Politische Utopien als <Konzeptentwurf Zukunft>_________________________________________________
Entwicklungsprobleme und Entwicklungschancen führen zu nichts, wenn Entwicklungsziele fehlen
[A. Peccei, E. Pestel, M. Mesaroviç: Der Weg ins 21. Jahrhundert.Alternative Strategien für die Industriegesellschaft. Molden. München. 1983. Buch zur Konferenz Tokio 1982]
Mit Alternativen ist das so eine Sache. Eben weil sie immer das Andere meinen, müssen sie absolut nicht fortschrittlich sein. So sind für die Menschen, denen es im jeweils gegenwärtigen, herrschenden System gut geht, dieses, oder gar noch mehr davon (Neokonservativismus, Neonationalismus, etc.) halt auch DIE Alternative zu mehr Sozial...., Gerechtigkeit, Menschenrechte etc.
Ebenso erklärt sich DAS Hauptproblem DER Alternativen aus dem Faktum, dass sie eben bloss "was anderes" sind: Sie sind genau so zesplittert und Zusammenhangslos wie das Original, gegen das sie anstehen.
Eine Alternative ist die Entscheidung zwischen zwei (oder mehreren) Möglichkeiten, sowie die Möglichkeit zwischen zwei (oder mehreren) Dingen zu wählen. Außerdem bezeichnet Alternative auch eine andere Möglichkeit als solche. Diese Definition basiert auf dem Lateinischen alter (der zweite von zweien). In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich jedoch unter dem Einfluss des amerikanischen Englischen die Bedeutung „konkurrierend mit den bestehenden Normen“ beziehungsweise „eine andere Lebensweise vertretend. Diese Auslegung unterliegt den verschiedensten alternativen Bewegungen:
Da alternative Weltanschauungen und Verhaltensweisen meist von der Jugend entwickelt werden, die sich von den Alten absetzen, unterscheiden, ihre eigene Identität entwickeln will, finden sich viele "Alternativen" in der sog. Jugendkultur (s. auch generation xy, Jugendszenen und generation xy.
Als Gegenkultur entwickelten Alternative ein eigenes System an Werten, Normen und Regeln.
Definition Alternativbewegung:
Sammelbezeichnung für die ab den 1960er Jahren entstandene große Anzahl von Gruppen und kulturellen und sozialen Bewegungen: Frauenrechte, Gleichberechtigung für Homosexuelle, Umweltschutz Basisdemokratie und Selbstverwaltung. Die der politischen Linken zugerechneten Alternativen verstehen sich dabei oftmals als Gegenkultur zur Konsumgesellschaft. s. insbesondere auch den Motor, Die 68er
Kritisiert wurde an der Alternativbewegung – auch und gerade innerhalb der politischen Linken –, dass sie häufig die gesamtgesellschaftlichen Fragen, Probleme und Machtstrukturen ausblende. In Form eines modernen Biedermeiers zögen sich Teile der Alternativen ins Private zurück, bisweilen getragen von anti-aufklärerischem, esoterisch-pseudoreligiösem Gedankengut. Individuelle Veränderung im Kleinen und Aussteigertum ersetze bei Teilen der Bewegung die Einsicht in die Notwendigkeit einer Änderung gesamtgesellschaftlicher politischer Verhältnisse.
So weit so negativ. Positiver formuliert: Eigentlich alle alternativen Bewegungen erfüllen die demokratische Bedingung, bloss eine Mikrorevolution darzustellen. Auch wenn sie meist sehr global, allgemeingültig und herrschaftlich daherkommen, haben sie gerade aus der Sicht, dass sie immer nur eine kleine Minderheit überzeugen, eigentlich keine Gelegenheit, grösseren Schaden anzurichten - sollten also dafür immer die Gelegenheit erhalten, bessere Lösungen zu zeigen. Genau dies wird mit Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Versammlungsfreiheit und Vereinigungsfreiheit - in demokratischen Gesellschaften - garantiert.
Das Hauptproblem des geringen Erfolges der meisten "Alternativen" erklärt sich sehr leicht an der Graphik oben rechts. Es handelt sich um die Darstellung einer typischen Bifurkation. Die Kugel (hier stellvertretend für den Menschen) muss sich entscheiden (na ja, wird durch zufällige Bedingungen einmal rechts, einmal links abgelenkt - verfolgt dabei aber ihren Weg entlang des Pfades zur höheren Enthropie (Energieverlust). Soziale wie politische Alternativen verlangen aber meist nicht ein weiterrollen auf einem gemütlichen Pfad, bergab, in die Dekadenz, sondern ein Aufsteigen, ein Erklimmen mühsamer Höhen - und haben von daher schon mal nur sehr geringe Chancen bei der Mehrheit. Auch die Evolution verlangt ja von keinem Lebewesen, neue Organe oder Fähigkeiten auszubilden, sondern dies geschieht einfach zufällig, dann sind sie da, und das Lebenwesen versucht, ob ihm diese Neuheiten irgendeinen Vorteil im Kampf ums Ueberleben bringt. Wo die Alternative nichts als Mühsal verspricht, wird sie also bloss ein paar Asketen oder Masochisten als Anhänger finden.
Wichtigste Themen der Entwicklung:
Vor 30 Jahren galt die Hauptsorge betr. Entwicklung vor allem dem Bevölkerungszuwachs - in der 3. Welt, der sog. Bevölkerungsexplosion. Diese wurde ja inzwischen in den meisten westlichen Ländern so weit gebremst, dass - ohne Einwanderung - sogar ein Bevölkerungsschwund stattfände. Die Umkehrung der Alterspyramide, als Ueberalterung bezeichnet, erscheint vielen heute als eines der wichtigsten Probleme. <> Umgekehrt wird allerdings die extreme (überproportionale) Zunahme von Produktion und Konsum nur von sehr wenigen als Problem gesehen. Diese werden dann eben als "Alternative" bezeichnet. Der Begriff hat hier durch seine polemische Verwendung den selben Bedeutungswandel erlitten wie die <Gutmenschen>.
Afrika war schon damals Lieblingskind der Entwicklungshilfe - und hat heute praktisch immer noch die selben Probleme. Wo ein Problem gelöst wurde (Südafrika, Frelimo, ) entstanden zwei neue (Kongo, Sudan: Darfur, Sierra Leone, Nigeria, Somalia, Burundi, Ruanda, Uganda, ....) Der Grund dafür ist oft bei der immer noch stammesmässigen Organisation zu suchen, die oft extreme Intolleranz der Stämme gegeneinander zeigt(s. Ruanda, Kongo). Als Regierung fungieren oft Diktatoren, meist unter einer roten Flagge, also mit soz... irgendwo im Namen, nicht jedoch im Verhalten (es sei denn, man wolle politische Intolleranz immer noch primär den Sozialisten zuschreiben). Die Wirtschaft, soweit sie besteht, wird meist vom Staat kontrolliert, oder von revolutionären Gruppen, die sich damit finanzieren: Blutdiamanten (Angola, Sierra Leone, Elfenbeinküste, Kongo), Erdöl (Nigeria) etc.
Sub-Saharan Africa - severe crises
5 Burundi (Palipehutu-FNL Rwasa) - national power
6 DR Congo (Bundu dia Kongo) - autonomy, system/ideology
7 DR Congo (CNDP) - regional predominance, resources,
other
8 Kenya (opposition) - national power
9 Kenya (SLDF) - regional predominance
10 Mali (Tuareg/Kidal) - autonomy, resources
11 Nigeria (Christians - Muslims) - system/ideology
12 Nigeria (MEND, Ijaw/Niger Delta) - regional predominance,
resources
13 Sudan (SPLM/A / South Sudan) - territory, secession, resources
Sub-Saharan Africa - wars
14 Chad (various rebel groups) - national power
15 Somalia (UIC) - system/ideology, national power
16 Sudan (Darfur) - regional predominance, resources
Hier fehlt noch Madagaskar, das erst 2009 dazu kam.
[Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK): Conflict Barometer 2008]
Auf dem globalen Hungerindex 2008 weisen eigentlich bloss Nordkorea und Guinea-Bissau ähnliche Probleme auf:
Im Gegensatz dazu hat sich Südo-Ostasien derart gut entwickelt, dass es inzwischen als Bedrohung unseres Wohlstandes gesehen wird. Damals war zwar bereits Japan der zweitgrösster Industriestaat der Welt, heute ist China daran, sogar den 1. Platz zu erobern, und Indien ist nicht weit dahinter. Die Politischen Spannungen zwischen China und Russland, sowie die Probleme mit Thaiwan, sind immer noch vorhanden, verschwinden aber nach und nach vor den Problemen, die China als Handelsmacht auslöst.
Das Zentrum der Welt verlagert sich wieder nach Osten.
Die Verheissung der Technik, dem Menschen Macht und Freiheit, insbesondere Freiheit von harter Arbeit zu verschaffen, entwickelt sich so langsam aber sicher in Richtung Zauberlehrling, der die Geister nicht mehr loswird, die er rief. Eigentlich bringen Technik und Wissenschaft das, was von ihnen erwartet wurde - aber die Erwartungen müssen sich anpassen, um den Grad an Technisierung erhalten zu können. D.h. es reicht nicht mehr, eine bestehende Konsumnachfrage zu decken, sondern die Konsumlust muss gefördert werden, um die Räder am laufen zu halten. (s. Die grosse Maschine). Die Kernfrage hier:
Entlastung durch Mechanisierung: mehr Freizeit - oder mehr Arbeitslose - oder immer mehr Produkte?
wurde ganz eindeutig zu gunsten des letzten Satzteils beantwortet. Relativ einfach liess sich diese Antwort durchsetzen auf Grund der Bedeutung der Arbeit, oder sagen wir besser <Tätigkeit> für den Menschen:
Arbeit ist ihm nicht nur ein Mittel, seine physischen Bedürfnisse zu befriedigen, in ihr kann er Selbstbestätigung, Abwechslung und Erfolgserlebnisse finden. [S. 214]
Auch wenn wirtschaftlicher Erfolg nicht mehr oder nicht bloss als Beweis von Gottes Wohlgefallen gilt (s. Max Weber), so doch eine ganze Menge psychisch wichtiger Elemente. [s. Gute Arbeit <> Hintergründe der geistigen Verwirrung um die Arbeit / Geld als Droge]. Schon lange, von Pionieren schon vor 30 Jahren, von Sören Kierkegaard bereits vor 150 Jahren, wurde die Langeweile als treibendes Element und Problemfaktor dargestellt. Wo Menschen nicht mehr durch den tagtäglichen Kampf ums Ueberleben eingespannt sind, braucht es andere Spannungsfelder, die ihnen Energie und Antrieb, wie auch Betätigungsmöglichkeiten geben. Die zunehmende Freizeit braucht Inspiratoren, die den Mitmenschen dazu verhelfen können, ihre körperlichen, intellektuellen und geistigen Fähigkeiten zu entwickeln, ohne von Arbeit abhängig zu sein. [S. 14]
Heute ist die Verteilung von Freizeit und Arbeit, wie auch die Inspiration, recht unglücklich. Die einen arbeiten Ueberzeit - die andern haben Freizeit in der Form von Arbeitslosigkeit. Den einen ist die Inspiration mehr Geld, mehr Macht, den andern die oft eben so aussichtslose wie endlose Suche nach Arbeit, worunter heute allgemein nur bezahlte Arbeit verstanden und akzeptiert wird - nicht sinnvolles tätig Sein.
H.V. Perlmutter unterscheidet 2 Paradigmen, also Denkmuster, die Motivation und Handlung bestimmen, die also unsere Welt bestimmen, und versucht sie zu einem 3., einem Kompromiss, einer Synthese, zu verbinden (s. so ähnlich Douglas McGregors Theorie x und Theorie y)
Paradigma A:
In den letzten 20 Jahren rückten die sozialen Kosten, die Paradigma A verursacht, immer mehr ins Zentrum. Dummerweise werden diese immer noch zumeist den Betroffenen zugewiesen - nicht den Verursachern. (s. Der Sozialstaat - und seine Kosten)
Paradigma-B-Unternehmen:
Die Befürworter des Modells B stellen Lebensqualität über quantitatives Denken. Sie befürworten materielle Bescheidenheit, einen einfachen Lebensstil.
Paradigma C: Das symbiotische Unternehmen
Modell C sucht den Ausgleich zwischen Autonomie und Abhängigkeit, Zusammenarbeit und Wettbewerb. Das Unternehmen spielt eine konstruktive Rolle in der Gesellschaft, durch symbiotisches Zusammenleben:
Hohe Steuern, exzessive Eingriffe des Staates in die Wirtschaft, Ablehnung von Keynes, unwirtschaftliche Organisation von Staatsbetrieben, so die Kritik der Wirtschaft an Politik - und Alternativen generell <> aber heute muss der Staat exzessiv für Schäden der Privatwirtschaft bezahlen, fördert in extremem Ausmasse die Stagflation - aufgrund privatwirtschaftlicher Exzesse, und muss per Dekret insolvente Betriebe und entwertete Aktien übernehmen. Hätte früher ein Händler vom Staat verlangt, der müsse ihm sein faules Gemüse und Obst abnehmen, er wäre vermutlich zum Psychiater geschickt worden (oder hätte sich den Freiwirten angeschlossen). Aber wo's um dutzende oder hunderte von Milliarden geht ist das natürlich was gaaaaaaaanz anderes. Die Bearbeitung eines bisher eindeutig unterentwickelten Bereiches wäre angebracht:
Von der Aufspaltung der Staaten und Kulturen zur Aufspaltung des Wissens
Wie das oben erwähnte Afrika leiden viele Staaten der 3. Welt heute noch an Grenzen, die durch Kolonisatoren gezogen, zwar Nationalstaaten definierten, aber sehr oft durch eine Gliederungen in unzusammenhängende "Einheiten" (2009: 193 Staaten), die gewachsene kulturelle oder sprachliche Einheiten zerschnitten (s. Ogaden, Tuareg, Kurden, etc. Sie können irgend ein Herkunftsland und eine kulturelle Bezeichnung von Asylanten nehmen, dann stossen Sie vermutlich auf solche Probleme). Manchmal wurden auch kleine, reiche Einheiten ausgespaart, die dann irgendwann den Zorn der grösseren, und nicht so reichen Nachbarn erregen (s. Kuwait).
Solche Probleme werden eigentlich nach wie vor meist durch Gewalt, und nur selten durch die UN gelöst.
Tragischer aber ist der selbe Vorgang dennoch beim Wissen, insbesondere dem Wissen, das umgesetzt werden soll, also meist Auswirkungen auf alle hat:
Die wohl am häufigsten praktizierte Methode ist die der "Aufspaltung":
ein gesellschaftliches Problem wird herausgestellt, abgegrenzt und in Einzelbestandteile aufgesplittert; die einzelnen Faktoren und Teilbereiche werden verschiedenen Disziplinen, Aemtern und Funktionsträgern zugewiesen.
Die Arbeit an isolierten Einzelproblemen vestellt den Blick auf die de facto vorhandenen Ungenauigkeiten,Unkenntnisse und die theoretischen und praktischen Mehrdeutigkeiten.
Die Beteiligten weden durch ihre eigenen Wertsetzungen davon abgehalten, auch nur zu erkennen, dass es ungeprüfte Verbindugslinien zwischen den Teilen des Systems gibt.
Oft versucht man dann durch eie Synthese der einzelnen Faktoren und Ergebnisse den Eindruck zu erwecken, man habe das Problem im Griff.
Was dabei herauskommt, ist allerdings mehr eine Summierung als eine Synthese, denn eine übergreifende Theorie, ein Koordinatensystem, in das die verschiedenen Problemstellungen und ihre Lösungen integriert werden könnten, gibt es nicht. [S. 233]
Um das zu erreichen, hätte es das divide et impera im Wissensbereich nicht mal gebraucht, dazu reicht nämlich die ganz normale Komplexität der Welt an und für sich (s. Postmoderne):
Die Erwartung, dass ein Mehr an Wissen zu mehr Kontrolle führe, hat sich als falsch herausgestellt. Umwelt, Rückstände, Wirtschaftszyklen, nationale Sicherheit, Familien, Schulsystem - alle belegen letztlich dasselbe: Wir sind nicht in der Lage, unsere Gesellschaft so zu regeln, dass sie funktioniert, wie wir - irgendeine Gruppe von "Wir" - es gerne hätten. Schlimmer noch: Je informierter die Menschen sind, desto weniger sind sie bereit, ihnen Legitimatät zuzubilligen.
Es hat natürlich immer die Beamten und Politiker gegeben, die sich im Ausgleichen und Optimieren gern hervortaten; sie waren richtig froh darüber, wenn die Dinge aus der Hand zu gleiten drohten und sie sie durch ihre Fähigkeiten wieder eingermassen ins Lot bringen konnten. [S. 232]
Die Beherrschbarkeit der Welt durch Wissen war eine Illusion der Aufklärung, die bei deren Kind, der Wissensgesellschaft, sich nun als Ideologie herausstellt, die viele Kosten verursacht (lebenslanges Lernen, Umlernen, Neulernen, Neustart, dank Flexibilisierung = Bildungszwang), aber dennoch kaum gezielte Steuerung erlaubt:
Der Erfolg bei der Anwendung des neuen Modells in Wissenschaft und Technik (der allerdings eingeschränkt wurde dadurch, dass diejenigen, die nicht Nutzniesser, sondern Opfer der technischen Entwicklung waren, einfach "externalisiert" wurden) legte die Annahme nahe, dass diese neue Weltanschauung und ihr Kompetenzbegriff auchauf alle gesellschaftlichen Verhältnisse erfolgreich anwendbar sein musste: jeder tüchtige Mensch konnte sich das nötige Wissen aneignen, mit dem er Urachen und Wirkungen des menschlichen Lebens erfassen und seinen Ablauf steuern konnte.
Und präzise hier liegt die <Wissensgesellschaft> längst falsch, denn es geht zunehmend darum, das Lernen lernen statt Wissen anhäufen, also zu Denken (s. Der Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung):
In einer Zeit grosser Unsicherheit ist das Lernen die richtige Methode der Regulierung, nicht die Kontrolle. Und Lernen darf nicht heissen, Antworten auf bekannte Fragen zu wiederholen in der Absicht, eine Sache zu beherrschen. Lernen muss bedeuten, die wirklichen Fragen zu erkennen, die uns jetzt auf den Nägeln brennen - wann immer man dieses Jetzt ansetzt. Lernen bedeutet, die Antwort finden, wi die Fragen zu diesem Zeitpunkt gelöst werden können - bis dann der Augenblick gekommen ist, da neue Fragen entstehen. [S. 244]
Immer mehr Wissen wird angehäuft, es ist so umfassend und zugleich inkonsistent geworden, dass es nicht vermittelt werden kann. Das Bildungswesen wird mit Wissensstoff überfrachtet, es ist seiner ganzen Struktur nach anachronistisch und der neuen Situation nicht gewachsen. Die Ausbildung ist einer fundamentalen Wandlung ausgesetzt, sie muss ein in den Informationsprozess intergrierter, das ganze Leben umspannender Bildungs- und Selbstvervollkommnungsprozess werden. Für diesen Bereich wird der Staat immer mehr Geld ausgeben müssen; in der Zeitplanung jedes Menschen ist die Ausbildung ein wichtiger Faktor. Das Kindesalter ist nicht mehr die Zeit der Wissensspeicherung; da lernt der Mensch, <wie man lernt>. [S. 272]
Tja, eben, 1982, längst vergessen. Heute soll den Kleinen bereits mit 3 Jahren das Wissen mit Trichtern eingefüllt werden. (s. Frühverschulung: Frühenglisch, Frühfranzösisch, ... Frühverblödung)
Das Beharren auf Steuerbarkeit ermöglicht, obwohl diese längst als unmöglich entlarvt wurde, immer noch, die Individualisierung und dadurch Privatisierung der Schuld am Versagen. Obwohl, "Privatisierung" hier dann eine ganz andere Folge hat als bei den privatisierten Gewinnen, denn die Kosten des privatisierten, in der Bedeutung von <individualisiertem> Versagen müssen wiederum von der Oeffentlichkeit getragen werden, meist in Form von den dann notwendig werdenden Sozialleistungen:
Irrtümer werden mit dieser Sichtweise zu Fehlleistungen, die auf Unfähigkeit zurückzuführen sind: sie beweisen, dass korrektes Wissen falsch angewendet wurde und daher auch die Steuerung versagt. In einer von Männern beherrschten Welt, die nach diesem Kompetenzbegriff funktioniert, wird das Selbstverständnis eines Menschen daran gebunden, dass er mit Erfolg Kontrollen ausüben kann. Dazu gehört aber auch, dass er seine eigene Persönlichkeit anderen gegenüber verleugnet und alles unterdrückt, was darauf schliessen liesse, er habe sich nicht unter Kontrolle. [S. 239]
Hier liegt auch der Hauptgrund der Akzeptanz, der fehlenden Akzeptanz von Dicken. Ihre Körpermasse sind der direkte Beweis dafür, dass sie sich nicht beherrschen, also kontrollieren können. Seltsamerweise wurde diese Art der Interpretation bisher noch nie auf übermässige wirtschaftliche Produktion und Geldanhäufung angewandt.
Jeder soll alleine für das verantwortlich sein. Verhindert wird, das andere für etwas verantwortlich gemacht werden, das man selbst verändern, aber nicht kontrollieren kann. Die Bereitschaft, andern zu helfen, wird weggeschoben. Der Glaube an Steuerbarkeit muss zwar individuell da sein (Verantwortung), global aber schwinden. Die global Verantwortlichen schwanken zwischen Hybris und Verzweiflung (Ausbrennen). Man versucht, sich aus Enttäuschung über ungewollte oder unerwartete Ergebnisse auf ungesetzlichem Weg Macht zu verschaffen. (List).
Dummerweise hilft hier offenbar nicht mal das alte Rezept der Anarcholinken, die Mitsprache, da diese immer bloss aus dem eigenen kleinen Kreis von Problemen und Wissen heraus erfolgt:
In einer Welt in der alle Faktoren voneinander abhängen, ist jede Einengung eines Problems auf die speziellen Vorstellungen einzelner Personen, Gruppen oder Verwaltungen in der Hoffnung, es dadurch lösen zu können, eine Verzerrung: statt zu einem konstruktiven gesellschaftlichen Regulationsprozess führt dies zu einem Prozess, in dem sich zunehmend alles gegenseitig blockiert. Durch die Schaffung einer breiteren Diskussionsbasis, die auch Verfechter der Gegenthese zu Wort kommen lässt, trägt dazu bei, alle Teildefinitionen in Frage zu stellen - und dadurch das Misstrauen der einzelnen Abteilungen/Meinungsvertreter noch zu verstärken.
Es braucht hier also ganz andere Prozesse, die nur am Rande als <Politik> bezeichnet werden können:
Entwicklung ist, wenn Wissenschaft zu Kultur wird. (René Maheu, ehem. Generaldirektor UNESCO).
So einfach ist das. Jedes noch so geringfügige wissenschaftliche Ergebnis wird zum kulturellen Phänomen, wenn es verarbeitet und in die Gesellschaft integriert wird, wenn es Bestandteil der Lebensform wird, die man anstrebt. Unter Kultur verstehen wir den Prozess, in dem eine Gesellschaft sicherstellt, dass das <know how> vom <know why> , der Frage nach dem Sinn von Wissenschaft, kontrolliert wird. In den Industriestaaten gibt es so etwas nicht.
Vergl: Erich Fromm 1979: Ein Dutzend Vorschläge zur Errettung der Welt
Plädoyer für eine politische Erneuerung (Romesch Thapar) S. 246 ff.
5. zeigt eine grosse Ursache der Arbeitslosigkeit, insbesondere bei älteren: Die Menschen sind durch die Entwicklung nicht bloss zu lebenslänglichem Lernen gezwungen und zum Erwerb immer neuer Qualifikationen, sondern tasten sich, extrem ausgedrückt, von Abbruch zu Abbruch, Abbrüche die sie nicht selbst verursachen und auf die sie nur sehr wenig Einfluss haben in sehr kleinen Kreisen. Es ist aber nicht nur die Neudefinition (s. Flexibilitätskosten), sondern auch die Vielzahl, die zu einer immer höheren ... Arbeitslosigkeit führt, da für eine spezifische Anforderung, trotz hoher Arbeitslosigkeit, immer weniger Menschen zur Verfügung stehen, insbesondere sofort zur Verfügung stehen. > s. friktionale Arbeitslosigkeit unter Spezialsierung
Projekte:
* Hier bemerkt man das Alter des Textes am besten, an den heroischen Anforderungen die an die Industrie gestellt werden - obwohl diese, zumahl was Arbeitsplätze betrifft, seit 10 bis 20 Jahren auf dem Rückzug ist - und die Landwirtschaft bereits damals in den "industrialisierten Ländern" zur völligen Bedeutungslosigkeit verkommen ist, zumahl was Arbeitsplätze betrifft. [s. Restrukturierung im 20. Jahrhundert. Vergleich von Ländern, Wirtschaftssektoren und Branchengruppen.]
Generell kommt der Text des Club of Rome qualiativ nicht mal am Rande an das heran, was Erich Fromm als Problemlage und Lösungsmöglichkeiten vorgeschlagen hat.


Fazit Club of Rome:
Die Welt wird nur überleben, wenn alle freiwillig zusammenarbeiten. Nur auf der Basis gegenseitigen Vertrauens, sozialer Verantwortung und Loyalität und nicht auf der Basis von Profitdenken kann ein politisches und wirtschaftliches System entstehen, das dem einzelnen Staat die Chance gibt, seine sozialen und ökonomischen Möglichkeiten umfassend zu verwirklichen. [S. 95]
Generell kommt leider der Text des Club of Rome, gerade was Entwicklungsprobleme und Entwicklungsziele betrifft, qualiativ nicht mal am Rande an das heran, was Erich Fromm als Problemlage und Lösungsmöglichkeiten vorgeschlagen hat.
Mein Fazit:
Wo Ziele fehlen, wo Utopie nicht mehr möglich, weil zu teuer,
da fehlen dann eben die Alternativen.
Basel, 19.2.09