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Von Acker- und Waldbauern zu Stadt-, Export und Kapitalwirtschaft: Warum Bauern sooo billig produzieren, dass sie ihre eigene Existenz gefährden. Religion und Städte – die treibenden Wirtschaftsfaktoren des Mittelalters. Was ist Wohlstand, wer bestimmt darüber, wer verfügt darüber? |
Nach: Einführung in Entwicklungsländerstudien. 18: Grundgegebenheiten: Lebenserwerbs- und Wirtschaftsformen. 2. Teil: Jäger und Sammler, Fischer, Bauern. Carola Knecht, Hrsg. Margarete Payer. www.payer.de/entwicklung/entw182.htm
Weltweite sind etwa 100 Millionen Kleinfischer tätig. In der Grossfischerei sind es weniger als eine halbe Million Dennoch ist der Beitrag zur wirtschaftlichen Effizienz enorm, denn sie fangen 45%, also 20 Millionen Tonnen, der Fische die für für menschlichen Konsum bestimmt sind. Bei den Grossfischern geht ein Drittel in die Produktion von Fischmehl. Wenn das Huhn, das in Ihrer Pfanne brutzelt, nach Fisch riecht, kommt das nicht davon, dass es im Kühllager neben Fisch gelegen hat, sondern dass es grossenteils mit Fischmehl gefüttert wurde. Zudem sind die Fänge der Kleinfischer für den lokalen und regionalen Konsum bestimmt, selten für Export.
Kleinfischerei ist wenig kapitalintensiv, hat dementsprechend aber auch wenig politischen Einfluss. Da sie dezentral stattfindet und es sich um sehr inhomogene Strukturen handelt, hat sie Schwierigkeiten, sich kollektiv zu organisieren. So haben die Kleinen einen enormen Nachteil im Wettbewerb gegenüber den Grossfischern, die ihre Vermarktung und ihr Lobbying effizienter managen können
Die Arbeit der Fischer ist riskant, erfordert hohe Mobilität, lange Arbeitszeiten, bringt häufige (zumindest saisonale) Arbeitslosigkeit mit sich, bei unsicheren Einkünften. Zudem hat sie ein recht "temporäres" Familienleben zur Folge und das Ansehen ist nicht nur bei anderen Branchen, sondern sogar bei den Kollegen auf den grösseren Schiffen, recht gering.
Änderung der Technologie bringt nicht nur Umstrukturierung im technischen, es lösen sich auch soziale Gefüge auf. Wichtige gemeinsame Aktivitäten, wie das Trocknen und Flicken der Netze, wurden überflüssig, die Personalselektion wurde unpersönlich der Wettbewerb über Beziehungen gestellt, die sozialen Stukturen aufgelöst und die Konflikte vermehrt.
Der Markt führt auch zu absurden Ergebnissen: Besonders gefragt sind z.B.Fische, die selten, also teuer sind, und deren Konsum ein hohes Prestige gibt. Waldfleisch ist da nur ein extremes Beispiel, Steinbutt ein näher liegendes. Fische dagegen, die in Massen vorhanden sind, werden geschmäht und unternutzt.
Wichtig für die meisten Fischer sind Unabhängigkeit, Selbständigkeit, die Freiheit vor Regeln. Meist habe sie auch eine gewisse Abenteuerlust. Fischer müssen fähig sein, innert kürzester Zeit selbständig kritische Entscheide zu fällen, es handelt sich um harte Kerle, zumeist Männer, die gerne in der Natur arbeiten. Fischerei ist nicht nur eine Tätigkeit, es ist ein Lebensstil, ein bisher befriedigender und lebenswerter Lebensstil, der allerdings zusehends marginalisiert wird. Fischer sind harte Arbeit gewohnt. Fischer sind tiefe Löhne gewohnt. Fischer fischen weiter, auch wenn Fischbeständen wie Einkommen schrumpfen - womit sie leider, wie die Grossfischer, halt doch ein Problem für die Fischbestände sein können.
Fischersfrauen sind häufig unabhängiger und haben mehr Prestige in den Fischerkommunen als Frauen aus Nichtfischerfamilien. Sie müssen häufig Haushalt und Familie alleine betreuen, sind also recht selbständig. In Gesellschaften die von Fischerei leben, tritt dementsprechend häufiger die Matrilokalität auf, im Volksmund oft als Matriarchat bezeichnet. Dies gibt einen interessante Hinweis darauf, dass die Stellung der arabischen Frau aus unserer Sicht oft unterschätzt wird. Wie die Fischersfrau musste und muss auch die Beduinenfrau ihre Familie, Haushalt und Viehbestand meist alleine managen, da der Mann auf Handels- oder Kriegszügen ist (oder heutzutage als Fremdarbeiter in einem reicheren Nachbarland oder im Westen) - und dies gibt ihr auch lokal doch einen ganz anderen Status als den der Frauen von Angestellten mit geregelter Arbeitszeit. Häufig ist die nach aussen präsentierte Dominanz der arabischen (und wohl auch hiesigen) Männer nur ein Mäntelchen, das ihnen doch noch erlaubt, zumindest den Anschein von Autorität zu wahren. Anders ist allerdings die Situation in den Städten.
Nach: Einführung in Entwicklungsländerstudien. 18: Grundgegebenheiten: Lebenserwerbs- und Wirtschaftsformen. 2. Teil: Jäger und Sammler, Fischer, Bauern. Carola Knecht, Hrsg. Margarete Payer. www.payer.de/entwicklung/entw182.htm Dies wiederum basierend auf Studie von Alexander Tschajanow: Die Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft: Versuch einer Theorie der Familienwirtschaft im Landbau. Parey. Berlin. 1923.
Im Unterschied zum kapitalistischen Unternehmen ist die subsistenzorientierte ländliche Familie zugleich Produktions- wie Konsumeinheit. Die Familie muss um jeden Preis (den Preis des Überlebens) eine ausreichende Menge für ihren Konsum produzieren. Sicherheit und Zuverlässigkeit der Produktion gehen hier weit über den Profit.
Dieser Überlegenskampf findet statt in einer Umgebung in der Boden, Kapital und Erwerbsmöglichkeiten ausserhalb der Landwirtschaft sehr beschränkt sind. Die meisten Bauernfamilien leben von einem kleinen Stück Land in überbesiedelten Gebieten, arbeiten unglaublich hart und lang für einen kleinen Mehrertrag, der keinem Ökonomen Anlass böte, auch nur den kleinen Finger zu rühren. Je weniger Land eine Familie besitzt, desto mehr Arbeit wird sie investieren, diesem Land das Maximum abzuringen. Eine Fehlernte kann sie sogar zwingen, das Land hypothekarisch zu belasten, worauf in Zukunft nicht nur fürs Überleben, sondern auch noch für den Zins gekämpft und produziert werden muss.
Risiko kann unter diesen Umständen kaum eingegangen werden, denn die Strafe für Scheitern ist weitaus höher als die Belohnung für Erfolg. Aus diesem Grund wird direkt verwertbaren Produkten der Vorzug gegeben über die Produktion von Rohstoffen oder gar Cash-Crops für den Export, die zudem nicht nur von Witterung und Schädlingen bedroht sind, sondern deren Preis am Weltmarkt höchst unwägbaren Schwankungen ausgesetzt ist. Der Subsistenzfarmer hat also kein Risikokapital im Strumpf, das ihm erlaubt am Markt zu experimentieren, wie in den letzten Jahren ausgiebig im New Market geschehen. Sein Schwerpunkt ist die Minimierung von Risiken.
Die oben geschilderten Subsistenzbauern leben zumeist in abgelegenen Gegenden mit fehlender Infrastruktur, insbesondere Kommunikationsmitteln und beschränktem Marktzugang Sie erhalten keine Kredite, verwenden arbeitsintensive Techniken, ihnen fehlen Maschinen, Dünger und Cash.
Moderne Bauern dagegen sind spezialisiert auf wenige Produkte für die Stadtmärkte. Spezialisierung erfordert höhere Kapitalinvestitionen, bessere Organisation, produktivere Technik und Maschinen. Diese führen zu einer höheren Produktivität und machten die Landwirtschaft zur Agroindustrie.
Höhere Produktivität führt aber auch zu höheren Mengen und damit zu tieferen Preisen. Tiefere Preise treiben diejenigen aus dem Markt, die zu diesen Preisen nicht produzieren können, weil sie, sei es aus Mangel an Land oder an Kapital, nicht in moderne Technik investieren können. Der Produktivitäts- und Preiswettbewerb vernichtet Existenzen. Eine wilde Liberalisierung, Rationalisierung und Restrukturierung führt also nicht nur zu der befürchteten Zerstörung von Landschaft, Boden und Natur, sondern ebenso zu beträchtlicher sozialer Degradation.
Dieser Trend intensivierte sich seit dem siebzehnten Jahrhundert, vor allem aber mit der Industrialisierung des 19ten. In Nord Amerika, Australien und Neuseeland, wo heute die modernste, rationalste und profitabelste Landwirtschaft betrieben wird, wurden bei der Kolonialisierung die einheimischen Bauern ausgerottet und damit die Basis für eine marktorientierte Landwirtschaft gelegt. In Asien und Afrika koexistieren die traditionelle Subsistenzwirtschaft und die marktorientierte Exportwirtschaft instabil neben einander.
Einen grossen Einfluss auf die Industrialisierung hatte der Zugang zu Dünger. In den entwickelten Ländern besteht leichter Zugang zu günstigen Produkten, was in den weniger entwickelten Ländern nicht der Fall ist.
Als weiteres Problem kommt heute die Zucht hinzu. Traditionell sammelte der Bauer jeweils die Samen der besten Pflanzen (nach Grösse, Geschmack, Menge, Resistenz, ev. Nebenprodukten zu Futterzwecken oder ähnlichem...) um sie im nächsten Jahr zu sähen. Heute züchten Grossunternehmer sehr produktive Rassen - deren Samen aber oft unfruchtbar sind, und die nicht für eine lokal optimale Produktion ausgewählt sind, sondern nach Menge und internationalem Standard für Geschmack. Die Resistenz auf lokale klimatische Eigenheiten (Frost, Hitze, Trockenheit ...) wird vernachlässigt und erfordert den Einsatz weiterer Massnahmen und Mittel, insbesondere Pestizide und Fungizide.
Das Interesse der heutigen Mehrheit der Bevölkerung liegt bei günstigen Preisen für die Grundnahrungsmittel, nicht bei gerechten. Die hochproduktive Landwirtschaft wird favorisiert, die angepasste vernichtet, trotz gegenteiliger Verlautbarungen. Landwirtschaftliche Forschung fördert die Rationalisierung, Kredite fördern sie, die Börse fördert sie und sogar die Subventionen können sie fördern ... wäre da nicht die Überproduktion und als Ausweg die erwünschte Förderung von mehr Natur in der Landschaft.
Die ständig zunehmende Produktivität bei gleich bleibendem Konsum (wir werden ja nicht dicker, weil wir mehr essen, sondern weil wir mehr sitzen) sinkt natürlich der Anteil der Primärproduktion am BIP, der Anteil am Arbeitsmarkt und der soziale wie politische Einfluss:
| % Landwirtschaft des Bruttosozialproduktes | Ländergruppe | pro Kopf Produktivität in der Landwirtschaft (1985) |
| 32% 15% 3% |
39 Länder mit tiefstem Pro-Kopf-Einkommen 56 Länder mit mittlerem " 23 Länder mit höchstem " |
80 $ 206 $ 423 $ |
Da Bauern für Arbeitskraft nicht bezahlt wurden und auch nicht bezahlten war die Effizienz nicht entscheidend. Sie versuchten genug für den Haushalt zu produzieren und die Plackerei minimal zu halten.
Bauern lebten normalerweise in Dörfern. Sie konnten dort Arbeitskräfte für die Ernte holen, die Allmend als Weide und zur Holzversorgung nutzen - mussten allerdings auch den Zehnten an verschiedene hohe Herren, wie den Bodenbesitzer, den Fürsten und die Kirche, abliefern .
Der Bauern (und die Bäuerin natürlich) haben sich zwar von räuberischen Landvögten und das eigene Wasser predigenden aber des Bauern Wein saufenden Kirchherren befreit, sind aber immer mehr in die Klauen des Kapitals geraten und dürften heute mehr abliefern an Zinsen als nur den damals berüchtigten Zehnten.
Ein weiteres Problem der Bauern ist, dass sie zwar ausreichend
produzieren um sich ernähren zu können, aber immer weniger mit der
Lohnentwicklung ihrer Umgebung mithalten können. Während etwa das
"Wirtschaftswunders Oesterreich" betreffend der Land- und Forstwirtschaft immer
sehr gelobt wird, können Österreichs Bauern 2100 Fr. die sie dort pro Monat
(ohne 13.) verdienen, offenbar überleben. Die Schweizer Bauern liegen mit
einem Monatsverdienst von 2500 also 20% darüber, was einerseits auf dem
internationalen Markt schon ein wettbewerbswirksamer Unterschied ist,
andererseits aber in der Schweiz eigentlich kein würdiger Lohn für harte Arbeit
darstellt.
Darf da wirklich von den Schweizer Bauern mehr "Effizienz" verlangt werden, d.h.
noch mehr produzieren für noch weniger Geld - obwohl die Arbeitszeiten in Land-
und Forstwirtschaft laut BFS mit 2119 Stunden um 37% über der durchschnittlichen
Arbeitszeit von 1541 Stunden liegen?
Und wie sollen denn die Bauern denn je auf den sonst doch recht breit
anerkannten Minimallohn von 3000.- pro Monat kommen?
Die aktuellen Vorgänge in der Waldwirtschaft zeigen den selben Trend. Bei einer unelastischen Nachfrage wird das Angebot zu sinkenden Preisen laufend erhöht. Zwecks Rationalisierung und Wettbewerbsfähigkeit werden Betriebe (Beispiel Sägerei) vergrössert und dabei volkswirtschaftlich mehr vernichtet als geschaffen - solange der Markt nicht aufnahmefähig ist für grössere Mengen, also keine neuen Produkte und damit neue Käufer vorhanden sind.
Volkswirtschaftliche Probleme der Restrukturierung über Grösse (Economy of Scale) anhand eines Sägereibetriebes.