ARBEIT

  1. Die Leistung bestimmt den Lohn! ... Die Frage ist nur: Welche Leistung?
  2. Wer trägt die Schuld an der zunehmenden Ungleichheit - Globalisierung oder technischer Fortschritt?
  3. Unterschiedliche Auswirkungen von Produktionssteigerung und Rationalisierung bei verschiedenen Branchen.
  4. Frauen wirtschaften anders als Männer
  5. Der Lohn des Kapitals
  6. Working Poor: Im Schweisse Deines Angesichts sollst Du - Dein Brot beim Arbeitsamt holen.
  7. Was ist Gerechtigkeit - Wer schafft sie?

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Warum verdienen die einen zu viel, die andern zu wenig?

Gibt es den gerechten Lohn?

Die Höhe der Löhne richtet sich nicht nach objektiven Leistungskriterien, noch weniger nach subjektiven Bedürfnissen der Arbeitnehmer. Sie hängen in erster Linie ab von den Gewinnmargen.

 Martin Herzog webdesign Rheinfelden Juli 2000 [AM-Agenda]

 «Die Lohnungleichheit hat in der Schweiz nicht zugenommen» - so die Ergebnisse des Bundesamts für Statistik. Globalisierung, Klagen über Stress, steigende Anforderungen, Mobbing, ungerechte Löhne, die berühmte Lohnschere – und dabei soll alles beim Alten geblieben sein? Um den Leser nicht an einem Scheinproblem hängen zu lassen die Antwort vorweg: Die Meldung stimmt. Die Recherchen der AM-Agenda bestätigen, dass sich die Verteilung der Löhne in der Schweiz in den letzten 20 Jahren kaum geändert hat. Hat sich wirklich nichts geändert? Doch, aber man muss ein bisschen über den Arbeitsmarkt hinaussehen, um es zu erkennen.

 Die Graphik «Bruttolöhne nach Wirtschaftszweigen» zeigt bereits die Richtung, in der wir suchen müssen. Löhne für die es sich lohnt zu arbeiten werden nicht in Gewerbe und Industrie verteilt, sondern bei Versicherungen und Banken. Geld wird am besten mit Geld verdient. 1999 nahm der Anteil der Lohnbezüger an der Bruttowertschöpfung wieder um 0.3% ab, während der Anteil der Kapitalgeber um 0.5% zunahm. Diese geringe Verschiebung macht vielleicht mehr Eindruck, wenn wir sie in Franken ausdrücken. Die Bruttowertschöpfung für die gesamte Schweiz betrug 1999  335 Milliarden (BfS). Diese scheinbar unbedeutenden 0.3% welche die Arbeiter verloren haben, entsprechen also einer vollen Milliarde Franken. Die 0.5% welche das Kapital 1999 zusätzlich vom Mehrwert abschöpft, wären also 1.65 Milliarden – in etwa das doppelte dessen, was der Eidgenossenschaft weltweit für Entwicklungszusammenarbeit einsetzen kann.

 

Was ist der gerechte Lohn?

Der amerikanische Ökonom Daniel Hamermesh von der Uni Texas hat herausgefunden, dass schöne Frauen, unabhängig von der Ausbildung, 4% mehr verdienen, unterdurchschnittlich aussehende dagegen 5% weniger. Bevor sich die (durchschnittlichen) Frauen nun beklagen, das sei wieder so ein Machoding ... bei gut aussehenden Männern beträgt der Bonus 5%, der Malus 9%. Und im sowaswiekommunistischen China verdienen gut aussehende Frauen sogar 10% mehr.

CASH 8. Dez. 2005, S. 53-55

Gautschi und Hangartner vom Soziologischen Institut Bern zeigen, dass dies noch viel weiter geht, dass Löhne nämlich stark von der Körpergrösse abhängen, die sich nun wirklich nicht durch Leistung steigern lässt. Der schweizerische Durchschnittsmann ist 1.77m gross, hat 11.5 Jahre Schulbildung, 23 Jahre Berufserfahrung und verdient im Jahr netto 74'000 Franken. Ist einer 10 cm grösser, bei gleich bleibenden andern Faktoren, verdient er 5235 Fr. mehr. Die Schweizer Durchschnittsfrau ist 1.65m gross, hat 10.5 Jahre Schulbildung, 7.5 Jahre Berufserfahrung und verdient 57'800 Fr. 10cm grösser bringen 3350 Fr. pro Jahr mehr.

Auf Grund der Grösse wird auf Führungsstärke und Intelligenz geschlossen. Mit leistungsgerechtem Lohn hat dies aber nichts zu tun.

Cash Nr. 20, 13. Mai 2004. S. 12-13

James Bruning von der Ohio University hat zudem festgestellt, dass z.B eine Bewerberin Namens Lydia weitaus schlechtere Chancen hat auf einen Job als eine namens Lea. Auch Erwin, Bruno oder Hank haben allenfalls Chancen als Lastwagenchauffeure, Emma und Marta als Krankenschwestern, nicht aber Dagmar, wenn man Zugang sucht zu einem "typisch weiblichen", sozialen Beruf - während man David, John, Michael; Susan, Elizabeth oder Sarah heissen sollte, will man zu den Topverdienern gehören. (... und auch hier eine gewissen Dominanz der jüdischen Kultur)

Ist es gerecht, dass Ältere mehr verdienen als Junge? Ist es gerecht, dass ein Sachbearbeiter in der Stahl- oder Holzbranche beinahe einen Drittel weniger verdient als einer bei Banken und Versicherungen? Ist es gerecht, dass ein Zürcher 13% mehr verdient als ein Tessiner? Ist es gerecht, dass Frauen 22% weniger verdienen als Männer?

Die Antworten dazu fallen unterschiedlich aus:

 Erstens verdienen Ältere schon lange nicht mehr überall besser als Junge, vor allem nicht in der Informatikbranche. Dort wo dies noch der Fall ist, liegt es in der Erfahrung und Weiterbildung begründet, die auch zu einer höheren Produktivität führen. Produktivität ist das Stichwort, das auch die zweite Frage. Banken und Versicherungen erzielen mit wenig Personal hohe Gewinne, sie können sich also relativ teures Personal leisten und relativ hohe Anforderungen an Ausbildung und Erfahrung stellen. (s. Tabelle)

Regional unterschiedliche Löhne sind ebenfalls gerechtfertigt, denn sie basieren auf den Unterschieden der Lebenshaltungskosten. Im Tessin lebt es sich günstiger als in Zürich, auf dem Land günstiger als in der Stadt. Diese Unterschiede zeigen sich am deutlichsten in Immobilienpreisen und Mieten.

Gerechtigkeit lässt sich ganz offensichtlich aufgrund verschiedener Kriterien beurteilen:

Auch hier wird klar, dass das, was uns als "Leistung" verkauft wird, viel mehr mit List zu tun hat:

Unsere Topverdiener, also Verwaltungsräte und CEOs (Betriebsleiter), erhalten ja nicht so viel Geld, weil sie so viel wissen. geschweige denn, weil sie so viel leisten würden (leisten im normalbürgerlichen Verständnis von Arbeitsleistung). Topsaläre werden bezahlt, weil diese Leute  bewiesen haben, dass sie List profitabel für den Betrieb einsetzen können.

Eine der wichtigsten Hinter-Listen des kapitalistischen Systems ist die Pareto-Verteilung, durch  die 80% "ausgemünzt" werden, weil sie am wirklich lukrativen Geld- und Finanzmarkt gar nicht mitspielen können.

Völlig gerecht werden unsere Löhne keinem dieser Kriterien, nicht mal dem der Rentabilität. Dies lässt sich leicht zeigen. In der Graphik Bruttolöhne wurden die Wirtschaftszweige zu 4 Gruppen zusammengefasst, bei denen die Löhne im selben Bereich liegen. Diese Gruppierung erleichtert den Vergleich mit Daten aus einer ganz anderen Quelle die in Tabelle «Gewinne und Personalaufwand» dargestellt sind. Gruppe 4 etwa erzielt Spitzengewinne und kann Spitzenlöhne bezahlen. Je mässiger die Gewinne ausfallen, desto mehr erhöht sich der Aufwand (s. Spezialfall Batigroup). Die Werte in Gruppe 2 zeigen eindrücklich die Wettbewerbsverhältnisse. Selbst die Riesen des Detailhandels müssen bei relativ bescheidenen Löhnen einen enormen Aufwand betreiben, um ihre Gewinne zu realisieren.

Aus der Graphik Bruttolöhne nach Wirtschaftszweigen und der Tabelle  Gewinne und Personalaufwand lässt sich eine einfache Regel für die Lohndifferenzierung ableiten:

Valora ist hier ein Spezialfall. Ihr gelingt es, mit niedrigen Löhnen hohe Gewinne zu schaffen. Erstens sind hier offenbar die Interessen der Arbeitnehmer schlecht vertreten, zweitens zeigt der wenig erfreuliche Halbjahresabschluss, aufgrund dessen der Aktienwert grad um einen Viertel absank, dass diese Methode nur sehr beschränkt funktioniert.

 

 

Gewinne und Personalaufwand

 

 

 

 

 

 

 

Gruppe

 

Personalaufwand

Gewinn

Aufwand / Gewinn

 

 

           in 1000 Fr.

 

 

4

SAP

228

383

0.6

4

BP

133

206

0.6

4

TA-Media

131

46

2.8

4

Roche

102

85

1.2

4

Berner Tagblatt

97

51

1.9

3

Mettler

90

48

1.9

2

Jelmoli

84

39

2.2

2

Batigroup

84

0.6

146

2

Metallwaren Holding

80

28

2.9

2

Migros

68

12.7

5.3

1

Mövenpick

64

14.7

4.3

2

Coop

62

7.2

8.6

2

Swatch Group

59

25

2.4

2

Ex Libris

56

32

1.7

2

Valora

54

129

0.4

2

Vögele

52

25

2.1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Graphik rechts zeigt das ungelöste Problem unseres Wirtschaftssystems: Branchen mit hoher Wertschöpfung verteilen den Ertrag meist auf wenig Mitarbeiter, typisch sind hier Banken und Versicherungen wie Chemie und Pharma - Branchen mit vielen Arbeitsplätzen haben zudem auch tiefe Wertschöpfung. Zu letzteren gehören vor allem Bau, Tourismus und Detailhandel, die gerade den Bürgern mit geringerer Ausbildung ein Einkommen verschaffen (sollten). [Zahlen aus Bilanz No. 3/2008: Harald Fritschi: Im Sog der USA. S. 55-61]. Informatik ist noch immer ein mittlerer Ausnahmefall, da sie anständige Löhne zahlt - bei nicht übermässig dominierender Gesamtwertschöpfung. Elektrotechnik scheint auch in der Schweiz die beste Zeit längst hinter sich zu haben.

 


Ungleichheit hat nicht nur negative Folgen

Obwohl Ungleichheit aus sozialer Perspektive meist kritisch bewertet wird, sind Unterschiede und der damit verbundene Neid, verbrämt als «Ehrgeiz oder als Streben nach Erfolg» die eigentlichen Treibriemen des Wirtschaftswachstums. Seit historischen Zeiten wollen die Bauern Städter werden, die Bürger wollen Edelleute werden, Adlige wollen reicher werden – und so wetteifert man miteinander unter Einsatz aller Kräfte: Wer hat die neuere, schönere und teurere Karosse, wer hat das grösste und luxuriöseste Anwesen, wer hat die exquisiteste Mätresse etcetc. [i]

Trotzdem – Gleichheit ist nicht unbedingt die Lösung aller Probleme. Am eindrücklichsten lässt sich dies anhand eines Beispiels aus dem Jemen zeigen, wo französische Archäologen in den neunziger Jahren Ausgrabungen gemacht haben in der Tihama, der Küstenwüste. Die Untersuchung der Ablagerungen belegten, dass sich der Lebensstil seit beinahe 2000 Jahren kaum verändert hat: Am Morgen aufs Meer fahren, Netze auswerfen, Fische an Land bringen, Fische braten und essen, Gräten auf den Haufen werfen. Der Rest des Tages war der Pflege eines kleinen Hirsefeldes, der Religion und vor allem der Familie und den Nachbarn gewidmet. Die Duum-Palme lieferte neben Nahrung gleich noch Flechtmaterial für Schuhe, Hüte, Körbe und Bettunterlagen.

Bei aller Nostalgie die solche Bilder beschwören mögen – dies ist wohl kaum das Leben das den meisten von uns vorschwebt. Die egalitäre und zufriedene Ökonomie ist eben auch eine Ökonomie ohne Anreize zur Forschung und Weiterentwicklung.

Frauenlöhne

[Heitzmann/Schmidt (Hrsg): Wege aus der Frauenarmut. Europäischer Verlag der Wissenschaften. Peter Lang. Frankfurt a.M. 2004]

In einer Diskussion über gerechte Löhne darf der Unterschied zwischen Löhnen von Männern und Frauen kaum fehlen. Trotz vieler Jahrzehnte an Diskussionen über Gleichberechtigung und gleichen Lohn für gleiche Leistung, sind hier die Unterschied nicht verschwunden, ja oft sogar noch grösser geworden. s. Oesterreich. Hier ein eindeutiger Beleg für den Balassa-Samuelson-Effekt, also die Tatsache, dass ein höheres BSP, das vor allem durch höhere Einkommen an der Spitze entsteht, für die tiefen Einkommen keinerlei Verbesserung bringt, sondern das Gegenteil. Mit einem Unterschied (gender gap) von "nur" 20% ist hier die Schweiz für einmal eigentlich völlig europakompatibel.

 

"Frauenberufe"

Trotz oft enormer Anstrengungen von Ausbildungsstätten (ETH z.B.), mehr Frauen in IT und andern Technischen Berufen zu fördern, wählen Frauen vorzugsweise <Frauenberufe>, und damit oft brotlose oder zumindest schlecht bezahlte Berufe *:

* Hier allerdings darf man nicht übersehen, dass es sich um eine nicht beantwortete "Huhn-oder-Ei"-Frage handelt: Sind diese Tätigkeiten schlechter bezahlt, weil Frauen sie ausüben - oder sind sie schlechter bezahlt, weil sie Frauen, im Gegensatz zu Männern, dennoch annehmen. Frauen sehen sich hier gerne als Opfer - aus der Perspektive der Männer sind sie allerdings Lohndrücker, da sie sich eben zu wenig wehren - und sich dadurch gegenüber den Männern einen Vorteil verschaffen am Arbeitsmarkt - dessen Nachteile sie dann nachher - durch die Männer, nicht durch eigenes sich exponieren - korrigiert sehen möchten.

Kosten der Flexibilisierung - der:(multiple) Karriereknick:  Die Graphik rechts zeigt am besten, warum Frauen a) weniger verdienen als Männer und b) nur selten in Chefetagen zu finden sind. Weil ihnen immer die Aufgabe des Kinderkriegens obliegt und meist die Aufgabe der Kinderbetreuung und Hausarbeit, können sie sich (mit wenigen Ausnahmen) nicht voll dem Erwerbsleben widmen - und die Karriere pflegen. Frauen haben, bedingt durch familiäre Tätigkeit und Unterbruch der Arbeitsmarktbeteiligung weniger Möglichkeiten, ihr Arbeitsmarktrelevantes Humankapital weiter zu bilden als Männer.

Karriererelevant sind Sichtbarkeit (Präsenz) und Netzwerke. Leistung ist hier sekundär, denn würde man die effektive Leistung durch die Stunden teilen, die zwecks "Präsenz" in der Firma verbracht werden, käme meist eine recht mässige Leistung dabei heraus.

Netzwerke erhöhen die Sichtbarkeit, erleichtern Informationsaustausch und Karriereplanung. Allerdings sind sie weder Frauen noch "unteren Klassen" zugänglich. Früher sprach man hier betr. Frauen von einem glass ceiling, einer gläsernen, also unsichtbaren Decke, die weiteres Aufsteigen verhindert. Heute wird der Ausdruck firewall empfohlen, da sich das Netzwerk durch Codes schützt, die aussen stehenden unbekannt sind .... oder von diesen als derart absurd empfunden werden (Anzug, Krawatte, Aversion gegen Bärte etc.), dass sie gar keine Lust haben, hier mit zu spielen. Bestimmte Annahmen, Normen, Praktiken werden hier geteilt - nicht diskutiert. Als Firewalls dienen oft auch gatekeeper, also meist Sekretärinnen, die im Sinne des Chefs diejenigen Ideen und Menschen vorselektieren, die Zugang erhalten.

Entscheidend sind die richtigen Qualifikationen, zertifizierte Qualifikationen .. zur rechten Zeit am rechten Ort. Und präzise hier zeigt sich die sehr dunkle Schattenseite des lebenslangen Lernens, nicht nur für Frauen - denn

Teilzeit (mommy track): So wird auch der Grossteil der (meist schlechter bezahlten) Teilzeitbeschäftigung durch Frauen geleistet. In Oesterreich betrug der Anteil der Frauen an Teilzeitarbeitern 1971 91%, und der fiel bis 1991 nur auf 87%.

Zugang: Kapital, Wissen, Netzwerk. Jung, dynamisch, ungebunden, frei von sozialen Verpflichtungen ... mit ausreichend Zeit für permanente Weiterbildung

Wichtig ist hier die Unterscheidung zwischen Kernbelegschaft mit Wissen, das für die Firma kritisch ist, das die Firma beträchtliche Summen kostet, wenn es in falsche Hände gerät, also beträchtliche Einkaufsprämien betr. der Loyalität des Mitarbeiters bedingt. Die Randbelegschaft ist im Vergleich dazu ja relativ leicht ersetzbar. Hier wird für Loyalität autoritär gefordert, oft und gerne als unbezahlte Überzeit und dergleichen, aber nicht (oder nur selten, bei ethisch ausgerichteten Firmen) belohnt.

Im Topmanagement, wo strategische Entscheidungen gefällt werden, sind die Männer meist unter sich. In der Mitte, wo Verhandlungsaufgaben zwischen "Oben" und "Unten" zu leisten sind, finden sich mehr Frauen, sog. SandwichmanagerInnen. Am häufigsten allerdings finden sie sich um untern Management, da sie sich gerne an der Gruppe orientieren, und oft von dieser selbst in leitende Stellung gehoben werden. Bendl/Schmitt erwähnen auch ausdrücklich, dass bei Frauen die Ambition, Top-Positionen zu erreichen, weit weniger ausgeprägt ist. Da solche Positionen aber nur durch lang dauernde wiederholte Turnierkämpfe zu erreichen sind, versteht sich das Resultat von selbst.

Nehmen wir nun die Erkenntnisse der Netzwerkforschung hinzu, erklärt sich das alles quasi von selbst: Frauen gelangen dank häufiger Temporärarbeit und dank häufiger Unterbrüche eben so häufig in die Einsteigerposition. Wenn sie nun versuchen, ihre kumulierte Erfahrung so einzusetzen, wie das andere (also meist Männer) in der gleichen Firma tun, die aber ihre Erfahrungen, die sogar geringer sein können, in dieser Firma selbst gesammelt haben, werden sie durch Nichtbeförderung bestraft für falsches Verhalten, da sie die Karenzzeit als Neuling nicht eingehalten haben. Was Heitzmann/Schmidt als unbekannten <Code> beschreiben, der den Augstieg verhindert, ist also bloss ein Verstoss gegen Rollenerwartungen ... ein Verstoss, ohne den die Frauen aber eben auch nicht weiter kommen, eben weil sie kaum je so lange in der selben Firma rumsitzen können (oder wollen), bis sie das erwartete Leder am Hintern haben.

Die regionale Ungleichverteilung der Löhne in der Schweiz

Die höchsten Einkommen (und Lebenshaltungskosten) in den Stadtregionen Zürich-Basel-Genf. Die niedrigsten in den Alpen, die inzwischen disponibel geworden sind als Entwicklungsregion. (s. Alpenreservat) Die Ungleichheiten schlagen stärker zu Buche, wo wenig zu verteilen ist - aber auch dort wo der Reichtum konzentriert ist, also wiederum Zürich-Basel-Genf (mit Zug natürlich, dem Zentrum für Wirtschaftsflüchtlinge der oberen Kategorie).

[Bruno Jetziner/Rudi Peters: Regionale Einkommens- und Vermögensverteilung in der Schweiz: Was sagen die Steuerdaten? Die Volkswirtschaft 80. 12. 07. S. 17]

 

Die Anhebung tiefer Löhne dient auch der Marktförderung  

Es gibt immer noch, trotz enormer Werbeanstrengungen (die um so anstrengender sind, je mehr sie das falsche Produkt bewerben) viele Schweizer Produkte, gerade auch aus der Landwirtschaft, die zu wenig bekannt sind.

Irgend eine Idee, welche Schweizer Produkte sich in den im Web angesprochenen andern Deutschsprachigen Gebieten verkaufen lassen?

Wie z.B:

  • Sbrinz (der eigentlich der Vorgänger des Parmesans ist)
  • Bündnerfleisch
  • DIE Schweizer Top-Käse: http://www.naturli.ch/div_regionen/kaese.php
  • Nusstorten, Maronispezialitäten
  • Waadtländer Saucissons, zum Kochen wie luftgetrocknet zum roh Essen
  • ...
  • p.s: Das gilt natürlich auch umgekehrt für Produkte angrenzender Länder, die in der Schweiz zu wenig bekannt sind ... aber die kenn' ich eben nicht.

    Mit dem Standortwettbewerb der Städte und Regionen um die Investoren richtet sich das Augenmerk auf die 0.3% der Bevölkerung, die vom Lohn unabhängig sind. Ihr Einkommen wird durch Steuererleichterungen geschont. 

    Wäre es nicht noch mehr angebracht, etwas schonender umzugehen mit denen, deren Löhne an oder gar unter dem Existenzminimum liegen? Das ökonomische System muss so eingerichtet werden, dass sich die Menschen die darin und dafür arbeiten auch dessen Produkte leisten können. Bei der Frage, wie dies zu bewerkstelligen sei, kommen auch marktwirtschaftliche orientierte Theorien zu gegenteiligen Schlüssen:

    §         Angebotssteuerung: Jedes Angebot findet, beim richtigen Preis, seine Nachfrage. Alles kann verkauft werden, man muss ihm nur den richtigen „Wert“ geben. Davon lebt ja die Werbung.

    §         Nachfragesteuerung: Es wird das produziert, wofür eine Nachfrage besteht. Konsumenten-Wünsche und -Kaufkraft bestimmen das Angebot.

    Wenn ein Markt entstehen soll, müssen die Konsumenten auch Geld haben, um sich was leisten zu können. Ein Gebot, dass im übrigen auch dem Tycoon Ford bewusst war, den ja kaum jemand als Linken beschimpfen wird. Da er sich Gedanken machte, wer denn seine Autos kaufen solle, zahlte er seinen Arbeitern Löhne, die deutlich über dem herrschenden Niveau lagen. Es war vor allem der britische Nationalökonome Keynes, der diese Grundlagen weiterentwickelt hat, und Gunnar Myrdal, der sie in seiner  Publikation «Oekonomische Theorie unterentwickelter Regionen» auf die Entwicklungszusammenarbeit anwandte: Der erste Schritt der Entwicklungshilfe ist nach ihn also nicht die Öffnung der Märkte für billige Importe. Dies führt praktisch immer zu Verschuldungen. Der erste Schritt wäre eine Anhebung der Einkommen – damit die lokale Wirtschaft in Schwung kommt!

    Welche Unterschiede sich je nach Theorie ergeben, lässt sich für die Schweiz leicht anhand des Gastgewerbes zeigen. Die vom Neoliberalismus vertretene Angebotssteuerung verlangt tiefere Preise, um die Angebote einem breiteren Publikum erschwinglicher zu machen. Die entwicklungsorientierte Nachfragesteuerung verlangt höhere Löhne, denn, wer arbeitet und trotzdem am oder gar unter dem Existenzminimum lebt, kann sich sogar solch einfache Dienstleistungen kaum leisten. Dazu kommt, dass wir uns freundlichere und fröhlicher Gesichter beim Personal wünschen. Geben wir ihm also einen Grund freundlich zu sein, gewähren wir ihm erfreuliche Löhne. Sie werden das Geld «wirtschaftsfördernd» einsetzen 

    Zusammenfassend wäre zu bemerken, dass Markgerechtigkeit dem menschlichen Gerechtigkeitsgefühl nur höchst selten gerecht wird. Sollen alle, speziell die tiefen Löhne, menschlichen Bedürfnissen gerecht werden, braucht es eine Lenkung durch die Gesellschaft mit dem ihr zur Verfügung stehenden Steuer, der Politik.



    [i]  Ökonomie aus einer anderen Perspektive, eben so spannend wie treffend, dargestellt, findet sich in Sombart: «Liebe, Luxus und Kapitalismus. Über die Entstehung der modernen Welt aus dem Geist der Verschwendung»  (Wagebach, Berlin, 1992), sowie, älteren Datums, in Veblens «Theorie der feinen Leute» Kiepenheuer & Witsch; Köln, Berlin.).

    Gibt es bald überhaupt noch Lohn ohne Kapital?

    Vier Jahre später scheint das Thema "gerechter Lohn" absurd, illusorisch, utopisch, da sich immer mehr Menschen fragen, wie sie überhaupt zu einem Lohn kommen sollen - oder zumindest zu Geld, um überleben zu können. Auch die Frage nach dem guten Leben wurde für viele zu einer Frage nach dem Überleben.

    Und all dies soll durch mehr Eigenverantwortung und mehr Wettbewerb behoben werden. Dabei ist es präzise der Wettbewerb, der zu Machballungen auf der Kapitalseite, zu Ausschluss auf der Arbeitnehmerseite führt.

    2004 war ein Rekordjahr der Bankrotte, auch in Deutschland. Besonders betroffen waren Autogaragen, Tankstellen und Baugeschäfte. Deutschland hat 6 Millionen Arbeitslose, in absoluten Zahlen so viele wie seit der grossen Depression der Dreissiger nicht mehr. Man ruft nach mehr Ausbildung - aber Lehrstellen sind knapp, Bildung geht so nach und nach den Weg aller Privatisierung und das Studium soll verteuert werden. Mehr Wettbewerb heisst mehr Selektion heisst mehr Ausgeschlossene - ein logisches und eigentlich zu erwartendes Resultat. Seltsam, dass offenbar niemand die Zusammenhänge sehen will.

    Wir können das Problem gut anhand der amüsanten Graphik rechts beurteilen. Amüsant deshalb, weil hier offenbar die ganze Last der wenig und nichtganzsowenig Verdienenden von den gut verdienenden getragen wird. Folglich muss diese Last von den Schultern der Leistungsfähigen genommen werden - so die rechte Theorie - während die unproduktiven mit aller Härte zu mehr Bildung, Anstrengung und Leistung getrieben werden müssen. Den armen Belasteten wird durch Steuererlasse, den lästigen unproduktiven durch Abzüge (auf die Sprünge) geholfen.

    Während den armen Belasteten unten das ganze Augenmerk und Lob gilt, kriegen die unproduktiven den Schwarzen Peter. Sie sollen schuld sein an der Staatsverschuldung, dem mangelnden Wachstum, dem fehlenden Geld in den Kassen ... was ja eigentlich stimmt. Wer nichts verdient kann auch nicht konsumieren.

    Der rote Balken bezeichnet die Problemgrenze. Wer in der Schweiz weniger als 3000 Franken verdient gilt als working poor. Wir sehen, dass es sich vor allem um Frauen handelt, vermutlich Teilzeit arbeitend. Eine monetäre Förderung des Familienlebens, da manundfrau mit diesen Löhnen alleine gar nicht über die Runden kommt. Zum Vergleich: Liegt der Median bei individuellen Einkommen bei ca. 5400.- Fr. pro Monat, so beträgt er pro Haushalt rund 9000.- Das sieht zwar gut aus, ist aber nicht ganz so gülden wie es den Anschein macht, denn zieht man Steuern und Krankenkasse ab und teilt den Betrag durch die im Haushalt wohnenden Erwerbstätigen so ergibt sich ein pro-Kopf-Median von 3737.-

    Trotzdem, in der Mitte haben wir eigentlich kein Problem, aber an den Enden, insbesondere am untern (hier obern) Ende. Während die Elite, welche die Wirtschaft vorwärts bringt, Wirtschaftsclowns wie Bernard Tapie, Wirtschaftsbetrüger wie Werner Rey und Jürgen Spengler, eventuell auf den Bahamas oder in der Toscana Asyl suchen müssen, wird blinden Visionären wie Ebner noch dafür gedankt, dass sie den Kleinanlegern nicht nur gezeigt haben, dass man mit Aktien Geld verdienen könnte, sondern auch, dass man es dabei verlieren kann [sowie, dass Reichtum und guter Anzug noch lange keine Garantie für verlässliche Ratschläge sind].

    Am andern Ende werden die "Unproduktiven" zu 5$-Jobs, temporären Einsätzen, Praktika, Arbeit um jeden Preis, Arbeit auf Abruf etc. "motiviert". Zehn, zwanzig, dreissig, dreihundert - pro Job - wird gesagt, sie würden sehr wohl einen Job erhalten, wenn sie sich bloss richtig anstrengen und bewerben würden. Wie unter Wie vertragen sich Freiheit und Wirtschaft? belegt, haben Firmen dem Staat längst die lästige Kontrolle der Bürger abgenommen. In den USA, Vorkämpfer der Freiheit, haben die Firmen das Recht, ihren Angestellten das Rauchen und den Alkoholkonsum zu verbieten, auch ausserhalb des Betriebes und in der Freizeit. Die Einhaltung dieser "Firmengesetze" darf die Firma per Drogentest überprüfen und MitarbeiterInnen wegen privaten Rauchens oder Alkoholkonsum auf Grund eben solcher Tests entlassen. Das selbe Dressur-Prinzip hat sich nun (August 06) auch in Deutschland und der EU in einem ersten Anlauf voll durchgesetzt: Raucher dürfen bei Bewerbungen diskriminiert werden, ohne dass dies rechtlich als Diskriminierung betrachtet wird.

    Hier setzt sich nun der Calvinismus fundamentalistisch durch und will die Hölle auf Erden gleich selbst schaffen. Die CVP, die höhere Krankenkassenprämien für Dicke fordert, springt hier voll auf den protestantischen Zug und beweist, als katholische Partei, ihre ökumenische Grundhaltung ... oder geht's vielleicht doch eher um eine ökonomische Grundhaltung, die auch hier die christliche ersetzt hat?  Was folgt? Höhere Steuern für Kleine, weil sie weniger oft Führungspositionen einnehmen? Eine Energiesteuer für Dünne, weil sie eher frieren? Höhere Prämien bei der Arbeitslosigkeit für "unübsche", weil ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt beeinträchtigt sind? Der Ausschluss von Kranken aus den Krankenkassen, von Arbeitslosen aus den Arbeitslosenunterstützung und von Bedürftigen von der Sozialhilfe?

    Zu Ausschuss oder Sklaven erklärte Menschen tendieren aber dazu, rabiat zu reagieren, allenfalls depressiv. Zudem würden sie, sollten sie den Rat, den ihnen die Wirtschaft währende der Depression gibt: Du wirst nicht gebraucht, ernst nehmen und sich wirklich eliminieren, beim nächsten Aufschwung als Produzenten und Konsumenten fehlen. Dieses Problem wird sich durch die Überalterung noch verschärfen. Obwohl all dies bekannt ist, wird das Problem nach wie vor bei den Sozialhilfebezügern gesehen und nicht in einem Wirtschaftssystem, das Menschen wie Firmen oder Produkte einfach als Überflüssig erklären und sie ihrer Würde und gar Existenzberechtigung berauben kann.

    Mehr Bildung - mehr Dressur [s. auch Die Dominanz betriebswirtschaftlichen Denkens in der Politik ruiniert  Volkswirtschaft, Volk und Kultur]

    Beim Ansatz "mehr Bildung" wird übersehen, dass per definitionem etwa 50% der Bürger einen IQ von unter 100 und die andern 50% einen IQ von über 100 haben. Bei einem naturgegebenen und stark durch Vererbung bedingten IQ ist es aber Betrug, hier von Eigenverantwortung, Chancen und dergleichen zu faseln. Die Schule ist und war nicht nur ein Förderungsinstrument, sondern immer ein Selektionsmechanismus. Nicht? Sind die Prüfungen abgeschafft worden? Die andere Seite der "Selektion der Besten" heisst aber: Deselektion der Zweitbesten, die prompt eine zweite Klasse bilden. Das ist so. Kaum zu ändern. Aber diese den Schlamassel nicht bloss ausbaden zu lassen sondern sie geradezu dafür verantwortlich zu machen ist Betrug. Ein Wirtschaftssystem das nur die Besten brauchen kann und die Besten nach ihrer Kapazität Geld zu vermehren ausliest, ist kein taugliches Gesellschaftssystem sondern eine andere Form der Kriegführung:

    War früher mal die Idee von Bildung, dass diese eine Orientierung für den Lebensweg bilden sollte, so lernen Schüler heute für Prüfung, nicht für das Leben. Lehrlinge lernen was das für den Betrieb nützlich ist, nicht für ihr Leben. Sie kämpfen um einen Platz an einer guten Schule, sie Kämpfen um eine Lehrstelle, sie kämpfen um gute Noten, sie Kämpfen um Arbeit. Wettbewerb, Wettbewerb, Wettbewerb <> Ausschluss, Ausschluss, Ausschluss: Ausschuss.

    Ausschluss geschieht zudem selten auf Grund selbst gewählter tiefer Leistung, sondern auf Grund von mangelnder Intelligenz, mangelnder Sprachkenntnis, mangelnder Umgangsfähigkeit und generell sozialer, psychischer und physischer Auffälligkeit (und, nicht zu vergessen, mangelnder guter Beziehungen). Tröstlich für die weniger Intelligenten: Auch mit einem hohen IQ können Sie ausgeschlossen werden, wenn sie nicht fügsam sind und das tun, was man ihnen sagt - auch gegen besseres Wissen. Falls es dann, wie zu erwarten, trotzdem in die Hosen geht, wird natürlich dennoch erwartet, dass Sie die Verantwortung übernehmen, auch wenn Sie nur im Auftrag gehandelt haben.

    Das selbe in der Firma und zwischen Firmen. Grosse Firmen verdrängen kleine, billige Produkte teure, gut Ausgebildete schwächere, die Produktiven die weniger Produktiven (wobei Produktivität immer in Geld gemessen wird, nicht als Arbeitsleistung. Wie der einleitende Beitrag zeigt, trifft es ja eben gerade nicht zu, dass die beste Leistung, also der härteste Einsatz, am besten belohnt wird. Gerade umgekehrt. Die härtesten Arbeiten sind am schlechtesten bezahlt: Bauern, Bergwerksarbeiter, Fischer, Bauarbeiter - und erreichen oft nicht mal das Pensionsalter. Die angenehmsten Arbeiten werden bestens belohnt und die Ausführenden können lange Jahre das Ersparte geniessen.

    Geld wird mit Geld und Kapital verdient, nicht mit Löhnen. [s. auch: Zu viel Staats- oder zu viel Geldmacht? & Plutokratie]

    Der Niedergang einer Marktwirtschaft die sich noch soziale Marktwirtschaft nennen durfte begann mit der Wirtschaftskrise 1974/75. Der Untergang der sozialistischen (und kommunistischen) Alternativen mit dem Untergang der Sowjetunion 1991 beschleunigte den Vorgang der Weltherrschaft der Konzerne und der Plutokratie nur.

    Die Wirtschaft wächst, wenn auch mässig, aber die Löhne stagnieren seit 1975 (Graphik rechts aus PDF, 568 KB).

    Die Billigarbeiter der USA können sich ihre eigenen Produkte nicht mehr leisten und kaufen chinesische. Die chinesischen Billigarbeiter können sich gerade knapp am Leben halten. Ist das das Ziel des Wirtschaftens?

    Der Ökonom Say sagte:

    Der Unternehmer verdient, was er ausgibt, der Arbeiter gibt aus, was er verdient.

    In einer Wirtschaft aber, in der die Arbeiter so tiefe Löhne haben, dass sie sich die eigenen Produkte nicht leisten können, wird Say's Angebotstheorie (supply side theory) unterlaufen. Man rechnet einfach damit, dass sonst irgendwo auf der Welt noch bessere Bedingungen herrschen, also Angestellte höhere Löhne erhalten als die eigenen Leute. Dies setzt aber komplexe Prozesse in gang, über deren Auswirkung wir nicht die geringsten Informationen haben, also chaotische Prozesse.

    Ein weiteres bedeutendes Feld das ausserhalb der bekannten und einigermassen verständlichen Volkswirtschaft liegt, ist die moderne Finanzwirtschaft. Hier gelangt immer mehr Geld in seltsame Kreisläufe, in denen es sich selbst vermehren soll, ohne Arbeit, so die Auguren,.

    Menschen dürfen aus humanistischer Sicht nicht zu Ausschuss gemacht werden. Aber auch ganz ohne Romantik, Moral und Humanismus: Eine Wirtschaft, die den Menschen zum Untertanen macht und ihm trotzdem keine Sicherheit und kaum die Möglichkeit zu einem zumindest annähernd würdigen Leben gewährt, dürfte in die selbe Lage kommen, wie früher die politische Herrschaft, die den Menschen unterjochte. Sie provozieren Revolution - oft auch, wenn man nicht recht weiss, wohin die Revolution führen soll. Bannerführer die Chaotentruppen des schwarzen Blocks in Zürich wie Freiwirtschaft wie die attac haben zwar richtig erkannt, dass ein Ungleichgewicht zwischen Kapitalerträgen und Löhnen besteht, haben aber keine tauglichen Konzepte zur Lösung des Problems. So bleibt ihr Kapital viel Wut und viel berechtigte Kritik, die aber nicht fruchtend umgesetzt werden können.

    Die Freiwirtschaft fokussiert nach wie vor auf Inflationsbekämpfung, die ihr die Nationalbanken längst mit einigem Erfolg abgenommen haben, und auf die Bekämpfung von Deflation. Durch ihre cholerische Fixierung auf Geldumlauf und Horten übersehen sie aber nebenbei das Hauptproblem, die Entwicklung immer neuer Formen von "Geld" und "Geldkreisläufen", die zwar Geld, aber keine Löhne mehr produzieren.

    Zutiefst zuwider ist mir hier die SVP. Da ihre Mitglieder eigentlich meist zu denen gehören, die von der Entwicklung am härtesten getroffen sind, aber durch volksdümmliche Propaganda mittels eines nostalgisch-heimattümelnden Heile-kleine-gute-alte-Welt-Mythos über den Tisch gezogen werden. Widerlich.

    Ihr Erfolg erklärt sich vermutlich zum grossen Teil aus einem Autoritarismus, der eine Reaktion auf die heutige komplexe, chaotische und schwer zu verstehende Welt ist: Es ging uns gut, es geht uns besser, wir sind die Besten! Sie übersieht dabei, dass sie aus rückwärts gewandter Perspektive extrapoliert. Die ältere Generation hat in Deutschland wie in der Schweiz, mit Unterbrüchen, ihr Leben immer verbessern können. Es herrschte starkes Wachstum und Aufbau, die zu immer besseren Löhnen führten. Seit 1976 ist diese Entwicklung gebrochen, erst nur zyklisch, seit 1993 herrscht totaler Stillstand. Ohne Umverteilung bleiben also die Armen arm. Hier liegt der grosse Irrtum der Alten, denn bei bis zu 10% Wachstum ist es wahrlich kein Problem, Arbeit zu finden und "alles zu tun". (Der beliebteste Spruch der Alten: Ich habe immer alles getan und war mir für nichts zu gut.) Wenn sie allerdings ehrlich währen, müssten sie zugeben, dass sie zwar oft Jobs hatten, die um einiges anstrengender waren, was körperliche Arbeit betrifft, als wir das heute gewohnt sind, dass sie selbst aber kaum je derartige Anstrengungen unternehmen mussten, um an den allerletzten Scheissjob überhaupt bloss ranzukommen. Davon, einen einigermassen anständig bezahlten Scheissjob ausführen zu können, können heute aber viele bloss noch träumen.

    Die Interessen des Kapitals dominieren die gesellschaftliche wie wirtschaftliche Entwicklung immer stärker, was vor allem zwei Probleme aufwirft:

    1. Kapital ist noch ungleicher verteilt als Einkommen [s. Vermögensverteilung, Spitzengehälter]

    2. Durch die Einführung der Pensionskasse wurde diese Front zwischen Kapitalisten und Arbeitnehmern vernebelt. Eine Kritik die im damaligen Abstimmungskampf zwar geäussert, aber nicht verstanden wurde. Eine Neuauflage werden wir in nächster Zeit in den USA verfolgen können, wo Bush die AHV als Eigenverantwortung kapitalisieren und privatisieren will. Während dem die Pensionskassen der USA bisher eine beträchtliche Macht ausüben konnten, die sie zum Wohle der Arbeiter einsetzten, dürften sich beim neuen Konzept eher "Schweizerische Verhältnisse" ergeben, unter denen die Teilnehmer nicht mal Einblick haben, geschweige denn eine Stimme, wie die Gewinne der Einlagen entstehen und verteilt werden. Die Angestellten geben hier also ein Machtmittel aus der eigenen in die Hand der Vertreter der Interessen des Kapitals. Schön blöd ...

    3. Es versteht offenbar kein Mensch, was da eigentlich abläuft. ? Das sei nur ich, der da was nicht versteht? Denkste! Wie viele Korriphäen haben den Finanzjongleur Dieter Behring gelobt und unterstützt? Sogar Anita Fetz, als Bankberaterin, scheint nicht verstanden zu haben, was der eigentlich trieb. Um so kläglicher ihre Klage, ihre Abfuhr bei der Wiederwahl sei darauf zurückzuführen, dass sie eben eine Frau sei, dass das Männern nicht passiert wäre, statt auf die Tatsache, dass sie eben bewiesen hat, dass sie auch nichts davon versteht, was da an Finanzprodukten eigentlich angeboten wird.

    Martin Herzog, Rheinfelden, 4.2.05

    Beitrag wurde z.B. verwendet in: Chancen und Gefahren der leistungsorientierten Entlöhnung, dargestellt anhand von Fallbeispielen aus der Novartis. [Diplomarbeit von Simone Oesch. Fachhochschule beider Basel. Sept. 2005.] Die Arbeit untersucht in beträchtlicher Breite Vor- und Nachteile von Leistungssystemen, die nicht bloss von Arbeitgebern, sondern auch von Arbeitnehmern weitgehend akzeptiert werden, zeigt aber auch das hier angetönte Problem, dass auch solche Systeme, trotzt ihres Namens, nicht bloss Leistung belohnen, sondern oft stark das Verhalten. Sie sind damit ein Teil der betrieblichen Dressurmassnahmen.

    Die Aspekte von Macht und Grösse auf der einen, Unterordnung auf der andern Seite, die durch Belohnung gefestigt werden, wurden hier erst später (2004-5) analysiert: