Frauen
wollen mehr Selbständigkeit - Männer mehr Angestellte und Umsatz Aus der
Perspektive einer nachhaltigen Wirtschaft sieht die weibliche Strategie um
einiges positiver aus als aus dem Blickwinkel der Wachstumswirtschaft.
Martin Herzog, Sommer 2000, AM-Agenda
Unterschiede zwischen von Frauen und Männern gegründeten Betrieben sind bereits bei der Betriebsgründung sichtbar. Meyer und Harabi haben dies in «Frauenpower unter der Lupe» [i] mit harten Zahlen belegt: Ein Männerbetrieb hat im Durchschnitt 3,2 Angestellte, der Frauenbetrieb die Hälfte. Nach vier Jahren beschäftigen Männer 5,3 Angestellte, Frauen präzis die Hälfte. Die Betriebsgrösse ist auch mit der Betriebsform verbunden. Eine AG hat mit fünf Angestellten bereits bei der Gründung mehr Angestellte als eine Einzelgesellschaft. Während der Personalbestand der AG auf 9,6 wächst, sind es bei der GmbH grad die Hälfte und bei der Einzelfirma ein Drittel. Frauen bevorzugen das Einzelgeschäft deutlich (71%), Männer mit einer schwachen Mehrheit (52%). Ein gutes Drittel der Gründer arbeitet mit einem Partner zusammen, zwei Drittel davon nur mit einem Partner. Die meisten Frauen (90% ) gründen Betriebe in dem sich ausdehnenden Dienstleistungssektor (Männern 68%).
Bei 80% der Firmen beträgt das Startkapital weniger als 100000. Zu Beginn weisen alle eine Eigenkapitalquote von 77% auf, unterschiedlich sind aber die Höhe der Einlagen und deren weitere Entwicklung. Frauen verfügen bei der Gründung oft über weniger Kapital als Männer. Gründe dafür sind, dass sie
Mit einem Durchschnittsalter von 37 sind Frauen um zwei Jahre jünger als die männlichen Kollegen. 78% haben unterstützungsbedürftige Kindern. Dieser Anteil ist bei Männern wie zu erwarten etwas (9%) geringer. Deutlicher ist der Unterschied beim Anteil geschiedener Selbständiger und Singles. Hier sind die Frauen mit einem Drittel grad doppelt so stark vertreten wie die Männer.
Fehlende Marktkenntnisse und wirkliche Innovationen hingegen sind für Frauen und Männern ein Problem, denn 16% kümmern sich nicht im geringsten um die bestehende Konkurrenz, 42% nur wenig intensiv. Hier liegt die Ursache für die deutlich höheren Erfolgsquoten von Innovationszentren und staatlichen Unterstützungsprogrammen (s. AM-Agenda 8/2000). Nach den boomenden Beiträgen im Blätterwald zu den Gründerzentren wäre eigentlich zu erwarten, dass diese eine breitere Rolle spielen. Von den 740 Befragten sind allerdings nur 20 (2,7%) an solchen Standorten ansässig.
Ebenso kritisch wie die Vernachlässigung der Konkurrenz ist zu werten, dass nur jede fünfte Unternehmerin neue Produkte oder Verfahren auf den Markt bringt. Mit 28% ist dieser wirtschaftliche Treibstoff allerdings auch bei den Männern eine deutliche Minderheit. Da der Markt aber nach dem Motto Schumpeters funktioniert «Marktwirtschaft ist kreative Zerstörung» kann dieser Zustand nur kurz dauern. Vermutlich mehr der Not gehorchend als dem eigenen Triebe sind es bereits 42%, die einige Jahre nach der Gründung die Absicht äussern, neue Produkte oder neue Verfahren (22%) einzuführen.
Die Tatsache, dass Männer 10 Stunden
pro Woche mehr arbeiten, dürfte von unserer Arbeitsgesellschaft positiv
gewertet werden. Frauen haben aber andere Ziele: Mehr Zeit für sich und die
Familie, mehr Flexibilität und mehr Unabhängigkeit. Männer wollen
mittels mehr Angestellter mehr Gewinn erzielen und erhöhen das Fremdkapital,
Frauen wollen mehr Selbständigkeit und zahlen Kredite zurück, womit sie die
Eigenkapitalquote auf 81% erhöhen.
Bei der Entwicklung der Geschäftsidee, des Produktes, der Dienstleistung, der
Produktionsverfahren und der finanziellen Aspekte schneiden die Frauen besser
ab, da sie sorgfältiger vorgehen.
Wie auf Grund der unterschiedlichen
Ziele zu erwarten, äussern sich die Geschlechter auch unterschiedlich zur
Zufriedenheit. Während Männer Erfolg und Misserfolg vor allem in Umsatz und
Anzahl Angestellter messen, ist das
wichtigste Resultat für die Frauen die Unabhängigkeit, und (Männer seid auf
der Hut, ihr werdet überflüssig) dieses Ziel wird von 89% der Frauen erreicht!
Die Zufriedenheit ist unabhängig vom Geschlecht so hoch, dass selbst bei höherem
Verdienst in einer Anstellung nur ein knappes Drittel die Selbständigkeit
wieder aufgeben würden. Hinzu kommt bei den Frauen noch, dass sie als Selbständige
oft mehr verdienen als in vergleichbarer Anstellung, was bei Männern nur für
eine Minderheit von 43% zutrifft.
Was nun die Interpretation dieser Unterschiede angeht gibt es ebenfalls unterschiedliche Möglichkeiten. Birgit Krug [ii] rät, die Unterschiede besser verständlich zu machen: «Die Erfahrung zeigt ausserdem, dass viele Unternehmenskonzepte von Frauen anders sind und deshalb zum Beispiel von Banken kritischer beurteilt werden. Es ist deshalb wichtig, daran zu arbeiten, dass dieses Anderssein anerkannt wird, anstatt die Konzepte männlichen Beurteilungskriterien anzupassen.» Die Schlussfolgerungen der Fachhochschule Solothurn ist gerade umgekehrt. Die Gelehrten spekulieren damit, was denn wäre, wenn die Frauen gleich wirtschaften würden wie die Männer. Ins gleiche Horn blässt Tobias Bauer in seinem Buch „Die Familienfalle“ [iii]. Da etwa 40% der Ehen geschieden werden rät er, von Anfang an auf eine egalitäre Rollenteilung zu bauen. Pensionskasse und AHV würden dann den Unterhalt auch Alleinerziehende und Geschiedene ausreichend decken.
Hier stellt sich nun die Frage, ist
diese Art des Wirtschaftens welche dauerndes Wachstum, dauernde Erneuerung und
damit auch dauernde Zerstörung benötigt wirklich ein Ziel, dem wir nachstreben
sollten? Es gäbe andere Lösungen. Claudia von Werlhof [iv]
zufolge kann eine wirkliche Ökonomie nicht existieren, wenn es nur um den
Profit, nicht aber um die Versorgung der Menschen geht – die zumeist von
Frauen geleistet wurde und zwar von «Frauen
die genau das Gegenteil des freien Lohnarbeiters darstellen. Sie sind weder
frei, noch gleich, noch brüderlich. Sie stehen rund um die Uhr für jede nur
erdenkliche Tätigkeit als "Allroundarbeitskraft" quasi in ihrem
eigenen Interesse zur Verfügung, ohne dass ihre Arbeitszeit und –bedingungen
geregelt wären. ... Sie muss sogar Gewalthandlungen ertragen, sofern sie ihre
Existenz nicht aufs Spiel setzen will. Und obendrein arbeitet sie, Kost und
Logis abgezogen, gratis.»
Billig-, Niedriglohn-, Temporär-,
Abruf-, Projekt- und Gratisarbeit wird mehr und mehr aber auch von Männern
verlangt. Dieser Vorgang, von Werlhof als «Hausfrauisierung der Arbeit»
bezeichnet, bewirkt «dass
eigentlich unsere Perspektive nicht die ist, dass wir wirklich massenhaft
erfolgreich vom Geld durch Lohnarbeit (werden) leben können. … Eine neue und
erschreckende Perspektive vor allem für Männer … Das ist ein Schock, der
denn Männern in den Knochen sitzt, dass sie vom Kapital mit Frauen
gleichbehandelt und auf ihr Niveau als praktisch angeblich wertlose Arbeitskraft
herabgestuft werden, anstatt dass umgekehrt die Frauen auf Männerpositionen
heraufgestuft würden.»
Das Modell
der neuen Arbeit, die «Lebensunternehmerin» wird von Werlhof nicht mit der selben
Begeisterung aufgenommen wie von der Wirtschaft. Werlhof sieht in der «Lebensunternehmerin die öffentlich freigesetzte, global(isiert)
angewandte Hausfrau,
die nun ohne Lohnarbeitsplatz und auch ausserhalb einer eventuellen Familie
naturhaft schöpferisch ... tätig sein soll, nun direkt am Markt, und zwar bei
... Tätigkeiten", die "Eigeninitiative, Ideen,
Verantwortungsbereitschaft und soziale Kompetenz erfordern.»
Werlhofs Ziel des Wirtschaftens wäre eher die Subsistenzproduktion, welche sie definiert als Tätigkeit zur Selbstversorgung, bei der es nicht um Geld oder Profit, sondern um Verantwortung und Wohlergehen geht.
Hier schliesst sich der Bogen: Kleine unabhängige Betriebe, die sich direkt am Kunden orientieren, lokal und regional verankert und vernetzt sind, Güter oder Dienstleistungen mit kurzen Transportdistanzen liefern können, sind ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Aus dieser Perspektive sieht die Andersartigkeit fraulicher Betriebe um einiges positiver aus als aus der Perspektive einer an Wachstum und Macht orientierten (männlichen) Ökonomie.
[i] Zahlen nach: Meyer, Rolf; Harabi, Najib: Frauen-Power unter der Lupe. Geschlechterspezifische Unterschiede zwischen JungunternehmerInnen und Jungunternehmern. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung. Fachhochschule Solothurn, Nordwestschweiz. Juni 2000.
[ii]
Birgit Krug, Sabine Schleiden-Hecking, am 30.03.99
um 19:39: B.F.B.M. - Gefragt bei Gründerinnen. Neues Faltblatt -
Mitgliedsfrauen beraten. (www.bfbm.de): Wissensarchiv/Dokumentbibliothek,
[iii] Tobias Bauer: Die Familienfalle. Chur: Gasser Media AG, 2000.
[iv] In: Zukunftsfähige Gesellschaft: Frauen und Globalisierung. Internationale Vereinigung für Natürliche Wirtschaftsordung (INWO). Aarau: 1999.