die Werte in die Höhe treibt. Achten Sie mal drauf, falls Sie Finanzberichte gewisser Firmen lesen, welcher Anteil der "Gewinne" aus Finanzanlagen, welcher aus der Produktion stammt. Immer mehr Betriebe hängen stark von eben diesen Finanzgewinnen ab, die zum Teil auf rein inflationären Zahlen beruhen und kaum je realisiert werden können. Doch die Gnadenfrist läuft ab. Der Traum der attac und des SP vom Shareholder-Sozialismus könnte helfen, den Absturz massiv beschleunigen.
Seit die Krise der Arbeitsgesellschaft allmählich ins öffentliche Bewußtsein getreten ist (ungefähr seit Ende der 70er Jahre), hat der Neoliberalismus hartnäckig den Standpunkt vertreten, eine solche Krise gebe es überhaupt nicht. Vielmehr sei die Arbeitskraft einfach nur »zu teuer«. Wäre sie billiger und würde sie »flexibler« angeboten, so könnten überall auf der Welt und bis in alle Ewigkeit ausreichend »Arbeitsplätze« geschaffen werden. Dieser Standpunkt ist heute weitgehend zum common sense geworden. »In einer arbeitsteiligen Gesellschaft müssen die Menschen ihren Lebensunterhalt auf dem Markt verdienen. Und dort gleicht der Preis Angebot und Nachfrage aus. Bleibt die Ware liegen, stimmt der Preis nicht. Arbeitslosigkeit bedeutet nicht, daß die Arbeit ausgeht, sondern daß sie zu teuer wird«, schreibt etwa der Wirtschaftsjournalist Nikolaus Piper (Süddeutsche Zeitung, 6.8.1998), der hier nur für viele spricht.
Apropos Krise, hier noch eine Beobachtung von 1972 [Innere Systemkrisen der Gegenwart [H. Eisenhans & M. Jänicke. Hrsg. rororo]: Die Herrschaftsstruktur des Internationalen Systems kann also auch daran erkannt werden, dass die sensibelsten Krisendefinitionen (des Pentagon oder des sowietischen Sicherheitsapparates ... damals) Geschichte machen, während Entwicklungen, die Millionen existentiell bedrohen, unter den Stabilitätsfall subsummiert und somit von der "herrschenden" Oeffentlichkeit ignoriert werden. [S. 11] Zu diesem "Spiel" passt auch, dass sich heute, wo der Kommunismus nur noch von ein paar konservativen Spinnern als Bedrohung aufgefasst wird, der Fokus voll auf Terrorismus verlagert hat - aber natürlich nur den nichtstaatlichen, allenfalls den staatlichen der "Schurkenstaaten."
Über die vollkommen zusammengebrochene ukrainische Wirtschaft etwa heißt es in einer seltsamen Mischung aus Treuherzigkeit und Zynismus: »Vor einem möglichen Aufschwung stehen harte Reformen: Weitere, energieintensive Fabriken müssen geschlossen, Strom und Gas für die Bevölkerung teurer werden; die Zahl der Arbeitslosen wird zudem ansteigen, wenn die perspektivreichen Unternehmen - beispielsweise in der Rüstungsindustrie (sic!) - endlich restrukturiert werden; außerdem müssen Bürokraten entlassen werden, damit sich die unternehmerische Initiative entwickeln kann« (Die Zeit v. 23. 4.1998).
Der linke Regulationstheoretiker Joachim Hirsch formuliert diese zum Neoliberalismus spiegelbildliche Position in aller wünschenswerten Deutlichkeit: »Zum Kapitalismus gehört ... auch die permanente Umwälzung der Produktions- und Arbeitsbedingungen und die (zyklische) Produktion einer industriellen Reservearmee. Arbeitsplatzunsicherheit und Arbeitslosigkeit sind grundlegende Strukturmerkmale dieses Wirtschaftssystems.
Ein einzelnes Unternehmen kann freilich seinen Profit dadurch verbessern, daß es die Löhne und sonstigen Arbeitskosten drückt, weniger Steuern und Abgaben an den Staat zahlt, Betriebsteile an »Billigstandorte« verlagert und zugleich (oder alternativ dazu) durch den Einsatz neuester Technologien Betriebsabläufe rationalisiert und Arbeitsplätze durch Sachkapital ersetzt. Gesamtökonomisch betrachtet trägt dies aber keinesfalls dazu bei, die kapitalistische Krise zu lösen, sondern verschärft sie im Gegenteil noch. Das zeigt sich zunächst in schrumpfenden Absatzmärkten. Denn wenn Lohneinkommen und Staatseinnahmen sinken, dann bedeutet dies selbstverständlich auch (unter sonst gleichbleibenden Umständen), daß die entsprechende kaufkräftige Nachfrage zurückgeht. Wo aber Waren nicht abgesetzt werden können, kann auch kein Kapital verwertet werden. Einzelne Unternehmen oder einzelne »Wirtschaftsstandorte mögen sich diesem Dilemma zwar vorübergehend entziehen, indem sie ihre Konkurrenten in den Bankrott treiben und deren Marktanteile übernehmen. Aber damit können sie nicht verhindern, daß insgesamt die Märkte immer enger werden und ständig neue Überkapazitäten in den zentralen Bereichen der Weltmarktproduktion entstehen, wie es seit Jahren der Fall ist.
Es müßten also neue Produktionssektoren entstehen, die genügend zusätzliche Arbeitsplätze auf dem weltweit gültigen technisch-organisatorischen Produktivitätsniveau schaffen würden, um die gewaltigen betriebswirtschaftlichen Rationalisierungseffekte der Mikroelektronik zu kompensieren. Auf der Ebene der Absatzmärkte würden dann die gestiegenen Profite in einer erweiterten Nachfrage nach Investitionsgütern wiedererscheinen, während zugleich zusätzliche Lohneinkommen entstünden, die sich in der Nachfrage nach Konsumgütern ausdrücken könnten.
Genau diesen Effekt haben die neoliberalen Methoden nicht erzielt. Denn auf dem jetzt erreichten Stand der Produktivkraft mittels Verwissenschaftlichung greift der Mechanismus nicht mehr, der die Überwindung der bisherigen kapitalistischen Krisen ermöglicht hat. Soweit neue Produktbereiche entstehen, etwa in der Informationstechnologie im weitesten Sinne, schaffen sie keinen ausreichenden Ersatz für die an anderer Stelle überflüssig gemachte Arbeitskraft, weil sie selber bereits von Anfang an mit den Methoden mikroelektronischer Rationalisierung produzieren.
Es stimmt wahrscheinlich, daß heute mehr Menschen weltweit irgendeine Form der geldförmigen Erwerbsarbeit ausüben müssen als jemals zuvor; aber damit ist noch lange nicht die Krise der Arbeitsgesellschaft und damit der Kapitalakkumulation aus der Welt geschafft.
Hier wird ein soziologischer Tatbestand (Armut) begründungslos mit einer ökonomischen Funktion (Kapitalakkumulation) kurzgeschlossen, ähnlich wie bestimmte politische Maßnahmen (Deregulierung, Privatisierung etc.) per se als Faktoren einer forcierten Kapitalverwertung unterstellt werden. Auch linken Soziologen und Politologen ist es offenbar fremd, daß die Ökonomie der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft einer eigenen Logik folgt, die nicht in sozialen Erscheinungen oder politischen Regulationsformen aufgeht. Der objektivierten Logik der Kapitalverwertung kommt es ja nicht einfach darauf an, daß sich Menschen massenhaft abrackern und ihre Lebensenergie verausgaben; vielmehr zählt nur, wieviel ökonomischer »Wert« dabei »produziert« wird. Der Wert einer bestimmten Ware mißt sich aber nicht daran, wie lange eine einzelne Person oder ein einzelner Betrieb daran gearbeitet hat; sein Maßstab ist vielmehr die Arbeitszeit, die für die Herstellung dieser Ware auf der Höhe des jeweils gültigen (und historisch ständig ansteigenden) betriebswirtschaftlichen Produktivitätsniveaus benötigt wird.
Können also zum Beispiel in einer Textilfabrik mit Hilfe von mikroelektronischer Prozeßsteuerung und Lasertechnologie in einer Stunde einige Hundert Hemden geschneidert werden, dann ist dies der Standard, an dem sich auch eine Schneiderin in der Hinterhofklitsche eines südamerikanischen Slums zu messen hat. Wenn sie drei oder vier Stunden für ein Hemd braucht, dann ist ihre Arbeit schlicht und einfach nicht viel »wert«. Für die Schneiderin drückt sich das spürbar darin aus, daß sie für ihre Hemden, die sie beispielsweise an einen international operierenden Textilkonzern abliefert, einen minimalen Preis erhält, der nicht über den Produktionskosten in der entsprechenden Textilfabrik liegt, zu der sie über den Weltmarkt in direkte Konkurrenz treten muß, und der für sie gerade einmal ausreicht, um unter elenden Bedingungen zu überleben.
Aus Sicht der ElendsarbeiterInnen ist es der nackte Zwang der Verhältnisse, der sie dazu treibt, ihre Arbeitskraft zu den erbärmlichsten und unmenschlichsten Konditionen zu verausgaben. Da die materiellen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen einer bäuerlichen Subsistenzwirtschaft in den meisten Teilen der Welt (und insbesondere in den riesigen städtischen Agglomerationen mit ihren enormen Slumgebieten) vom Vormarsch der kapitalistischen Warenproduktion zerstört worden sind, bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich buchstäblich zu jedem Preis zu verkaufen. Sie sind gewaltsam zu Marktsubjekten gemacht worden, aber die Möglichkeiten, in dieser Form ein wenigstens einigermaßen annehmbares Leben zu führen, wurden nicht mitgeliefert. Notwendigerweise müssen deshalb die miserablen Geldeinkommen durch unterschiedliche Formen von Eigenarbeit, Selbst- und Nachbarschaftshilfe, individualisierter Subsistenzproduktion (wo dies noch möglich ist), informalisierter Dienstleistungen, Kleinkriminalität, Prostitution, Schmuggel etc. ergänzt werden.
Die frühkapitalistische Massenarbeit in der Heimindustrie und in den Fabriken, die häufig durch Subsistenzproduktion ergänzt wurde, war Ausdruck einer allgemein noch wenig entwickelten kapitalistischen Produktivität. Das bedeutet, daß der Wert der produzierten Waren nur um ein relativ Geringes den Wert dessen überstieg, was den ArbeiterInnen in Form des Lohns ausgezahlt wurde. Der Mehrwert war also im Vergleich zur aufgewandten Arbeitszeit relativ gering. Das Kapital (ob nun in Gestalt des Fabrikbesitzers oder des Verlegers) kompensierte dies dadurch, daß es überlange Arbeitszeiten erzwang und zugleich die materiellen Existenzbedingungen der proletarischen Schichten auf ein absolutes Minimum herabdrückte: Überfüllte, verschimmelte und dunkle Wohnlöcher sowie die tägliche Ration Kartoffeln waren der Standard überall dort, wo der »zivilisatorische Fortschritt« der Moderne Einzug hielt. Nur so gelang es, einen »Mehrwert« abzupressen, der eine ausreichende Verwertung des Kapitals garantierte. Marx nannte das die Periode der »absoluten Mehrwertproduktion«.
Denn die Arbeit ist jetzt im doppelten Sinne immer weniger »wert«. Nicht nur der Preis der Arbeitskraft als Ware wird immer weiter unter das Existenzminimum gedrückt, sondern auch die noch möglichen Erlöse der produzierten Waren fallen immer tiefer unter das für eine gelingende Kapitalakkumulation nötige Niveau. Da der Standard der Wertschöpfung vom Standard der Produktivität bestimmt wird, nützen dem Kapital die vielen billigen Arbeitsstunden nicht mehr viel, eben weil sie ökonomisch nicht mehr »gelten« als die wenigen Minuten oder sogar bloß Sekunden Arbeitszeit der mikroelektronischen High-Tech-Produktion. Das ist ein entscheidender Unterschied zur bisherigen Geschichte der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft. Jetzt mag der Lohn noch so tief sinken und die Arbeitszeit noch so weit ausgedehnt werden - die Akkumulation von Arbeitsmengen, die als Wertmasse wiedererscheinen können, wird dadurch nicht mehr beflügelt wie im Frühkapitalismus. Ebensowenig kann die Produktion von Waren derart ausgedehnt werden, daß unter mikroelektronischen Bedingungen noch einmal der Effekt der fordistischen Industrien zu erreichen wäre. Da müßte man schon buchstäblich die Ozeane mit PCs, Handys und Nintendo-Spielen zuschütten.
Und stellte der Grad der fordistischen Produktivkraftentwicklung die notwendige ökonomische Bedingung sowohl für die Totalisierung des Kapitalismus zum Weltsystem als auch für die relativen Erfolge der Arbeiterbewegung dar, so zieht der Grad der Produktivitätssteigerung durch die Mikroelektronik der Kapitalakkumulation und dem immanenten Interessenstandpunkt der Lohnarbeit gleichermaßen den Boden unter den Füßen weg.
Das neue Massenelend ist kein (vom Standpunkt des Kapitals aus) »produktives« mehr. Es gibt eben keine immer gleiche »Normalität« des Kapitalismus, die nur einmal zeitweilig durch Welfare-Prosperität unterbrochen gewesen wäre, sondern wir haben es mit einem historischen Entwicklungsprozeß des Kapitals zu tun, in dem keine vergangene Stufe jemals wiederkehren kann. Soweit die Billigarbeit in formellen oder gar informellen Sektoren direkt oder indirekt in die Kapitalverwertung eingeht, handelt es sich nicht mehr um einen tragenden Faktor, sondern eher um einen sekundären und minimalen »Mitnahmeeffekt« der kapitalistischen Krise durch das Kapital selbst, ohne daß es dadurch jedoch diese Krise überwinden könnte. Zu erheblichen (und wachsenden) Teilen aber besteht das soziale Phänomen der neuen Massenarmut eben gerade nicht in der massenhaften Überausbeutung (wie im Frühkapitalismus), sondern in der massenhaften »Überflüssigkeit« von Menschen, die gar nicht mehr oder nur noch zeitweilig und am Rande in den Produktionsprozeß des Kapitals eingesaugt werden können. Das ist aber nur ein anderer Ausdruck dafür, daß die Kapitalakkumulation selber an historische Grenzen gestoßen ist.
Offensichtlich fürchtet sich die Linke ganz genauso wie die Vertreter der kapitalistischen Institutionen davor, der Tatsache ins Auge zu sehen, daß der kategoriale Kern des modernen warenproduzierenden Systems, die abstrakte »Arbeit«, rapide verfällt - und damit allerdings auch die Möglichkeit systemimmanenter Reformbewegungen.
Einen immanenten Ausweg aus dem Teufelskreis von Kapitalentwertung und Massenverelendung gibt es aber nicht mehr, weil die Kluft zwischen der High-Tech-Produktion und der Überlebensökonomie ständig größer wird und nie wieder durch irgendwelche »Entwicklungsstrategien« überbrückt werden kann. Dies ist auch der Grund, weshalb die prekarisierten Arbeitsverhältnisse notwendigerweise mehrheitlich im informellen Sektor angesiedelt sind und dort auch bleiben müssen. »Informalität« ist eine Grauzone zwischen randständiger kapitalistischer Billigproduktion und »herausgefallenen« Elendstätigkeiten, damit aber gleichzeitig eine ökonomische Aktivität außerhalb des staatlichen oder sonstigen institutionellen Regelwerks (Arbeitsschutz, Tarifverträge, Umweltauflagen, Sozialsystem etc.), weshalb einerseits der Schutz entfällt, den dieses bietet, andererseits aber auch keine oder fast keine Steuern mehr gezahlt werden. Auf Dauer bedeutet dies natürlich, daß sich der Staat immer weiter aus seinen traditionellen allgemeingesellschaftlichen Funktionen zurückzieht und somit der politische Rahmen völlig zerbricht, der für eine funktionierende Marktwirtschaft unerläßlich ist. Sogar die Polizei überläßt ihre »Ordnungsfunktionen« irgendwelchen Banden (mit denen sie nicht selten eng verwoben ist), das Schul-, Gesundheits- und Sozialsystem zerfällt immer weiter ebenso wie die materielle Infrastruktur. So beschleunigt sich die Abwärtsspirale, und letztlich gehen selbst noch die Bedingungen für eine extrem unterproduktive Marktteilnahme verloren (als Absatzmärkte spielen die Zusammenbruchsregionen im Süden und Osten ohnehin schon lange keine nennenswerte Rolle mehr).
Natürlich sind dabei die Grenzen fließend, zumindest in der gegenwärtigen Phase des Krisenprozesses. Es gibt auch im informellen Sektor durchaus gut verdienende Betriebe und Einzelpersonen, die wahrscheinlich ohne weiteres die Kosten der Formalität aufbringen könnten; aber für die überwiegende Mehrheit trifft dies eben nicht zu. Es wird dort einfach nicht genug Wert geschöpft, um auch noch den Staat oder andere gesellschaftliche Institutionen daran zu beteiligen. Die Informalisierung der Ökonomie resultiert notwendigerweise aus dem säkularen Abschmelzen der Arbeits- und Wertsubstanz, kann diesen Prozeß aber keinesfalls aufhalten. Solange die kapitalistische Form, der Selbstzweck der betriebswirtschaftlichen Vernutzung von abstrakter »Arbeit«, die allgemeine Bedingung der gesellschaftlichen Reproduktion bildet, kann die gewaltige mikroelektronische Steigerung der Produktivkräfte, die ein leichtes und gutes Leben für alle ermöglichen würde, nur noch zu immer neuen Gesellschaftskatastrophen führen.
Innerhalb dieses Krisenprozesses kommt es zu paradoxen sozialökonomischen Erscheinungen. Einerseits ist bereits die Mehrheit der Weltbevölkerung zu »Marktsubjekten« degradiert, die für den Weltmarkt eigentlich überflüssig sind. Andererseits hat aber gerade diese verzweifelte Lage die von Markt und Geld bestimmte Bewußtseinsform sogar noch verstärkt und ausgedehnt. In vielen Ländern der »Dritten Welt«, wo die Waren- und Arbeitsgesellschaft bis in die siebziger Jahre hinein (zumindest mental und kulturell) noch gar nicht richtig angekommen war, hat ausgerechnet die Krise der Arbeitsgesellschaft einen gewaltigen Schub der »Vermarktwirtschaftlichung« ausgelöst. Es ist leider nicht nur ideologisches Wunschdenken, wenn die Neoliberalen im informellen Sektor lauter verkannte Kleinunternehmer entdeckt haben wollen. Gerade die nicht mehr verkäufliche Arbeitskraft verwandelt sich in eine Art »Elendsunternehmertum« in den Nischen und Sekundärbereichen der Zirkulation (man denke etwa an die ungeheuren Massen von »selbständigen« ambulanten Straßenhändlern). Nicht nur die materiellen und sozialen Existenzweisen, sondern auch die Mentalitäten haben sich zunehmend diesem Modell entsprechend verändert, wenn auch freilich nur in der negativen Form des puren Überlebenskampfs.
Trotz aller Momente von nachbarschaftlicher Selbsthilfe und familialer (vor allem weiblicher) »Eigenarbeit«, ohne die ein Überleben im informellen Sektor kaum möglich wäre, bildet dieser keine eigenständige sozialökonomische Formation und schon gar nicht ein »Gegenmodell« zur Marktwirtschaft, sondern er stellt bloß deren Zerfallsform dar, in der sie am Ende ihres historischen Durchmarschs noch einmal auf besonders ekelhafte Weise zur Kenntlichkeit gelangt.
In den westlichen Zentren verschränken sich die prekarisierten und informalisierten Lebens- und Arbeitsverhältnisse, die auch hier dramatisch zunehmen, mit dem unteren Segment dessen, was im sozialwissenschaftlichen Diskurs ebenso unscharf wie beschönigend als »Dienstleistungsgesellschaft« bezeichnet wird. Dieser Diskurs, der seinen Ausgangspunkt in den 60er Jahren hatte, will suggerieren, daß die Krise der Arbeitsgesellschaft durch eine Schwerpunktverschiebung vom Produktions- in den Dienstleistungsbereich gelöst werden könne. Oberflächlich soziologisch betrachtet scheint die Entwicklung der letzten Jahrzehnte diese These zu bestätigen. In allen westlichen Ländern, wiederum mit den USA an der Spitze, hat seit Mitte der 70er Jahre der »tertiäre Sektor« relativ und absolut enorm an Gewicht gewonnen. Teilweise handelt es sich dabei um statistische Verzerrungen, die zum Beispiel dadurch entstehen, daß viele Funktionen wie etwa Gebäudereinigung, Buchhaltung, Transportwesen oder EDV nicht mehr betriebsintern erledigt werden, sondern auf externe »Dienstleistungsfirmen« übergehen (»Outsourcing«) oder daß Arbeitskräfte bedarfsweise bei Zeitarbeitsfirmen »angemietet« werden. In all diesen Fällen entsteht gar kein neuer eigenständiger Sektor der Reproduktion jenseits der Industrie, sondern es werden nur bestimmte industriebezogene Tätigkeiten neu erfaßt. Davon abgesehen gibt es aber den statistischen Trend einer Verschiebung zum »tertiären Sektor« tatsächlich.
Das gilt zum einen und in besonderem Maße für die gesamtgesellschaftliche Infrastruktur im weitesten Sinne des Wortes: also für das Verkehrs-, Kommunikations-, Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen, die Rechtsprechung und die Grundlagenforschung, die Polizei und das Militär etc. All diese Funktionen werden nicht zufällig zu einem erheblichen Teil direkt vom Staat übernommen oder von ihm finanziert, denn obwohl sie für den kapitalistischen Gesamtzusammenhang unentbehrlich sind, können sie aufgrund ihres Allgemeinheitsgrades und ihrer mangelnden Marktfähigkeit nicht oder nur sehr bedingt betriebswirtschaftlich »rentabel« organisiert werden. Es handelt sich um »öffentliche Güter«, die prinzipiell jedem und jeder zur Verfügung stehen müssen und deren Kosten deshalb in Form von Steuern und Abgaben auf die Allgemeinheit umgelegt werden. Ihre Finanzierung erfolgt zu Lasten der Lohn- und Gehaltseinkommen wie der Gewinne, stellt also einen Abzug von der verfügbaren Wertmasse dar. Deshalb versucht sich ja jedes Unternehmen vor dem Finanzamt zu drücken, während es andererseits selbstverständlich die öffentliche Infrastruktur nutzt.
Bedauerlicherweise stehe dem aber eine »ausgeprägte Selbstversorger-Mentalität der Deutschen« entgegen (ebd., S. 133). Gemeint ist damit nicht etwa, daß ein allzu großer Teil der deutschen Bevölkerung sein Gemüse im Schrebergarten anbaut, sondern daß er in frivolem Eigensinn darauf beharrt, seine Einkaufstüten selbst einzupacken und seine Nasen selbst zu schneuzen, statt dafür eine bezahlte Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Dieses geradezu unverschämt arbeitsplatzverhindernde Verhalten gilt es deshalb nach den Vorstellungen der »Zukunftskommission« zu verändern, um einer Armee von schlecht entlohnten und dauerlächelnden Domestiken zu ihrem Arbeitsglück zu verhelfen.
Arbeit, die heute nicht mehr stolz macht, sondern arbeits-los:


links:
Willi Neubert: Stahlwerker II (1968): Das Gewand und die Haltung des stolzen, kraftvollen, verantwortungsbewussten Arbeiters. (Rauchen war damals noch nicht so verpönt).
rechts:
Volker Stelzmann: Schweisser (1971): Breit, wuchtig, ernst - ein anderes Modell als dass des sportlichen Jägers, das heute angesagt ist.
Doch die Gnadenfrist läuft ab. Denn auch die spekulative Steigerung der Aktienkurse »kapitalisiert« natürlich eine Erwartung an die zukünftige reale Wertschöpfung. Da aber unter den Bedingungen der mikroelektronischen Revolution die Zukunft nicht mehr einlösen kann, was sie auf dem Papier versprochen hat, taugen auch die Aktienmärkte nicht länger für den Aufschub der »Entwertung des Werts«. Nach den Crashs in Lateinamerika, Rußland und Südostasien sind in absehbarer Zeit unweigerlich auch die Finanzmärkte in Japan, der EU und den USA »reif«. In der dann anstehenden Bankrottwelle wird sich zeigen, welches Ausmaß die Krise der Arbeitsgesellschaft tatsächlich bereits angenommen hat.Nur über die riesigen Massen ungedeckter Liquidität, die seit den siebziger Jahren im Finanzüberbau ohne jede reale Vernutzung warenproduzierender Arbeitskraft »geschöpft« wurden, war es nämlich den westlichen Ländern möglich, den vollen Durchschlag der Krise vorübergehend aufzufangen und so der Arbeitsgesellschaft ohne ausreichend real wertschöpfende Arbeit noch einmal eine Galgenfrist zu verschaffen. Dieser Mechanismus des Krisenaufschubs über die Aufblähung von Kredit und Spekulation ist an sich nicht neu. Er hat schon in der Vergangenheit den Verlauf der größeren Krisen geprägt und noch jedesmal mit einem Krach der Finanzmärkte geendet. Bei einem solchen »Crash« wird die aufgeschobene Entwertung des Kapitals auf einen Schlag vollzogen, mit der Konsequenz von massenhaften Unternehmens- und Bankenzusammenbrüchen, Explosion der Massenarbeitslosigkeit usw. Neu daran ist heute nur, daß die Deregulierung und Transnationalisierung der Finanzmärkte ebenso wie die schon früher vollzogene völlige Entkopplung des Geldes von der Golddeckung eine historisch einmalig lange Dauer des Aufschubs ermöglichte.
Zunächst war es die rapide ansteigende Staatsverschuldung, die Geldkapital ansaugte und zugleich den Sockel für eine wundersame Geldvermehrung schuf. Die Kredite wurden im allgemeinen sofort in den Wirtschaftskreislauf geschleust - nicht zuletzt für den Aufbau jener vielfältigen staatlichen Dienste und Infrastrukturen, die den ökonomisch unreflektierten Soziologen dann den ersten Aufbruch einer »Dienstleistungsgesellschaft« vorgaukelten. Tatsächlich handelte es sich dabei aber eben um Staatskonsum und nicht um eine Kapitalverwertung, also auch nicht um eine real expandierende Wertmasse, aus der die Zinsen und Tilgungen hätten bedient werden können. Prinzipiell stellt nämlich jeder Kredit einen Vorgriff auf eine zukünftig erwartete Verwertung, also auf eine zukünftige betriebswirtschaftliche Vernutzung von Arbeitskraft dar. Solange diese Erwartungen erfüllt werden können, ist der Kredit Treibsatz einer dynamischen Kapitalakkumulation, weil die Gegenwart gewissermaßen permanent von der Zukunft gejagt wird. Beim kreditfinanzierten Staatskonsum aber ist das natürlich nicht der Fall. Während die geliehene Wertmasse verbraucht wird, häufen sich bei den Kreditgebern Ansprüche auf, die ihrerseits wieder als Nachfrage in den Wirtschaftskreislauf eingespeist werden können. So führt der längst im Staatskonsum verfeuerte Kredit ein Scheinleben als weiterhin geldheckendes Kapital, bis die ganze Sache auffliegt, weil die Staatshaushalte sich dem Notstand nähern, ihr reales Steueraufkommen nur noch für Zinszahlungen ausgeben zu müssen. Genau das geschah seit Beginn der 80er Jahre im Weltmaßstab.
In demselben Maße, wie die Staatsverschuldung an ihre Grenzen stieß, wurde dann die Aktienspekulation zum Hauptmotor des Krisenaufschubs. Auch hier wirkt der doppelte Mechanismus fiktiver Kapitalverwertung und virtueller Kaufkraftschöpfung. Zwar sind die astronomischen Zuwachsraten an den Börsen nur möglich, solange die Masse der ungedeckten Liquidität auch dort verbleibt und die Spirale weiter antreibt; trotzdem sickert ein nicht unerheblicher Teil davon in die Realökonomie ein und füttert dort die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. So ist mittlerweile etwa die Beleihung der hochspekulierten Aktienpakete eine der Hauptstützen des US-amerikanischen Konsums. Große Teile der Bevölkerung kompensieren ihre gesunkenen Einkommen durch Kredite, deren einzige Deckung die fiktiven Wertsteigerungen der letzten zehn Jahre an der Börse sind. Auf diese »pfiffige« Weise können sie gleichzeitig Kaufkraft schöpfen und weiterhin am allgemeinen Kettenbriefspiel teilnehmen, solange dieses eben noch funktioniert. Nicht weniger wichtig ist die »Subventionierung« auch der Unternehmens- und Bankbilanzen durch die Finanzmarktgewinne, ohne die viele Produktionszweige längst bankrottiert wären, und die über den Umweg von Investitionen, Gewinnausschüttungen und Gehältern ebenfalls der Nachfrage zugute kommen. Schließlich partizipiert auch der Staat über die Steuereinnahmen auf all diese Transaktionen direkt und indirekt an der anhaltenden Spekulationswelle. Das ist das offene Geheimnis der momentanen wundersamen Budgetüberschüsse des US-Staatshaushaltes, wie überhaupt der vielbewunderte Boom der US-Wirtschaft schon längst nur noch auf der virtuellen Geldschöpfung an den transnationalen Finanzmärkten beruht.
So hat also ausgerechnet die von den Liebhabern der »ehrlichen Arbeit« verteufelte Spekulation es ermöglicht, in den Zentren der Weltmarktgesellschaft noch einmal für mehr als zwanzig Jahre eine leidlich funktionierende Arbeitsgesellschaft zu simulieren.
Vor diesem Hintergrund muten die grassierenden linken Phantasien, den Krisenkapitalismus durch eine Besteuerung der Spekulation und eine Kontrolle der Finanzmärkte austricksen und »bändigen« zu wollen, geradezu gespenstisch an. Sie laufen auf das Paradox hinaus, »bewußt« und mit keynesianisch-linkssozialdemokratischem Anstrich ausgerechnet das zu tun, was sich als bewußtloser kapitalistischer Selbstlauf ohnehin schon vollzieht: nämlich mit dem ungedeckten Geld aus dem Finanzüberbau die Realökonomie anzuheizen und »Arbeitsplätze« zu simulieren. Sollte dieser Versuch tatsächlich unternommen werden, wäre er ein ohnehin fälliger Anlaß für den Einsturz des ganzen Kartenhauses. Die Hartnäckigkeit, mit der solche Milchmädchenrechnungen aufgemacht werden, erklärt sich aber auch gar nicht aus ihrer praktischen Relevanz, sondern aus demselben Zurückschrecken vor einer kategorialen Kritik des warenproduzierenden Systems und seiner Tätigkeitsform »Arbeit«, das auch den linken Glauben an die neoliberale Krisenbewältigung nährt.
In dieser Hinsicht unterscheiden sich die linken Beschwörer »kapitalistischer Normalität« und die Verfechter einer Spekulationssteuer nicht von den Vettern der »Neuen Mitte«, die von ihrer fanatischen Arbeitsrhetorik an die Regierung gespült worden sind. Aber nicht die »Dienstleistungsgesellschaft« steht bevor, sondern der endgültige Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft, der nach einem westlichen Finanzcrash nicht einmal mehr in den Formen von Billiglohn, Zwangsarbeit und herausgefallenen »Elendstätigkeiten« verlaufen kann. Schon jetzt ist diese Prekarisierung ebenso wie die Propaganda von »Bürgerarbeit«, »Ehrenamt« und dergleichen kein Bestandteil neuer Kapitalakkumulation, sondern eine Ansammlung von Instrumenten der sozialen Disziplinierung und der moralischen Aufrüstung, um das Ende der Arbeitsgesellschaft nicht wahrhaben zu müssen und desto härter gegen die lästigen »Überflüssigen« vorgehen zu können. Mit der offiziellen Fiktion, jeder könne »arbeiten«, wenn er nur wolle (und sei es für einen warmen Händedruck), wird die moralische Legitimation für die Definition von »Sozialschmarotzern« geschaffen, denen im Namen der »ehrlichen Arbeit« selbst die schäbigste Unterstützung gestrichen werden darf, um sie als Haßobjekt für die aufsteigende Panik der Arbeitsvolksseele freizugeben. Und wer wäre besser für diese feine englische Art der Krisenverwaltung geeignet als die klassische »Partei der Arbeit« mit einem olivgrünen Juniorpartner?
FAZIT:
Ich kann oder muss hier auf einen relativ alten (6.3.03) Artikel zurückgreifen, zum Thema Neo-Liberalismus:
Die Goldene Zeit ( 1950-80) der Wirtschaft war charakterisiert durch Schumpeters "gegenseitig respektvolle Konkurrenz" (corespective competition), die auf eine Kooperation zwischen den Firmen basierte, und nicht in einem Krieg, jeder gegen jeden. Eigentlich könnte und sollte der Wettbewerb ja nicht dazu dienen, über Massenproduktion und Preiskämpfe eine Deflation (der reellen Märkte, bei gleichzeitiger Inflation der Finanzmärkte) herbeizuführen, sondern neue Güter und Dienstleistungen anzubieten, neue Produktionsverfahren die eine sparsamere und günstigere Produktion erlauben.
Die Gesellschaft kann sich nicht alleine auf den Markt verlassen, will sie sicher sein, dass mächtige Firmengruppen so handeln, dass das Resultat auch im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung liegt.
Die Herausforderung, Institutionen zu schaffen die fähig sind, eine angemessene soziale Kontrolle der Märkte auszuüben, stellt sich jeder Generation neu. Als die Firmen noch nicht über die Landesgrenze hin ausweichen konnten, war es dem Kapital weniger möglich, die nationale Wirtschaftspolitik zu untergraben, wenn sie ihnen nicht gefiel. Ihr Schicksal war an das Gedeihen und Verderben des lokalen Marktes gebunden. Um zu wachsen und profitabel zu bleiben brauchte das Finanzkapital eine florierende Wirtschaft im Lande selbst, mit hoher Beschäftigung und wachsendem Konsum.
Und präzise
diese,
für Says Gesetz und damit die Angebotsökonomie unabdingbare Bedingung,
wurde und wird durch die Globalisierung unterlaufen.
Arbeit macht das Leben süss - aber am meisten denjenigen, die sie andern überlassen. Der Kerl der die Arbeet erfunden hat, der muss nischt zu tun jehabt haben. Berliner Volksmund |
Lohoff und Massip zeigen, wie enorm die Ausgaben der Fürsorge/Sozialhilfe gestiegen sind - weil die Arbeitslosenunterstützung zurückgefahren wurde (werden musste ...). Wo die Betriebe sparen, werden Staat, Länder (Kantone) und Kommunen (Gemeinden) zur Kasse gebeten. Da diese Kosten durch irgendwelche Steuern wieder eingetrieben werden müssen, hat die Wirtschaft schon ein Interesse, sie zu vermindern, aber nicht dadurch, dass sie sie verhindern durch eine "nachhaltige" Personalpolitik, sondern dadurch, dass sie an den Ansprüchen schrauben, daumenschrauben sozusagen. Als Versuchskarnikel dienen dabei jeweils die mit den wenigsten Rechten, also die Imigranten. Einheimische sollten sich also nicht zu sehr freuen, wenn es sozialpolitisch den Emigranten an die Gurgel geht, ihnen z.B. wie zur Zeit in der Schweiz einfach alle Rechte an Unterstützung gestrichen werden sollen (unter gewissen, für Flüchtlinge äusserst leicht zu erfüllenden Bedingungen) - denn innert Kürze werden die selben Massnahmen, ganz im Sinne der "Gerechtigkeit", auch für die eigenen Bürger gelten. Wir können das anhand von Hartz IV, anhand der 1 Euro und ähnlicher Jobs sehen, die man früher ganz einfach Arbeitslager oder Arbeitserziehung genannt hätte. [s. die 1000.- Fr. Therapie der Stiftung für Arbeit: Arbeit macht frei!]
Die Geschichte der Arbeit ist eine Geschichte des Zwangs.
Leitwert einer »selbständigen Existenz durch Arbeit« über allem; der Grundsatz der »Subsidiarität« machte die Ausrichtung auf die Arbeitsnorm zum Strukturprinzip auch dieser Abteilung des Sozialstaats. Die Sozialhilfe springt immer nur ein, sofern dem Betroffenen keine anderen Einkünfte zur Verfügung stehen, die sein Existenzminimum sicherstellen (Erwerbseinkünfte, Renten, Unterhalt usw.). Zum anderen ist der »Hilfesuchende« stets gehalten, »seine Arbeitskraft zur Beschaffung des Lebensunterhalt s für sich und seine unterhaltsberechtigten Angehörigen einzusetzen« (§ 18 Absatz 1 des BSHG). In diesem Sinn nimmt seit jeher im BSHG der sinnigerweise mit »Hilfe zur Arbeit« überschriebene Unterabschnitt 2 eine zentrale Position ein.
Daß die Gewährung von »Fürsorge« grundsätzliche Arbeitsbereitschaft verlangt, kennzeichnet den Umgang mit der Armut seit dem Siegeszug des Protestantismus und war bereits ein Merkmal des Protokapitalismus. Die »Pädagogisierung« des Fürsorgekonzepts, wie sie das BSHG charakterisiert, hat indes einen weit engeren historischen Bezugsrahmen, nämlich die Konstellation des »Wirtschaftwunders«. Das gilt in doppelter Hinsicht. Zunächst einmal paßte ein rein repressiver Umgang mit den »drop outs« nicht mehr so recht in die schöne neue Wohlstandswelt mit ihrem auf die Kombination von Massenarbeit und Massenkonsum gegründeten warengesellschaftlichen Glücksversprechen.
In den alten Bundesländern betrugen die Sozialhilfeausgaben 1985 bereits 21 Milliarden DM, um sich bis 1993 auf 43 Milliarden DM mehr als zu verdoppeln. Gab es 1980 in der BRD 2,1 Millionen Bezieher von Sozialhilfe, so stieg deren Zahl bis 1993 in den elf alten Bundesländern auf 4,3 Millionen (Quelle: Monatsbericht der Deutschen Bundesbank, April 1996). Im gleichen Maße, wie die Leistungen der Arbeitsämter zurückgefahren wurden, wurde die Sozialhilfe zum großen Auffangbecken; und ein Ende des Anwachsens der Zahl von Sozialhilfeempfängern ist nicht abzusehen. Gerade in den Hochburgen der Arbeitslosigkeit drohen die Kommunen, die für diese Leistungen zuständig sind, finanziell zusammenzubrechen, weil auf den Fluren der Sozialämter immer mehr ganz gewöhnliche Langzeitarbeitslose sitzen.
In den frühen 80er Jahren kam die administrative Verordnung von Zwangsarbeit erstmals auf die politische Tagesordnung. Keineswegs zufällig waren nicht etwa die einheimischen Arbeitslosen das erste Ziel dieser Attacke, sondern die in jeder Hinsicht allerschwächste Gruppe in der bundesdeutschen Gesellschaft, nämlich die Asylbewerber. Natürlich konnten sich die Verwaltungen damals sicher sein, daß sie das »gesunde Volksempfinden« hinter sich hatten, wenn sie diese Personengruppe zu Schikane-Arbeiten heranzogen, um ihr den Aufenthalt in diesem unserem Lande gründlich zu verleiden. Rechtssystematisch war es allerdings, gelinde gesagt, nicht gerade unproblematisch, ausgerechnet Menschen, die einem generellen Arbeitsverbot unterliegen, zum Laubrechen in die kommunalen Anlagen zu komplimentieren.
Es war nicht nur die für gewöhnlich dem Entgelt von 2,50 DM angepaßte Arbeitsauffassung der Klientel, die für Schwierigkeiten sorgte und derlei Maßnahmen wenig produktiv machte. Da §19 außerdem vorschrieb, daß die Sozialhilfeempfänger nur für »zusätzliche Arbeiten« herangezogen werden durften, war den Kommunen der Weg weitgehend versperrt, einen Teil ihrer laufenden Aufgaben durch Sozialhilfeempfänger erfüllen zu lassen, um damit an anderer Stelle Kosten einzusparen.
Zumutbar ist grundsätzlich alles, und zwar vom ersten Tag des Bezugs von Sozialhilfe an. Einem Sehbehinderten wird die Blindenhilfe des BSHG gemäß § 67 IV gestrichen, wenn er die nur symbolisch entlohnte Arbeit in einer Blindenwerkstatt ablehnt.
Besonders die nachhaltige Verschlechterung der Position von Alleinerziehenden sticht ins Auge. .., Ab dem vierten Geburtstag ist Kindchen im Kindergarten und Hort zu verwahren, auf daß Mama uneingeschränkt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehe.
Worauf dieser Umbau und die laufenden Verschlechterungen zielen, ist unschwer zu erkennen. Die Sozialhilfe soll sich nicht mehr am Leitbild des Normalarbeitsverhältnisses orientieren und sich daher auch nicht mehr um die Reintegration von »drop outs« in die Arbeitsnormalität bemühen. Sie soll vielmehr als Durchlauferhitzer funktionieren, und möglichst viele Menschen möglichst schnell und geräuschlos in irreguläre und ungesicherte Billiglohn-Verhältnisse zu schleusen. Je unattraktiver die Sozialhilfe und je weniger sie dem Bedürftigkeitsprinzip verpflichtet ist, desto mehr wachsen der Zwang und die Bereitschaft, sich auf vollkommen prekäre Arbeitsverhältnisse einzulassen.
Die Sozialhilfe soll ihrem Empfänger das Existenzminimum in dieser Gesellschaft sichern. Hilfe zum Lebensunterhalt umfaßt dementsprechend nicht nur den Regelbedarf für den Haushaltsvorstand (derzeit 538 DM) und dessen Angehörige (bei Kindern bis 14 Jahren beispielsweise derzeit 484 DM), sondern auch die Miet- und Heizkosten und einige kleinere Posten (z.B. halbjährliches Kleidergeld, Beiträge für Haftpflicht- und Lebensversicherung etc.). Sowenig luxuriös diese finanzielle Ausstattung auch ist, gerade bei Familien mit Kindern liegt sie oft über dem Einkommen, das durch Arbeit in den expandierenden ungeschützten Billiglohnsektoren zu erzielen ist. In der herrschenden Diskussion wird der Skandal aber nicht etwa im erbärmlichen Lohnniveau dieser Sektoren gesehen, sondern im fehlenden »Abstand« zwischen Sozialhilfe und Niedriglohnsektoren. Mit anderen Worten: Das Bedürftigkeitsprinzip selber steht zur Disposition. Die Sozialhilfe soll nicht mehr das Existenzminimum sichern, ihre »Höhe« soll sogar zur Aufnahme von Arbeit zwingen, deren »Lohn« selber das Existenzminimum kaum noch oder gar nicht mehr gewährleistet.
Auch der Abschied vom Bedürftigkeitsprinzip wurde der Einfachheit halber zuerst an den Asylbewerbern exekutiert. Mit dem Asylbewerber-Leistungsgesetz wurde deren Versorgung aus dem BSHG herausgenommen und ein neuer »Existenzminimalismus« unter dem Existenzminimum definiert.
In einer Zeit, in der »Arbeit« für die Reichtumserzeugung zunehmend überflüssig und die Arbeitskraft daher auf den »Arbeitsmärkten« immer unverkäuflicher wird, soll der Schein der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft gewaltsam und mit immer brutaleren Zwangsmaßnahmen gewahrt werden. Wer sich nicht der Arbeit für fremdbestimmte und nachgerade absurde Zwecke »bedürftig« zeigt, gilt als überhaupt nicht bedürftig und als des Lebensunterhalts nicht mehr »würdig«. »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.« Dieses erste und letzte Gebot des Liberalismus, das schon immer auch sozialdemokratisches Grundsatzprogramm war, kehrt sich nun gegen die »überflüssigen« Massen und wird um so härter exekutiert, je deutlicher wird, daß es sich selber ad absurdum geführt hat. Es ist hohe Zeit, gegen einen juristischen Systembruch Widerstand zu leisten, der buchstäblich die Existenzberechtigung von Menschen in Frage stellt, und diesem Vorgehen der Armutsverwaltung einen Systembruch mit der arbeitsgesellschaftlichen Ordnung selbst entgegenzusetzen.
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Virus Warnung!!! Es gibt einen neuen, äußerst gefährlichen Virus der verheerende Auswirkungen haben kann. Microsoft, IBM, Coca Cola, Symantec und auch sämtliche Raiffeisenbanken haben seine Existenz schon bestätigt! Der Name des Virus ist ARBEIT. Wenn Du "ARBEIT" von irgendwo bekommst, ob von Deinen Kollegen oder von Deinem Chef, via E-Mail oder via Internet, öffne es nicht, schau es nicht an und rühre es auf keinen Fall an! Wir haben diesen Virus seit einiger Zeit in unseren Gebäuden und Systemen und jeder der die ARBEIT geöffnet hat, musste feststellen, dass sein komplettes Privatleben gelöscht wurde und das Gehirn seine normalen Funktionen aufgegeben hat. Wenn Du via E-Mail ARBEIT bekommst, kannst Du es nur vernichten, indem Du (ohne es zu öffnen) per E-Mail erwiderst: "Ich habe schon genug ARBEIT von Ihnen erhalten, es reicht! Ich bin in eine Kneipe gegangen." Auf diesem Weg vergisst Dein Gehirn die ARBEIT. Wenn Du ARBEIT in Papierform bekommst, auf gar keinen Fall beachten! Nicht lesen, sondern sofort in den Papierkorb weiterleiten!!! Nimm Deinen Mantel und Hut sowie zwei gute Freunde oder Freundinnen mit und gehe sofort in die nächstgelegene Kneipe und bestelle drei Bier. Wenn Du dies 14 mal wiederholst, wirst Du sehen, dass Du die ARBEIT aus deinem Gehirn vollständig gelöscht hast. Leite diese Warnung sofort an sämtliche
Freunde und Kollegen weiter, die in Deinem Adressbuch stehen. |
Karl-Heinz Wedel kritisiert hier die falschen Erwartungen, die von Politikern, Arbeitsämtern insbesondere aber von den Bildungsanstalten und Bildungsanbietern selbst geweckt werden. Dinge die von mir in Hilft Bildung gegen Arbeitslosigkeit? und unter dem Stichwort Bildungszwang behandelt wurden.
Wehrten sich die Studenten früher gegen die Verschulung von oben, so wehren sie sich heute offenbar für eine marktangepasste Ausbildung. Folglich wird heute jeder Scheisslehrgang unter dem Schlagwort: "Der Markt braucht" verkauft. Wem seine Ausbildung dennoch nichts nützt, bleibt ein Versager, während die Ausbildungsstätte von dem Mangel unbehaftet bleibt, insbesondere als sie vermutlich längst auf ein anderes Feld geändert hat. Ich erinnere mich an die Mitte der 90er, als Umwelt noch im Schwung war und auch von St. Gallen in den höchsten Tönen gepriesen wurde. Ein paar Jahre später hiess es: Unsere Absolventen sind karrierebewusst, auf dem Feld sind die Chancen nicht entsprechend. Die Absolventen des vorher angepriesenen Kurses waren vermutlich noch nicht mal recht von der Schule runter. Für die Erhöhung der Chancen am Arbeitsmarkt muss dauern gelernt werden, in der Freizeit natürlich, auf eigene Kosten wie auf eigenes Risiko ... dass das Erlernte sich bei Abschluss als marktuntauglich erweist, einfach weil es bereits zu alt - oder eben für den beworbenen Betrieb zu neu ist. Bildung ist Business. Wer hier investiert muss heute genau so gerissen sein wie ein Börsenspekulant.
Während jede Ausbildungsstätte hohen Marktwert der Ausbildung verspricht, dürfte aber nur ein sehr geringer Teil diesen Anforderungen gerecht werden. Dies vor allem weil Schulen gehalten sind, wissenschaftliches Wissen zu vermitteln, während dem Wirtschaft mit Wissenschaft so viel zu tun hat, wie ein Apfelkuchen mit Differentialrechnung. Wirtschaftliche geschicktes Verhalten basiert weitaus mehr auf listigem als auf wissenschaftlich fundiertem Handeln.
Unter den als unabänderlich hingenommenen Bedingungen globalisierter kapitalistischer Konkurrenz, struktureller Massenarbeitslosigkeit, zunehmender sozial-ökonomischer Verelendung und im Zeichen gekürzter Bildungsetats ist die tatsächliche oder behauptete Verwertbarkeit von Wissen längst zum einzig anerkannten Legitimationsargument geworden.
Nicht das Entwickeln von persönlichen Neigungen und Interessensschwerpunkten, nicht die Möglichkeit, sich reflexiv mit selbstgesetzten Themen eingehend auseinanderzusetzen, sondern die bedingungslose Herrschaft des abstrakten betriebswirtschaftlichen Nutzendenkens prägt spätestens seit Ende der Achtziger den Horizont der Bildungsdiskussion.
... ein Protest, der sich nicht etwa gegen die Zurichtung für den deregulierten Arbeitsmarkt richtete, sondern im Gegenteil eine adäquate Zurichtung einklagte. Genau die können aber die Massenuniversitäten nicht mehr bieten. Forderungen nach mehr »Kreativität«, »Teamfähigkeit«, »Kommunikationskompetenz« usw. brechen sich an den erstarrten Strukturen und den schrumpfenden Etats, und die vielbeschworenen Schlüsselqualifikationen sind an den Hochschulen einfach nicht zu erwerben.
Nur wegen ihrer blinden Fixierung auf die kapitalistischen Kriterien und Funktionsmechanismen erhielten die »ganz normalen jungen Leute« von allen Seiten Beifall und Zustimmung. Von Hundt und Co. über die Professorenschaft und die Massenmedien bis zu den Politikern jeder Couleur findet eben das bürgerliche Bewußtsein nichts sympathischer und anerkennenswerter als die bedingungslose Unterwerfung unter die Systemgesetze der »zweiten Natur«. Um so besser, wenn diejenigen, die sich erst noch auf ihre Verwertung vorbereiten, diese Unterwerfung schon offensiv praktizieren und jede Wissens und Kompetenzaneignung nur noch unter dem Aspekt der späteren Markttauglichkeit beurteilen. Dieser grauenhaft banale Tatbestand darf aber nicht als solcher ausgesprochen werden, sondern geht als blinde Voraussetzung in die aktuelle »Bildungsdiskussion« ein und wird, wenn auch mit immer hohleren Phrasen, doch noch irgendwie schönzureden versucht. »In einer Zeit, in der Maschinen und Computer uns immer mehr die anspruchslosen Arbeiten abnehmen, wird für das Unternehmen der Zukunft Persönlichkeitsbildung, Phantasie, Kreativität, geistige Beweglichkeit und Einfühlungsvermögen immer wichtiger. Künstlerische Bildung wird dabei eine immer bedeutendere Rolle spielen« (Die Deutsche Schule, im folgen den DDS, H.9/10/ 1998, S. 12). In dieser Manier versucht ein Kunsterzieher die wohl zweifelhafte betriebswirtschaftliche Nützlichkeit seines Faches glaubhaft zu machen.
Inzwischen hat sich diese Rechtfertigungsideologie für die Haltung >Jeder-ist-sich-selbst der-nächste< erfolgreich durchgesetzt. Welche Gewerkschaft in Deutschland sieht nicht ihre allererste Aufgabe darin, unseren Standort gegen den Rest der Welt zu verteidigen. Wenn wir nicht aufpassen, nehmen uns die >anderen< die Arbeitsplätze weg« > SP
War in den 70er und 80er Jahren das studentische Denken über die berufliche Zukunft angesichts schlechter Karrierechancen eher von positiv besetzter Unbestimmheit geprägt, so hat sich mittlerweile, je prekärer die Arbeitsplatzperspektiven wurden, eine Haltung des Mitmachens um jeden Preis durchgesetzt. Wesentlich dafür ist, neben dem kaum noch in Frage gestellten Elitedenken, ein ungeheurer Selbständigkeits- und Selbstverantwortungsfetischismus. Ist der Weg zu einer gesicherten Berufskarriere verbaut, fabulieren sich die dynamischen Jungakademiker mit »innovativen« und »vielversprechenden« Geschäftsideen eben ihr erzwungenes Elendsunternehmertum als Aufbruch zur neuen Dienstleistungsgesellschaft zurecht.
[s. Generation P]
Dem Gott dieses Gemeinwesens, der Arbeit, muß eben bedingungslos geopfert werden. Und da in Zeiten der High-Tech-Verwertung immer weniger Arbeitsmonaden in den produktiven Kernsektoren des Weltmarkts nötig sind, muß die stattfindende Selektion und die damit einhergehende soziale Hierarchisierung schöngeredet werden. Das liest sich dann so: »Wenn wir uns als Bildungsziel darauf verständigen können, junge Menschen auf ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung vorzubereiten, reicht dafür kein >Laissez-faire<, sondern wir müssen schon auch deutlich machen, dass Freiheit anstrengend ist, weil eben jeder die Ergebnisse seiner Freiheit zunächst selbst verantworten muss. Kurz: Wir brauchen eine neue Kultur der Selbständigkeit und Verantwortung!« (Roman Herzog, Aufbruch in der Bildungspolitik, in Rutz (Hg.) 1997, S. 19).
Vielmehr ist das Leitbild der Zukunft der Mensch als Unternehmer seiner Arbeitskraft und Daseinsvorsorge. Um sich diesem Leitbild zu nähern, muss der Staat die von ihm gesetzten Rahmenbedingungen so umgestalten, dass individuelle Initiative und Verantwortung geweckt und gefördert werden.... Von diesen Menschen gibt es - wie nicht zuletzt die Beschäftigungsprobleme und die Krise der Sozialsysteme zeigen - zu wenige. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass die Ausbildung in Schulen, Hochschulen und selbst Betrieben nicht hinlänglich von einer unternehmerischen Kultur geprägt wird. Unternehmerische Begabungen werden - wenn überhaupt - eher zufällig gepflegt und gefördert. Deshalb müssen künftig bei Schülern, Auszubildenden und Studenten gezielt Eigenschaften wie Selbständigkeit, Verantwortungsbewußtsein, Eigeninitiative und Leistungsbereitschaft entwickelt werden« (zitiert nach DDS H.11/12 1998, S. 5).
Dies ist das höchst offizielle neoliberale Leitbild, mit dem die fundamentale Krise des warenproduzierenden Systems auf das individuelle Versagen der Subjekte zurückgeführt und damit zum Verschwinden gebracht werden soll.
»>Qualifikation< macht den Arbeiter zu seinem eigenen Unternehmer, der Ausrichtung und Ausmaß seiner Qualifikation meistbietend verkaufen kann. Er belohnt freilich, adäquat zu den allgemeinen Erfolgsbedingungen des Marktes, Risiko, Mobilität, Wechselfreudigkeit und schnelle Anpassung« (Rank 1995, S. 205).
Verantwortlich für die Absatzprobleme der Ware Arbeitskraft soll nicht etwa die ins Unermeßliche gesteigerte Produktivität sein, sondern eine unterentwickelte »unternehmerische Haltung« der Arbeitssubjekte. Wer scheitert, ist also selber schuld, ganz nach dem Muster, mit dem schon der Zusammenbruch einer ganzen Weltregion, der staatssozialistischen Abteilung der Arbeitsgesellschaft, und das Scheitern der dortigen ökonomischen Reformen »erklärt« wurde.
Das Subjekt als Planungsbüro der »Risiken«
Die Krise der Arbeit und die damit verbundende Auflösung der relativ stabilen fordistischen Arbeitsverhältnisse führte denn auch in den letzten Jahrzehnten zu einer zunehmenden sozialen Desintegration. Erst auf diesem Boden der »reifen« Arbeitsgesellschaft kann das neoliberale Leitbild des Menschen als Unternehmers seiner Arbeitskraft in breitem Maßstab plausibel gemacht werden.
Offenbar hat die Mehrheit der Jugendlichen erkannt, dass - wie es Ulrich Beck ausdrückte - der einzelne bei Strafe seiner permanenten Benachteiligung zu lernen habe, sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro bezüglich seines eigenen Lebenslaufs, seiner Arbeitstätigkeit und Orientierung zu begreifen. Doch nur relativ wenige sind in der Lage, diese Einsicht ohne entsprechende Aus- und Weiterbildung auch tatsächlich umzusetzen« (Kutscha, Gew. Bildungspolitik, H. 5/6 1998, S. 7).
Das Obsoletwerden der abstrakten Arbeit, also des Fundaments der kapitalistischen Verwertung, und die daraus folgende gesellschaftliche Krise wird so zum persönlichen »Risiko« der vereinzelten einzelnen umdefiniert.
Arbeiten am Arbeitsvermögen
Bei der Verwirklichung dieses Selbstunternehmerlnnentums spielt der Fort- und Weiterbildungsbereich eine wichtige Rolle, weshalb sich dessen Inhalte und Strukturen in den letzten Jahren dementsprechend ausgerichtet und verändert haben. Ein wesentlicher Aspekt ist auch hier die Individualisierung der Verantwortung. Sorgten im fordistischen Normalarbeitsverhältnis im allgemeinen die Unternehmen für die Fortbildung des »Humankapitals«, so fällt nun diese Anforderung an die einzelnen Subjekte zurück. Von der Verkäuferin über den Facharbeiter bis zum Spitzenmanager: Sie alle müssen als selbständige Arbeitsverausgabungseinheiten immer auf dem aktuellsten technologischen und sozialkommunikativen Wissensstand sein. Daß die Konkurrenz bekanntlich nicht schläft, ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen: »Wer sich nach Feierabend und am Wochenende weiterbilden will, muss bereit sein, im Privatleben eine Weile zurückzustecken. Für Familie und Freunde bleibt nicht mehr soviel Zeit wie bisher, Müdigkeit, Motivationskrisen sind ständige Begleiter. Und: vor Prüfungen wird's besonders hart. Doch die Anstrengung zahlt sich später meistens aus« (Brigitte, S. 50). Für das moderne Individualunternehmen haben sich die Maschinenlaufzeiten eben geändert. Konnten früher nach der Schicht die Maschinen runtergefahren werden, so müssen nun Zusatzaggregate wie Computerkurse, Sprachunterricht und BWL-Seminare angebaut werden. Entsprechend verengt sich auch das Angebot von Bildungseinrichtungen in diesem Bereich: »Die öffentlichen oder öffentlich geförderten Träger gehen ... immer mehr dazu über, ihre Angebote nach dem Kriterium der Verwertbarkeit auf dem Markt zu konzipieren und ins Programm zu nehmen. Das sind v. a. solche, die den potentiellen TeilnehmerInnen entweder höhere Chancen der Vermarktung ihrer Arbeitskraft bieten (zur Zeit z. B. EDV-Kurse aller Art) oder dem psycho-hygienischen und körperlichen Wohlbefinden dienen (hierzu z. B. Kurse zu unterschiedlichen Meditationsformen, aber auch die beliebten Sprachkurse, um sich für die große Reise ins Ausland zu präparieren.)« (DDS, H. 7/8 1997, S. 4f.). s. permanente Weiterbildung /Bildungszwang
Entscheidend ist zunächst gar nicht so sehr der wirtschaftliche Erfolg oder Mißerfolg der neoliberalen Krisenverwaltungsstrategie, sondern allein deren psychologische Wirkung und Verarbeitung durch die Individuen. Solange sie permanent damit beschäftigt sind, sich als »Unternehmer ihrer Arbeitskraft zu betätigen, werden sie kaum realisieren wollen, daß das System, auf das sie sich dabei beziehen, unwiderruflich zerbricht. So gelingt es der Warengesellschaft, wenigstens für eine Zeitlang, die bloße Form der wertförmigen Vermittlung zu wahren, obwohl deren Inhalt, die Arbeitssubstanz, obsolet wird und deshalb auch keine kohärente soziale Integration mehr gewährleisten kann. Anknüpfen kann sie dabei am subjektiv verinnerlichten, pathologischen Selbstzwang zur Arbeit. Die als vereinzelte einzelne konstituierten Individuen tauschen lieber ihre Normalarbeitsverhältnisse gegen eine prekäre Existenz als Selbstunternehmer, Kleinselbständige und Marktlückenmänner und -frauen ein, als die Kategorien und Imperative ihrer gesellschaftlichen »zweiten Natur« grundsätzlich in Frage zu stellen und sich mit den fundamentalen Ursachen der gesellschaftlichen Krise auseinanderzusetzen. Das System des Geldverdienenmüssens und des Arbeitszwangs wird damit nicht nur vorläufig weiter aufrechterhalten, mit dem Selbst- und Kleinstunternehmer betritt gerade am Ende der Arbeitsgesellschaft ein widerwärtiger Apologet und altbekannter Spießbürger die Bühne der Geschichte, um noch einmal das Loblied der Arbeit abzuleiern. Vom Bewußtsein, das diesen Typus auszeichnet, berichtet schon Max Weber in seinen Studien über die Durchsetzung der protestantischen Ethik in den puritanischen Sekten zu Beginn der Neuzeit. Genau diese dort analysierte rastlose Selbstverpflichtung gegenüber dem Gott der Arbeit ist es, die tragischerweise nun am Ende der kapitalistischen Moderne in säkularisierter Form eine Renaissance erlebt. Der Bildungsbereich ist dabei geradezu prädestiniert, die Individuen durch inneren oder äußeren Zwang in ständiger Bewegung zu halten, indem jedes Herausfallen als individuelles Versagen aufgrund angeblich mangelnder Qualifizierung und fehlenden Wissens erklärt wird. So können die einzelnen zwar nicht mehr mit ihrer Arbeitskraft arbeiten, doch ständig an ihr. Für Individuen, die sich dem Diktat der Warenform widersetzen und eine Perpektive jenseits von Arbeit, Ware, Geld und Kapital suchen, wäre es hingegen nur wichtig, etwas zu vermögen, ohne zu arbeiten.
Diese Dressur zur Arbeit als einzig sinnvoller Nutzung der Zeit geschah vor allem durch die protestantischen Fundamentalisten ihrer Zeit, die Pietisten: Die bis zur Methode gesteigerte Verdammung jeder Untätigkeit, jeder Zeitvergeudung, wirkte nachhaltig auf die Geselligkeitskultur des ganzen Jahrhunderts; die totale Ausrichtung auf das Arbeitsprinzip vernichtete das Streben nach Luxus und selbstzweckhaften Umgangsformen. [Macht des Wissens. Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft. Richard van Dülmen, Sina Rauschenbach [Hrsg.] Böhlau Verlag Ag, Köln, Weimar, Wien. 2004]. Auch heute sind es präzise die selben Kreise die uns einreden wollen, Globalisierung, mehr Wettbewerb, Restrukturierung etc. seien gottgegeben, pardon, vom Markt gewollt, notwendig und nur absolut nur positiv in ihren Auswirkungen. Wir müssen mehr und härter arbeiten, damit es uns besser geht, unser Wohlstand steigt. Obwohl das Ziel längst ein irdisches und kein ewiges mehr ist, obwohl der Markt längst nicht mehr von der unsichtbaren Hand, sondern von Finanzmärkten bestimmt wird, die nicht nach ethischen, sondern nach Prinzipien von Vor-Macht und Vor-Herrschaft agieren, werden die Arbeitnehmer, 300 Jahre später, immer noch mit den selben Argumenten dressiert. Weder leichtere Arbeit, noch kürzere Arbeitszeit, noch mehr Genuss soll ihnen gestattet sein.
Beszent schildert den Umbau, oder vielleicht besser, den Zusammen- und Abbruch von Ostdeutschland.
Die Verfaßtheit des Gemeinwesens als »Arbeiter- und Bauernstaat« - in der Praxis zwar obsolet, doch politisch-ideologische Verpflichtung - verbot es, Konkurrenz zum ökonomischen Funktionsprinzip zu machen. Insbesondere die Ware Arbeitskraft war davon ausgenommen. Also: kein freier Arbeitsmarkt, keine Arbeitslosigkeit und damit kaum individueller Leistungsdruck. Im Gegenteil: geringe Spanne zwischen niedrigen und höheren Einkommen, starke soziale Absicherung und daher eine in sozialökonomischer Sicht im wesentlichen egalitäre Gesellschaft.
An die Stelle der allgegenwärtigen Konkurrenz trat die Anleitung und Kontrolle des arbeitenden Individuums durch den Staatsapparat und die »gesellschaftlichen Organe«. Arbeit erschien als das Leben an sich - die Stellung des einzelnen dazu als Teilhabe am gesamtgesellschaftlichen Prozeß. Der Befund jedoch ist paradox: je totaler die staatlich gesteuerte Integration des Individuums in die Arbeitsgesellschaft - desto geringer die Verinnerlichung des Zwangs zu Arbeit und Leistung als Lebenszweck und desto leichter und häufiger das temporäre Abtauchen des einzelnen in die Nischen des Arbeitsalltags, in denen eine Vielfalt der Lebensfreiheiten überdauerte, die im »freien Westen« rigoros ausgetrieben wurden.
In der späten Ulbricht-Ära wurde hauptsächlich mit den Mitteln der politisch-ideologischen Beeinflussung versucht, die Werktätigen zu höheren Arbeitsleistungen anzuspornen. Dies funktionierte allerdings nur bei einer Minderheit - und auch bei denen nicht auf Dauer. Versprechungen auf eine bessere Zukunft machen halt allein nicht satt. Die betreffenden Arbeiter waren bald als »Normbrecher« verschrien und äußerst unbeliebt - was sie dann irgendwann dazu bewog, sich wieder dem üblichen Arbeitstempo anzupassen.
Plane mit, arbeite mit, regiere mit!
Da grundlegende Kritik an den Planvorgaben durchaus auch als »feindlich-negative Einstellung« gewertet werden konnte, verwundert es wenig, daß die Mehrzahl der Angesprochenen an einer echten Diskussion überhaupt nicht interessiert war. Außerdem wußte jeder, daß die zu diskutierenden Fakten nur in mehrfach gefilterter Form zu den Adressaten kamen. Die »Plandiskussionen« (sofern sie überhaupt durchgeführt wurden und nicht nur auf dem Papier stattfanden) führten also nur in seltenen Fällen zum Ziel.
Um die wissenschaftlich-technische Modernisierung der Volkswirtschaft voranzutreiben, war nach dem Willen der realsozialistischen Ideologen die Arbeiterklasse gefragt. Das auf seiten der technischen Nomenklatura kaum vorhandene Interesse, auch nur die schlichteste Rationalisierung nach westlich-kapitalistischem Vorbild durchzusetzen, sollte durch ständige wissenschaftlich-technische Neuerervorschläge der Beschäftigten ausgeglichen werden. Die Beteiligung war mäßig. Die technischen Leitungen der Betriebe waren in der Regel wenig davon angetan, sich von Produktionsarbeitern in ihr Ressort hineinreden zu lassen. Und diese spürten von sich aus auch nicht den geringsten Antrieb, ihren Vorgesetzten das Denken abzunehmen.
Gemäß den Vorgaben der realsozialistischen Ideologie sollte in der Volkswirtschaft die »kapitalistische Arbeitshetze« durch eine freiwillige und bewußte Unterordnung der Beschäftigten unter die Notwendigkeiten der Produktionsmaschinerie ersetzt werden
Als es im Jahre 1989/90 plötzlich ums Sein oder Nichtsein der volkseigenen Betriebe ging, verfielen die meisten eben noch »sozialistischen« Leiter und frischgebackenen Manager in einen wilden Machtrausch und warfen alle Leute hinaus, auf die sie meinten, irgendwie verzichten zu können. Den wirtschaftlichen Zusammenbruch ihrer Betriebe hielt dies in der Mehrzahl der Fälle natürlich nicht auf.
Als eigentliche Arbeit wurde bald die Tätigkeit in der Freizeit angesehen - entweder der Datschenbau oder hochbezahlte Schwarzarbeit, die zeitweilig sogar in Gestalt von »Feierabendbrigaden« legalisiert wurde. In den Betrieb ging man nur noch zur Erholung und um sich die benötigten Materialien und Geräte »heranzuorganisieren«. Statt sich mit den volkswirtschaftlichen Aufgabenstellungen der Partei der Arbeiterklasse zu identifizieren, saß das Proletariat in seiner Nische.
Von der in den 80er Jahren heranwachsenden Generation ging kaum noch jemand freiwillig in die Produktion. Wer irgendwie konnte, suchte sich ein warmes Plätzchen in der Verwaltung oder im Sicherheitsapparat. Mehr und mehr Menschen sahen in der niedergehenden DDR gar keine Zukunft mehr und versuchten, dem untergehenden Staat zu entkommen.
Für normale DDR-Bürger war die eigene Arbeit entweder Sinn und Zweck des Lebens überhaupt gewesen, oder sie hatten sich zumindest (wenn auch notgedrungen) einigermaßen angenehm in den vorhandenen Freiräumen des Arbeitsalltags einrichten können. Für die einen brach nun eine Welt zusammen, als sie selbst als »nicht mehr verwertbar« und damit als überflüssig galten. Den anderen wurde es sauer, als leistungswütige West-Manager von einem Tag zum anderen Arbeit einführten, wie sie deren Begriff entspricht: höchste Verdichtung, brutale Durchrationalisierung, unerbittlicher Zeittakt und Austreibung aller Reste von Gemächlichkeit und »dysfunktionaler« sozialer Beziehungen.
Das rabiate Überstülpen des ökonomischen und politischen Systems der alten Bundesrepublik über die angeschlossene OstRegion, die bewußt betriebene Entwertung zahlloser Biographien sowie die täglichen Zumutungen einer Gesellschaft, in der der Mensch nichts, sein Kontostand jedoch alles bedeutet, verkehrten den besoffenen Einheitstaumel des Jahres 1990 bald in sein Gegenteil - bis hin zur Verklärung des vierzigjährigen Versuchs, auf nicht-kapitalistische Art zu wirtschaften. Der vielerorts schwelende Unmut hat sich bisher lediglich in Wählerstimmen für eine ostdeutsche Regionalpartei mit sozialistischem Image niedergeschlagen oder gar rechtsradikale Einstellungen und Gewalt gefördert - aber auch zu einer (bewußten oder unbewußten) Verweigerungshaltung vieler DDR-geprägter Menschen gegenüber Konkurrenzdenken und den Normen betriebswirtschaftlicher Rentabilität geführt. Ob sich diese Verweigerungshaltung bei maßgeblichen Bevölkerungsteilen im inzwischen hoffnungslos verarmten Ostdeutschland irgendwann einmal in Formen des Wirtschaftens jenseits von Staat und Markt niederschlägt oder ob die Region in einer barbarischen Gemengelage mafiöser Strukturen und faschistischer Gruppierungen versinkt, das wird die Zukunft zeigen.
Hildebrandt kritisiert den Ansatz »Neue Arbeit« (New Work) von Frithjof Bergmann, Philosophieprofessor an der University of Michigan, wie ich in Gute Arbeit. Bergmann hat zwar richtig erkannt, dass die Lohnarbeit Sklavenarbeit ist, versucht aber die Befreiung daraus auf die Freizeit zu verlegen, in der auf Balkon- und Dachgärten Gemüse gepflanzt wird, das Konzepte der Unterwerfung unter fremdbestimmte Ziele aber nie und nirgends hinterfragt wird. Die Wirtschaft liebt natürlich solch fügsame und friedliche wochenend-veränderungs-Professoren die Kritik auf die Innerlichkeit beschränken! Der Effekt scheint auch der zu sein, dass sich die Teilnehmer besser mit den Gegebenheiten abfinden können ....
Hauptproblem der Projekte dürfte sein, dass sie von Sponsoren oder staatlicher Unterstützung abhängen - also keine echte Alternative zum Duo "Marktwirtschaft und Sozialamt" darstellen.
Haupteffekt der Projekte ist es, die Menschen zu scheinselbständigen Kleinstunternehmern zu machen, die sich am Markt orientieren - und ihre "Berufung" am Wochenende praktizieren. Deshalb Hildebrandts treffender Titel. Neu scheint an dieser "Neuen Arbeit" echt nicht viel.
Elementar ist demnach der identifikatorische Bezug des Individuums auf die eigene Lebenspraxis. Ein Selbst besitze sich und sei insofern nur dann frei, wenn es als handelndes sich mit den grundlegenden Elementen seines Tuns identifizieren könne. Daraus folgt für Bergmann nicht, daß die Masse der allerorts erbittert um ihren Arbeitsplatz kämpfenden Lohnarbeiter frei sei. Er hat den Begriff des »wirklich, wirklich wollen« geprägt und will damit sagen, daß nicht jede zur Schau getragene Identifikation mit einer Tätigkeit kurzerhand als das zu nehmen ist, als das sie sich ausgibt. Wiewohl die meisten Menschen auf den ersten Blick ihre Integration in das kapitalistische Beschäftigungssystem wollen, ist diese Identifikation nach Bergmann trügerisch, denn sie wollen gerade die Verhältnisse, die eine wirkliche Identifikation mit der eigenen Tätigkeit unmöglich machen und die zugleich dafür verantwortlich sind, daß die Menschen unter der »Armut der Begierde« (ein von Bergmann favorisierter Ausdruck) leiden. Bergmann spricht von der Verarmung und partiellen Abtötung der Fähigkeit zum Wünschen, Herausfinden und Benennen-Können dessen, was die Menschen »wirklich, wirklich wollen« könnten.
Für viele »New Work«-Aktivisten und letztlich auch für Bergmann ist das ein Heilsversprechen, für dessen Verwirklichung es keiner grundlegenden Transformation der sozialökonomischen Verhältnisse bedarf; vielmehr wird die Frage der Realisierung dieser Art der Selbstschöpfung in der Arbeit auf ein Problem der Innerlichkeit und des einsamen Subjektes, das für sein Geschick ganz allein verantwortlich zu sein scheint, reduziert. Eine Projektanleiterin brachte es auf die Formel: »Der Kern von >New Work< ist, sich der Freiheit und der persönlichen Erfüllung, welche nicht von Veränderungen der äußeren Umstände abhängen, zu widmen.«
Das derzeitig dominierende Verständnis von »New Work« könnte somit auf eine Verkaufsstrategie für die Aktivisten hinauslaufen, auf ein (nicht unbedingt bewußt veranstaltetes) Marketing für die eigene Verwertbarkeit auf dem deregulierten Arbeitsmarkt. Denn dort ist ja längst nicht mehr der fordistische Lohnarbeitertypus gefragt, der zwar mit Zähnen und Klauen seine Arbeit verteidigt, sie aber dennoch eher, mehr oder minder bewußt, als ein unvermeidliches Übel, als Mittel für die Existenzsicherung betrachtet. Diese reservierte Haltung ist heute nicht mehr gefragt; der Arbeitsmarkt hat sich zum totalen Persönlichkeitsmarkt fortentwickelt, auf dem ein brutaler Wettkampf um das arbeitsträchtigste Image der Arbeitskraftanbieter tobt. Erwünscht ist die hundertprozentige Identifikation mit der Arbeit, eben: »DOING WHAT YOU LOVE« oder im Klartext: das zu lieben, was man tun muß, und sich auch gar nicht mehr anders vorstellen zu können. In diesem Sinne drückt die ohne jeden Anspruch auf Gesellschaftskritik formulierte Bilanz eines Projektteilnehmers, wonach das »New Work«-Projekt »uns vorbereitet hat für den Job-Krieg«, eine gewisse Wahrheit aus. Ein anderer Teilnehmer weiß von dem Nutzen von »New Work«-Projekten folgendes zu berichten: »Die Leute haben gelernt, wie man am besten in der Gesellschaft funktioniert.«
Die Fragen, ob »New Work« dem Konzept des »Lean Management« (Abbau des mittleren Managements und stärkere Eigenverantwortung der Betriebsbasiseinheiten) verwandt und ob der Sinn von »New Work« die Verbesserung des »Humankapitals« sei, wurden bejaht. Bedarf es noch der Erwähnung, daß solche überzeugten und leidenschaftlichen »New Work«-Unternehmer wohl kaum die von Bergmann gelegentlich verkündete Perspektive einer Emanzipation vom kapitalistischen Beschäftigungssystem teilen, sondern das ganz banale Ziel einer betriebwirtschaftlichen Rationalisierung im Auge haben?
Ist es bei alledem verwunderlich, daß Bergmann häufig weniger als Vertreter einer Utopie von einer lohnarbeitsfreien Gesellschaft wahrgenommen wird, sondern viel eher als ein Diagnostiker, der weiß und verkündet, wohin sich ein entfesseltes kapitalistisches Arbeitssystem entwickeln wird? Der Wissenschaftler Michael Kent, in dessen Universitätsbüro ein großes Poster mit einem Bild von Bergmann hängt, sagt zu »New Work«: »>New Work< ist ein Teil von dem, was die Zukunft der Arbeit ist.« Kurzum: »New Work« ist ein bloßer Abdruck des globalisierten und deregulierten Krisenkapitalismus und seiner blinden Dynamik.
Bergmanns Idee vom »wirklich, wirklich wollen«, eine Idee, die er vorzugsweise mit der religiösen Kategorie des »Calling« (Berufung) beschreibt, ist dem Anspruch nach nicht fixiert auf das Trugbild einer »Selbstverwirklichung« in der Lohnarbeit. Hier gibt es Diskrepanzen zwischen den Vorstellungen einiger »New Worker« und ihrem Vordenker. Das Handeln nach der eigenen Berufung soll, nach Bergmanns Überlegungen, hauptsächlich außerhalb der Job-Arbeit stattfinden. Deswegen setzt er auf die möglichst drastische Verkürzung der Arbeitszeit und ist einer der engagiertesten Befürworter von Jobkiller-Technologien.
In den letzten 15 Jahren gab es so gut wie keine Unternehmen, die auf breiter Front und dauerhaft Raum für »Callings« im Sinne der Bergmannschen Idee geschaffen haben.
Im Living Wall Garden Project in Vancouver, nach Bergmann das Vorzeigeprojekt des »New Work«, gab es in einer Fünftagewoche gerade mal einen Tag, an dem die Teilnehmer aufgefordert waren, sich um ihre »Berufung« zu kümmern. Dabei ist es Bergmann selbst, der immer wieder zu Recht betont, daß man nicht an einem Tag in der Woche das herausfinden und machen kann, was man »wirklich, wirklich will«. Deswegen propagiert er längere Auszeiten (ein halbes Jahr oder mehrere Jahre) von der Lohnarbeit. Das Problem ist nur, daß die »New Work«-Projekte entweder von Sponsoren oder häufiger noch, wie auch in diesem speziellen Fall, von staatlicher Unterstützung abhängig sind. Der Glaube, es solchen Geldgebern, deren Hauptkriterium für die Vergabe von Geldern die ökomomische Effizienz ist, schmackhaft machen zu können, im großen Stile die humanistische Selbstverwirklichung des Individuums zu finanzieren, mutet, bei allem Respekt vor den Motiven eines solchen Wunschglaubens, naiv an.
Allen Ernstes und in aller Unschuld stellt Bergmann es als »Vorzeigebeispiele« dar, daß ein General-Motors-Arbeiter bei dem »HerausArbeiten« seines »Callings« zum Bestseller-Autor avanciert ist, ein anderer ein Yoga-Studio aufgemacht hat.
Der Erfolg auf dem Markt, der Erfolg, seine Fähigkeiten als Kleinunternehmer gewinnbringend zu verkaufen, wird auf diese Weise unter der Hand als ein Kriterium für die menschliche Selbstverwirklichung eingeführt. Das Problematische an dieser Art von »New Work«-Humanismus besteht nun nicht darin, daß die Humanisten sich eine Finanzierungsgrundlage beschaffen müssen - das mußten sie seit eh und je; darüber hinaus findet hier jedoch eine Angleichung des Ideals an die Realität statt. Mithin gerät die »Selbstverwirklichung« des Individuums zu einer bloßen Angelegenheit des Homo oeconomicus. Statt spannungsvoller Distanz zur kapitalistischen Wirtschaft, die der klassische Humanismus immerhin noch besaß, das totale Abmarkten der eigenen Person; statt des hehren Zieles der »Vervollkommnung der Menschheit« die bornierten Partikularinteressen des Warensubjekts. Das Ideal verdoppelt also die Realität und verschlimmert sie auf diese Weise noch, denn der Zwang, sich auf dem Warenmarkt zu entäußern, wird direkt idealisiert und habituell zementiert. Der Unternehmer Harrison James, Anleiter verschiedenster kanadischer »New Work«Projekte und nach Bergmann einer der fähigsten »New Work«Mentoren, brachte die Maxime von »New Work« auf die unvergleichliche, atemraubende Formel: »Sieh dich selbst als ein Unternehmen, mache dich selbst zu einem Unternehmen.« Born to be a business, zu nichts anderem berufen als zum Markt, Berufung ade.
Die Idee des »Calling« bleibt dabei selbstverständlich auf der Strecke. Die Leiterin des Detroiter Zentrums hat bislang hundert Anwärter auf das freie Kleinunternehmertum betreut; für sie zählt dabei die Bergmannsche Idee, das zu machen, wozu man sich berufen fühlt, lediglich, insofern sich damit auch wirklich eine Geschäftsidee verbinden läßt. Aus dem »Calling« wird so die Suche nach der Marktnische. Das beliebteste Geschäft ist die »Kinderaufsicht und -betreuung«. Tragisch ist dabei nicht nur, daß dies offensichtlich nicht die Befreiung der bislang unterdrückten Möglichkeiten des einzelnen und keine allseitige Entfaltung des Individuums bedeutet. Darüber hinaus werden Strukturen der lokalen Selbsthilfe und Nachbarschaftlichkeit, die bereits existieren oder noch entstehen könnten, von vorneherein in die Zwangsjacke der Marktvermittlung gepreßt. Auf diese Weise wird auch an den Orten, an denen der Weltmarkt längst unwiderruflich vorübergezogen ist, die Möglichkeit einer Befreiung von den warengesellschaftlichen Zwängen blockiert. Denn die Fixierung auf den Markt bleibt - ohne daß sich seine Segnungen einstellen werden -, und die Suche nach neuen emanzipatorischen Wegen wird verhindert.
Bergmann sollte an seine eigenen Worte erinnert werden: »Junge Menschen zu ermutigen, ganz auf sich gestellt one-persons businesses zu gründen ... erinnert mich an die Kinderkreuzzüge im Mittelalter, auf denen Tausende ... zur >Befreiung< des Heiligen Grabes ausgeschickt und auf dem Weg niedergemetzelt wurden« (Bergmann 1996). Junge Menschen zu ermutigen, group businesses zu gründen, macht aber aus einem (Markt-) Kreuzzug noch keine Wallfahrt. Darüber hinaus: Was Bergmann zu Recht als Kreuzzug geißelt, ist das, was das von ihm getragene Detroiter Zentrum Tag für Tag macht.
Es ist nicht untypisch, daß bei Teilnehmern von »New Work«-Projekten das »Selfproviding« privat betrieben wird und mehr oder minder die Gestalt eines Hobby-Agrarwesens annimmt. Genausowenig untypisch: Bei einem Zweig eines sehr großen US-amerikanischen Nonprofit-Unternehmens, das mit über dreihundert Leuten arbeitet, hat das »Selfproviding« ein Ausmaß, das auf dem Balkon eines Ein-Personen- oder WG-Haushaltes Platz fände.
Kleine Korrektur: Um verstehen zu können, was Bergmann wirklich wirklich wollte, müssten Sie sich mal Ivan Illich vornehmen, der in seinem Konzept der Konvivialität umfassend erklärt, wie die Spezialisierung dem Menschen die eigene Werk-Tätigkeit raubt und ihn zum ersetzbaren Rädchen macht. Illich bezieht sich zwar nirgends auf Marxens Entfremdung, aber das wäre vermutlich der rechte Ausdruck, um das Ausgangsproblem von Bergmanns Ansatz zu beschreiben. Illich kritisierte die Entmündigung des Homo habilis, der seine Umwelt geschickt selbst gestaltet, zum Homo industrialis, der nur noch Teilwerk produziert, völlig vom Konsum abhängig ist, und in allen Belangen dauernd bevormundet wird. Neuste televisionäre Erscheinung des Gutmeinerismus: Autoriäre Equipen die "Armen" zeigen, wie man eine Wohnung wohnlich einrichtet. Vielleicht sind diese Wohnung eben so unwohnlich, weil die gesamte soziopolitische Situation der so wohnenden unbehaglich ist. Und daran ändert sich wohl nichts durch eine neue Dekoration ... genau so wenig wie an den meisten "neuen" Produkten eines Überflussmarktes mit Ausschluss.
Lohoff zeigt kritisch wie die Linke, bei der Annäherung an den Markt, die Opposition gegen den Kapitalismus aufgab und nun sogar das kapitalistische System zu retten versucht, von dem Arbeit, Löhne und Umverteilung abhängen. Er macht aber, wie ich im Artikel Konkurrenz, Wettbewerb, Kooperation & Freiheit, darauf aufmerksam, das Konkurrenz ausschliesst, also Menschen voneinander entfernt, wie der Zwang zu den "Gewinnern" zu gehören, jegliche Solidarität, ja jegliches Mitgefühl oder sogar Respekt für die Verlierer in diesem Spiel abbaut. Man versucht nur noch, das Mögliche aus dem System herauszuholen und zu verteilen.
Seltsamerweise finden links immer wieder auch Vorschläge einen grossen Widerhall, die von einer ganz anderen Seite kommen. So insbesondere der Grundlohn, das garantierte Mindesteinkommen. Während dem das eigentlich logisch wäre, in jedem Land, das das Existenzrecht seiner Bürger per Verfassung garantiert, liegt der Teufel allerdings im Detail der Praxis: Wie soll es durchgeführt werden, wer führt es aus. Da haben sie nämlich am Ende so was wie hier die RAV oder anderswo die Sozial- und Arbeitsämter ... und wer, der damit Erfahrung hat, würde sich schon gerne dort "verwalten" lassen wollen. Jede solche "Zuteilungsanstalt" wird gleichzeitig zur Zucht- und Dressuranstalt.
Basierten die ersten Träume vom wirtschaftlichen Schlaraffenland auf der Mechanisierung, die alle Arbeit übernehmen würde, so dient heute, wo wir a) wissen, dass jemand für die Maschinen und deren Produkte bezahlen muss und b) Maschinen vorzugsweise in China hergestellt werden, der Finanzmarkt als Traumvorlage. Manch seltsame Genossen versteigen sich da auf politische Modelle, die einem grossen Teil der Bürgern einen vollen Lohn versprechen, ohne irgend eine Ahnung zu haben, woher das Geld kommen soll.
Noch seltsamer sind die Ideen des Shareholder-Sozialismus. Dieser ist das wirtschaftliche Schlaraffenland in dem das Geld arbeitet und die Menschen von den Zinsen und Renditen leben. Am ausgeprägtesten wird dieser Albtraum von attac geträumt, die gleich die ganze Gesellschaft per Kapitalverkehrssteuer (Tobin Tax) finanzieren möchten. Allerdings setzt auch das neuste Wirtschaftskonzept der SP Schweiz. Die Kernaussage reicht bereits um es zu beurteilen:
Dem Wohlstand der Schweiz ist am besten gedient,
wenn die Wirtschaft gegenüber einem grossen Teil der Welt
einen technologischen Vorsprung wahren kann.
Wohlstand - Schweiz - Wirtschaft - Vorsprung gegenüber der Welt: Damit sind Solidarität mit dem Rest der Welt perdü, damit wird dieser Sozialismus bestenfalls noch ein "Nationaler Sozialismus" - zum Vorteil der eigenen Klientel. Da er sich aber des hemmungslosen Wettbewerbs bedient, Solidarität, Rücksicht, Kooperation die Absage erteilt und nationalen Vorteil sucht, dürfte er sich nicht mehr Sozialismus nennen, höchstens eben NS, Sozialismus für die Gewinner, für die "Elite" der Produktion.
Die linke Kapitalismuskritik hat deshalb traditionell gerade die Basiskategorie des Kapitalverhältnisses, die Arbeit, konsequent ausgespart. Statt von der Aufhebung der selbstzweckhaften Vernutzung von Arbeitskraft hat sie immer nur davon geträumt, das lebendige Arbeitsvermögen von der Obermacht der geronnenen, toten Arbeit in Gestalt des Kapitals zu befreien. Wie die Französische Revolution im Dritten Stand die Verkörperung der Allgemeinheit sah, so war die sozialistische Linke darauf konditioniert, den »Standpunkt der Arbeit« mit dem gesellschaftlichen Gesamtinteresse gleichzusetzen. Der lohnabhängige Proletarier erschien als eine im strikten Gegensatz zu en Wolfsgesetzen der kapitalistischen Konkurrenz stehende Lichtgestalt.
... verlor das Arbeiterinteresse seine fundamentaloppositionelle Aura und schrumpfte auf das systemkonforme Streben, die Ware Arbeitskraft zu einem möglichst guten Preis und zu günstigen Konditionen zu veräußern.
Die Linke möchte zu großen Teilen ihren Part im Rahmen kapitalistischer »Modernisierung« weiterspielen, obwohl dieser Begriff inzwischen ebenso wie derjenige der »Reform« zur puren Drohung geworden ist. Davon haben die Reste der sozialreformerischen Linken immerhin so viel realisiert, als sie sich darüber im klaren sind, daß heute der allgemeine Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft die Verkäufer dieser besonderen Ware nicht mehr verbinden, sondern nur noch trennen kann. Statt aber durch grundsätzliche Kritik der arbeitsgesellschaftlichen Tyrannei einen inhaltlichen Bezugspunkt zu schaffen, um gegen die allgemeine Konkurrenzhetze zu einer Resolidarisierung jenseits der herrschenden Institutionen zu kommen, nimmt die soziale und gesellschaftskritische Opposition ihre Zuflucht zu bloßen Ausweichmanövern. Besonderer Beliebtheit erfreut sich dabei der Versuch, an die Stelle der verlorenen Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit der potentiellen Verkäuferinnen und Verkäufer von Arbeitskraft eine andere systemimmanente Allgemeinheit und Gemeinschaftlichkeit zu setzen, nämlich das gemeinsame Dasein als Klientel des kapitalistischen Sozialstaats.
Zum geistigen Vater hat das Mindesteinkommen niemand anderen als den berüchtigten Vordenker des Hardcore-Neoliberalismus, den US-Ökonomen Milton Friedman. Bereits seit 1956 macht sich der Monetaristenpapst für eine Art »negative Einkommenssteuer« stark, die sämtliche anderen Sozialleistungen ersetzen soll.
Friedmans Modell hat durchaus auf seine Weise Hand und Fuß und läßt, was die Zielsetzung angeht, an Deutlichkeit wahrlich nichts zu wünschen übrig. Sein Vorschlag ist auf eine radikale Doppelreduktion von sozialstaatlicher Bürokratie und sozialstaatlichen Leistungen ausgerichtet und paßt damit bestens zum neoliberalen Grundmotto: Wo Staat ist, soll Markt werden. Ein steuerfinanziertes Mindesteinkommen wird als die notwendige Ergänzung zu einem System privater Vorsorge propagiert, das der neoliberalen Dogmatik entsprechend an die Stelle aller bisherigen Sozialversicherungen treten soll. Vom marktradikalen Standpunkt aus gesehen hätte eine solche Neuordnung neben der Minimierung öffentlicher Ausgaben noch den bestechenden Vorteil, den letztlich aussichtslosen Kampf der staatlichen Institutionen gegen den angeblichen »Mißbrauch sozialer Leistungen« von vornherein gegenstandslos zu machen. Weil das Mindesteinkommen, das jeder Bürger ohne Ansehen der Person und der sozialen Umstände beziehen darf, selbstverständlich nur so bemessen sein soll, daß es bestenfalls eine Ernährung auf Hundefutterbasis und das Kampieren im Bauwagen garantieren würde, bleibt die bedingungslose Arbeitsbereitschaft höchst marktkonform, also ohne allen bürokratischen Aufwand, von vornherein gesichert.
Wie der beschwärmte neubritische Weg aussieht, diese Gesellschaft von ihrer Arbeitssucht zu befreien, verrät Beck vorsichtshalber nicht. Eine ziemlich präzise Auskunft erteilt indes der »Observer« vom 10. Januar 1999 unter der Überschrift »Blair plans harsh relaunch«: »Jedem, der irgendeine Form von Unterstützung in Anspruch nimmt, wird künftig ein persönlicher Berater zugeteilt, der ihn bei der Arbeitssuche anleiten soll. Diese Ankündigung bringt den Tag näher, an dem alle Leistungsbezieher, einschließlich von Behinderten, Hinterbliebenen, Alleinerziehenden und Menschen, die ältere Verwandte betreuen, den Nachweis führen müssen, daß sie bereit sind, bezahlte Arbeit anzunehmen. Ansonsten riskieren sie den Verlust jeglicher Unterstützung. Sogar von Menschen, die offensichtlich nicht in der Lage sind, unmittelbar eine Arbeit aufzunehmen, etwa Müttern von Säuglingen oder frisch verwitweten Frauen, wird erwartet, daß sie ihre weiteren Pläne offenlegen. Nur wenige, beispielsweise Menschen, die vor großen chirurgischen Eingriffen stehen, bleiben ausgenommen« (Übersetzung E. L.).
Der staatlich organisierte zweite Arbeitsmarkt bildet kein Gegengewicht zu diesen Zumutungen, sondern ist deren Bestandteil. Wo Beschäftigungsmaßnahmen nicht mehr in Lohnhöhe und Sozialversicherungsstatus regulären Arbeitsverhältnissen nachempfunden sind und statt dessen zur Bedingung für den Bezug von Sozialleistungen werden, macht der Staat es sich zur Aufgabe, den Preis der Ware Arbeitskraft zu drücken und dem Kapital billigstes Menschenmaterial zuzutreiben. Für die von den staatlichen Zwangsmaßnahmen Betroffenen bedeutet dies in gewisser Weise tatsächlich die Aufhebung der Lohnarbeit. Verschwunden ist peinlicherweise aber weniger die Arbeit, sondern mehr der Lohn.
Sucht man nach den praktischen Unterschieden zwischen der linken und der neoliberalen Version der Existenzgeld-Idee, so stößt man nur auf ein quantitatives Kriterium. Wo Friedman und Co. eine Mindestsicherung angepeilt hatten, die weit unter dem heutigen Sozialhilfeniveau liegen würde, phantasieren sich die linken Fans des Mindesteinkommens ganz andere Beträge zurecht. In der Bundesrepublik kursierte das Konzept Anfang der 80er Jahre für gewöhnlich als 1500-Mark-Forderung. (»Radikale« versteigen sich auch schon mal zu »5000 Mark netto für jeden«.) Ob das Existenzgeld eine drei- oder eine fünfstellige Höhe erreichen wird, erscheint dabei als reine Macht- und Durchsetzungsfrage. Geld jedenfalls, so heißt es regelmäßig, wäre allemal »genug da«.
Autoren wie Andre Gorz oder Thomas Schmid und ihre diversen Nachplapperer nehmen die enormen Produktivitätsfortschritte der letzten Jahrzehnte zum Ausgangspunkt und unterstellen, mit den wachsenden Güterbergen würden auch entsprechende Wert- und damit Geldmengen anfallen, die nur ihrer gerechten (Um)verteilung harrten. Theoretisch ist eine solche Verwechselung von stofflicher und wertmäßiger Produktion natürlich indiskutabel. Das Kapital wird hier ganz den fetischistischen Vorstellungen der bürgerlichen Vulgärökonomie entsprechend als eine Macht behandelt, die in der gleichen Weise ökonomischen Wert und damit Geld abwirft, wie »ein Birnbaum Birnen trägt« (Marx). Glatt übersehen wird dabei, daß das Kapital, indem es die wertproduktive Arbeit aus dem Produktionsprozeß hinausdrängt, seine eigene ökonomische Substanz eliminiert. Je größer die materielle Gütermenge wird, die infolge der mikroelektronischen Revolution ausgestoßen werden kann, desto kleiner wird die damit noch darstellbare gesamtgesellschaftliche Wertgröße; ablesbar an struktureller Massenarbeitslosigkeit, Krise der Staatsfinanzen und Entkoppelung des Finanzüberbaus von der Realökonomie.
Genau das ist aber der springende Punkt: Eine Gesellschaft, die nicht mehr auf der ausreichenden Vernutzung lebendiger Arbeit beruht, kann ihren Verkehr auch nicht mehr über das Geld als die allgemeine Darstellungsform abstrakter Arbeit abwickeln. Die Krise der Arbeit ist logisch zugleich Krise der Finanzen und letztlich des Geldmediums überhaupt. Die Hoffnung, »die Besteuerung der automatisierten Produktion« erlaube es, »die abgeschaffte Arbeit ebenso zu vergüten wie die geleistete Arbeit, den Nicht-Arbeiter ebenso wie den Arbeiter« (Andre Gorz), ist schlicht grotesk. Es wäre nur dann egal, ob Arbeiter für den realen Verkauf ihrer Arbeitskraft Geld erhalten oder ob ohne diesen Verkauf monetäre Spielmarken (»Soziallohn«) verteilt werden, wenn das Funktionieren der kapitalistischen Verwertungmaschinerie tatsächlich, wie unterstellt, »auf der Maximierung des privaten Verbrauchs« (Andre Gorz) beruhen würde. Dummerweise hat der Verwertungsprozeß aber gar nicht das humane Ziel, möglichst viele mit möglichst vielem zu versorgen. Sein Inhalt ist die Verwandlung lebendiger Arbeit in tote, die Verwertung des Werts als Selbstzweck, und wo dieser absurde Selbstzweck nicht erfüllt wird, hört jede kapitalistische Gebrauchsgüterproduktion sofort auf- auch und gerade, wenn die technologischen Mittel reichlich vorhanden sind. Wie peinlich, daß es nötig ist, solche elementaren Erkenntnisse über das Wesen der kapitalistischen Produktionsweise ins Gedächtnis zu rufen.
Die linke Forderung nach einem Mindesteinkommen gewinnt vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Verkehrung in der kapitalistischen Systemstruktur eine gewisse Logik. Sie ist im Kern nichts anderes als die Forderung nach demokratischpolitischer Teilhabe am berüchtigten Shareholder Value. All diejenigen, die von der Verwertungsmaschine als nichtverwertbar ausgespuckt werden, sollen nun als Staatsbürger und Gesellschaftsaktionäre in spe an den Früchten der kasinokapitalistischen Dynamik mitknabbern dürfen.
Der Abschied vom arbeitsstolzen lohnabhängigen Proletariat via Mindesteinkommen zielt nicht auf eine Aufhebung des kapitalistischen historischen Enteignungsprozesses. Daß alle produktiven gesellschaftlichen Potenzen beim Kapital liegen und den Menschen als fremde Macht gegenübertreten, ist im Existenzgeldkonzept stillschweigend vorausgesetzt und akzeptiert. Diese Forderung fügt sich von daher bestens zu einer Lebenshaltung, die fatal an ein antikes Vorbild erinnert, nämlich an das Proletariat der römischen Kaiserzeit. Wie unter der Herrschaft von Caligula, Nero und Co. die imperiale Macht Roms ihren überflüssigen Bürgern Brot und Spiele gesichert hat, so wäre diesmal die Position des eigenen Wirtschaftsstandorts als Weltmarktgewinner in der gnadenlosen Konkurrenzschlacht die (ebenfalls stillschweigende) Voraussetzung, unter der die Sozialdividenden-Bezieher ihrer fröhlichen Existenz frönen könnten.
Als Emanzipationskonzept taugt diese Vorstellung erst recht nichts. Keine Frau kann nur ein bißchen schwanger sein, keine Gesellschaft kann zugleich die versachlichte Gewalt von Markt und Profit anerkennen und sich daneben einen Bereich autonomen Wirtschaftens auf Geldbasis halten, der mehr wäre als ein Elends- und Abfallprodukt der herrschenden Wertverwertung. Das Kapital ist eine imperiale Macht, die nichts Autonomes neben sich duldet und alles, was sich der unmittelbaren ökonomischen Annektion sperrt, nur als Schattenreich zuläßt. Daß die Warengesellschaft Hausarbeit, Nachbarschaftshilfe und jedes nicht-professionelle Engagement zu etwas Marginalem herabsetzt, ist dem Strukturprinzip dieser Gesellschaft geschuldet und keineswegs bloß Folge der herrschenden Lohnarbeitsideologie. Selbstbestimmung kann es nur gegen die kapitalistische Enteignungslogik geben, nicht friedlich neben ihr. Schon die Selbstverständlichkeit, mit der an Papa Staat appelliert wird, er möge durch Daueralimentierung das Überleben des selbstbestimmten Sektors sicherstellen, spricht Bände darüber, wie wenig ernst dieser Selbstbestimmungsgestus zu nehmen ist.
Dieser Abschnitt, als Fazit genommen, wird den wenigsten zusagen, da es sich um eine versteckte Empfehlung der Entwicklung eines neuen, freiheitlichen Kommunismus handelt. Man muss diese Lösung also nicht als Ganzes annehmen, aber bereits der Einstieg zeigt einen Aspekt, der ob lauter Wachstumsgeschrei vergessen wird: Was wäre wenn ... wir bloss 3 Stunden pro Tag arbeiten würden? Wie wäre das zu organisieren? Der Ansatz ist für unsere Zeit absolut absurd und jedem der ihn äussert, droht vermutlich eine psychiatrische Begutachtung. Gemessen aber an der Wirkung unserer Produktionswut (s. z.B. den Verlauf der Überbauung Basels) ist es klar, dass nur solche Ansätze, die das "Genug" wieder ins Spiel bringen, ernsthaft "nachhaltig" genannt werden können.
Einschub zur Gegenwartsschrumpfung:
Kurz hat den Gedanken nicht weiter verfolgt. Aber wir finden weitere Anhaltspunkte dafür, dass Zeit ein kritischer Faktor ist, in den Arbeiten von Hermann Lübbe über die Gegenwartsschrumpfung. Er hat interessante Beobachtungen gemacht bezüglich des Zeitphänomens bei Informations- und Innovationszuwächsen, die Komplexitätszuwächse einschliessen. Die These von der Gegenwartsschrumpfung besagt,
dass wir in immer kürzeren Zeiträumen immer mehr Daten erfassen,
immer mehr Informationen verarbeiten sowie
immer komplexere und kompliziertere Strukturen durcharbeiten müssen,
um Entscheidungen treffen zu können.
Die Komplexität unseres Wissen akzeleriert ständig und strebt unaufhaltsam gegen Unendlich, während sie zeitlich gegen Null tendiert. Konkret heisst das, dass die Spanne der Gegenwart, in der Einsichten Verbindlichkeit besitzen, immer kürzer wird, folglich immer neue und immer mehr Erkenntnisse in immer rascherer Folge die Leerstelle ausfüllen müssen, um wenigstens auf dem selben Niveau zu bleiben.
Es fragt sich, ob dieser Prozess angesichts der begrenzten menschlichen Möglichkeiten nicht zum Kollaps führt.
[Karen Gloy: Die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens. Das Verständnis der Natur. Beck-Komet Köln1995]
Auf die "Zeitdiebe" hat ja Michael Ende in Momo bereits 1973 hingewiesen. Verschiedene Vereine zur Verzögerung der Zeit (die allerdings meist aus Mangel an Zeit der Mitglieder eingingen) waren von eben so wenig Erfolg gekrönt. Ivan Illich hat mal berechnet, dass man mit dem Fahrrad schneller ist als mit dem Auto, wenn man mit einbezieht, wie viel Zeit man dafür braucht, sich das Auto leisten zu können, Versicherungen, Benzin etc. zu bezahlen, es instand zu halten und zu reinigen etcetc. Heute, eine Generation später, "weiss" jeder Volltrottel, dass nur höhere Produktivität (mehr Arbeit in weniger Zeit), längere Arbeit, schnellere Arbeit, schnellere Innovation, schnellerer Wechsel, schnelleres Lernen etc. unseren Wohlstand, unsere Wirtschaft, rettet. Man misst alles am Vorbild des Geldes, das heute hier, morgen dort eingesetzt werden kann. Wer aber einen Beruf erlernen will oder muss, kann nicht sich heute Ingenieur werden wollen, morgen, nach Abschluss des Studiums, als Bankier arbeiten, weil es grad keine Ingenieure braucht, und sich übermorgen als eigenverantwortlicher, d.h. selbst finanzierter Rentier über die Runden bringen, weil es weder Ingenieure noch Bankiers braucht - und Güter, im Gegensatz zur landläufigen Meinung der Ökonomie, nicht mehr selten, sondern im Überfluss vorhanden sind.
Der von Lübbe befürchtete Kollaps steht vor der Tür. Eine Wirtschaft "light", eine Wirtschaft ohne Investitionen, ohne Risiko, ohne Verantwortung - die aber alles am Kapitalmarkt absichern will, eine Wirtschaft die asset light (ohne Verantwortung) und cash heavy (markt-mächtig) ist, gleicht den potemkinschen Dörfern aus Kartonfassaden, und wird eben so leicht zerbröseln. Präzise weil nichts und niemand sich mehr mit dem geforderten Tempo an den sich immer schneller ändernden "Markt" anpassen kann - ausser dem Geld - kam es zu dieser Entwicklung, die längst (im Jahr 2000) von Naomi Klein in No Logo kritisch analysiert wurde. Nicht bloss die Arbeiter und Angestellten sind hier die Beschissenen, sondern alle, die für die Kosten irgend welcher Strukturänderungen aufkommen müssen, egal ob die materiell-infrastruktureller (Gebäude, Maschinen) oder geistig-infrastruktureller Natur (Bildung, Wissen) sind. Da für erstere die Finanzspezialisten zuständig sind, werden sie wohl kurzfristig genug denken. Beim zweiten Fall allerdings wird die Sache immer problematischer, denn nur wenige denken bei der Ausbildung, die die meisten sich nur einmal im Leben leisten können, an die Rendite, die Bildungsrendite. Diese hängt aber davon ab, ob das durch Bildung erworbene Wissen in dem Feld und zu dem Lohn eingesetzt werden konnte, für das es gedacht war. Und präzise dies ist eben immer häufiger nicht mehr der Fall. Man erinnere sich an das Geschrei im Jahr 2000 von wegen fehlenden Informatikern. Viele derjenigen die darauf hörten, konnten nach der Ausbildung, 4 Jahre später, gleich stempeln gehen.
Ein gutes Beispiel für Gegenwartsschrumpfung:
Die Markt-Informationen betr. Informatikermangel, die 2000 mit grossem Getöse in allen Medien verbreitet wurden, waren als Gegenwarts-Studien-Orientierung nicht mal so lange gültig, wie die Ausbildung dauert. Das stört das Kapital natürlich nicht, denn es bekommt so die gewünschten billigen Informatiker. Die Ausbildungs-Schulden bleiben bei denen haften.
Während uns diese Zeitschleuder beim Einstieg ins Leben also bereits mit Schulden belastet - richtet sie uns eigentlich nicht auf das Leben, sondern gleich auf den Tod aus. Kaum hat eine(r) einen Job, steht der erste Vertreter einer Lebensversicherung vor der Tür. Kaum verdient eine(r) seinen ersten Lohn, soll er ihn sparen, um im Alter nicht darben zu müssen, und, vor allem, um dann reichlich Geld für Spitäler und die restliche Gesundheitsindustrie zur Verfügung zu haben. [s. Das gegenwärtig vorherrschende Lebensmodell ist ein Horror]. Dies entspricht vollständig den Ansichten Erich Fromms der die die westliche Zivilisation in Teilen als nekrophil bewertet. Symbole des Nekrophilen sind Fassaden aus Beton und Stahl, die Vergötterung der Technik der Megamaschine (Technophilie, s. auch eigener Beitrag: Die Weltmaschine), die Vergeudung von Ressourcen im Konsumismus und die Behandlung von Menschen als Dinge im Bürokratismus (s. Max Weber). Falls Sie denken, Erich Fromm sei doch schon etwas abgelatscht, dann greifen Sie sich einfach die nächste Zeitung. Ich mache jede Wette, Sie müssen nicht lange lesen, bis sie auf einen Aufruf nach Innovation, Wissenstransfer, mehr technischen Fortschritt, technologischen Vorsprung etc. stossen. Das präzise ist Technophilie, die heute sogar die SP erfasst hat, eine Partei, die eigentlich für mehr Menschlichkeit eintreten sollte, nicht für mehr Technik.
Mit dem Kern seiner Aussage, dass das Grundproblem der Marktwirtschaft die Mechanisierung von Produktion und Handel über den Preis ist, dürfte Kurz aber den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Denn präzise dadurch entstehen ja die innerhalb des Systems unlösbaren Machtprobleme durch Grösse (economy of scale), Geldmacht (sunk costs) und Marktbeherrschung durch lokale oder gar globale Dominanz (Globalisierung) - oder durch Preise die nur unter Ausbeutung natürlicher wie sozialer Ressourcen möglich sind (s. Tasmanien, Holzplantagen).
Gleichzeitig gibt er uns ein Mittel zurück, mit dem wir über die Entwicklung diskutieren können, ohne gleich auf Sozialismus oder Kommunismus, Freiwirtschaft, participatory economy oder sonst ein neues vorgefertigtes Standardmodell verpflichtet zu werden, nämlich den Markt stärker durch Information, Wissen, Weisheit - und Dialog zu lenken, als bloss über Preise. Da kommen dann Ecolabels, social labels, Wirtschaftsethik, corporate social responsibility, Wirtschaftsphilosphie, corporate governance, stakeholder participation und was es eben alles so gibt wirklich ins Spiel.
Basierend auf: "Krise der Arbeitsgesellschaft" Hannah Arendt
Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Marx, mit seinem Pamphlet "Das Recht auf Faulheit". Darin spottet er über die "Arbeitssucht" und protestantische Leistungsideologie der offiziellen Arbeiterbewegung, verlangt "in den Zeiten der Krisis eine Verteilung der Produkte und allgemeine Belustigung" (Lafargue 1998/1883, 31) sowie "ein ehernes Gesetz..., das jedermann verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten" (a.a.O., 53). Es ist leicht erkennbar, daß wir es hier zwar mit einer phänomenologischen und sozusagen habituellen, aber noch lange nicht mit einer kategorialen Kritik der Arbeit zu tun haben.
Operaismus Motto: Was scheren uns die blöde Arbeit und Wertform, wir wollen gut leben! Kein Wunder, daß sich mit dieser Richtung auch postmoderne Linke anfreunden können, die in Phantasien eines haltlosen und längst idiotisch gewordenen Warenkonsums schwelgen. Dabei unterbleibt im Operaismus ebenso wie im Arbeiterbewegungsmarxismus die kategoriale Kritik und damit auch der entscheidende Bruch.
Es geht darum, die gesellschaftlichen Beziehungen von der fetischistischen Wertkategorie überhaupt zu befreien, also einen Zustand herzustellen, in dem die Gesellschaftsmitglieder nicht gemeinsam in hoch vergesellschafteten Selbstzweck-Aggregaten etwas herstellen, nur um es hinterher unter völlig verrückten Restriktionen zu "tauschen" als wären es die Produkte isolierter Einzelproduzenten.
Die Alternative wäre, daß der Einsatz der gemeinsamen Ressourcen in ein durchsichtiges Verhältnis gebracht wird, also die Gesellschaftlichkeit aufhört, eine absurde Eigenschaft der Dinge zu sein und nicht mehr durch die "unsichtbare Hand" eines verselbständigten Mechanismus reguliert wird. Bei dieser Überwindung der destruktiven betriebswirtschaftlichen Rationalität ist natürlich nicht das Ziel, die vom Kapitalismus blind hervorgetriebenen Produktivkräfte wieder abzuschaffen, sondern sie nach Maßgabe einer inhaltlichen "sinnlichen Vernunft" (statt abstrakter, inhaltlich gleichgültiger Geldrationalität) zu prüfen, umzuformen und weiterzuentwickeln.
Von der Enteignung zur Aneignung
Der warengesellschaftliche Mensch kann noch nicht einmal eine Mohrrübe essen, ohne sich über deren Kauf bewußtlos mit einem gigantischen agro-industriellen, logistischen und bürokratischen Aggregat von Düngemittelfabriken, LKW-Spediteuren. Subventionsverwaltern usw. in Beziehung zu setzen, wobei es keinem der Beteiligten um die Mohrrübe, sondern allen einzig und allein um die abstrakte betriebswirtschaftliche Geldrendite geht, die an irgendeinem Punkt des ganzen absurden Verkettungszusammenhangs zufällig einmal die Gestalt einer Mohrrübe angenommen hat. Das materielle und soziale Resultat ist ganz nebenbei, daß dabei alle sich selbst ebenso wie die natürlichen Lebensgrundlagen vergiften, Menschen verarmen und agrarische Überschußprodukte auf Halde gelagert werden. Nicht nur die täglichen Arbeitsprozesse in Büro, Fabrik und Supermarkt werden von der abstrakten Rationalität der Verwertung gesteuert, selbst noch die Träume des Menschen sind der warengesellschaftlichen Wunschmaschine ausgeliefert.
Elemente einer Aneignungsbewegung
Deshalb wird der Prozeß der Aneignung notwendigerweise immer auch ein Prozeß der umfassenden Diskussion, Auseinandersetzung und Selbstreflexion sein müssen.
Eine "Bewegung" in diesem Sinne eines Aneignungsprozesses (statt äußerlicher politischer Akte) hat nichts zu tun mit einem Sich-Bescheiden im kleinen oder einer Elendsökonomie auf der verbrannten Erde der Marktwirtschaft. Sie unterscheidet sich auch ganz grundsätzlich von einer bäuerlich-handwerklichen "Subsistenzperspektive" oder von Konzepten einer "lokalen Ökonomie", wie sie unter dem Eindruck der Krise vielfach propagiert werden. Sicher bietet für viele kapitalistisch "überflüssig" gemachte Menschen die lokale Eigenproduktion und Selbsthilfe mit einfachen Mitteln oft die einzige Möglichkeit, ihr Überleben zu sichern. Zum Teil geht dies sogar einher mit der Wiederbelebung oder Neuentwicklung von Formen der Kooperation und Selbstorganisation; und insofern scheinen auch hier Momente auf, die gegen die kapitalistische Konkurrenzlogik gerichtet sind. Trotzdem stellen diese Ansätze letztlich nur Rückzugs- und Defensivstrategien dar, die gesellschaftlich isoliert bleiben und keine weiterreichende Emanzipationsperspektive bieten. Deshalb können sie auch von sich aus keine Dynamik entwickeln, um über das extrem niedrige Niveau der Vergesellschaftung, der Funktionsteilung und der Produktivität hinauskommen, auf dem sie sich bewegen. Im Gegenteil sind sie leicht instrumentalisierbar für Strategien der Krisen- und Armutsverwaltung, darüberhinaus tendenziell auch anfällig für ethnizistische und lokalistische Identitätsbildungen.
Die krisenpolitisch aufgeklärteren Fraktionen in den Regierungen und internationalen Institutionen wie Weltbank oder UNO haben gar nichts dagegen, wenn die kapitalistisch "Überflüssigen" sich irgendwie an den Rändern des Kapitalismus einrichten, um ihr Überleben selbst zu sichern. Damit wird nicht nur soziale Unruhe entschärft, sondern auch die Legitimation geschaffen, um mit der sozialen Ausgrenzungspolitik fortzufahren. Zudem sind die eventuell zugestandenen Ressourcen derart dürftig bemessen, daß die betreffenden Initiativen und Gruppen zumeist schon durch den Kampf um die alltäglichen Lebensmittel aufgefressen werden und für weiterreichende Aktivitäten keine Energie mehr mobilisieren können. In ihren Programmen zur "Bekämpfung der Armut" fördert etwa die Weltbank zwecks Image-Kosmetik schon seit Jahren mit ein paar Peanuts die sogenannte "Hilfe zur Selbsthilfe"; und in Mexiko hat gerade die neoliberale Regierung von Präsident Salinas den Basisorganisationen in den Städten größere Entscheidungsbefugnisse insbesondere hinsichtlich einiger öffentlicher Baumaßnahmen (Straßen, Kanalisation etc.) zugestanden, um sie auf diesem Wege politisch in die Krisenverwaltung einzubinden.
Die Praxis einer Aneignungsbewegung ist nicht verkürzt auf bloße Nischenprojekte zu denken, sondern wesentlich als fortlaufende Konfrontation mit der kapitalistischen Praxis auf den verschiedensten Ebenen. Das gilt vor allem für die radikale Kritik betriebswirtschaftlicher Rationalität nicht nur im allgemeinen, sondern als umfassendes Aufdecken des irrationalen und destruktiven Charakters in den konkreten stofflichen wie sozialen Vernetzungsprozessen des Kapitals (etwa wenn tiefgefrorene Hähnchen von übermüdeten und unterbezahlten LKW-Fahrern tausende von Kilometern durch Europa kutschiert werden). Die systematische Enthüllung der massenhaften Absurditäten in der betriebswirtschaftlich-kapitalistischen Praxis könnte gleichzeitig einen Ansatz bilden, die Möglichkeiten einer Aneignung und Umgestaltung des materiellen Reproduktionszusammenhangs auf der Ebene von Produktionssektoren und ihrer Ressourcenflüsse genau zu untersuchen. Gerade weil es nicht darum gehen kann, den kapitalistischen Produktionskomplex in seiner jetzigen Gestalt einfach zu übernehmen, sondern große Teile davon entweder einfach stillgelegt oder zumindest grundlegend verändert werden müssen, ist die Aneignung und Veröffentlichung dieses Wissens (was selbst schon einen glatten Bruch mit den Spielregeln des Systems darstellt) von enormer Bedeutung.
In demselben Maße, wie die arbeitsgesellschaftliche Reproduktion weiter schrumpft und die Menschen auf Notrationen gesetzt werden, kann der Kampf um die elementare Versorgung mit Wohnung, Nahrungsmitteln, Energie etc. und um den Zugang zu medizinischen und sozialen Diensten Sprengkraft entfalten. Wem das illusorisch vorkommt, der sei daran erinnert, daß in großen Teilen der Welt die "regulären" marktwirtschaftlichen und staatlichen Versorgungskreisläufe schon großenteils zusammengebrochen sind. In den kapitalistischen Kernländern fährt der Zug ja ebenfalls längst in diese Richtung; der Druck auch auf diejenigen nimmt zu, die noch in der Lage sind, ihre Arbeitskraft irgendwie zu verkaufen, weil die Löhne ständig gesenkt und gleichzeitig die sozialen Transferleistungen gekappt werden.
Reale Aneignung könnte immer nur heißen, daß im jeweiligen Zugriffsbereich die verfügbaren Ressourcen gemäß direkter Absprache der Beteiligten eingesetzt werden und das Resultat "im Gebrauch erlischt", also nicht auf den Markt als Angebot zurückkehrt. Nur mit dieser Perspektive kann eine Rücknahme der verselbständigten Sphäre der Ökonomie in einen bewußt organisierten gesellschaftlichen Zusammenhang auch in Teilbereichen eingeleitet werden.
"Direkte Absprache" kann natürlich nicht heißen, daß sich dauernd riesige Menschenmassen treffen, um über alle Angelegenheiten zu diskutieren und abzustimmen. Vielmehr wäre ein gestaffeltes institutionelles System der Absprache auf allen Ebenen herauszufinden, das für jedes Gesellschaftsmitglied zum Bestandteil des Alltags wird (wie heute die abstrakte Arbeit, das Geld, die Konkurrenz). "Direkt" meint also nur, daß sich keine verselbständigte Fetischform zwischen die Gesellschaftsmitglieder und ihre Existenzmittel schiebt und daß auch höhere Aggregationsebenen des gesellschaftlichen Zusammenhangs für alle durchsichtig bleiben (etwa vermittels moderner Kommunikationsmittel), statt sich wie der Staat und seine Apparate analog zur Ökonomie aus der Gesellschaft herauszulösen und diese im Namen des vorausgesetzten Selbstzwecks zu beherrschen.
Die Aufgabe, solche Formen und Institutionen der direkten gesellschaftlichen Kommunikation und ihrer Vermittlung zu entwickeln, steht allerdings vor der Schwierigkeit, daß kein historisches oder gar aktuelles Vorbild existiert, an dem sie sich orientieren könnte. Die kurzlebige Räteidee etwa kann zwar (soweit sie kritisch durchleuchtet wird) einige Anhaltspunkte bieten, aber gescheitert ist sie wohl gerade daran, daß sie selber arbeitsgesellschaftlich fixiert blieb und damit auch nicht über die bürgerliche Form der Politik hinauskam; gedacht war an ein eher plebiszitäres politisches (und damit trotz des Anspruchs auf Beteiligung aller para-staatliches) Repräsentationssystem mit einem weiterhin bloß äußerlichen Kommando über die unaufgehobene abstrakte Arbeit und Warenökonomie. Das zeigt sich schon daran, daß etwa in der theoretischen Räte-Konzeption, wie sie Karl Korsch in den 20er Jahren entwickelt hat, eine Gliederung in "Produzentenräte" und "Konsumentenräte" vorgesehen ist; praktisch müßte sich dadurch aber die strukturelle Schizophrenie des Warensubjekts als Verkäufer von Arbeitskraft einerseits und Warenkonsument andererseits wiederholen. Für eine Aufhebung der verselbständigten Fetischform dagegen wäre es gerade die erste logische Voraussetzung, daß eine kommunikativ vermittelte gesellschaftliche Identität von Produzenten und Konsumenten hergestellt wird.
In jedem Fall wäre es ganz verkehrt, sich auf ein bestimmtes "Modell" der gesellschaftlichen Kommunikation zu fixieren, das nun analog zur Warenform überall gültig sein sollte. Über die Kinderbetreuung im Stadtteil wird anders zu verhandeln sein (und keinesfalls in allen Stadtteilen und Regionen auf die gleiche Weise) als über die Produktion von Stahlträgern und die Gestaltung eines Radioprogramms. Wenn Aufhebung der Arbeit heißt, jede als sinnvoll erkannte Tätigkeit in ihrer Eigenlogik gelten zu lassen, dann müssen dem auch die Entscheidungsverfahren Rechnung tragen.
Nicht ein neues abstrakt-universalistisches Funktions- und Organisationsprinzip ist die Zukunft jenseits der Arbeit, sondern ein im Gegensatz zur Warenform tatsächlich "offener" gesellschaftlicher Raum für die Entwicklung konkreter Vielfalt in allen Lebensbereichen - ohne den zwanghaften Drang konkurrenter Identitätsbildung und Abgrenzung.
Um einiges verständlicher und deutlicher ausgedrückt ist das, was für Kurz das Kernproblem der Marktwirtschaft ist in: Die Vernunft der Betriebswirtschaft. Als Ursache der Probleme, die durch die Machtwirtschaft verursacht werden sieht Kurz nämlich den auf Preise abstrahierten und dadurch mechanisierbaren Dialog - der den eigentlich notwendigen zwischenmenschlichen Dialoges ersetzt hat.
Diese innere Krisenpotenz des Kapitalismus steht außer allem Zweifel. Sie ist die Quittung dafür, daß die menschliche Kommunikation in gesellschaftlichen Institutionen durch eine paradoxe Kommunikation der Waren und ihrer Preise untereinander auf dem anonymen Markt ersetzt worden ist. Produzenten und Konsumenten, Käufer und Verkäufer sind nicht mehr identisch durch die Vermittlung einer gemeinsamen gesellschaftlichen Kommunikation, sondern sie fallen auseinander: sogar in den Individuen selber, die in ihrer Eigenschaft als Konsumenten ein gegensätzliches Ineresse entwickeln zu sich selbst in ihrer Eigenschaft als Produzenten (so hat z.B. nach dem Anschluß die ehemalige DDR-Bevölkerung durch den bevorzugten Konsum westlicher Waren zur Zerstörung ihrer eigenen Produktionsgrundlage beigetragen). Der stumme Preismechanismus ersetzt die bewußte Selbstverständigung der menschlichen Akteure. Und der daraus entstandene blinde, nicht ansprechbare und nicht verhandelbare Systemprozeß führt mit logischer Konsequenz immer wieder in dasselbe Dilemma, weil er immer nur dasselbe eingebaute Programm abspulen kann. Wie eine Maschine eben.
Damit haben wir vermutlich das Hauptproblem des Kapitalismus in der Form des Neoliberalismus geknackt. Es ist die mechanische Reduktion auf eine reine Preisorientierung, die so mechanisch wird, dass sich die Wirtschaft praktisch automatisieren lässt und zur grossen Maschine wird - die entsprechend von denen ausgenutzt werden kann, denen sie gehört und die wissen, wie sie funktioniert.
Unter "Deregulierung" wird heute verstanden, dass alle Hemmnisse beseitigt werden sollen, die dieser absoluten Mechanisierung des Preissystems noch im Wege stehen, und damit ihre Aus-Nutzung noch behindern. Kein Wunder wendet sich gerade die WTO gegen alles was nach "Sozial- oder Umweltlabel" tönt, denn sie ist die Hüterin der grossen Maschine.
Die einseitige Preisorientierung ist dringendst zu erweitern, gerade durch soziale und ökologische Label - in einem ersten Schritt.
.Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel, 19.7.06
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Unter oben angeführten Aspekten wäre eigentlich auch die sog. Sozialarbeit völlig neu zu beurteilen. Sozialarbeit achtet ja wie die Mehrheit eben die Arbeit als das Höchste - und versucht Eingliederung der Sozial-Fälle in den Arbeitsmarkt .... mehr oder mindern unberührt davon, ob es den überhaupt noch gibt oder nicht. Die Ziele der Sozialarbeit_erInnen sind allerdings hehr:
Sozialarbeit ist ...
Sozialarbeit ist eine Profession, die einzelne Menschen und Gruppen befähigt, ihr Leben und Zusammenleben zunehmend mehr selbst zu bestimmen und in solidarischen Beziehungen zu bewältigen.
Sozialarbeit fördert die persönliche und soziale Kompetenz sowie das soziale Umfeld.
Der Ansatz von Sozialarbeit ist ganzheitlich. Bedürfnisse von einzelnen Menschen, Gruppen und dem Gemeinwesen werden in ihrer Gesamtheit erfaßt.
Eine wichtige Grundlage der Sozialarbeit ist die Europäische Sozialcharta. Diese wurde weitgehend ratifiziert ...eben so weitgehend ohne reelle Folgen. Da steht z.B. als erster Satz:
Jedermann muß die Möglichkeit haben, seinen Lebensunterhalt durch eine frei übernommene Tätigkeit zu verdienen. > Hat jedermann diese Möglichkeit? Falls nicht - kann die Sozialarbeit jedermann diese Möglichkeit verschaffen?
Alle Arbeitnehmer haben das Recht auf ein gerechtes Arbeitsentgelt, das ihnen und ihren Familien einen angemessenen Lebensstandard sichert. > Warum gibt es dann working poor?
Jedermann hat das Recht auf geeignete Möglichkeiten der Berufsausbildung. Fragen Sie mal Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen ....
...
Im Rahmen der gegenwärtigen Ökonomie scheint mir Sozialarbeit irgendwie ein Schattenboxen auf dem Elfenbeinturm zu sein. Möchte sie diesen verlassen, müsste sie ja zur angewandten Politik werden, also den Pfad der Wissenschaftlichkeit verlassen, bestenfalls praktische Philosophie werden, schlechtestenfalls social change agents - mit irgend einem (staatlichen? wirtschaftlichen? Ruhe- und Ordnungs-? Bildungs-?-Auftrag). [Detaillierte Analyse und Kritik des Zustands und Entwicklungspotentials der Sozialarbeit s. Sozialarbeit als listige Wissenschaft].
Chantal Magnin: Beratung und Kontrolle. Widersprüche in der staatlichen Bearbeitung von Arbeitslosigkeit. Seismo Verlag. Zürich 2005
In Deutschland wie in Frankreich werden Arbeitslose, die gerade in einem Kurs oder Beschäftigungsprogramm weilen, in der Statistik nicht mehr als Arbeitslose gezählt. Das führt zu einer deutlichen Unterschätzung des Problems, vor allem bei den Jugendlichen (!), da sie ja nur temporär woanders "geparkt", aber nicht ihr Problem gelöst wurde. Es ist den meisten längst klar geworden, dass Arbeitslosigkeit sich nicht durch die Konsumation von Produkten wie Beratung, Neuorientierung, Weiterbildung lösen lässt, insbesondere weil ja gar kein Bereich mehr da ist, auf dem Arbeitskräfte fehlen, der also nach der Weiterbildung verlässlich entsprechende Stellen böte. Präzise dies führt gerade bei gut ausgebildeten zu noch stärkeren Frustrationen, da sie es offenbar grad doppelt verpasst haben, ihre Chancen wahr zu nehmen, da Arbeitslosigkeit ja offenbar eher was für ungebildete, um nicht zu sagen "dumme" ist. Zu dumm sich zu bewerben, zu dumm sich vorzustellen, zu dumm zu überzeugen, zu dumm sich anzupassen, zu dumm den Beruf zu wechseln, zu dumm eine gerade Karriere zu verfolgen ...
Hauptsache, man tut was. Aktivismus pur, der sich bereits in der Wortwahl ausdrückt: aktivierende Politik ... wobei Politik eigentlich bereits "zielorientiertes Handeln" bedeutet.
Vermittlungsfähigkeit ist zum Selektions-, Diskriminierungs- und Ausschlussinstrument geworden. Währen die Arbeitslosen ja mehrheitlich so faul und dumm wie das Gesetz annimmt, müssten sie ja alles tun, um bloss vermittlungsunfähig zu werden, um sich in die soziale Hängematte legen zu dürfen. Aber nur die Hälfte derer, die ihre Bezugsberechtigung verlieren, melden sich beim Sozialamt. Je schärfer der Ausschluss aus der Arbeit, egal unter welchem Vorwand, desto höher die Zahlen derer, die sich beim Sozialamt oder der IV finden. Peter Hasler: Die Invalidenversicherung darf nicht mehr als bequemes Auffangnetz für Ausgesteuerte, unerwünschte Sozialhilfeempfänger und arbeitsscheue Simulanten missbraucht werden. ... IV-Schock: jeden Tag 34 neue Invalide.
8 Bewerbungen pro Monat. In der Schweiz herrscht da die strengste Kontrolle in Europa. Es werden 40 x mehr Sanktionen ausgesprochen als in Deutschland. (Die trauen sich eben nicht mehr so autoritär vorzugehen, seit den Erfahrungen mit Adolf Schicklgruber, dem grossen Führer). Insbesondere in Ob- und Nidwalden wird fast jede zweite Person mit Sperrtagen belegt (Schweiz: 18%). Eine Person kam zu 110 Sperrtagen, also einem halben Arbeitsjahr, bereits bevor die Anmeldung bearbeitet wurde: 32 Tage wegen eigener Kündigung, 34 Tage wegen nicht Bewerbens für eine verordnete Stelle, 8 Tage wegen nicht-Besuchens der Informationsveranstaltung, 12 Tage wegen mangelnder Arbeitsbemühungen während der Kündigungszeit + 5 do während der Arbeitslosigkeit, 9 Tage wegen Verpassens eines Beratungstermins, 10 Tage, weil deswegen die Arbeitsbemühungen nicht vorgelegt werden konnten. Diese zwanghafte Dauerbewerberei ist insbesondere ein Problem im Kulturbereich, eigentlich in jedem kleinen Bereich, in dem man sich kennt: Nach der 3. Bewerbung wundern sich die Empfänger, ab der 5. landet die Bewerbung gleich im Kistchen "out" und man hat sich die Chancen versaut. Was den Arbeitsämter und dem Gesetzgeber offensichtlich nicht einleuchtet, ist die Belastung, die jede abgewiesene Bewerbung darstellt. Bei jeder Bewerbung sollte sich der/die Bewerbende ja auf die Firma einstellen, wissen, was die tut, was der Job bedeutet, und den Job wirklich wollen. Also macht man sich Hoffnungen - und kriegt mit jeder Abweisung eine aufs Dach. Und je mehr man sich aufs Dach hauen lässt, desto besser steht man beim Amt da. Das können also nur Schauspieler ohne Schaden überleben. Die andern müssen wählen was sie mehr trifft, der Dachschaden durch Ablehnung oder die Strafe für unterlassene Bewerbungen.
Schuldvermutung: Anders als im europäischen Recht, in dem der Angeklagte so lange als unschuldig gilt, bis seine Schuld bewiesen ist, gilt der Arbeitslose als schuldig, bis er eine Arbeit gefunden hat.
Flexibilität: Flexibilität wird zwar von der Wirtschaft gerne gefordert. Sämtliche karrierebewussten Führer hüten sich aber aufs peinlichste davor. Flexibilität, eine Tätigkeit, die nicht ins Portfolio passt, ruiniert die Karriere. Ein längerer Aufenthalt im Ausland: > "Sozialamt einfach". Vor allem trifft dies aber die wenig Qualifizierten, die so erst recht in prekäre Beschäftigungen gedrängt werden. Der geforderte Arbeitskraftunternehmer übernimmt sämtliche Marktrisiken, vor allem die Kosten der zyklischen Flauten, er bietet nicht nur seine Arbeitskraft sondern auch unternehmerische Initiative - und unterstützt den Betrieb, indem er gratis oder zumindest zu einem Praktikantenlohn arbeitet. Dazu haben aber eben immer weniger Lust, denn das ist Ausbeutung und sollte vom Staat eigentlich nicht gefördert werden. Wenn vom Mitarbeiter unternehmerisches Verhalten gefordert wird, ist er dafür auch mit einem Gewinnanteil zu belohnen.
Arbeitsweg 4 Stunden: Da wurde der Bogen durch den Gesetzgeber überspannt
Stelle per Verfügung: Eine verordnete Stelle abzulehnen ist laut SECO-Richtlinien das schlimmste aller möglichen Vergehen. Die Ablehnung führt zu Reduktion der Ansprüche: 31 bis 45 Sperrtage beim ersten Mal, 46 bis 60 beim 2. Mal, Aberkennung der Vermittelbarkeit beim 3. Mal. Hier handelt es sich eindeutig um einen Widerspruch zur Wirtschaftsfreiheit, die in Artikel 27, Absatz 2 eindeutig definiert wird: Sie umfasst insbesondere die freie Wahl des Berufes sowie den freien Zugang zu einer privatwirtschaftlichen Erwerbstätigkeit und deren freie Ausübung. Dazu ist eh zu sagen, dass zwar das Gesetz dieses Recht anerkennt, der Markt aber darauf scheisst.
Durch systemkonformes Verhalten (= Anpassung) ersparen sich die Versicherten zwar Ärger und sichern sich die Unterstützung - bewegen sich aber ziemlich weit weg von den Realitäten des Arbeitsmarktes. Die Beratung hat also immer etwas vom "absurden Dialog", in dem man zwar zeigt, was man tut, aber es nur so weit offen ausspricht, dass der andere nicht zu einer formellen Antwort (Verfügung-direkter Widerspruch) gezwungen wird. Der Verkehr zwischen Arbeitslosen und Amt ist also von Strategien geprägt (... weshalb auch dieser Beitrag eigentlich gut in den Beitrag Sozialarbeit als listige Tätigkeit gepasst hätte, das aber noch länger ist als der hier). Ein volles Engagement der Arbeitslosen wird in der aktuellen bürokratischen Verfassung praktisch verunmöglicht. Priorität hat, "den willigen Arbeitslosen" überzeugend zu spielen - oder, auf der andern Seite, das wohlmeinende Patriarchat (d.h. in dem Falle meist eher Matriarchat, was aber auch nichts besseres ist.) Die unglückliche Verknüpfung von Beratung mit Sanktion öffnet der Willkür Tür und Tor. Natürlich lässt sich das System missbrauchen, wie jedes System, das klare Regeln hat, was ja gerade der Arbeitslosigkeit verursachende Faktor, der überbordende Neoliberalismus beweist, der sofort, wenn die Angestellten nicht zu 120% ausgelastet sind, diese in Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder Frühpensionierung schickt..
Ungelöstes Hauptproblem:
Die Arbeitsmarktpolitik setzt, typisch für das liberal-repressive Modell von Sozialstaat, einseitig beim Arbeitskräfteangebot an. Ziel ist es nicht, den Ausschluss zu verhindern - sondern die Ausgeschlossenen mit repressiven Mitteln zur Reintegration zu zwingen, zu fast allen Bedingungen. Alles ist zumutbar ...